{"id":2720,"date":"2002-04-23T10:59:08","date_gmt":"2002-04-23T08:59:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2720"},"modified":"2019-01-20T11:02:54","modified_gmt":"2019-01-20T10:02:54","slug":"nachhaltiger-verzicht-wenn-verbraucher-streiken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/04\/23\/nachhaltiger-verzicht-wenn-verbraucher-streiken\/","title":{"rendered":"Nachhaltiger Verzicht &#8211; wenn Verbraucher streiken"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich so durch die Berliner Stra\u00dfen und Parks laufe, bemerke ich normalerweise jedes Bl\u00fcmelein, das den Asphaltdschungel mit seiner Anwesenheit beehrt und freue mich dar\u00fcber. Eines ist mir auf meinen Wegen durch reale und virtuelle Welten allerdings lange nicht begegnet: das &#8222;zarte Pfl\u00e4nzchen des Aufschwungs&#8220;, von dem die Politiker so gerne reden. Es muss sehr versteckt vorkommen, vielleicht kennen nur Eingeweihte seine Standorte, Deutschland jedenfalls scheint im Moment nicht dazu zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der Handel vermeldet bis zu 20% Umsatzminus im ersten Quartal, die Entlassungen und Insolvenzen gehen munter weiter, der SPIEGEL fasst zusammen: Die Leute kaufen nur noch das N\u00f6tigste und auch beim N\u00f6tigsten sparen sie, wo sie k\u00f6nnen. ALDI, LIDL &amp; Co verzeichnen zweistellige Zuwachsraten.<\/p>\n<p>Auch bei mir ist schon einige Zeit ins Land gegangen, seit ich mir mal etwas kaufte, das nicht unbedingt sein muss. Mein Luxus ist das Fitness-Center und gelegentlich die Sauna. Mir fehlt nichts, ich habe alles, was ich brauche, sogar ein Handy, das ich eigentlich nicht haben wollte, aber schlie\u00dflich geschenkt bekam. Wie soll so eine Wirtschaft florieren, die auf WACHSTUM angewiesen ist? Sogar mein PC, den ich bisher alle 2,5 Jahre durch einen neuen ersetzte, tut es noch wunderbar. Noch immer erf\u00fcllt er meine Bed\u00fcrfnisse: kein Wunsch nach &#8222;mehr Speicher&#8220; oder mehr Geschwindigkeit kommt auf, alles funktioniert blendend &#8211; und wer denkt denn noch im Traum daran, einfach mal ein neues &#8222;Winword&#8220; zu kaufen? Ein komischer Gedanke aus alten Zeiten, als man noch bei jeder Version glaubte, mit der neuen MEHR machen zu k\u00f6nnen, im Ergebnis aber auch ein Betriebssystemupdate und einen frischen Computer brauchte. Um dann &#8211; im besten Fall &#8211; genau das tun zu k\u00f6nnen, was vorher schon funktionierte! Ha, da haben wir dazu gelernt, zum Elend der Softwareschmieden.<\/p>\n<p>Nun warten alle auf UMTS, auf dass der Austausch s\u00e4mtlicher Handys und neue Dienste den widerborstigen &#8222;Verbraucher&#8220; aus dem Dornr\u00f6schenschlaf holen m\u00f6ge, die Kids hoffentlich einen Boom ansto\u00dfen wie mit SMS &#8211; bangen, hoffen, zittern &#8211; ob die Hoffnungen berechtigt sind? Eine neue Euphorie, ein Hype wird gebraucht, der nicht nur einer Branche ein kurzes Hoch beschert, sondern viele mitzieht. Ich bin skeptisch, ob UMTS das zaubern kann.<\/p>\n<h2>&#8230;und sie k\u00f6nnen es doch!<\/h2>\n<p>Die Verbraucher tun derzeit unaufgefordert etwas, was sie nach Einsch\u00e4tzungen der Umwelt-Marketing-Leute \u00fcberhaupt nicht m\u00f6gen, wovon sie nicht einmal h\u00f6ren wollen: Sie \u00fcben Verzicht. Wer h\u00e4tte das gedacht!<\/p>\n<p>&#8222;Verzicht&#8220; ist lange schon das Unwort der \u00d6ko-Branche und der engagierten Umweltsch\u00fctzer. Energieeffizienz, Ressourcenschonung, sinnvolle Wiederverwertung, Qualit\u00e4t und Genu\u00df, technische Innovation, nachhaltiges Wirtschaften &#8211; viele neue Begriffe sind in diesem Kontext entstanden, alte bekamen eine neue Bedeutung. &#8222;Verzicht&#8220; aber darf man nicht in den Mund nehmen, wenn man vom Volk ernst genommen werden will. Das ist das Credo, das man als Umwelt-Aktivist schnell zu lernen hat, will man nicht als sektiererischer Radikaler im Nichts enden.<\/p>\n<p>Mitte der 90ger konnte ich das hautnah miterleben, als ich zwei Jahre in Sachen Klimaschutz zugange war. Mit arbeitslosen Akademikern im Rahmen von ABM Energiesparkampagnen entwickeln und durchf\u00fchren &#8211; das war die anspruchsvolle Idee, die damals auch umgesetzt werden konnte, weil sich noch genug Geld in den &#8222;\u00f6ffentlichen H\u00e4nden&#8220; befand. Meine Begeisterung war gro\u00df, schnell wurde ich Projektleiterin, kam raus aus ABM, rein in einen tollen BAT 2A-Job &#8211; alles wunderbar, und sogar eine Arbeit mit Sinn!<\/p>\n<p>Doch schnell landete ich auf dem Boden der Realit\u00e4t. Da unsere Kampagnen auf Verhaltens\u00e4nderungen zielten, wurden wir in der &#8222;Energie-Szene&#8220; kaum ernst genommen. Dort hatten die Leute das Sagen, die auf &#8222;technisches Verunm\u00f6glichen von Fehlverhalten&#8220; setzten. Niemand will darauf achten, beim Verlassen des Raumes die Fenster zu schlie\u00dfen, also braucht es Fenster, die sich AUTOMATISCH \u00f6ffnen und schlie\u00dfen, besser noch eine zentral gesteuerte Klimaanlage, energiesparend, hocheffizient! Schon gar nicht mag der B\u00fcromensch Verantwortung f\u00fcr die Beleuchtung und das Regeln der Heizung \u00fcbernehmen &#8211; lasst uns das alles automatisieren! Der Mensch ist unf\u00e4hig und unwillig, sein Verhalten zu \u00e4ndern, er braucht ANREIZE und neue Ger\u00e4te, das spart berechenbar Energie, angeblich auch Geld, belebt nebenbei den Markt und alle sind gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Das Schlimme: Sie hatten im Grunde recht! Unsere RauspfeilKampagnen motivierten tats\u00e4chlich ganze Hausgemeinschaften zu Verhaltens\u00e4nderungen, jede Menge Energie wurde gespart &#8211; aber nur so lange wir da waren und als eine Art &#8222;Umwelt-Animateure&#8220; die Motivation aufrecht erhielten. Danach sank das Verhalten zur\u00fcck in die \u00fcbliche Ignoranz. Ich begann, einen neuen Menschenhass zu entwickeln, den berufsm\u00e4\u00dfigen Zynismus der Aktivisten: Verantwortungslose Idioten \u00fcberall, die nichts anderes kennen, als ihre Fettlebe zu genie\u00dfen, koste es, was es wolle. Ekelhaft!<\/p>\n<h2>Alles L\u00fcge<\/h2>\n<p>Wenn so ein Gef\u00fchl das Herz vereinnahmt, macht keine Arbeit mehr Spa\u00df. Viele arrangieren sich, machen einfach so weiter und beziehen die eigene Motivation zunehmend aus den pers\u00f6nlichen Benefits, die solche Jobs erlauben. Vielleicht h\u00e4tte ich das auch gekonnt, wenn wenigstens die Lehre von der technischen Innovation, vom Klimaschutz durch Energieeffizienz, gestimmt h\u00e4tte. Leider ist sie falsch, eine geschickte L\u00fcge, an der viele zum Zweck der Selbstt\u00e4uschung festhalten.<\/p>\n<p>Wenn ich mir n\u00e4mlich ein neues Ger\u00e4t zulege, sagen wir mal einen energieeffizienter produzierten PC, dann verbraucht die Herstellung dieses PC trotzdem ein Vielfaches der Energie, die er &#8211; verglichen mit dem Weiterlaufen des alten &#8211; in seinem ganzen &#8222;Leben&#8220; einsparen kann. Und so ist es mit den meisten Dingen: energiesparend und umweltsch\u00fctzend ist das &#8222;Nutzen bis es nicht mehr geht&#8220;, nicht das st\u00e4ndige Erneuern auf die letzte &#8211; meinetwegen hoch energieeffiziente &#8211; Version. Und noch jeder Fortschritt in Sachen Energieverbrauch und Schadstoff-Aussto\u00df bei Autos wurde &#8222;aufgezehrt&#8220; durch die VERMEHRUNG des Autoverkehrs, mehr Zweitwagen, mehr Individual-Mobilit\u00e4t, mehr Brummis auf den Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Jeder wusste das. In kleinen nicht-offiziellen Gruppen kam das auch durchaus zur Sprache: Allein der VERZICHT (auf Waren, Bequemlichkeit und Mobilit\u00e4t) bringt&#8217;s. Alles andere ist nicht wirklich probleml\u00f6send, h\u00f6chstens vermindert es ein klein wenig die Geschwindigkeit der Verschlimmerungen. Und Verzicht &#8211; Pech f\u00fcr die Natur und unser aller zuk\u00fcnftiges \u00dcberleben &#8211; ist dem Menschen nun mal nicht beizubringen!<\/p>\n<h2>Was ICH kann, k\u00f6nnen alle &#8211; und dann?<\/h2>\n<p>In dieser &#8222;Meinungslage&#8220; besann ich mich auf mich selbst: Was ICH zustande bringe, k\u00f6nnen auch andere leisten, egal was &#8222;man&#8220; \u00fcber &#8222;die Menschen&#8220; denkt. Ich dr\u00fcckte meine Stromrechnung um 40 Prozent, schaltete die Ger\u00e4te immer brav aus, kaufte eine Plastiksch\u00fcssel als Sp\u00fclsch\u00fcssel, um nicht immer das Waschbecken mit unn\u00f6tig viel hei\u00dfem Wasser vollaufen zu lassen. Ja, ich war ein guter Energiesparer, hoch effizient, solange ich mich mit diesem Job und seinen Themen &amp; Problemen befasste&#8230;<\/p>\n<p>Aber auch der aus dem eigenen Verhalten gesch\u00f6pfte Glaube rettete nicht. Denn bald schon fragte ich mich und meine Mitarbeiter: Wie soll denn unsere Wirtschaft funktionieren, wenn alle so handelten, wie wir es empfehlen m\u00fcssen, wenn wir die Wahrheit sagen? Verzicht \u00fcben, nichts \u00dcberfl\u00fcssiges kaufen, nicht &#8222;just for fun&#8220; verreisen und herumfahren? Wenn alle, die auf sch\u00f6ne, hochwertige Dinge stehen, sich einfach mal quer durch den Katalog bei Manufactum eindecken und dann ist Schlu\u00df? Diese Sachen sind verdammt &#8222;nachhaltig&#8220; &#8211; und dann? Was geschieht, wenn die Menschen auf die Mode pfeifen und nicht mehr, nur weil ein Jahr vergangen ist, von spitzen Schuhen auf &#8222;quer abgehackt&#8220; umsteigen?<\/p>\n<p>Im BTX f\u00fchrte ich eine private Umfrage unter anonymen Chattern durch: Wieviel Geld k\u00f6nntest du sparen, wenn du nur das Notwendigste kaufen w\u00fcrdest? Die Antworten schwankten zwischen 10 und 90 Prozent, im Mittel waren es 50! Wow, die H\u00e4lfte des Konsums ist also reiner Luxus, potenzieller Schonraum f\u00fcr Klima, Natur und Umwelt. Aber: was wird dann aus uns?<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Zentralbank schrieb mal in der ZEIT: &#8222;Die Deutschen sind Menschen, die das Licht ausschalten, wenn sie einen Raum verlassen. Sie drehen die Dusche ab und seifen sich ein, ohne dass hei\u00dfes Wasser ins Leere l\u00e4uft. Das macht sie symphatisch, aber all das bedeutet immer auch ein kleines St\u00fcck weniger Wachstum.&#8220;<\/p>\n<p>Tja, so sieht&#8217;s aus. Meine Rede, mein Denken, mein engagiertestes W\u00fcnschen endet im Absurden. DIE GR\u00dcNEN bekamen gestern in Sachsen-Anhalt gerade mal zwei Prozent der Stimmen. Im wirtschaftlichen \u00d6dland mit der h\u00f6chsten Arbeitslosigkeit denkt niemand \u00fcber gr\u00fcne Themen nach. Was aber geschieht, wenn Verzicht tats\u00e4chlich um sich greift, sei es auch aus anderen Gr\u00fcnden, das erleben wir gerade. Und kein Vordenker der &#8222;Nachhaltigkeit&#8220; meldet sich zu Wort, stellt diese Bez\u00fcge her und sagt dazu was Intelligentes!<\/p>\n<p>Was kein Grund zum L\u00e4stern ist, mir f\u00e4llt ja auch nichts ein.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich so durch die Berliner Stra\u00dfen und Parks laufe, bemerke ich normalerweise jedes Bl\u00fcmelein, das den Asphaltdschungel mit seiner Anwesenheit beehrt und freue mich dar\u00fcber. 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