{"id":2715,"date":"2002-05-15T10:45:36","date_gmt":"2002-05-15T08:45:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2715"},"modified":"2024-02-29T20:14:58","modified_gmt":"2024-02-29T19:14:58","slug":"die-ganz-normale-korruption","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/05\/15\/die-ganz-normale-korruption\/","title":{"rendered":"Die ganz normale Korruption"},"content":{"rendered":"<p>Schon im Wort selber schwingt Entr\u00fcstung mit: KORRUPTE Politiker! Kann man das auch ganz emotionslos sagen? So wie &#8222;Baugenehmigung&#8220; oder &#8222;Evolutionsvorsprung&#8220;? Eher nicht, beim Aussprechen oder Niederschreiben stellt sich im Gegenteil die Gier ein, noch eins drauf zu setzen: Widerlich-korrupte Politiker-Bande! Schamlose Selbstbereicherung! \u00dcbelster Spendensumpf! Und je mehr man um Worte ringt, desto gr\u00f6\u00dfer wird die Entr\u00fcstung. Die ansonsten bel\u00e4chelten Schlagzeilen der BILD-Zeitung k\u00f6nnen jetzt gar nicht gro\u00df genug sein, gewaltige Lettern schreien die eigentlich nie richtig neue Wahrheit quer \u00fcber die Stra\u00dfe: KORRUPTION! Und auf einmal ist das gut so.<!--more--><\/p>\n<p>Zu Forschungszwecken lege ich den Mantel der Unber\u00fchrbarkeit ab, den der mit allen Wassern gewaschene State-Of-the-Art-Mensch heute zum Mithalten braucht, und schaue, was darunter ist. Woher diese Emotionalit\u00e4t? Warum erzeugen Nachrichten aus dem Spenden- und Bestechungswesen eine Gef\u00fchlstiefe, mit der sonst nur Konflikte im Reich pers\u00f6nlicher Beziehungen mithalten k\u00f6nnen? Woran ENTZ\u00dcNDET sich diese Emp\u00f6rung?<\/p>\n<p>Um das heraus zu finden, stelle ich mir die Vorg\u00e4nge ganz konkret vor. Da sind also Menschen in anstrengenden politischen \u00c4mtern, andere sitzen an einflussreichen Stellen in der Verwaltung und steuern komplexe Vorhaben. Ihr Job ist Kampf von morgens bis abends. Sie haben es st\u00e4ndig mit Personen und Gruppen zu tun, die all ihre Macht einsetzen, um etwas zu bekommen oder etwas zu verhindern. Der Versuch, mit Beteiligten und Betroffenen \u00fcber die jeweiligen Sachen &#8222;ganz sachorientiert&#8220; zu reden, erweist sich schnell als Gipfel der Naivit\u00e4t. Keinem geht es um &#8222;die Sache&#8220;, sondern allein darum, ob diese Sache ihm n\u00fctzt oder schadet. Das gilt auf jeder Ebene, nicht nur dort, wo gemeinhin &#8222;die M\u00e4chtigen&#8220; aktiv werden. Jede B\u00fcrgerinitiative, die eine Flughafenerweiterung verhindern oder eine Kr\u00f6tenart vor der Autobahn sch\u00fctzen will, ist ebenso Lobby f\u00fcr Partikularinteressen wie diejenige der \u00c4rzteschaft, der Pharmaindustrie oder der Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Politiker und Beamte sind in diesem Zirkus Maximus die EINZIGEN, die f\u00fcrs Allgemeinwohl einstehen und selbstlos den Ausgleich der Interessen gegen alle Widerst\u00e4nde durchsetzen sollen. Qua Amt haben sie uneigenn\u00fctzig zu sein, inmitten vieler Fronten aus unverstellter, ja allseits akzeptierter Eigenn\u00fctzigkeit. Es gibt nur einen einzigen Job, der mit diesem Anforderungsprofil verglichen werden kann, das ist der katholische Priester, der im Z\u00f6libat leben muss &#8211; inmitten einer Welt, in der der Porno aus allen Ecken st\u00f6hnt. Wenn allerdings die katholische Priesterschaft dem Zwangs-Z\u00f6libat im realen Leben nicht gen\u00fcgen kann, ruft man nach dessen Aufhebung. Wer aber k\u00f6nnte oder wollte die verordnete Uneigenn\u00fctzigkeit der Politiker und Beamten aufheben? Sie ist strukturell unverzichtbar, damit unser t\u00e4glicher Kampf aller gegen alle nicht in kalten oder hei\u00dfen B\u00fcrgerkrieg ausartet.<\/p>\n<p>Die Bezahlung, die man in diesen Berufen zu erwarten hat, erscheint dem Durchschnittsverdiener als ganz ordentlich. Die Arbeitsbedingungen allerdings weichen weitm\u00f6glichst von dem ab, was Gewerkschaften, Psychologen oder \u00c4rzte unter einem menschenw\u00fcrdigen Arbeitsplatz verstehen w\u00fcrden. Allein schon die Arbeitszeiten, das Wegschrumpfen des Privatlebens, das stete Beobachtet- und Kritisiert-Werden! Lehrer &#8222;brennen aus&#8220;, weil sie f\u00fcnf halbe Tage pro Woche Aug in Aug mit einer Bande renitenter, Jugendlicher zubringen m\u00fcssen &#8211; glaubt man eigentlich, in den Haifischteichen der Interessenvertreter sei es vergleichsweise gem\u00fctlich?<\/p>\n<p>Das Image, dass Politikern und Beamten anhaftet, kann wohl kaum als motivierend gelten &#8211; was also geschieht, wenn sich der Einzelne die wichtigste Frage all der Anderen stellt, von denen er t\u00e4glich umgeben ist: Was habe ICH davon?<\/p>\n<p>Je umk\u00e4mpfter der jeweilige Kuchen ist, den ein Amtstr\u00e4ger zu verteilen hat, desto wertvoller wird der Vorteil, das St\u00fcck vom Kuchen, dass er diesem oder jenem Akteur letztlich zukommen l\u00e4sst. Er verteilt Hunderttausende, Millionen oder auch mal Milliarden, immer nach einem z\u00e4hen Ringen, unter Hauen und Stechen. Bei den Gewinnern knallen die Sektkorken, sie bekommen Beifall von ihrer Klientel und sonnen sich in ihren Erfolgen, w\u00e4hrend die Verlierer ihre pers\u00f6nliche und publizistische Macht entfalten, um ihn in die Pfanne zu hauen, ihn anzuschw\u00e4rzen, an seinem Stuhl zu s\u00e4gen &#8211; eine Gelegenheit, die Konkurrenten in den eigenen Reihen als willkommene Vorlage f\u00fcrs eigene Wirken nutzen.<\/p>\n<p><strong>Sch\u00f6ner Job, nicht?<\/strong> Und wie finde ich jetzt zur\u00fcck zur Entr\u00fcstung und Emp\u00f6rung, die ich eigentlich ergr\u00fcnden wollte? Ich war selber schon zu nahe dran, als dass ich mich darauf zur\u00fcckziehen k\u00f6nnte, zu sagen: Sie wollen es ja nicht anders, man muss schon ein bisschen krank, irre oder mindestens machtgeil sein, um freiwillig in solche Positionen zu geraten. Am Anfang eines Politikerlebens steht meist der Wille, etwas mitzugestalten, Missst\u00e4nde zu bek\u00e4mpfen, etwas Neues und Besseres zu realisieren. Frischfr\u00f6hlich begibt sich der Aktivist zwischen die M\u00fchlsteine und bemerkt recht schnell, dass schon die kleinste \u00c4nderung (und sei sie noch so sinnvoll!) viele Jahre W\u00fchlarbeit, kleine und gro\u00dfe K\u00e4mpfe erfordert &#8211; wenn nicht zuf\u00e4llig gerade eine &#8222;Bewegung&#8220; inklusiv Steinewerfereinsatz die Verh\u00e4ltnisse verfl\u00fcssigt oder gar Amokl\u00e4ufer gewisse Gesetzes\u00e4nderungen unfreiwillig erleichtern. Zynismus ist Berufskrankheit und verklebt schon bald die Seele wie die schwarze Pest , aber nach au\u00dfen muss man &#8222;ehrlich engagiert&#8220; wirken, jeden Tag neu und immer mit dem passenden Fotografiergesicht. (Eine Burka f\u00fcr Politiker w\u00e4re vermutlich eine gro\u00dfe Erleichterung!)<\/p>\n<p><strong>&#8222;Was habe ICH davon?&#8220;<\/strong> Dass diese Frage von nicht wenigen irgendwann ganz praktisch beantwortet wird, indem sie sich (oder der eigenen Partei) einen &#8222;Anteil am Vorteil&#8220; genehmigen, den sie immer nur an Andere verteilen &#8211; wundert mich das wirklich? Bin ich dar\u00fcber EMP\u00d6RT? Nicht die Bohne! Im Gegenteil, ich finde es nach diesen kurzen \u00dcberlegungen eher verwunderlich und erforschenswert, wie es manchen gelingt, trotz allem auf geraden Pfaden zu wandeln und den Versuchungen NICHT zu erliegen.<\/p>\n<p>Seltsamerweise bedeutet das nicht, dass ich beim n\u00e4chsten &#8222;Skandal&#8220;, bei der n\u00e4chsten Enth\u00fcllung nicht wieder schwer entr\u00fcstet bin &#8211; wie das? Tja, offensichtlich ist es nicht, wie es auf den ersten Blick scheint, die gerechte Emp\u00f6rung \u00fcber das korrupte Verhalten einzelner Funktionstr\u00e4ger, sondern letztlich der \u00c4rger dar\u00fcber, davon nichts abbekommen zu haben. Ich f\u00fchle mich bestohlen, wenn &#8222;im Namen des Volkes&#8220; Pfr\u00fcnde verteilt und Provisionen kassiert werden, w\u00e4hrend ich selber wegen l\u00e4cherlicher Summen geharnischte Drohungen vom Finanzamt bekomme. Ja, dar\u00fcber reg&#8216; ich mich richtig auf. Aber mein \u00c4rger ist noch nichts im Vergleich zum \u00c4rger der Arbeiter und Angestellten, denen gleich \u00fcber die H\u00e4lfte vom Verdienst einbehalten wird, ohne dass sie &#8211; wie ich als Selbst\u00e4ndige &#8211; einen richtigen &#8222;Gestaltungsspielraum&#8220; in der Steuererkl\u00e4rung h\u00e4tten.<\/p>\n<p><strong>Werte ? Moral ? Sitten ?<\/strong> Diese Begriffe zeigen sich heute allzu offen als blo\u00dfe Beschw\u00f6rung, gerichtet an eine Mehrheit, die begriffen hat, dass Bescheidenheit und Ehrlichkeit keine Zierden mehr sind, sondern Dummheiten f\u00fcr Modernisierungsverlierer. Ganz demokratisch verh\u00e4lt sich &#8222;das Volk&#8220; heute so, wie fr\u00fcher nur die Machteliten, die schon immer gern Wasser predigten und es trotzdem nicht n\u00f6tig hatten, den Wein heimlich zu genie\u00dfen. Wir haben den Spie\u00df umgedreht. Und das Wasser brauchen wir nicht mehr &#8222;predigen&#8220;, sondern haben es in Gesetze gegossen, die unsere Volksvertreter und Amtswalter schlicht einzuhalten haben. Sie k\u00fcmmern sich ums Gemeinwohl und wir k\u00fcmmern uns um uns, das ist Arbeitsteilung. Und wehe, &#8222;die da oben&#8220; scheren aus der Rolle &#8211; sie sollen uns vertreten und verwalten, aber doch nicht sein wie wir!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon im Wort selber schwingt Entr\u00fcstung mit: KORRUPTE Politiker! Kann man das auch ganz emotionslos sagen? So wie &#8222;Baugenehmigung&#8220; oder &#8222;Evolutionsvorsprung&#8220;? Eher nicht, beim Aussprechen oder Niederschreiben stellt sich im Gegenteil die Gier ein, noch eins drauf zu setzen: Widerlich-korrupte Politiker-Bande! Schamlose Selbstbereicherung! \u00dcbelster Spendensumpf! 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