{"id":2744,"date":"2002-02-28T13:04:43","date_gmt":"2002-02-28T12:04:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2744"},"modified":"2019-01-20T13:05:27","modified_gmt":"2019-01-20T12:05:27","slug":"menschen-technisch-verbessern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/02\/28\/menschen-technisch-verbessern\/","title":{"rendered":"Menschen technisch verbessern?"},"content":{"rendered":"<p>Die Gen-Debatte \u00e4rgert mich. Nicht weil da &#8222;Grenzen \u00fcberschritten&#8220; werden, die uns Gott, die Natur oder sonstwer auferlegt h\u00e4tte, sondern wegen der verwirrten und verwirrenden Diskussionsweise. Man redet ohne Geschichte, bzw. benutzt die Geschichte allenfalls als Selbstbedienungsladen zur Untermauerung eigenen Wollens &#038; Meinens. Ein gutes Beispiel ist die gerade wieder laufende Auseinandersetzung um die PID (=Selektieren der Embrionen vor dem Einpflanzen in die Geb\u00e4rmutter). England hat es jetzt in einem Fall erlaubt und alle schreien AUWEIA! <!--more--><\/p>\n<p>Eilfertig werden Mehrheiten vorgef\u00fchrt und ein Konsens hierzulande beschworen, den ich f\u00fcr herbeigelogen halte: wer sich auf diesen Weg \u00fcberhaupt erst begibt, um Kinder zu haben, wird &#8211; so vermute ich mal &#8211; in der Regel eher daf\u00fcr sein, das &#8222;Beste&#8220; der in Frage kommenden Embrionen einzupflanzen, und nicht irgend eines. Wenn gegen dieses Wollen nun argumentiert wird, als g\u00e4be es keine pr\u00e4natale Diagnostik, die &#8211; vollkommen legal, ja, sogar routinem\u00e4\u00dfig &#8222;nahelegend&#8220; &#8211; zur Abtreibung der meisten behinderten F\u00f6ten f\u00fchrt, dann empfinde ich dieses Argumentieren als haltlos, irgendwie aufgesetzt, ein Moralisieren, dass aller Erfahrung nach binnen weniger Jahre &#8222;\u00fcberwunden&#8220; werden wird. Was sollte Eltern auch davon abhalten, die PID in einem anderen Land in Anspruch zu nehmen?<\/p>\n<p>Beim Bedenken solcher gesellschaftlicher Diskussionen bringt es mir erfahrungsgem\u00e4\u00df nicht viel, die Artikel einschl\u00e4giger &#8222;Zust\u00e4ndiger&#8220; z.B. in der ZEIT zu lesen. Dabei geht es mir unter Umst\u00e4nden so, dass meine Haltung zur anstehenden Frage von Woche zu Woche wechselt &#8211; weil die Debattierer auf ihre je eigene Weise derart brilliant und fundiert sind, dass man ihrem Denken erstmal nur zustimmen kann &#8211; bis zum n\u00e4chsten Donnerstag!<\/p>\n<p>Was letztlich zur Praxis und dann auch zum Konsens wird, finde ich eher, indem ich in mich hinein lausche. Wie w\u00fcrde es mir im Fall der F\u00e4lle ergehen? Was w\u00fcrde ich f\u00fcr gut und richtig halten und was k\u00e4me auf keinen Fall in Frage? Und nicht nur aus Sicht der Eltern, sondern auch aus Sicht eines schlie\u00dflich per PID (oder noch weit &#8222;kreativerer&#8220; Techniken) in die Welt gekommenen Individuums: Wann w\u00fcrde ich mich beschweren, mich mi\u00dfbraucht f\u00fchlen???<\/p>\n<p>Gut und richtig erscheinen mir in einer solchen \u00dcberlegung dann alle W\u00fcnsche, die aus reiner elterlicher Sorge um ein gutes Leben f\u00fcr ihr Kind erwachsen. Es soll gesund sein, intelligent und &#8211; hier stockt der Tippfinger, aber das ist nur die Angst vor Ablehnung &#8211; warum nicht auch h\u00fcbsch? Warum sollten vor einer Schwangerschft diese Werte weniger moralisch sein als im sp\u00e4teren Leben, wo doch mehr als die halbe Welt nach Gesundheit, Fitness und Beauty strebt?<\/p>\n<p>In jeder klitzekleinen Angelegenheit des Alltags sind wir nicht erst seit gestern bestrebt, die Natur nicht einfach so hinzunehmen, sondern uns eine zweite Natur (Kultur und Technik) zu schaffen, in der wir meinen, besser leben zu k\u00f6nnen. Dabei entsteht &#8211; das ist lange schon offenkundig &#8211; nicht unbedingt etwas Besseres, sondern durchaus neue Formen von Leiden und Chaos. Und dennoch: Wer verm\u00f6chte schon, aus dieser Einsicht heraus das &#8222;Verbessern&#8220; einfach zu unterlassen? Warum also dort stoppen, wo es um &#8222;uns selbst&#8220; geht?<\/p>\n<p>Sind &#8222;wir selbst&#8220; denn ausschlie\u00dflich der K\u00f6rper, dessen technische Vorauswahl und Verbesserung hier in Frage steht? Glaubt jemand ernsthaft, man k\u00f6nne Geist und Psyche technisch vorherbestimmen, indem man k\u00f6rperliche Mekrmale, Krankheitsneigungen etc. zul\u00e4\u00dft oder vermeidet? F\u00fcrchtet man gar, der Brunnen des Leidens k\u00f6nnte leer laufen, indem man physisch verbesserte Menschen auf die Welt bringt? (Und w\u00e4re dem so &#8211; was ich f\u00fcr unm\u00f6glich und absurd halte &#8211; was w\u00e4re dagegen zu sagen?)<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Gerade ist ein Katzenklon durch die Presse gegeistert. H\u00fcbsche Mieze &#8211; aber sie hatte nicht mal diesselbe Fellzeichnung wie ihre &#8222;Mutter&#8220;. Und das, so dachten wird doch eigentlich, ist gentechnisch gesehen Hardware! Die Umwelt sei schuld, sagen die &#8222;Hersteller&#8220;, aha. Auf einmal wieder&#8230;<\/p>\n<p>Gibt es denn nun eine Grenze, ganz unabh\u00e4ngig von Fragen des Erfolgs und der Machbarkeit? F\u00fcr mich ja. Ich h\u00e4tte den englischen Fall NICHT genehmigt, denn &#8211; soweit ich es mitbekommen habe &#8211; wird hier ein &#8222;genetisch passender&#8220; Bruder F\u00dcR ein schwer krankes Kind gewollt. Das ist elterliche Sorge, klar &#8211; aber nicht F\u00dcR das zu erzeugende Kind, sondern f\u00fcr das bereits lebende. Das zweite Kind wird also &#8211; wenn alles klappt &#8211; vor allem deshalb geboren, weil sein K\u00f6rper therapeutisch erforderliche Stoffe f\u00fcr den kranken Bruder zu bieten hat. Das ist f\u00fcr mich die Grenze, vor der man einhalten sollte. Geboren &#8222;um zu&#8220;, das ist einem freien Individuum nicht zuzumuten. Man stelle sich vor, was f\u00fcr &#8222;Rechnungen&#8220; zwischen diesen Br\u00fcdern aufgemacht werden! Und nicht von ihnen selbst, sondern von anderen, die \u00fcber ihr Sein und Nichtsein bestimmen wollen.<\/p>\n<p>&#8222;Bin ich denn der H\u00fcter meines Bruders?&#8220; &#8211; konnte Kain noch zu Recht fragen, als Gott sich nach dem Verbleib von Abel (den Kain gerade aus Eifersucht erschlagen hatte) erkundigte. Ich finde, so soll es bleiben. Wir haben die M\u00d6GLICHKEIT, aus freier Entscheidung das Wohl des Anderen \u00fcber das eigene zu stellen ODER angesichts dieser Forderung zu versagen. Bereits als Ersatzteillager geboren zu werden, widerspricht dieser Freiheit aufs Sch\u00e4rfste! <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gen-Debatte \u00e4rgert mich. Nicht weil da &#8222;Grenzen \u00fcberschritten&#8220; werden, die uns Gott, die Natur oder sonstwer auferlegt h\u00e4tte, sondern wegen der verwirrten und verwirrenden Diskussionsweise. 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