{"id":2716,"date":"2002-05-13T10:47:55","date_gmt":"2002-05-13T08:47:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2716"},"modified":"2019-01-20T10:49:49","modified_gmt":"2019-01-20T09:49:49","slug":"die-oder-der-vergessene-fluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/05\/13\/die-oder-der-vergessene-fluss\/","title":{"rendered":"Die Oder, der vergessene Flu\u00df"},"content":{"rendered":"<p>Achtzig Kilometer sind es von Berlin bis zur Oder. Der Kontrast zur Stadt k\u00f6nnte nicht gr\u00f6\u00dfer sein: eine kilometerbreite Auenlandschaft, aus dem Wasser ragende Weidenw\u00e4ldchen und Geb\u00fcsche, m\u00e4andernde Nebenarme, T\u00fcmpel, Weiher, S\u00fcmpfe und fette Wiesen, alles bl\u00fcht, summt, duftet und wiegt sich t\u00e4nzerisch im Wind. Dr\u00fcben auf der polnischen Seite ein breiter G\u00fcrtel wegloses Schilf, dahinter W\u00e4lder. Der Blick sucht ganz aus alter Gewohnheit die \u00fcblichen Wunden und Schr\u00fcnde megalomaner Menschenarbeit &#8211; nichts!<\/p>\n<p>Seeadler kreisen hoch \u00fcber dem Fluss, elegante Graureiher strecken ihre schmalen Schn\u00e4bel in die Luft, St\u00f6rche stolzieren gem\u00fctlich durch den \u00dcberfluss, der sich ihnen in den stehenden Wassern anstrengungslos darbietet: Hunderttausende Fr\u00f6sche und Kr\u00f6ten konzertieren lautstark ihre Erregungszust\u00e4nde. Kaum verebbt das Geckern und Quaken in dem einen Weiher, hebt es umso beeindruckender in einem anderen wieder an. Ich muss an Nachrichten denken, wie sie sich wellenf\u00f6rmig \u00fcber verschiedene Medienkonglomerate immer wieder hochschaukeln &#8211; den Fr\u00f6schen nehme ich die Geilheit nicht \u00fcbel, die aus ihnen schreit.<\/p>\n<p>Ich spaziere auf dem Damm entlang &#8211; ach ja der Damm, das gro\u00dfe Werk. W\u00e4re er nicht errichtet worden, w\u00fcrde sich diese Wildnis zwanzig Kilometer in Richtung Berlin erstrecken, den &#8222;Oderbruch&#8220; g\u00e4be es nicht. Ein flacher, tief liegender Streifen fetter Erde, f\u00fcr Brandenburg eine Seltenheit. In Abst\u00e4nden hingeduckt altert\u00fcmliche b\u00e4uerliche Anwesen, teils verlassen und verfallen, aber auch lebendige darunter. Wahre Idyllen f\u00fcr das Auge des St\u00e4dters, Fachwerkh\u00e4user in beige und braun, marode Schuppen, nicht ganz ernst gemeinte Z\u00e4une um bl\u00fchende G\u00e4rten &#8211; RICHTIGE G\u00e4rten, nicht so etwas Aufger\u00e4umtes, Rasenm\u00e4her-gepflegtes wie in den stadtnahen Einfamilienh\u00e4usern der Pendler.<\/p>\n<p>Und sonst? Nichts. Das hat mich schon immer gewundert, seit ich die Oder das erste Mal sah. Keine Yachten und Tretboote, kein Kanu-Sport, kein Wasserwandern, man muss schon ein paar Stunden warten, bevor mal ein Schiff vorbei kommt &#8211; und das ist dann ein kleiner Transporter, keinesfalls ein Ausflugsschiff. Auch kein &#8222;Strandleben&#8220; an den Ufern, keine Caf\u00e9s, nirgends Restaurants oder gar musikbeschallte Bierg\u00e4rten &#8211; und, das wundert fast noch mehr &#8211; auch kein &#8222;\u00d6kotourismus&#8220;. Kein Naturlehrpfad ruft mir Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen in Erinnerung, kein Infocenter belehrt \u00fcber die hier noch erhaltene Tier- und Pflanzenwelt und legt rote Listen aus. Mein Gott, wo bin ich hier? Eine richtige Wildnis mit allem Drum und dran eine gute Stunde vor Berlin &#8211; und v\u00f6llig ignoriert!<\/p>\n<p>Der Rhein, dieser voll-betonierte Abwasserkanal, wird immer noch heftig besungen, Elbe, Donau und Spree sind dichterisch und touristisch in aller Munde, die letzten paar Meter ihrer urspr\u00fcnglichen Auenlandschaften werden mit Klauen und Z\u00e4hnen als letzte Refugien der Natur gesch\u00fctzt und gepriesen &#8211; hier an der Oder erstrecken sich wild-belassene Weiten von K\u00fcstrin\/Kostrzyn bis ins vielfach verzweigte M\u00fcndungsdelta, man k\u00f6nnte tagelang auf dem Damm wandern. Warum tut &#8222;man&#8220; es nicht?<\/p>\n<p>Deutsche Geschichte. Oder-Neisse-Grenze. Dr\u00fcben der Feind &#8211; ist es das? Immerhin waren Polen und die DDR &#8222;befreundet&#8220; &#8211; warum ist dieser Grenzfluss dennoch so sehr Grenze geblieben? Eine Grenze, von der man sich abwendet, als wolle man vergessen, dass es ein &#8222;dr\u00fcben&#8220; gibt?<\/p>\n<p>Ich stehe am \u00e4u\u00dfersten Rand der EU und schaue nach &#8222;dr\u00fcben&#8220;. Der Fluss flie\u00dft ruhig aber geschwind, hier ist gewiss keine Stelle, an der nachts die Illegalen her\u00fcber kommen. Weit und breit kein Bundesgrenzschutz, vielleicht ist es ja nachts anders. &#8222;Wenn sie beigetreten sind, schauen wir mal, was auf der anderen Seite ist&#8220;, sagt mein Lebensgef\u00e4hrte. Warum eigentlich erst dann? Der Personalausweis reicht, &#8222;sie&#8220; nehmen sogar Euro. Was hindert uns, mal eben &#8218;r\u00fcber&#8220; zu gehen?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df es nicht, aber ich f\u00fchle es auch.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Achtzig Kilometer sind es von Berlin bis zur Oder. 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