{"id":2718,"date":"2002-05-03T10:55:53","date_gmt":"2002-05-03T08:55:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2718"},"modified":"2019-01-20T10:56:55","modified_gmt":"2019-01-20T09:56:55","slug":"zur-mai-randale-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/05\/03\/zur-mai-randale-in-berlin\/","title":{"rendered":"Zur Mai-Randale in Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Es wundert niemanden wirklich, dass auch dieser 1.Mai in Berlin &#8222;wie immer&#8220; verlief: Randale in Kreuzberg, kaputte Scheiben, brennende Autos, ein gepl\u00fcnderter Supermarkt und von Stein- und Flaschenw\u00fcrfen Verletzte auf beiden Seiten. Und: tolle Bilder in der Abendschau: Wie sie auf den Stra\u00dfen tanzten vor brennender Barrikade, artistische Kleink\u00fcnstler, die den Handstand r\u00fcckw\u00e4rts im Feuerschein eines &#8222;abgefackelten&#8220; Autos vollf\u00fchren &#8211; wow! Die \u00c4sthetik des Ausnahmezustands wird in den Medien genussvoll zelebriert, wie an jedem 1.Mai.<\/p>\n<p>Die Polizei \u00fcbte sich dieses Jahr in &#8222;Deeskalation&#8220;. Nur kein martialisches Auftreten, niemanden provozieren, sogar die Veranstalter der &#8222;Revolution\u00e4ren 1.Mai-Demo&#8220; bemerkten anerkennend, dass &#8222;es den Bullen diesmal nicht darauf angekommen ist, hier hunderte schwer Verletzter zu haben&#8220;. Immerhin verliefen die Demonstrationen selber friedlich, das Konzept war teilweise erfolgreich &#8211; auch die Randale im Anschluss ging schneller zu Ende als in anderen Jahren. Trotzdem darf sich die Polizei nun die \u00fcblichen Vorw\u00fcrfe anh\u00f6ren: das Konzept &#8222;Deeskalation&#8220; sei gescheitert, von einem &#8222;R\u00fcckzug des Rechtsstaats&#8220; ist die Rede &#8211; als k\u00f6nne irgend eine Strategie, sei sie nun martialisch oder eher zur\u00fcckhaltend, die Gewaltausbr\u00fcche zur G\u00e4nze verhindern. ALLE wissen das, aber anstatt dazu etwas zu sagen, erfolgt der \u00fcbliche politische Schlagabtausch: Ihr seid schuld&#8230;.<\/p>\n<p>Wer ist denn nun schuld? Oder ist das eine falsche Frage? Heut&#8216; morgen hat mich mal interessiert, wie eigentlich die Aktivisten von links au\u00dfen die Ereignisse bewerten. Mal kurz gegoogelt (Autonome + Berlin) und schon der zweite Klick brachte zu Tage, was ich suchte. Das Webzine &#8222;Autonome Antifa Berlin&#8220; meldet unter dem Banner &#8222;Danach&#8220; nur einen einzigen Satz:<\/p>\n<p>    &#8222;Wir danke den viele besoffenen, gr\u00f6hlenden, sinnloskleineAutoszerst\u00f6renden, sexistischen, unverantwortlichen, partyeventmachenden, unpolitischen , eigeneLeuteverletzenden Pseudohooligans und Radalekiddies &#8230;. f\u00fcr diesen sch\u00f6nen 1.Mai.&#8220;<\/p>\n<p>Klare Worte und kein Grund, ihnen nicht zu glauben. Wer die Geschichte gewalt\u00e4tiger Ausschreitungen in Berlin seit 1968 rekapituliert, wird die Entmischung von Geist und Gewalt bemerken: die Theorie- und Utopie-Lastigkeit der 68er und Spontis vermochte es noch, Gewalt aus der &#8222;Systemopposition&#8220; hochintellektuell zu rechtfertigen. Die sp\u00e4ter sich entwickelnde Anti-Atom und Umweltbewegung hatte schon weit handlichere Gr\u00fcnde f\u00fcr Gewalt &#8222;am Rande&#8220; von Demonstrationen, der Kampf gegen die Nato-Nachr\u00fcstung basierte gar auf echter existenzieller Panik: Man glaubte allen Ernstes, wenn jetzt die Pershing 2 stationiert werde, gehe sofort der 3.Weltkrieg los. Also: Wo Recht zu Unrecht wird, wird Wiederstand zur Pflicht. Die Hausbesetzerbewegung Anfang der 80ger konnte ebenso auf das Wohlwollen fast der ganzen Stadt setzen, denn die Skandale von Entmietung, Leerstand und Kahlschlagsanierung waren allen sicht- und erlebbar &#8211; und doch wurde hier schon sehr deutlich, dass immer auch ein gewisses &#8222;Gewaltpotential&#8220; existiert, dass sich hinter Gr\u00fcnden nur verbirgt, sie aber nicht wirklich braucht.<\/p>\n<p>Und heute? Im Vorfeld der Mai-Randale fahndet die Berliner Abendschau offenbar immer nach jemandem, der noch etwas &#8222;Rechtfertigendes&#8220; zu den mit Sicherheit kommenden Ereignissen sagt, aber man merkt, dass das immer schwerer wird. Allenfalls finden sich noch Leute, die auf die &#8222;Provokationen der Bullen&#8220; verweisen &#8211; insofern ist die &#8222;Deeskalation&#8220; die einzig wahre Strategie: Nicht, dass sie Gewalt wirklich verhindern k\u00f6nnte, aber sie zerst\u00f6rt die letzten Illusionen \u00fcber einen vermuteten &#8222;Sinn&#8220; dieses Geschehens.<\/p>\n<p>Sinnlose Gewalt also &#8211; warum findet sie statt? Und &#8211; mangels erkennbarem Sinn ist das fast noch interessanter: warum immer zu einem festen Termin?<\/p>\n<p>Der Innensenator sagte im TV: Wenn man diese Gewalt verhindern will, kann man das nicht allein der Polizei \u00fcberlassen. Ich wei\u00df nicht, was er konkret meint, aber f\u00fcr mich ist ganz klar: diese Gewalt ist ein Auswuchs unseres gesellschaftlichen Unbewussten. Kaum jemand ist n\u00e4mlich wirklich entr\u00fcstet, auch nicht ein paar Tage nach Erfurt, wo doch so viel von &#8222;Innehalten&#8220; die Rede war, von der Notwendigkeit, die Akkzepanz von Gewalt als Teil der Normalit\u00e4t zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Randale sind immer viele Schaulustige unterwegs. Erwachsene stehen am Stra\u00dfenrand und applaudieren den jugendlichen Steinewerfern. Der Apotheker, dem man die Scheibe eingeschmissen hat, meint, er nehme das nicht pers\u00f6nlich. Und wer in der Walpurgisnacht oder am ersten Mai sein Auto in der Kampfzone parkt, mu\u00df sowieso unendlich bl\u00f6de oder arrogant sein, hei\u00dft es in der Sendung &#8222;Kontraste&#8220;. Der wei\u00dfhaarige Sprecher der Abendschau berichtet vom Verlauf der Ereignisse mit belustigtem Unterton &#8211; \u00fcberhaupt ist der &#8222;Programmpunkt Mai-Randale&#8220; ab Januar ein zunehmend h\u00e4ufiges Thema. Die &#8222;Unausweichlichkeit&#8220; der sinnleeren Veranstaltung wird zwar beflissen bedauert, aber es gibt interessante Strategiediskussionen und am Tag der Tage nat\u00fcrlich Sondersendungen &#8211; und immer wieder Witze \u00fcber die punktgenaue &#8222;Revolution nach Terminkalender&#8220;.<\/p>\n<p>Ein lieber Freund, dem das ganze Geschehen wirklich in der Seele weh tut, fragt, warum eigentlich die Justiz nicht sch\u00e4rfer reagiert, z.B. gegen\u00fcber den Verhafteten den m\u00f6glichen Strafrahmen st\u00e4rker aussch\u00f6pft. Auch das ist ein Teil der allgemeinen Akzeptanz dessen, was da so sinnlos sich vollzieht &#8211; und ich finde es eigentlich einsichtig, dass nicht versucht wird, mit juristischen Mitteln, mit langen Gef\u00e4ngnisstrafen und all ihren lebenszerst\u00f6renden Folgen hier &#8222;Pr\u00e4vention&#8220; zu betreiben. Ein bisschen k\u00e4me mir das vor, als w\u00fcrde das Publikum im Theater die Schauspieler f\u00fcr die Verbrechen in einem Shakespeare-Drama zur Verantwortung ziehen. Das ist vielleicht ein bisschen \u00fcberspitzt gesagt, aber mein Gef\u00fchl geht in die Richtung: diese Randale ist kein Privatzoff einiger Irrer, sondern Ritual einer ganzen Gesellschaft. Ein Ausbruch des Irrationalen, der umso weniger &#8222;ausfallen&#8220; kann, je weniger uns rational zur &#8222;Lage der Welt&#8220; noch einf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Muss ich das ausf\u00fchren? Die \u00fcblichen Schlagworte ein weiteres Mal aneinander reihen? Ich glaube nicht. Jede Leserin und jeder Leser wei\u00df, was ich meine, wenn es auch jeder f\u00fcr sich etwas anders formulieren w\u00fcrde. Mit Vernunft allein scheint man nirgends mehr viel ausrichten zu k\u00f6nnen, egal, welches Problemfeld man in den Blick nimmt. Und so sehr wir uns auch dagegen wehren m\u00f6gen: der Kampf aller gegen alle wird h\u00e4rter, sowohl im Bereich des individuellen Berufslebens als auch im politischen Gro\u00dfraum, wo der Krieg als Mittel der Politik wieder m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Das rechtfertigt nicht die rituelle Gewalt auf den Stra\u00dfen in Kreuzberg. Aber es macht die Wurzeln der Gef\u00fchle verst\u00e4ndlicher, aus denen die gar nicht so heimliche Akzeptanz der &#8222;Mai-Festspiele&#8220; erw\u00e4chst &#8211; die dieses Mal \u00fcbrigens unter das Motto &#8222;Macht verr\u00fcckt, was Euch verr\u00fcckt macht!&#8220; gestellt waren.<\/p>\n<p>Etwas Positives zum Schluss? Berlin hat ja nicht nur den Mai-Zoff im Terminkalender: Demn\u00e4chst findet der &#8222;Karneval der Kulturen&#8220; statt, ein wunderbar buntes Multi-Kulti-Festival im Geiste von Frieden und V\u00f6lkerfreundschaft. Ebenso sch\u00f6n der schwul-lesbische Christopher-Street-Day und im Juli dann der ber\u00fchmte Mega-Event, die Love-Parade. Das Irrationale hat auch seine hellen Seiten, sogar mit deutlich mehr Terminen. Hoffen wir also auf gutes Wetter!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wundert niemanden wirklich, dass auch dieser 1.Mai in Berlin &#8222;wie immer&#8220; verlief: Randale in Kreuzberg, kaputte Scheiben, brennende Autos, ein gepl\u00fcnderter Supermarkt und von Stein- und Flaschenw\u00fcrfen Verletzte auf beiden Seiten. 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