{"id":2717,"date":"2002-05-06T10:53:01","date_gmt":"2002-05-06T08:53:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2717"},"modified":"2019-01-20T10:55:35","modified_gmt":"2019-01-20T09:55:35","slug":"in-der-langen-weile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/05\/06\/in-der-langen-weile\/","title":{"rendered":"In der langen Weile"},"content":{"rendered":"<p>Alles bl\u00fcht, auch die B\u00e4ume direkt unter meinem Fenster im zweiten Stock. Der Duft der vielen Bl\u00fcten, der unscheinbaren genauso wie der der in Sch\u00f6nheit auff\u00e4lligen, hat etwas Verst\u00f6rendes, Aufr\u00fchrendes. Er trifft mich in einer Tiefe, die vom Denken nichts wei\u00df. Die unerm\u00fcdliche Gro\u00dfhirnrinde, die es einfach nicht schafft, sich heraus zu halten, versucht trotzdem, die Botschaft zu \u00fcbersetzen: Hey, es gibt ein anderes Leben! Das RICHTIGE Leben, von dem das deine nur ein schwacher Abklatsch ist. Der Regenwurm, der sich genie\u00dferisch durch die feuchte Erde w\u00fchlt &#8211; welche Intensit\u00e4t mag er als reines Fre\u00df- und Ausscheidungswesen sp\u00fcren, ungetr\u00fcbt von Gedanken und Aufgaben, ohne Zukunft? Oder die Kr\u00e4he, die mit elegantem Schwung auf der Laterne landet und die Passanten beobachtet, ob sie nicht etwas fallen lassen &#8211; sie kennt keine Zweifel, keine Bedenken, keine Langeweile, sie wei\u00df, was sie tun muss und es macht ihr sichtlich Spa\u00df.<\/p>\n<p>Die D\u00fcfte des Fr\u00fchlings lassen mich ahnen, wie es w\u00e4re, kein Mensch zu sein. Oder ein Meister des DAO, der tut, was kommt, und gewiss nicht fr\u00fchmorgens die innere To-Do-Liste abklappert, alles &#8222;in Erw\u00e4gung zieht&#8220;, nach Dringlichkeit einstuft und Gr\u00fcnde sucht, dies alles noch ein bisschen weg zu schieben &#8211; weg? Wohin? Vor allem: wof\u00fcr?<\/p>\n<p>In diesen Fr\u00fchlingstagen f\u00fchle ich die Absurdit\u00e4t meines Verhaltens mehr als sonst. Freiheit &#8211; so scheine ich es mit der Muttermilch eingesogen zu haben &#8211; ist die Abwesenheit von Zwang. Zwang ist alles, was man tun MUSS, und letztlich ist fast alles Tun darauf gerichtet, diese Zw\u00e4nge zu &#8222;erledigen&#8220;. Dabei ist es letztlich egal, ob ich die einzelnen Aufgaben gerne tue oder nicht. Oft genug ist es mir gelungen, genau das zu &#8222;verkaufen&#8220;, was mir &#8211; als reines Tun betrachtet &#8211; die gr\u00f6\u00dfte Freude macht. Und jedes Mal kann ich sehen, dass die Verbindlichkeit selbst, das Versprechen &#8222;Ja, ich werde das tun&#8220; diese seltsame Haltung aufruft, die sich wie eine H\u00fcrde vor die Dinge stellt, mich vom Leben &#8222;im Fluss&#8220; trennt.<\/p>\n<p>Was ist das? Kann ich irgend etwas tun, um es zu ver\u00e4ndern? Bis jetzt sieht es nicht so aus, ja, es wird immer weniger wahrscheinlich, je mehr ich mich in das Geschehen versenke. Ich lerne von den Erfolgen, die mein Herangehen zeitigt, lerne, dass es SO nicht geht. Immer wieder erreiche ich n\u00e4mlich den &#8222;Freiraum&#8220;: alles Wichtige ist abgearbeitet, nichts dr\u00e4ngt mich &#8211; und dann? Dann kann ich zusehen, wie mein innerer Arbeiter sich neue Aufgaben ausdenkt, wunderbare Vorhaben und Projekte, die sogar echte Chancen auf Verwirklichung h\u00e4tten, wenn&#8230; ja, wenn ich nicht erkennen w\u00fcrde, dass hier gerade neues Material f\u00fcr die To-Do-Liste entsteht, das morgen ganz genauso, wie das eben erst &#8222;erledigte&#8220;, etwas sein wird, das ich ganz gerne noch ein wenig vor mir her schiebe.<\/p>\n<p>Also sitze ich es aus, verharre in der langen Weile, \u00f6ffne vielleicht mal die Balkont\u00fcr und schaue in die Welt &#8222;da drau\u00dfen&#8220;: Hm, naja, nichts lockt, nichts fordert, nichts \u00e4ngstigt, ich stehe da, erlebe das Wetter, h\u00f6re die Ger\u00e4usche der Stadt &#8211; und bald schon sagt eine innere Stimme: Und was jetzt? Ich schlie\u00dfe die T\u00fcr also wieder, setze mich vor den Monitor, ein Doppelklick auf die &#8222;Netzwerkverbindung&#8220; \u00f6ffnet das Tor zur virtuellen Welt. E-Mails rieseln herein, Werbung und Viren fallen der Entfernen-Taste zum Opfer, die verbliebenen Nachrichten \u00fcberfliege ich &#8211; da schreibt mir jemand, den ich nicht kenne, etwas, das ich nicht verstehe. Warum sagt er mir das? Was will er? Warum meint er, mir das berichten zu m\u00fcssen? Ich klicke auf &#8222;Antworten&#8220; und beginne, eine halbwegs freundliche Nachfrage zu formulieren &#8211; mitten drin erinnere ich mich, dass ich BIN, und dass ich gerade wieder eingeschlafen war. Warum um Himmels Willen tippe ich Mails an unbekannte Menschen, die mir unverst\u00e4ndliche Dinge mitteilen? Klick und weg, meine angefangene Botschaft verschwindet im Nichts &#8211; und ich sitze ebenfalls wieder in einer Art &#8222;Nichts&#8220; fest, in dieser seltsamen Ratlosigkeit, die mir dennoch als pers\u00f6nlich wachste Wachheit erscheint. Unangenehm, ohne &#8222;Linie&#8220;, das dr\u00e4uende &#8222;ES GIBT&#8220; des Seins, das Gewahrsein der schieren Eksistenz &#8211; ach, es in philosophische Worte zu packen ist auch nur ein kurzes Am\u00fcsement, das mich keinesfalls rettet.<\/p>\n<p>Also wieder aufgestanden, ein wenig gehe ich im Zimmer umher, schau mal r\u00fcber, was mein Lebensgef\u00e4hrte gerade tut. Er liest und hat offensichtlich in der n\u00e4chsten Zeit auch nichts anderes vor. Oh ja, B\u00fccher sind die sch\u00f6nste Form der &#8222;Rettung&#8220;. Mangels einer irgend wie gearteten &#8222;L\u00f6sung&#8220; des zwanglosen Daseins im Nichts verabschiedet man die Aktualit\u00e4t zugunsten einer guten Geschichte, in der man sich ganz verliert. Zumindest das verliert, was sich langweilt, das immer fragt &#8222;und jetzt?&#8220; Um aber lesen zu k\u00f6nnen, bedarf es physischer Ruhe und guten Lesestoffs, durch dessen Zeilen und Seiten der Charakter des &#8222;Nur-Zeit-Totschlagens&#8220; nicht allzu deutlich hervorschimmert. Also vielleicht mal ein Spaziergang um den Block &#8211; oder das Fitnetss-Center, das Laufband, das mir &#8222;Bewegung&#8220; vermittelt, und danach die Sauna, die durch die schiere Hitze den K\u00f6rper derart belastet, dass ich endlich in der Lage bin, f\u00fcr kurze Zeit am &#8222;reinen Gewahrsein&#8220; Gen\u00fcge zu finden.<\/p>\n<p>Mein Gott, was f\u00fcr ein absurdes Theater! Manchmal nehmen die Gedanken dann den Weg des schlechten Gewissens. Lebe ich hier nicht wie die Made im Speck? Mit Zentralheizung, gro\u00dfen Zimmern, Kachelbad, hei\u00dfem Wasser aus der Wand und freier Auswahl an guten und sogar gesunden Lebensmitteln? Wieviele Milliarden Menschen auf der Welt w\u00fcrden mich beneiden? Strampeln sich lebenslang ab, ohne auch nur das N\u00f6tigste zu haben, k\u00e4mpfen in den Kriegen und Gulags dieser Welt ums t\u00e4gliche \u00dcberleben? Bin ich nicht der Gipfel der Bosheit und Ignoranz, hier auch nur f\u00fcr Minuten in der Betrachtung der Langeweile zu verharren, anstatt irgend einen Weg zu finden, ihnen zu helfen?<\/p>\n<p>Aber wie? Kann ich mir ein soziales oder politisches Engagement w\u00e4hlen wie einen Song in der Musicbox? Leider nicht, ich kann&#8217;s nicht zwingen. Diese Gedanken und Gewissensbisse kulminieren genauso in Ideen und Vorhaben, die mich f\u00fcr dieselbe kurze Zeit aus meinem seltsamen Zustand rei\u00dfen wie die eher eigenn\u00fctzigen Initiativen. Binnen kurzem verlieren sie ihre Leuchtkraft, ihren schwachen Draht zur Motivation, wenn n\u00e4mlich offensichtlich wird, dass auch das nur Methoden sind, aus der langen Weile zu entfliehen. Diesmal auf dem Vehikel der Moral.<\/p>\n<p>Was ist schlecht daran, zu fl\u00fcchten? Kann man das \u00fcberhaupt &#8222;Flucht&#8220; nennen, ist das nicht eher das ganz normale Leben? Schlie\u00dflich sind wir nicht auf der Welt, um still an die Wand zu starren und zu schauen, wie der Geist damit zu Recht kommt oder auch nicht!<\/p>\n<p>Das ist der letzte Gedanke, der mir dann immer kommt. Agressivit\u00e4t, ein Grundimpuls des \u00dcberlebens, Trotzreaktion, Rechtfertigung dessen, was offenbar nicht ge\u00e4ndert werden kann, Umdefiniton einer gef\u00fchlten Frage in eine schnelle, nach allen Seiten leicht abzusichernde &#8222;sinnvolle&#8220; Antwort.<\/p>\n<p>Und dann wende ich mich der To-Do-Liste zu. Wie jetzt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles bl\u00fcht, auch die B\u00e4ume direkt unter meinem Fenster im zweiten Stock. 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