{"id":2722,"date":"2002-04-15T11:18:12","date_gmt":"2002-04-15T09:18:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2722"},"modified":"2019-01-20T11:19:47","modified_gmt":"2019-01-20T10:19:47","slug":"worte-taten-meditieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/04\/15\/worte-taten-meditieren\/","title":{"rendered":"Worte, Taten &#8211; meditieren?"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wissen, Wollen, Wagen, Schweigen&#8220; &#8211; der uralte Merkspruch aus der abendl\u00e4ndischen Magie kommt mir gelegentlich in den Sinn, wenn ich dar\u00fcber nachdenke, wieviele Vorhaben und kreative Ideen einfach versacken, anstatt realisiert zu werden. Das liegt nicht allein an Tr\u00e4gheit, mangelnder Energie oder an den Schwierigkeiten, die pl\u00f6tzlich auftreten. Das letzte St\u00fcndlein einer angedachten Ver\u00e4nderung schl\u00e4gt oft schon dann, wenn man dar\u00fcber redet, gar dar\u00fcber schreibt und das ver\u00f6ffentlicht.<br \/>\nIch liebe Fernsehdokumentationen \u00fcber naturnah lebende V\u00f6lker, zum Beispiel \u00fcber die Nomaden in Kasachstan und Sibirien. Der Kontrast zu unserem Leben k\u00f6nnte nicht gr\u00f6\u00dfer sein, und immer wieder wundere ich mich, wie sie es aushalten, von morgens bis abends f\u00fcr das blo\u00dfe \u00fcberleben hart zu arbeiten &#8211; allenfalls noch f\u00fcr ein einziges gro\u00dfes Fest im Jahr. So etwas wie &#8222;Freizeit&#8220; ist ihnen unbekannt und mir scheint, deshalb reden sie kaum dar\u00fcber, was sie jetzt tun sollten, warum sie es tun und was daran anders vielleicht besser w\u00e4re. Ver\u00e4nderungen entstehen &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; aus Notwendigkeit, nicht aus endlosen &#8222;Besprechungen&#8220;.<\/p>\n<h2>Freie Zeit &#8211; zwanghaft folgenlos?<\/h2>\n<p>Die &#8222;Freizeitkultur&#8220; ist ein schwarzes Loch, ein als luxuri\u00f6se Errungenschaft gepflegtes Grab s\u00e4mtlicher Ver\u00e4nderungsimpulse. Klar, in der Freizeit f\u00fchrt man zweckfreie Gespr\u00e4che, erh\u00e4lt Anst\u00f6\u00dfe f\u00fcr manches umdenken, es entstehen neue W\u00fcnsche und Meinungen &#8211; aber dann ist sie wieder &#8218;rum, die Freizeit, und der arbeitsalltag hat seine eigenen Gesetze. Es ist unendlich m\u00fchsam, eine erw\u00fcnschte und rundum &#8222;besprochene&#8220; Ver\u00e4nderung tats\u00e4chlich im Leben zu verwirklichen. Das geht mir immer wieder so, in kleinen und gr\u00f6\u00dferen Dingen. als ob ein Tabu \u00fcber der freien Zeit l\u00e4ge: hier hat alles Platz, die Welt der M\u00f6glichkeiten kann sich schrankenlos entfalten, nur folgenlos muss es bleiben, sonst w\u00e4r&#8216; es doch keine FREI-Zeit!<br \/>\nIch treffe einen Bekannten, wir erz\u00e4hlen, was wir so machen und was wir von der Welt in diesem und jenem Punkt denken. Schon bald sind wir dabei angekommen, \u00fcber Ideen, Vorhaben und &#8222;Probleme&#8220; zu sprechen, die Gedanken fliegen, die Stimmung ist gut, ein Gef\u00fchl von aufbruch mag sich einstellen. Dann ist die Zeit vorbei, man verabschiedet sich und widmet sich wieder dem alltag, ganz wie gehabt. Wer kennt das nicht?<\/p>\n<p>Oder ich hab&#8216; gerade ein St\u00fcck notwendige Arbeit hinter mich gebracht, nichts Zwingendes liegt an &#8211; was jetzt? Eine innere Stimme sagt: Jetzt hast du so anstrengend gearbeitet, du kannst doch nicht einfach so weiter machen! Abspannen ist angesagt &#8211; ich leg mich dann aufs Bett und lese einen literarischen Krimi, bl\u00e4ttere in der ZEIT, guck mir Weltspiegel und Nachrichtensendungen an &#8211; und meine innere To-Do-Liste bleibt unabgearbeitet.<\/p>\n<h2>\nDie innere Liste<\/h2>\n<p>Diese To-Do-Liste f\u00fcllt sich von ganz alleine und bildet sozusagen einen Arbeitsplan f\u00fcr die freie Zeit: Ich sollte 5 Kilo abnehmen, sollte \u00f6fter ins Fitness-Center gehen, endlich wieder aufh\u00f6ren zu rauchen und weit mehr trinken (Wasser!). Ich sollte mir ein Ehrenamt suchen und einen neuen Draht finden, aktiv am politischen Leben teil zu nehmen. Ich sollte meditieren, mir wieder mal ein anderes Sitzm\u00f6bel zulegen, mich mehr weiter bilden und meine diversen Projekt-Ideen konsequent umsetzen&#8230; ich sollte, ja. aber ich machs nicht, bzw. nur gelegentlich und mit M\u00fche, nicht &#8222;im Flu\u00df&#8220; des ganz normalen Lebens.<\/p>\n<p>&#8222;Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen!&#8220;, wird gerade hier \u00fcberall plakatiert. Mir scheint, nicht nur ich k\u00e4mpfe mit seltsamen Formen von Stagnation. Ein Mehr an Kommunikation ist dabei vielleicht gerade kontraproduktiv. Wir k\u00f6nnen uns nicht von oben oder au\u00dfen sagen lassen, wie wir &#8222;rucken&#8220; sollen! Gerade diese innere Ausrichtung auf die Stimmungen eines &#8222;man&#8220;, seien es plakatierende Verb\u00e4nde, die Beschw\u00f6rungen der Obrigkeit, die in den Medien ver\u00f6ffentlichten Meinungen oder die Bedenken und Interessen konkreter Gruppen und Individuen, mit denen wir interagieren: es l\u00e4hmt eher. Es f\u00fcllt vielleicht die innere To-Do-Liste weiter auf, doch die ist letztlich nur eine B\u00fcrde, die mich behindert, das zu tun, was NOT-wendig ist, und das zu sehen, was WIRKLICH ist.<\/p>\n<h2>Die Liste zusammenstreichen<\/h2>\n<p>Vor etwa einem Jahr hab ich es gewagt, das &#8222;Du solltest meditieren!&#8220; von meiner inneren Liste ersatzlos zu streichen. Nat\u00fcrlich hat mir das niemand aufzwingen wollen, die innere Liste ist ja eine Sammlung ureigenster Anspr\u00fcche, Vorstellungen und W\u00fcnsche. Wie viele meiner Generation las ich lebenslang immer wieder B\u00fccher \u00fcber Meditation, kam gelegentlich in Kontakt mit Gruppen, die Meditation \u00fcben, hatte faszinierte Phasen, in denen ich ernsthaft versuchte, t\u00e4glich zu &#8222;sitzen&#8220; &#8211; und nicht zuletzt geh\u00f6rt es untrennbar zum Yoga, den ich seit mehr als 10 Jahren praktiziere, in unterschiedlicher Intensit\u00e4t. Die letzen 20 Minuten einer Yogastunde sitzen wir still in der Runde &#8211; und das ist gut so, der K\u00f6rper ist durch die \u00fcbungen ruhig geworden, ein sch\u00f6nes Loslassen, kein Problem.<\/p>\n<p>Anders das &#8222;engagierte Meditieren&#8220;, diese fruchtlosen Versuche, durch Selbstdisziplin im rituellen &#8222;Sitzen&#8220; irgend etwas zu erreichen. Immer wieder andere Meditationsweisen: den Gedankenflu\u00df beobachten, Bilder imaginieren, Worte, Spr\u00fcche, T\u00f6ne, Empfindungen als Focus benutzen, es gibt ja so vieles! Sich dabei immer ein bi\u00dfchen komisch vorkommen: Meditation ist das Gegenteil von &#8222;etwas erreichen wollen&#8220; &#8211; warum um Himmels Willen mach&#8216; ich das also?<\/p>\n<p>Genug davon, das liegt weit hinter mir. Nur stand es noch ziemlich lange auf der inneren To-Do-Liste: &#8222;Du sollst meditieren, vielleicht nicht jetzt, vielleicht sp\u00e4ter, aber irgendwann ganz bestimmt!&#8220; Immer wollte ich jedoch andere Dinge lieber tun, und eines sch\u00f6nen Tages kam mir der Gedanke: Sitzen? Den Teufel werd&#8216; ich tun! Ich werde mich setzen, wenn alles getan ist, was ich lieber tue, keine Sekunde vorher!<\/p>\n<p>Ich verga\u00df Meditation. Sogar wenn sie mir in einem Buch begegnete oder in einem Gespr\u00e4ch, kam der Ich-sollte-Gedanke nicht mehr auf. Schlie\u00dflich denke ich auch sonst nicht bei allem, was ich sehe, dass ich das auch brauche.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich interessiere ich mich f\u00fcr ganz andere Dinge. Zum Beispiel ist es ungeheuer spannend, zu beobachten, wie w\u00e4hrend des Sitzens vor dem Monitor unz\u00e4hlige Impulse von au\u00dfen und innen um meine Aufmerksamkeit k\u00e4mpfen. Ich arbeite mit ca. acht offenen Programmen, zappe vom Schreiben eines Textes zum Bearbeiten eines Bildes hin zum Coding einer Website &#8211; alles immer wieder unterbrochen vom Lesen der hereinkommenden E-Mails. Ich &#8222;besuche&#8220; 12 verschiedene Mailinglisten, zwar nur punktuell, aber wenn ich in eine &#8222;reinlese&#8220;, dann entf\u00fchrt das meinen Geist wieder in eine ganz neue Richtung. Im Laufe eines Tages bin ich bestimmt mit 50 verschiedenen Themen befa\u00dft und arbeite an f\u00fcnf bis zehn aufgaben, unterbrochen von un\u00fcberschaubar vielen freiwilligen und unfreiwilligen Ablenkungen. Die Zerstreuungsmaschinerie, der ich mich so fortlaufend aussetze, ist beispiellos, nie da gewesen und es ist ein Wunder, dass ich \u00fcberhaupt noch irgend etwas zustande bringe.<\/p>\n<p>Und wie das dann weiterl\u00e4uft, wenn ich den Monitor mal verlasse! Viele Themen hallen nach, der Geist ist noch immer &#8222;im Summs&#8220;, aber es entspannt sich ein klein wenig, man sp\u00fcrt den Versuch, eine Ordnung hinein zu bringen, etwas will neue Priorit\u00e4ten setzen. Wer? Was? Ich schau doch nur zu! Die innere To-Do-Liste bringt sich in Erinnerung, andrerseits ist da auch diese geistige M\u00fcdigkeit, die mich dazu veranlasst &#8211; einfach mal so zum abspannen &#8211; die Aufmerksamkeit auf eine K\u00f6rperempfindung zu focussieren, den Atem zum Beispiel. auf dem Laufband im Fitnesscenter geht das recht gut, im Liegen ziehe ich das Str\u00f6men und Gribbeln in den Muskeln vor. Oh, wie entpannend! als w\u00fcrde man das Hirn in klares Quellwasser und reine Luft tauchen! Doch gleich sind sie wieder da, die planenden und berechnenden Gedanken, ein St\u00fcck weit folge ich ihnen, dann f\u00e4llt mir wieder ein: Ich MUSS ja nicht, g\u00f6nne mir ja gerade eine PAUSE, &#8211; kehre also zum Atem zur\u00fcck, genie\u00dfe die zunehmende Verlangsamung dieses hektischen Hin und Hers. Und pl\u00f6tzlich: ein Augenblick ohne Denken, ohne alles, ohne MICH. Eine L\u00fccke in alledem &#8211; was war das? Wie k\u00f6nnte ich diese L\u00fccke nochmal erzeugen, wieder erleben, genauer betrachten? Aber WER sollte da WAS betrachten, wenn da doch &#8222;gar nichts&#8220; war???<br \/>\nSehr seltsam, aber doch interessant. Was so alles vorkommt in einer kleinen Pause! Jetzt liege ich manchmal ein wenig l\u00e4nger, bevor ich zur Zeitung greife &#8211; und nach diesem Artikel geh ich aufs Laufband. Gottlob mu\u00df ich ja nicht &#8222;sitzen&#8220;, brauch&#8216; nicht zu meditieren&#8230;<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00e4r&#8216; es eine gute Idee, auch den anderen Kram von der Liste zu streichen?<\/h2>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wissen, Wollen, Wagen, Schweigen&#8220; &#8211; der uralte Merkspruch aus der abendl\u00e4ndischen Magie kommt mir gelegentlich in den Sinn, wenn ich dar\u00fcber nachdenke, wieviele Vorhaben und kreative Ideen einfach versacken, anstatt realisiert zu werden. Das liegt nicht allein an Tr\u00e4gheit, mangelnder Energie oder an den Schwierigkeiten, die pl\u00f6tzlich auftreten. 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