{"id":274,"date":"2009-03-12T11:24:04","date_gmt":"2009-03-12T09:24:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=274"},"modified":"2009-03-14T12:24:28","modified_gmt":"2009-03-14T10:24:28","slug":"und-psychologen-stehen-bereit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/03\/12\/und-psychologen-stehen-bereit\/","title":{"rendered":"Und Psychologen stehen bereit"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich will ich gar nicht schreiben, denn damit werde ich zum Teil der medialen Verarbeitungsmaschine, die &#8222;Amok-L\u00e4ufe&#8220; gierig aufsaugt wie Manna, das vom Himmel f\u00e4llt. Doch Schweigen geht auch nicht, denn die \u00dcberschrift des letzten Beitrags (&#8222;Magazin f\u00fcr Lebenslust&#8220;) wirkt angesichts der Ereignisse h\u00f6hnisch und ignorant, ich kann&#8217;s gar nicht ansehen! <\/p>\n<p>Erst ab dem sp\u00e4ten Nachmittag hatte ich gestern mitbekommen, was die Stunde in Winnenden geschlagen hatte. Ich verfolgte die Berichte, die Nachrichtensendungen, die &#8222;Specials&#8220; und abends dann die Sendung &#8222;Hart aber fair&#8220;, in der sich die \u00fcblichen Experten zur Sache und m\u00f6glichen Ursachen \u00e4u\u00dferten. Anders als sonst zeigte der Sender (weil es ja schon entsprechend sp\u00e4t war) so manche Gewaltszene aus Computerspielen, dazu das &#8222;Amok-Video&#8220; eines Rappers und verherrlichende Videos \u00fcber die T\u00e4ter der Vergangenheit: Erfurt, Columbine&#8230;.<!--more--><\/p>\n<p>Es gruselte mich immer mehr. Die mediale Verarbeitung und der Amoklauf erschienen mir so \u00fcberdeutlich als zusammengeh\u00f6rig: die Zelebration des Ausnahmezustands auf allen Kan\u00e4len, die schnellen und &#8222;angemessenen&#8220; Reaktionen der Politiker (Merkel, K\u00f6hler, Europaparlament), all die Interviews mit Beteiligten, Zuschauern und Funktionstr\u00e4gern, die ihre Fassungslosigkeit dem Mikrofon anvertrauten &#8211; und immer wieder das Unverst\u00e4ndnis, die vielen Fragen, dieses <em>&#8222;ich verstehe die Welt nicht mehr!&#8220;<\/em>, das viele da \u00e4u\u00dferten &#8211; mein Gott, ich f\u00fchlte mich pl\u00f6tzlich als Alien, denn solche Fragen kamen mir gar nicht in den Sinn! <\/p>\n<p>Mir erschien im Gegenteil recht klar, was da abgegangen war: wieder einmal ein &#8222;unauff\u00e4lliger Jugendlicher&#8220;, der die Dem\u00fctigungen, die er im Leben erfuhr, in sich hinein fra\u00df und in Hass verwandelte. Bis er zu einer tickenden Bombe geworden war und anhand der &#8222;Vorbilder&#8220; aus dem Internet seinen spektakul\u00e4ren Abgang als Rache-Akt an der Welt plante &#8211; und durchf\u00fchrte. Genau wie er es sich vermutlich ausgerechnet hat, wird er als &#8222;dunkler Held&#8220; in die Geschichte der Amokl\u00e4ufe der letzten 15 Jahre eingehen. Andere Jugendliche werden ihn posthum verehren als einen, der N\u00e4gel mit K\u00f6pfen gemacht hat. Nicht im Leben, aber doch im Tod hat er so geschafft, was ihm sonst nicht gelungen ist: JEMAND sein, den man bemerkt, \u00fcber den man nicht hinwegsehen kann, einer, der nicht mehr Opfer, sondern T\u00e4ter ist, der die Welt bewegt und mediale Unsterblichkeit erlangt. <\/p>\n<p>Gruslig fand ich auch das mittlerweile offenbar zur Katastrophennormalit\u00e4t geh\u00f6rende Verweisen auf die Psychologen, die &#8222;bereit stehen&#8220;, sich um die Betroffenen zu k\u00fcmmern. Ja, das ist gewiss gut gemeint und n\u00fctzt vermutlich auch dem einen oder anderen &#8211; und doch: ist es nicht seltsam, in was f\u00fcr einer &#8222;therapeutischen Gesellschaft&#8220; wir uns bereits befinden? Es wird von den Institutionen verlangt, &#8222;die Menschen in ihrer Betroffenheit nicht alleine zu lassen&#8220;, also stellt man ihnen Psychologen und Seelsorger &#8222;aus allen Bundesl\u00e4ndern&#8220; zur Seite. Und die Reporter ergehen sich in Spekulationen, wie gro\u00df die Traumatisierungen nun sein werden und wie lange so etwas andauern kann &#8211; irgendwie k\u00f6nnte ich kotzen! <\/p>\n<p>***<br \/>\nDazu gibts einen &#8222;\u00e4hnlichen Artikel&#8220; vom 28.4.2002:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/28_04_02.shtml\">Amoklauf in Erfurt &#8211; der Tunnelblick verengt sich<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich will ich gar nicht schreiben, denn damit werde ich zum Teil der medialen Verarbeitungsmaschine, die &#8222;Amok-L\u00e4ufe&#8220; gierig aufsaugt wie Manna, das vom Himmel f\u00e4llt. Doch Schweigen geht auch nicht, denn die \u00dcberschrift des letzten Beitrags (&#8222;Magazin f\u00fcr Lebenslust&#8220;) wirkt angesichts der Ereignisse h\u00f6hnisch und ignorant, ich kann&#8217;s gar nicht ansehen! 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