{"id":2725,"date":"2002-03-26T11:25:54","date_gmt":"2002-03-26T10:25:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2725"},"modified":"2019-01-21T20:10:39","modified_gmt":"2019-01-21T19:10:39","slug":"was-geht-mich-das-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/03\/26\/was-geht-mich-das-an\/","title":{"rendered":"Was geht mich das an?"},"content":{"rendered":"<p>In Berlin wurde gestern ein Mann zu 16 Monaten Gef\u00e4ngnis auf Bew\u00e4hrung verurteilt. Er hatte seine Frau auf deren Verlangen erdrosselt, weil sie ihr Luxusleben nicht gegen ein Dasein in Armut tauschen wollte. Beide konnten den Niedergang ihres dereinst florierenden Textilgro\u00dfhandels nicht aufhalten und standen vor dem Nichts &#8211; so die Berliner Abendschau.<\/p>\n<p>Das ist mal ein verst\u00e4ndnisvolles Urteil, milde gesagt. Soviel Mitgef\u00fchl und Nachsicht wird dem gemeinen Ladendieb nicht entgegen gebracht. Ob das ein Hinweis sein soll, eine Art guter Rat, wie mensch mit dem sozialen Abstieg umgehen soll?<\/p>\n<p>Demn\u00e4chst werden &#8211; egal, wer die Wahl gewinnt &#8211; etwa 250.000 Leute von der Arbeitslosenhilfe in die Sozialhilfe verschoben. &#8222;ALHI&#8220; soll n\u00e4mlich abgeschafft, bzw. &#8222;mit der Sozialhilfe zusammengelegt&#8220; werden. Ein Thema, das derzeit kaum jemanden bewegt, lieber entr\u00fcstet sich die Welt \u00fcber die &#8222;inszenierte Entr\u00fcstung&#8220; der CDU im Bundesrat. Wenn es aber dem lieben Vieh an den Kragen geht, dann kocht der Volkszorn: der Berliner Finanzsenator hat angedacht, einen der beiden Zoos zu schlie\u00dfen, die Reaktionen sind heftig! Ich vermute mal, an der Stelle wird der Sparwille keinen Schritt weiter kommen, nicht, solange nicht mindestens eine der drei (!) hochsubventionierten Opern geschlossen wird.<\/p>\n<p>Im Forum schreibt Wodile zum Thema &#8222;Sumpf&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Im Grunde genommen durchzieht unsere Gesellschaft inzwischen nur noch ein einiziges &#8222;hau jedem eins auf die Fresse, bevor er Dir eine reinhauen k\u00f6nnte&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das hat zwar ein paar individuelle Vorteile, bringt das Gesamtgebilde derzeit aber sp\u00fcrbar zum Einknicken. Ohne zumindest einen grunds\u00e4tzlichen Solidargedanken funktioniert n\u00e4mlich auf Dauer keine Gesellschaft. Es gibt dann keine wirkliche Entwicklung mehr, sondern nur noch Stagnation und l\u00e4ppische Verteidiung jedes noch so kleinen Status Quo. Bildlich ausgedr\u00fcckt: es werden keine neuen Kuchen mehr gebacken, sondern nur noch die alten Kuchenst\u00fccke von gestern mit allen Mitteln verteidigt. Essen kann man die irgendwann aber auch nicht mehr.<\/p>\n<p>Im Grunde genommen ist daher das derzeit fehlende &#8222;qualitative Wachstum&#8220; gar nicht die Schuld der Politik, sondern der herrschenden Lebensphilosophie. Mit der kann es n\u00e4mlich gar nicht mehr entstehen.&#8220;<\/p>\n<p>Bin mal gespannt, ob der Appetit auf die &#8222;Kuchen von gestern&#8220; nicht irgendwann in \u00dcbelkeit umschl\u00e4gt. Aber vermutlich geschieht das eher nicht, Ver\u00e4nderungen kommen praktisch nie von denjenigen, denen es (noch) gut geht, sondern erst, wenn f\u00fcr relevante Minderheiten die Karre so richtig im Dreck steckt. Traurig, aber wahr. Trotzdem kann man sich das nicht etwa deshalb w\u00fcnschen (der alte RAF-Standpunkt: Versch\u00e4rfung der Widerspr\u00fcche), denn aus Ungl\u00fcck, Wut und Angst entsteht nicht zwangsl\u00e4ufig kreatives Engagement und neues Miteinander, sondern vor allem Verzeiflung, Ha\u00df und Gewalt, mehr, nicht etwa weniger Hauen &amp; Stechen.<\/p>\n<h2>Ich und die Anderen<\/h2>\n<p>So manchem ist in diesem Diary derzeit zuviel von Politik die Rede. Das langweilt, turnt ab, und \u00fcberhaupt: Was soll denn ein Einzelner da machen! Schon der Gedanke, dass man hier pers\u00f6nlich gefragt w\u00e4re, ist irgendwie unangenehm, nicht? Ich wenigstens empfinde das so &#8211; im Moment, solange die Dinge noch so festgefahren wirken, da\u00df man nur in uralte Schubladen (Parteipolitik z.B.) einsteigen und dort scheitern k\u00f6nnte (oder ein Teil des Problems werden).<\/p>\n<p>Es ist allerdings eine Illusion, zu glauben, man k\u00f6nne seine Haltung zur Gesellschaft frei w\u00e4hlen, etwa einfach umsteigen vom zynisch-ignoranten &#8222;jedes Volk hat die Regierung, die es verdient&#8220; zur gro\u00dfen Anklage &#8222;der Kapitalismus ist an allem schuld&#8220; &#8211; oder gar von diesen beiden Sichtweisen zur reinen &#8222;Selbstbeobachtung&#8220; wechseln, f\u00fcr die eine Welt da drau\u00dfen &#8211; sofern sie \u00fcberhaupt existiert &#8211; ohne Bedeutung ist (&#8230;solange die Kohle reicht&#8230;). Die einen vergesellschaften ihr pers\u00f6nliches, selber angerichtetes Elend, indem sie es der Gesellschaft zurechnen und diese dann bek\u00e4mpfen, anstatt mal in den Spiegel zu sehen. Die anderen beziehen ihre Sicht der Welt aus pers\u00f6nlichen Erfolgen, aus zuf\u00e4lligem Gl\u00fcck und freundlichen Umst\u00e4nden: Wenn es mir so gut geht, dann mu\u00df es doch an jedem einzelnen selber liegen, da\u00df die nicht alle auf \u00e4hnlich gr\u00fcnen Zweigen hocken und den Tag loben! Ab ins Motivations-Seminar: Tschekkaaaaaaaaaahhhhh!<\/p>\n<p>N\u00f6, ich mach mich hier nicht \u00fcber andere lustig. All diese Haltungen hab&#8216; ich schon mal ganz pers\u00f6nlich ausgelebt und f\u00fcr die einzige Wahrheit gehalten. Und das sagt mir vor allem eines: Ich bin nicht autonom, nicht die objektive Beobachterin dessen, was geschieht, sondern in hohem Ma\u00dfe ein Teil von allem, sowohl Ursache als auch Ergebnis, Opfer und T\u00e4terin &#8211; immer gleichzeitig.<\/p>\n<p>Was der Einzelne machen kann? Eine falsche Frage, es muss hei\u00dfen &#8222;was kann ich machen?&#8220;, bzw. besser noch &#8222;was will ich machen?&#8220; Nicht aus einem &#8222;grunds\u00e4tzlichen Solidargedanken&#8220; heraus, der ist viel zu abstrakt und moralisch. Sondern aus dem Leiden heraus: Was stinkt mir wirklich? Was vermisse ich so sehr, dass es schmerzt?<\/p>\n<p>Das ist nicht schwer heraus zu finden: Mir fehlen Zusammenh\u00e4nge, in denen sich Menschen au\u00dferhalb des Marktes begegnen, gemeinsame Aktivit\u00e4ten, die nicht so organisiert sind, da\u00df einer der Anbieter und die anderen die Konsumenten sind. Ich will nicht mehr Eintritt bezahlen, um Gemeinschaft zu erleben, mich &#8222;weiter zu entwickeln&#8220; oder gar, um meinen Seelenfrieden zu finden. (Deshalb zur Kirchg\u00e4ngerin zu werden, ist irgendwie nicht die richtige L\u00f6sung.) Vielleicht tun sich ja M\u00f6glichkeiten bzw. Notwendigkeiten auf, wenn der Staat jetzt seine Aktivit\u00e4ten zur\u00fcckf\u00e4hrt und gro\u00dfe L\u00fccken aufrei\u00dfen, die nicht mehr mit Geld gestopft werden k\u00f6nnen. Wenn das &#8222;Soziale&#8220; und Kulturelle nicht mehr nur mit Staat, sondern wieder mehr mit uns zu tun hat&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin wurde gestern ein Mann zu 16 Monaten Gef\u00e4ngnis auf Bew\u00e4hrung verurteilt. Er hatte seine Frau auf deren Verlangen erdrosselt, weil sie ihr Luxusleben nicht gegen ein Dasein in Armut tauschen wollte. Beide konnten den Niedergang ihres dereinst florierenden Textilgro\u00dfhandels nicht aufhalten und standen vor dem Nichts &#8211; so die Berliner Abendschau. 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