{"id":2724,"date":"2002-04-01T11:23:15","date_gmt":"2002-04-01T09:23:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2724"},"modified":"2019-01-20T11:25:40","modified_gmt":"2019-01-20T10:25:40","slug":"verwirrungen-im-fruehling-eine-bestandsaufnahme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/04\/01\/verwirrungen-im-fruehling-eine-bestandsaufnahme\/","title":{"rendered":"Verwirrungen im Fr\u00fchling &#8211; eine Bestandsaufnahme"},"content":{"rendered":"<p>Der Winter ist nun wirklich weg! W\u00e4rme, Sonne &#8211; Menschen flanieren wieder auf den Stra\u00dfen. Ostern ist dieses Jahr genau das, was es sein soll: Ein auf allen Ebenen f\u00fchlbarer Einschnitt zwischen dem Alten, Abgelebten, und dem Neuen, von dem man noch nicht wei\u00df, was es sein wird. Ein Gef\u00fchl positiver Spannung, ein Hauch von Wandel, Abenteuer, Aufbruch, dem ich am besten in gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Wachheit begegne, sonst verliere ich mich leicht in den vielerlei Aktivit\u00e4ten, die sich jetzt anbieten, und lande schon bald in verst\u00e4rktem Chaos.<\/p>\n<p>Also: Inventur! Auf einen Zettel schreibe ich alles, was mir einf\u00e4llt, alle Vorhaben, Pflichten, W\u00fcnsche, Pl\u00e4ne, Notwendigkeiten, die sonst immer nur punktuell &#8222;einfallen&#8220;, mich pl\u00f6tzlich \u00fcberfallen und des \u00f6fteren aus dem Takt bringen. Querbeet wird alles gelistet, vom bisher verschleppten Brief ans Finanzamt \u00fcber den anstehenden Relaunche des Webwriting-Magazins bis hin zum Einpflanzen der Ableger einer gro\u00dfen Dieffenbachia, die noch auf dem K\u00fcchenfenstersims in der Vase stehen. Mein \u00c1uto will ich auch endlich los werden, ein alter, stellenweise leicht verbeulter Citr\u00f6en AX, der mir noch aus der Zeit des Landlebens geblieben ist. Hier nutze ich ihn gerade mal, um ins Fitness-Center zu fahren, v\u00f6llig irre!<\/p>\n<p>Die Liste stimmt mich zufrieden, sie schafft Klarheit, indem sie sowohl die unangenehmen Dinge als auch die ganz verr\u00fcckten Tr\u00e4ume umfasst &#8211; ach, was hei\u00dft hier schon verr\u00fcckt? Das sind einfach Vorhaben und Projekte, von denen ich normalerweise annehme, dass ich sie sowieso nie schaffen werde, rein zeitlich und energiem\u00e4\u00dfig betrachtet. Wenn ich aber mal bedenke, wie viel Zeit ich doch tats\u00e4chlich mit Lesen und Fernsehen verbringe, dann kann das so einfach nicht stimmen. Irgend etwas ist falsch an der Herangehensweise, wie ich meinen Alltag verlebe, wie ich mich t\u00e4glich im Reich der Notwendigkeit verstricke, mich dann allzu gern ablenken lasse, in dieses &#038; jenes hinein gerate, ohne da wirklich etwas Merkliches zu leisten, und dann entsprechend frustriert nach &#8222;Abschalten&#8220; verlange.<\/p>\n<p>Bei alledem ist es nicht besonders hilfreich, den Kopf schon jahrzehntelang mit un\u00fcberschaubar vielen Gedankengeb\u00e4uden, Weltanschauungen, Philosophien und Ideologien belastet zu haben. Zu jedem Impuls, der mich von etwas ablenkt oder zu etwas Anderem hinzieht, fallen mir gleich unz\u00e4hlige Begr\u00fcndungen und Rechtfertigungen ein: Warum das, was ich gerade unterbreche, sowieso das Falsche ist, bzw. das, was ich statt dessen ins Auge fasse, mich n\u00e4her ans &#8222;eigentliche Leben&#8220; f\u00fchrt &#8211; oder auch umgekehrt. Zum Beispiel kann ich es locker als &#8222;Flucht vor der Wirklichkeit&#8220; werten, wenn ich ins Fitness-Center aufbreche oder in die Sauna gehe, anstatt endlich die Website f\u00fcr meine Eigenwerbung zu konzipieren oder zur Meldestelle zu gehen, um Ersatz f\u00fcr den verlorenen F\u00fchrerschein (wie sinnig!) zu beantragen. Andrerseits kann es als Gipfel der Seinsvergessenheit erscheinen, den Tag vor dem Monitor in einer Welt aus Zeichen zu verbringen, anstatt im K\u00f6rper, in der physischen Umwelt mit der Natur, der Stadt und konkreten anderen Menschen &#8222;face to face&#8220; zusammen zu kommen. Ein st\u00e4ndiges Ebenen-Zapping, wobei der aktuelle Aufenthalt tendenziell immer als das Falsche erscheint.<\/p>\n<p>Alle Aktivit\u00e4ten, die dem Geldverdienen dienen, sind besonders betroffen von diesem Oszillieren der Bewertungen: einerseits erscheint es als das einzig Reale, sich dieser Notwendigkeit mit aller Kraft und Kreativit\u00e4t zu stellen &#8211; und alles Andere w\u00e4re blo\u00dfe Ablenkung und Flucht. Andrerseits ist der \u00f6konomische Bereich am sch\u00e4rfsten in Verruf, das &#8222;falsche Leben&#8220; rein kommerzieller Strebungen zu repr\u00e4sentieren, wo der Mensch alles und jedes als Mittel zum Zweck benutzt, der Blick von Hunger und Gier verdunkelt ist und der Andere nur noch als Kunde oder Konkurrent wahrgenommen wird. Besser man macht Kunst, bet\u00e4tigt sich als Kulturschaffende, bedient das Reich des Kostenlosen, das ohne S\u00fcnde ist&#8230;. was f\u00fcr ein Quark, alles reines Kopfkino!<\/p>\n<p>Komischerweise erlebe ich diese Gef\u00e4hrdung durch Verzettelung, Unentschlossenheit und schwankende Urteilskraft als ein Ergebnis pers\u00f6nlichen Fortschritts (mehr zugesto\u00dfen als erarbeitet, aber immerhin) auf dem Weg vom automatenhaften Reagieren hin zu mehr Freiheit der Wahl. Mit 20, 30, 35 wusste ich immer sehr genau, was gerade anliegt: was ich tun muss und was ich tun will, wann das zusammenf\u00e4llt oder weit auseinander liegt. Angst und Ehrgeiz leiteten mich problemlos vom Gestern ins Morgen. So etwas wie eine offene Gegenwart kannte ich nicht, nicht mal beim Sex. Die Reiche des Denkens, der Gef\u00fchle und der K\u00f6rperempfindungen waren fest miteinander verkettet: Sagte einer etwas vermeintlich Feindseliges, hielt ich den Atem an, krampfte den Bauch zusammen und spannte die Nackenmuskulatur mehr an als gew\u00f6hnlich an, ohne dass mir all diese K\u00f6rperreaktionen bewusst geworden w\u00e4ren. Ich reagierte SOFORT mit Angst-, \u00c4rger-, oder Hassgef\u00fchlen, die sich ohne Z\u00f6gern in verteidigende oder angreifende Gedanken mit entsprechender Rede und den daraus folgenden Taten umsetzten. Freiheit bedeutete f\u00fcr mich, genau SO sein zu k\u00f6nnen. Reagieren, ohne an Grenzen zu sto\u00dfen, mit den Impulsen mitgehen, die mir begegnen, ohne deren Herkunft und Wesen je zu bedenken: Was ich f\u00fchle und w\u00fcnsche, ist GUT, was mich hindert und einschr\u00e4nkt ist SCHLECHT, ist b\u00f6se Welt und reine Unterdr\u00fcckung.<\/p>\n<p>Wenn ich das noch mal lese, was ich da gerade hinschreibe, f\u00e4llt mir auf: Wow, das ist ja der Geist der Jugend! &#8222;An sich&#8220; ist dieser Geist nicht gut und nicht schlecht, sondern unverzichtbarer Teil des Ganzen. Ohne diesen Geist w\u00fcrde die Welt einfach stagnieren und langsam in F\u00e4ulnis \u00fcbergehen. Die gewisse Verblendung, die darin liegt, alles \u00dcbel im Au\u00dfen, im Althergebrachten und bei den Anderen zu sehen, zusammen mit der aus dieser Sicht zwangsl\u00e4ufig entstehenden Wut, ergibt die n\u00f6tige Kraft f\u00fcr gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen. Wie anders sollte man die harten Geb\u00e4ude des Bestehenden zum Br\u00f6ckeln bringen, als mittels der festen \u00dcberzeugung, selber reinen Herzens auf der richtigen Seite zu stehen und die Macht des &#8222;B\u00f6sen&#8220; zu bek\u00e4mpfen?<\/p>\n<p>Im Lauf der Jahre verschwindet dieses &#8222;reine Herz&#8220;, das sich der Tatsache verdankt, dass man noch nicht viel hinter sich hat, weder im Guten noch im Schlechten. Je mehr gelingt, was man sich ersehnt, umso mehr der Niemand, der man war, sich zum Jemand wandelt, dessen eigene Praxis die reine Theorie ersetzt, desto mehr gewinnt man pers\u00f6nliche Kontur. Die Leere wird zur Form, verstrickt sich in Widerspr\u00fcche und wird zunehmend in Frage gestellt. Ab 35 ist jeder f\u00fcr sein Gesicht selber verantwortlich, hei\u00dft es zu Recht &#8211; vielleicht der wahre Grund, warum heute da mehr und mehr die Chirurgen ran m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Mir wurde etwa Mitte drei\u00dfig klar, dass ich sterblich bin. Sicher, man &#8222;wei\u00df&#8220; das immer schon, auch als junger Mensch, doch ist es lange ein rein mentales Wissen, Buchwissen sozusagen. Ich kann mich noch genau erinnern, wie mir aufgefallen ist, dass sich etwas grundst\u00fcrzend ver\u00e4ndert hat. Bis zu einem bestimmten Augenblick hatte ich n\u00e4mlich meine pers\u00f6nliche Geschichte und damit die Zeit ganz allgemein in Gedanken aufgerechnet, die mit &#8222;seit &#8230;&#8220; begannen: Seit dem Abitur, seit dem Auszug von zu Hause, seit dem Umzug nach Berlin, seit dem Beginn meiner letzten Beziehung&#8230; &#8211; und auf einmal ertappte ich mich bei einem Denken &#8222;bis&#8230;&#8220;, ja, bis wohin?? Zur Rente? Zum statistischen Altersdurchschnitt rauchender Frauen? Ich konnte es nicht verl\u00e4sslich &#8222;verdaten&#8220;, aber auf einmal war es DA, war in meinen allt\u00e4glichen (!) Gedanken angekommen: das Ende, mein ganz pers\u00f6nlicher Tod.<\/p>\n<p>In der Krise, die sich in diesen Jahren verdichtete, verlor ich jeden Boden unter den F\u00fc\u00dfen, meine Welt wurde auf den Kopf gestellt und am Ende war ich eine andere geworden. Mein eigenes Ostern, k\u00f6nnte man sagen. (in anderen Beitr\u00e4gen hab&#8216; ich dar\u00fcber geschrieben, das wiederhole ich jetzt nicht). Seither schwingt mein Lebensgef\u00fchl &#8211; Gl\u00fcck, Zufriedenheit, Besorgnisse, W\u00fcnsche &#8211; rund um einen neuen Set-Point, der weit \u00fcber allem liegt, was mir bis dahin zug\u00e4nglich war. Und mit Yoga (gelobt sei mein lieber Lehrer Hans-Peter Hempel, ohne den das nicht geschehen w\u00e4re) konnte ich dieses gelassenere und entspanntere In-der-Welt-Sein sogar stabilisieren, beobachten und bewusster erleben.<\/p>\n<p>Ach, immer wenn ich so ins Erz\u00e4hlen gerate, ist der Punkt der Lobreden schnell erreicht! Es gibt ja auch soviel Grund, das Leben zu preisen und dankbar zu sein &#8211; allein schon die Sonne, wie sie jeden Tag ein wenig l\u00e4nger scheint, die Bl\u00fcten, die sich jetzt \u00fcberall einfach so \u00f6ffnen &#8211; und sogar ALDI-Tomaten (die kleinen!) haben auf einmal wieder einen wunderbaren Geschmack! Mein je aktueller Schreib-Impuls, der immer von einer Klage, einem Mangel, einer Kritik ausgeht, verliert sich vor der F\u00fclle des Seins, wirkt auf einmal l\u00e4cherlich und aufgesetzt: Navigationsprobleme im Freiraum? Leiden an der Abwesenheit &#8222;orientierender&#8220; \u00c4ngste und Zw\u00e4nge? &#8211; ich bin wohl nicht ganz dicht!<\/p>\n<p>Und mit dieser befreienden Erkenntnis mach&#8216; ich f\u00fcr jetzt Schluss, MEHR ist von eigenen Texten kaum zu erwarten! <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Winter ist nun wirklich weg! W\u00e4rme, Sonne &#8211; Menschen flanieren wieder auf den Stra\u00dfen. 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