{"id":2719,"date":"2002-04-28T10:57:33","date_gmt":"2002-04-28T08:57:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2719"},"modified":"2019-01-20T10:58:52","modified_gmt":"2019-01-20T09:58:52","slug":"amoklauf-in-erfurt-der-tunnelblick-verengt-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/04\/28\/amoklauf-in-erfurt-der-tunnelblick-verengt-sich\/","title":{"rendered":"Amoklauf in Erfurt: Der Tunnelblick verengt sich"},"content":{"rendered":"<p>17 Menschen sind tot. Der Amoklauf eines 19-J\u00e4hrigen, der Lehrer, Sch\u00fcler und Polizisten des Gymnasiums niedermetzelte, aus dem er k\u00fcrzlich verwiesen wurde, ersch\u00fcttert die Republik. Fassungslosigkeit, Entsetzen, hilflose Fragen nach den Gr\u00fcnden. Wer ist schuld? H\u00e4tte man das verhindern k\u00f6nnen? &#8222;Er wollte immer auffallen&#8220;, sagt eine Mitsch\u00fclerin. Ein Psychologe spricht vom Realit\u00e4tsverlust des T\u00e4ters, vom Tunnelblick, der keine Alternativen mehr zulasse als eben den Griff zur &#8222;Pump-Gun&#8220;. So jemanden d\u00fcrfe man eben nicht alleine lassen, wenn man ihn von der Schule werfe.<\/p>\n<p>Kulturkritische Reden werden jetzt wieder gerne gef\u00fchrt, gedruckt, gesendet: Der Werteverlust! Das hohle Leistungsdenken! Nur die Reichen und Sch\u00f6nen, nur Erfolgsmenschen und Medienstars gelten etwas in unserer Welt &#8211; kein Wunder, dass diejenigen schon mal ausrasten, die in der sich ausweitenden Kampfzone als Verlierer da stehen. Vom Bundespr\u00e4sidenten bis zum Hinterb\u00e4nkler wissen auf einmal alle: Der Wurm ist drin in unserer Gesellschaft, die nur noch dem Mammon huldigt, in der gegenseitige Hilfe, Achtung und Respekt allenfalls noch als Sonntagsreden-Marotte religi\u00f6ser W\u00fcrdentr\u00e4ger vorkommen. Habermas, wie recht du hast!<\/p>\n<p>Ein paar Tage noch werden die Medien das Thema durchdeklinieren, dann wird es im Wahlkampf verschwinden: Wie kann Deutschland sich im internationalen Wettbewerb behaupten? Wie muss man das Bildungssystem umbauen, um die Sch\u00fcler und Studenten in k\u00fcrzester Zeit fit f\u00fcr den Weltmarkt zu machen? Die Betroffenen in Erfurt bekommen ihre psychosoziale Betreuung, f\u00fcr Gro\u00dfsch\u00e4den durch Terroranschl\u00e4ge haftet seit heute der Staat, die &#8222;unausweichlichen Strukturver\u00e4nderungen&#8220; im sozialen Netz stehen auf der Tagesordnung, gleich nach der Wahl kommt der &#8222;Umbau&#8220;. Wir sind bereit f\u00fcr die Zukunft, da kann man nicht meckern.<\/p>\n<p>Wie doch die Worte und S\u00e4tze locker dahin flie\u00dfen! Auf der Ebene psychosozialer und politischer Verallgemeinerungen lassen sich Zeilen schinden ohne Ende, doch es befriedigt mich nicht. Das Klagen und L\u00e4stern \u00fcber die &#8222;b\u00f6se Welt&#8220; \u00e4ndert nicht nur nichts, sondern vermittelt auch immer den Eindruck, der Autor (und der ebenso entr\u00fcstete Leser) habe mit alledem nichts zu tun, sondern s\u00e4\u00dfe als unbeteiligter Beobachter auf einem Podest hoch \u00fcber den Niederungen, in denen die Dummen und die B\u00f6sen das furchtbare Schauspiel dieser Welt zelebrieren.<\/p>\n<p>Das Eintauchen in solches Schreiben und Lesen ist zwar entspannend. Man tr\u00f6stet sich mit der Vorstellung, es besser zu wissen und erhaben zu sein &#8211; ganz ohne je dar\u00fcber nachzudenken, inwiefern man selber Teil des Schreckens ist, der als &#8222;das \u00dcbel&#8220; so angenehm auf Distanz gehalten wird. Und geht zur Tagesordnung \u00fcber.<br \/>\nMitmensch on Demand<\/p>\n<p>Zum Beispiel Erziehung. Gewalt, so berichten Kundige in der Folge der Erfurter Schrecknisse, werde von den Jugendlichen heute \u00f6fter im Elternhaus erlebt als in der Schule &#8211; und weit h\u00e4ufiger als noch vor zwanzig Jahren. Gleichzeitig berichtet ein Radiosender von den Bem\u00fchungen des Gesundheitsministeriums, die um sich greifende Medikamentierung der Grundschulkinder zur\u00fcck zu fahren. Bereits ein gutes F\u00fcnftel wird regelm\u00e4\u00dfig oder gelegentlich mit dem Beruhigungsmittel Ritalin sediert, das eigentlich nur f\u00fcr krankhaft hyperaktive Kinder entwickelt wurde.<\/p>\n<p>B\u00f6se Eltern? Die einen sind so hilflos, dass sie schon mal zuschlagen, wenn der Nachwuchs nervt, die anderen benutzen die Errungenschaften der Pharmaindustrie, und wieder andere sind froh, die Kids in der Obhut zweifelhafter Medien sich selbst \u00fcberlassen zu k\u00f6nnen: Videos, Computerspiele, vielleicht auch die p\u00e4dagogisch wertvolle H\u00f6rkassette, Hauptsache, sie geben Ruhe!<\/p>\n<p>Mir scheint, das Aufziehen von Kindern ist eine Sache, zu der heutige Individuen immer weniger in der Lage sind &#8211; aber ICH habe gerade kein Recht, mich \u00fcber das Versagen von Eltern zu erregen, denn pers\u00f6nlich bin ich dem Thema Kind lieber gleich ganz aus dem Weg gegangen. Wer nichts macht, macht auch nichts falsch, da l\u00e4sst sich&#8217;s locker kritisieren!<\/p>\n<p>Besser, ich versuche, das Dilemma nachzuf\u00fchlen: Was ist das Schreckliche an Kindern und Jugendlichen? Was ist der Kern der \u00dcberforderung? Immerhin begegne ich ihnen gelegentlich, erlebe Eltern im Umgang mit ihren Spr\u00f6sslingen, sp\u00fcre die Ersch\u00f6pfung bei Freunden und Kollegen, wenn sie sich stundenlang liebevoll und engagiert den Bed\u00fcrfnissen von 10-J\u00e4hrigen f\u00fcgen. Ich kann mich verabschieden, wenn es mir zuviel wird, sie nicht.<\/p>\n<p>Was ist dieses &#8222;zuviel&#8220;? Es ist das r\u00fccksichtslose Eindringen in unsere Blase der Wahrnehmung. Kinder sind noch nicht so sehr &#8222;im eigenen Kopf versponnen&#8220; wie der durchschnittliche Erwachsene, der gelernt hat, die Welt und ihre Anforderungen auf Distanz zu halten und sich den Dingen nach eigenem Plan zu widmen. Das Leben wird immer komplizierter, die Anforderungen an den Intellekt steigen. Ich muss jede Menge Informationen aufnehmen und wesentlich mehr Kontakte auf unterschiedlichsten Ebenen pflegen als es noch vor zwanzig Jahren m\u00f6glich und \u00fcblich war. Der Siegeszug der E-Mail (und der SMS) spricht eine deutliche Sprache: Man brettert nicht mehr einfach so rein in ein anderes Leben, indem man jemanden anruft oder gar aufsucht. Nein, man schiebt seine Botschaft in einen elektronischen Speicher, in die Mailbox oder auf den Anrufbeantworter, damit der Andere nach eigenem Gutd\u00fcnken darauf Zugriff nehme, wann immer es ihm passt. Mitmensch on demand, alles andere wird zur \u00dcberforderung.<\/p>\n<p>Wir tragen Scheuklappen, die Jahr f\u00fcr Jahr dichter werden. Die Individualisierung, diese wunderbare Freiheit, Arbeit, Beziehungen, Wohnort, Werte und Bindungen weitgehend selber w\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, versch\u00e4rft die Lage noch, denn auf Gemeinsamkeiten aus Herkommen und Tradition, auf irgend welche Selbstverst\u00e4ndlichkeiten kann niemand mehr z\u00e4hlen. Statt dessen m\u00fcssen wir uns informieren (= in verwendbare Form bringen) und kommunizieren, taktieren, planen, verhandeln, Kompromisse schlie\u00dfen. Um \u00fcberhaupt noch zusammen zu wirken, bedarf es des st\u00e4ndigen Stroms medialer Berieselung und jeder Menge technischer Interfaces, die ihrerseits hohe Anforderungen an die Lernf\u00e4higkeit mit sich bringen. Alles zusammen ergibt eine extrem einseitige Belastung des Intellekts, zwingt zur Rationalit\u00e4t, zum berechnenden Denken, das immer eine Zukunft plant und das &#8222;Jetzt&#8220; nur als Mittel zum Zweck betrachtet. Gef\u00fchle sind dabei eher st\u00f6rend und der K\u00f6rper wird &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; m\u00fchevoll fit gehalten, damit er im \u00fcblichen Sitzleben nicht vorzeitig ausf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Leben aus dem Tunnelblick: Ich nehme nur wahr, was mir n\u00fctzt und was in meinen Plan passt. Anforderungen von au\u00dfen sind St\u00f6rfaktoren, die es zu bek\u00e4mpfen gilt &#8211; gibt es \u00fcberhaupt noch ein &#8222;au\u00dfen&#8220;? In vielen K\u00f6pfen offensichtlich nicht. Der Status quo des Tunnelblick-Bewusstseins wird jedoch selber zum St\u00f6rfaktor mit zunehmender Neigung zum Katastrophischen. Vor einer Berliner Grundschule ist gerade ein Spielger\u00e4t zusammengebrochen, einige Kinder brachen sich Arme und Beine: Es war eine Art Karussel auf einem Holzstamm, der im Sandboden steckte. Bei jedem Regen stand lange das Wasser um den Stamm, das hatten viele gesehen und konnten es in die Mikrophone erz\u00e4hlen. Aber nie war jemand auf die Idee gekommen, der Stamm k\u00f6nne durchfaulen, nat\u00fcrlich nicht, niemand hat Zeit, an so etwas zu denken. Und wenn doch, w\u00e4re man ja gewiss nicht zust\u00e4ndig!<\/p>\n<p>Vor drei Wochen versuchte ich, in einer sozialen Einrichtung bei mir um die Ecke einen Raum f\u00fcr einen Abend pro Woche zu mieten &#8211; und zwar zu einem festen Starttermin. Die Angestellten waren freundlich, sagten zu allem &#8222;ja gerne&#8220;, h\u00e4ngten sogar meine Ank\u00fcndigungsplakate auf, auf denen der Termin stand. Und sie sprachen davon, dass sie mir einen Schl\u00fcssel machen lassen w\u00fcrden, damit ich in die R\u00e4ume komme &#8211; insgesamt vier Leute sprachen immer wieder davon, waren weiterhin freundlich, schoben sich das Vorhaben gegenseitig zu und verwiesen aufeinander &#8211; letztlich aber brachten sie es nicht zustande, auch zu tun, was sie sagten! Ich war nicht mal richtig sauer, so seltsam kamen sie mir vor: wie Zombis in einem Traum, zu denen man einfach nicht durchdringt, egal, wie laut man schreit.<\/p>\n<p>Wieviele Menschen wohl in diesem Zombi-Tum ihr Leben verbringen? Wie oft bin ich selber so? K\u00f6nnen uns bald nur noch Amok-L\u00e4ufer, Selbstmordattent\u00e4ter und Kamikaze-Piloten f\u00fcr ein paar Augenblicke aus dem t\u00e4glichen Schlaf aufst\u00f6ren?<\/p>\n<p>Ob dieser Text, in dem ich mir das Ganze f\u00fcr heute von der Seele schreibe, ein wenig wacher macht? Glaub&#8216; ich nicht, Worte werden ma\u00dflos \u00fcbersch\u00e4tzt. Wir lernen allein durch die Folgen unserer Taten &#8211; im Moment tut mir zum Beispiel der R\u00fccken vom langen Sitzen weh, besser, ich mach&#8216; jetzt Schluss und gehe ein bisschen im Zimmer umher.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17 Menschen sind tot. Der Amoklauf eines 19-J\u00e4hrigen, der Lehrer, Sch\u00fcler und Polizisten des Gymnasiums niedermetzelte, aus dem er k\u00fcrzlich verwiesen wurde, ersch\u00fcttert die Republik. Fassungslosigkeit, Entsetzen, hilflose Fragen nach den Gr\u00fcnden. Wer ist schuld? H\u00e4tte man das verhindern k\u00f6nnen? &#8222;Er wollte immer auffallen&#8220;, sagt eine Mitsch\u00fclerin. 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