{"id":2713,"date":"2002-05-31T10:38:40","date_gmt":"2002-05-31T08:38:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2713"},"modified":"2019-01-20T10:40:12","modified_gmt":"2019-01-20T09:40:12","slug":"wenn-die-worte-versiegen-urlaub-im-hier-jetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/05\/31\/wenn-die-worte-versiegen-urlaub-im-hier-jetzt\/","title":{"rendered":"Wenn die Worte versiegen: Urlaub im hier &#038; jetzt"},"content":{"rendered":"<p>Seit Tagen bin ich unf\u00e4hig, eine Zeile zu schreiben. Setze mich &#8211; wie gerade wieder &#8211; morgens vor den PC, beginne einen Halbsatz, starre auf die paar Worte, die die Seite verunreinigen wie Fliegenschiss, und vergesse, was ich sagen wollte. Oder ich vergesse es nicht, doch es kommt mir auf einmal l\u00e4cherlich vor: Worte, mehr Worte, noch mehr Worte &#8211; wozu eigentlich? Schreiben ist Abstand halten vom Leben, und wenn es gut gelingt, ziehe ich auch andere hinab ins Schattenreich reiner Vorstellungen, dieses farblose &#8222;Leben anstatt&#8220;, nachdem wir alle so s\u00fcchtig sind.<\/p>\n<p>Ich glaube, es war am Montag, als ich mich mal wieder zwischen sechs ungef\u00e4hr gleich wichtigen bzw. unwichtigen Aktivit\u00e4ten nicht entscheiden konnte. Eins nach dem anderen taucht dann vor dem inneren Auge auf und eine Art Suchscheinwerfer checkt meine Gef\u00fchle zur Sache: hab ich LUST darauf? Winkt eine wie immer geartete Freude? Kann ich wenigstens einen Ehrgeiz befriedigen? Ist da vielleicht eine Angst, die mich antreibt? Und wenn keinerlei Resonanz erfolgt, dann wird das n\u00e4chste Thema eingeblendet und ganz genauso auf Handlungsbedarf untersucht. Dann das ganze wieder von vorne, mit der ersten M\u00f6glichkeit beginnend, es erinnert mich ans TV, wenn die Aktienkurse am unteren Bildrand durchlaufen, um den einen oder anderen Zuschauer zur Kaufentscheidung zu verlocken.<\/p>\n<p>Mehr als eine diffuse Angst im Hintergrund, die mir zu Recht sagt, ich m\u00fcsse ja doch irgend etwas tun, wenn mir mein Berufsleben mit all seinen Einkommenschancen noch etwas bedeutet, sp\u00fcre ich nicht. Und auch diese Angst ist kaum ein Gef\u00fchl, eher ein Gedanke, ein Pflichtgedanke, der zur inneren Einrichtung geh\u00f6rt wie das Kaffee-Service mit den r\u00f6hrenden Hirschen irgendwo unten im Schrank, das man nicht wegzuwerfen vermag, solange die alte Tante noch lebt.<\/p>\n<p>Was ist nur los mit mir? Immer \u00f6fter zeigt sich mir die Welt auf diese Weise, als ein beliebiges Sammelsurium von Pl\u00e4nen und Pflichten, die ich irgendwie sortieren soll, Priorit\u00e4ten setzen, erfolgreich abarbeiten, und dann? Das n\u00e4chste bitte! Ich kann zusehen, wie ich ohne Not neue Vorhaben ins Leben rufe, mich hier oder dort zu diesem und jenem verpflichte, ohne dazu gezwungen zu sein, ja, oft sogar, ohne daf\u00fcr bezahlt zu werden &#8211; warum tu&#8216; ich das? Wenn mir dies alles sowieso schon als seltsames Schattenreich aus Zeichen und Bildern erscheint, warum setze ich immer noch eins drauf?<\/p>\n<p>Vielleicht ist es besser, mich vom Monitor zu entfernen? &#8211; so dachte ich jedenfalls am Montag morgen, stand vom Stuhl auf, \u00f6ffnete die Balkont\u00fcr, blickte in den wolkigen Himmel, atmete ein paar Mal tief durch und setzte mich auf den Boden. Mich selber aussitzen, einfach abwarten, bis sich das Kopfkino beruhigt hat, in der Hoffnung, dass sich dann alles wie &#8222;von selbst&#8220; sortieren werde &#8211; so ungef\u00e4hr hatte ich es mir vorgestellt.<\/p>\n<p>Aber weit gefehlt! Mir schien, als beschleunigten sich die Gedanken noch, nun, da ich ihnen freie Bahn einger\u00e4umt hatte. Zu den sechs anstehenden Arbeiten fielen mir prompt noch f\u00fcnf andere ein, dazu die unz\u00e4hligen Kleinigkeiten, E-Mails, die geschrieben werden m\u00fcssen, anstehende Korrekturen an verschiedenen Webseiten, \u00dcberlegungen, ob ich nicht diese oder jene Seite lieber l\u00f6schen sollte, anstatt immer wieder veraltete Links zu erneuern, Erinnerungen an abgebrochene Gespr\u00e4che, als ich selber oder mein Gegen\u00fcber pl\u00f6tzlich in Aktivit\u00e4ten versackt war, ja, und nat\u00fcrlich sind da noch die Projekte, meine Werbe-Seite ist nun echt mal f\u00e4llig&#8230;<br \/>\nUnd dann &#8211; es gibt ja ein Leben neben der Arbeit! &#8211; all die Gedanken ans Elend der Welt, Israel und die Pal\u00e4stinenser, Kampf gegen den Terror, Saddams Massenvernichtungswaffen, K\u00fcrzungen im Berliner Haushalt, Streiks, steigende Arbeitslosigkeit, Entlassungen, Insolvenzen, Globalisierung, Wahlkampf &#8211; oh Gott, wer rettet mich davor, nun auch noch in diesen Themen-Ozean zu versacken?<\/p>\n<p>Nichts und niemand. W\u00e4hrend das Kopfkino zu Hochform aufl\u00e4uft, wird mir auf einmal klar, dass das immer so weiter gehen wird. All diese Gedankenbits werden sich weiter \u00fcberschlagen und gelegentlich wird mich etwas davon in Aktion versetzen. Nicht, weil ich etwa sinnvoll Priorit\u00e4ten setze, sondern weil der Reiz, die Idee, oder auch das, was droht, gerade besonders eindr\u00fccklich scheint, jedenfalls eindr\u00fccklicher als das zuvor oder sp\u00e4ter im Focus der Aufmerksamkeit befindliche. Nach au\u00dfen mag das durchaus wie &#8222;Priorit\u00e4ten setzen&#8220; wirken &#8211; umso leichter, als ja doch niemand zuschaut, denn jeder ist mit dem eigenen Kopfkino besch\u00e4ftigt. Tats\u00e4chlich ist da nichts au\u00dfer einem Getrieben-Sein, eine seltsame Unruhe, die sich als Langeweile manifestiert, wenn man sich &#8211; warum auch immer &#8211; mal nicht dem Gang der Dinge t\u00e4tig in die Arme werfen kann.<\/p>\n<p>Ich kann die Augen nicht mehr davor verschlie\u00dfen: Was ich tue oder lasse, was ich denke und schreibe, tu&#8216; ich zu gro\u00dfen Teilen nicht aus guten Gr\u00fcnden (Geld, Ruhm, Ehre, Welt-Retten), nicht einmal, um einem eigenen D\u00e4mon, einem Hobby, einer Marotte zu folgen, sondern ich rede, schreibe, plane, mache meistens deshalb, weil ich nicht anders kann, weil gar keine Alternative zur Verf\u00fcgung steht. Aufh\u00f6ren ist undenkbar, denn es gibt kein Diesseits des rechnenden Denkens, allenfalls Pausen, Entspannungs\u00fcbungen, kleine Fluchten &#8211; allesamt dadurch gerechtfertigt, dass sie &#8222;notwendig&#8220; sind, um den Status Quo zu erhalten, das Dasein &#8222;um-zu&#8220;: wenn man jeweils am Ziel angekommen ist, ist dort gar nichts, nichts au\u00dfer der n\u00e4chsten Aufgabe.<\/p>\n<p>&#8222;Du spinnst!&#8220;, sag&#8216; ich mir, bzw. sagte ich mir am Montagvormittag, als ich so auf dem Boden sa\u00df und mich ernsthaft fragte, ob ich denn SO noch Jahrzehnte zubringen will: als Reality-Zapper ohne echtes Engagement, ziellos leer laufend im rasenden Stillstand.<\/p>\n<p>Nun, ich wollte es ja &#8222;aussitzen&#8220;: in meinem Kopfkino sitz&#8216; ich immerhin in der ersten Reihe. Einfach die Gedanken in aller Gelassenheit und ohne Bewertungen wahr nehmen &#8211; irgend wann w\u00fcrde der Strom schon ruhiger werden, nach und nach langsamer flie\u00dfen, vielleicht g\u00e4be es dann Momente der Stille, in die &#8211; toi toi toi! &#8211; visionsartig einfallen w\u00fcrde, was wichtig und richtig ist. Mehr noch: Was LEUCHTET, was warm und farbig das Herz ber\u00fchrt!<\/p>\n<p>Denkste! An diesem Morgen hatte ich bereits drei Tassen (P\u00f6tte!) Milchkaffee intus, dazu bestimmt schon zehn Zigaretten &#8211; auf n\u00fcchternen Magen, versteht sich, ich fr\u00fchst\u00fccke normal erst mittags. Mein Herz schlug schneller, ich zappelte herum, wippte mit dem Fu\u00df, zwirbelte die Haut am Fingernagelbett bis es weh tat; es dr\u00e4ngte mich, nun endlich aufzustehen, mich wieder &#8222;ins Cockpit&#8220; zu setzen und mir eine anzustecken, damit der kurze Nikotin-Flash wenigstens f\u00fcr einen Moment fragloses Wohlgef\u00fchl erzeugen m\u00f6ge: Ohhhhh, Einheit von K\u00f6rper und Geist! Dass meine Bronchien von dieser Art Einheit gerade wahrhaftig genug hatten, war zu h\u00f6ren und zu f\u00fchlen, aber offensichtlich spielte das keine Rolle.<\/p>\n<p>Warum das alles? Und wie lange noch? Ich war auf einmal ziemlich entsetzt. Nicht, weil ich mich entgegen aller Vernunft mit Giften besch\u00e4dige, auch nicht, weil ich vor irgendwelchen Lehrern, Partnern, Weltbildern oder h\u00fcbschen Gedankengeb\u00e4uden \u00fcber ein gesundes Leben in einer besseren Welt gnadenlos versage &#8211; nein, ich sah auf einmal die Sinnlosigkeit, das Immer-Weiter-So, das Wiederholen des Immer-Selben.<\/p>\n<p>Nichts von all den vielen Dingen, zwischen denen ich hin- und hergerissen bin, haut&#8216; mich noch wirklich vom Hocker. Nichts mehr l\u00e4sst mich fasziniert den Spuren folgen und jeden Einsatz bringen. Nichts scheint mehr so drohend, dass es mir einen richtigen Schreck, eine ordentliche Angst einjagen, mich also in Bewegung versetzen k\u00f6nnte &#8211; und dennoch bin ich immer in (mentaler!) Bewegung, MUSS in Bewegung sein, muss st\u00e4ndig zwischen den 10.000 Dingen w\u00e4gen und w\u00e4hlen. Kann vielleicht &#8211; als einziger Notnagel &#8211; dar\u00fcber schreiben, um mich wenigstens ein bisschen als Mensch zu f\u00fchlen, als GANZES, das zumindest in der Lage ist, die Lage zu SEHEN, in der es da zappelt.<\/p>\n<p>Das immerhin war noch m\u00f6glich. Ich sah mich auf einmal ganz klar: Fast immer &#8222;Probleme bedenkend&#8220;, dar\u00fcber redend, lesend und schreiben. Sicher, ich mach&#8216; auch Yoga, gehe sogar ins Fitness-Center, mag Spazierg\u00e4nge, &#8211; aber das Gef\u00fchl des &#8222;Heimkommens&#8220;, das mein Yogalehrer nahe legt, wenn wir uns auf den K\u00f6rper konzentrieren, f\u00fchle ich eher dann, wenn ich mich an den Computer setze. Das ist der Ort, von dem aus ich &#8222;meine Welt&#8220; gestalte, erhalte und verwalte, wo mir all&#8216; meine Ressourcen und die vieler anderer zur Verf\u00fcgung stehen, wo ich &#8222;in Kontakt bin&#8220;, zumindest &#8222;der M\u00f6glichkeit nach&#8220;, eben so, wie das Virtuelle in diesem Leben vorhanden, bzw. nicht vorhanden ist und trotzdem voller Kraft: der Kraft n\u00e4mlich, alles andere restlos zu verschlingen.<\/p>\n<p>F\u00fchlt Euch nicht auf der sicheren Seite, ihr Freunde des Buches und der &#8222;Papers&#8220;. Sich zur\u00fcck lehnen und in einen interessanten Essay versinken, auf der Couch liegen und die Welt \u00fcber einem vielschichtigen Krimi vergessen &#8211; auch das ist kein Leben, sondern ist &#8222;Lesen \u00fcber das Leben&#8220;. Es braucht keinen Computer, um sich im eigenen Kopf zu verlieren &#8211; ich mach&#8217;s auch gern per Buch, wie meine Leseliste beweist.<\/p>\n<p>Am Montag jedenfalls hatte ich pl\u00f6tzlich keine Lust mehr auf die geschriebene, gemeinte, erz\u00e4hlte und gezeigte Welt. Ich schaltete den PC aus und r\u00e4umte ein bisschen das Zimmer auf. Staub saugen, Papierkorb leeren, Tabak, Zigaretten und Aschenbecher entsorgen, M\u00fcll runter bringen &#8211; alles freute mich, was ich anfassen, riechen und sp\u00fcren konnte. Selbst Geschirr sp\u00fclen macht seither Spa\u00df! Die Farben drau\u00dfen scheinen kr\u00e4ftiger, das Licht kommt heller durch die Wolken, der Himmel ist blauer und die Wolken sind weit dramatischer als ich es gewohnt bin. Wenn ich das Haus verlasse, bestimmten die F\u00fc\u00dfe, wo es lang geht &#8211; und am Computer komm&#8216; ich seit Tagen kaum noch vorbei. Musste mich heut&#8216; morgen richtig zwingen, es wieder einmal zu versuchen: Dr\u00fcber schreiben, statt selber leben.<\/p>\n<p>Langsam frag ich mich: Was wird aus mir werden, wenn ich mich der Zeichenwelt dauerhaft entfremde? Wenn das nicht nur eine Pause, eine Art Spontanurlaub im Hier &#038; Jetzt ist, sondern sich eine gro\u00dfe Ver\u00e4nderung ank\u00fcndigt? Ohne Tabak und ohne die kontinuierlichen Koffeinsch\u00fcbe von fr\u00fch bis sp\u00e4t f\u00fchl&#8216; ich mich deutlich zu wach zum arbeiten, zu spritzig f\u00fcr dieses reduzierte Herumsitzen und in die Tasten tippen, das ich gerade wieder betreibe, damit Ihr nicht glaubt, ich sei verstorben.<\/p>\n<p>Aber selbst wenn alle das d\u00e4chten, ja, wenn es wahr w\u00e4re, w\u00e4r&#8216; das denn irgendwie schlimm?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Tagen bin ich unf\u00e4hig, eine Zeile zu schreiben. 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