{"id":2745,"date":"2002-02-21T13:06:46","date_gmt":"2002-02-21T12:06:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2745"},"modified":"2019-01-20T13:09:33","modified_gmt":"2019-01-20T12:09:33","slug":"derselbe-planet-vom-wirklichen-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/02\/21\/derselbe-planet-vom-wirklichen-leben\/","title":{"rendered":"Derselbe Planet? Vom &#8222;wirklichen&#8220; Leben"},"content":{"rendered":"<p>Eine der gro\u00dfen Freuden des Webpublishings ist die schnelle Resonanz. Manchmal vergehen nur wenige Stunden und schon steht ein Kommentar zum neuesten Eintrag im Forum. Ein Kommentar, der wiederum von anderen kommentiert wird, vor allem dann, wenn es sich um Kritik, Einspruch und Widerrede handelt. Und niemand s\u00fclzt nur bl\u00f6de vor sich hin! Zwar geht es gelegentlich auch h\u00e4rter zur Sache, aber der Ton bleibt in der Regel h\u00f6flich und aggressive Kurzbotschaften fehlen ganz &#8211; genau, wie ich es mir w\u00fcnsche.<!--more--><\/p>\n<p>Heute schrieb ein Familienvater, er frage sich, ob wir eigentlich auf demselben Planeten leben. W\u00e4hrend ich mit Themen wie &#8222;Langeweile&#8220; einen &#8222;pseudo-intellektuellen F\u00fcllfunk&#8220; betreibe (k\u00f6stliche Formulierung!), ist er offensichtlich in einen stressigen Alltag mit zwei Kids eingespannt und hat andere, irgendwie ECHTERE Probleme. Ich solle mich doch &#8222;einer Aufgabe zuwenden&#8220;, um meine offensichtlich allzu viele freie Zeit mit Sinnvollerem auszuf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Ja, w\u00e4r&#8216; das nicht was? Eine berechtigte Frage, die ich mir auch immer wieder stelle &#8211; allerdings nicht beim Diary-Schreiben, denn dabei bewegt sich mein &#8222;Sinn-Gef\u00fchl&#8220; ziemlich weit oben auf der nach oben offenen Sinnverwirklichungsskala. Schreibergl\u00fcck, ich wei\u00df, nicht unbedingt nachvollziehbar f\u00fcr Menschen, die von einer dr\u00e4ngenden Pflicht zur n\u00e4chsten jagen, die Verantwortung f\u00fcr andere, insbesondere Kinder tragen, und deshalb so einen &#8222;Raum des F\u00fcr-sich-seins&#8220; als Luxus, ja, als Provokation empfinden m\u00fcssen.<\/p>\n<h2>\nFamilie &#8211; das wahre Leben?<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend der zwei Jahre, die ich auf dem Land lebte, bekam ich den Alltag einer Familie mit drei Kindern aus nachbarlicher N\u00e4he mit. Die mussten morgens in verschiedene Schulen gefahren und mittags wieder abgeholt werden. Jemand musste dann darauf achten, dass sie die K\u00fcche nicht auf den Kopf stellten und auch mal was anderes als Cornflakes und S\u00fc\u00dfriegel zu sich nahmen &#8211; und dann das Problem Hausaufgaben! Alles unter versch\u00e4rften Bedingungen, denn die Kids stritten sich st\u00e4ndig &#8211; ein f\u00fcr Erwachsene kaum begreifbarer Geschwisterhass, der jeden Moment in k\u00f6rperliche Gewalt umschlagen konnte. Es folgten die Freizeitaktivit\u00e4ten, die vielf\u00e4ltigen &#8222;F\u00f6rderangebote&#8220;: Theatergruppe, Reitunterricht, Ballettstunde, Chor, Besuche bei anderen Kindern &#8211; und all das musste organisiert, geplant und \u00fcberwacht werden. Aus meiner Sicht wussten die Eltern nicht, wo ihnen der Kopf stand. Ich hab&#8216; sie gleichzeitig bewundert und bedauert. Sie waren bei alledem ja nicht &#8222;nur&#8220; Eltern, sondern voll und teilweise berufst\u00e4tig, dazu noch Schlosseigent\u00fcmer mit nicht unerheblichen Verwaltungsaufgaben. Was f\u00fcr ein Leben! Das &#8222;wahre&#8220; Leben? Oder gerade KEIN Leben, sondern nur Stress und Chaos und keine Minute der Besinnung?<\/p>\n<p>Oft f\u00fchlte ich mich innerlich gefordert, den Nachbarn irgendwie &#8222;helfen&#8220; zu sollen. Schlie\u00dflich hatte ich freie Zeit, die ich so oder so verbringen konnte, sie hatten einen \u00fcbervollen Tag und jede Menge Stress. Aus der N\u00e4he betrachtet erschien das dann ganz unm\u00f6glich, ja absurd! Mein &#8222;Helfen&#8220; w\u00e4re n\u00e4mlich immer nur der Versuch gewesen, sie von dem zu befreien, was mir als so schrecklich und belastend erschien, von diesem st\u00e4ndigen Eingespannt-Sein, den vielen Terminen und Pflichten. Zu meinem Erstaunen strebten sie das aber gar nicht an. Zwar zeigten sie offen ihre Belastung, schimpften und klagten auch mal, taten aber doch nichts, um die Lage in der von mir f\u00fcr &#8222;richtig&#8220; befundenen Richtung zu ver\u00e4ndern. Im Gegenteil, sie schafften sich noch einen gro\u00dfen Hund an, der die organisatorischen Probleme locker verzehnfachte. So ein Riesenvieh muss ja irgendwo bleiben, wenn alle unterwegs sind, muss gef\u00fcttert werden, braucht Zuwendung und Auslauf. Das bald schon un\u00fcbersehbare Leid des Hundes brachte mich in Gef\u00fchlskonflikte gegen\u00fcber den Freunden. Musste der denn wirklich noch sein? Und er blieb nicht die letzte Anschaffung, es folgten weitere Tiere, MEHR Vorhaben und Projekte &#8211; eine st\u00e4ndige Erweiterung und Bereicherung dessen, was der Familie als das &#8222;richtige Leben&#8220; vorschwebte &#8211; und mir als stets zunehmendes Elend.<\/p>\n<h2>Sinn: Fragen und Antworten<\/h2>\n<p>Was ist richtig? Was ist wirklich und wahr? Angesichts der ganzen famili\u00e4ren Umtriebigkeit, die mir mal als der reine Horror, mal als fr\u00f6hliches Idyll erschien, wurde mir klar, dass sich die Frage nach dem &#8222;richtigen Leben&#8220; nicht abstrakt und aus dem Kopf beantworten l\u00e4sst. Jeder ist selbst die Antwort &#8211; f\u00fcr sich und f\u00fcr niemanden sonst. Beide Seinsweisen, das Leben mit Familie und das Allein-Stehen, haben katastrophale Nachteile und wunderbare Vorteile. Was immer man w\u00e4hlt, man wird leiden und gelegentlich verzweifeln. Und genie\u00dfen, was sich auf der jeweiligen Sonnenseite bietet: Geborgenheit und Verbindlichkeit, bedingungslose Liebe &#8211; oder eben Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit, die M\u00f6glichkeit, von einem Tag zum anderen etwas Neues anzufangen, ohne dass irgend jemand darunter leiden m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Sinnvolle Aufgaben gibt es \u00fcberall, mit und ohne Familie. Manchmal stehen so viele vor mir in einer Reihe, dass ich mich am liebsten unter die Bettdecke fl\u00fcchten w\u00fcrde und gar nichts tun. Ich k\u00f6nnte einen doppelt so langen Tag locker mit Aktivit\u00e4ten f\u00fcllen und meine damit nicht nur f\u00fcr Andere bedeutungsloses Larifari. Mein Sinngef\u00fchl l\u00e4sst sich bei alledem nicht festnageln. Mal f\u00fchle ich mich mitten in einer sozial-n\u00fctzlichen T\u00e4tigkeit v\u00f6llig daneben, ein andermal im zweckfreien Spiel mit Kreativit\u00e4t und Kommunikation ganz zuhause. Oder es erwischt mich die gro\u00dfe Langeweile, wenn ich eine Maus auch nur anfasse&#8230;<\/p>\n<p>T\u00e4glich besuchen bis zu zweihundert Leser dieses Diary. Manche schreiben mir, dass es ihnen einen ruhigen Moment der Besinnung inmitten ihres stressigen Tags bietet. Das freut mich dann, denn offenbar gibt es einen Funken &#8222;N\u00fctzlichkeit&#8220; auch inmitten eigentlich nutzlosen Tuns. Ein paar Minuten Buchstabengl\u00fcck. Nicht nichts.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine der gro\u00dfen Freuden des Webpublishings ist die schnelle Resonanz. Manchmal vergehen nur wenige Stunden und schon steht ein Kommentar zum neuesten Eintrag im Forum. Ein Kommentar, der wiederum von anderen kommentiert wird, vor allem dann, wenn es sich um Kritik, Einspruch und Widerrede handelt. Und niemand s\u00fclzt nur bl\u00f6de vor sich hin! 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