{"id":2702,"date":"2018-12-20T00:49:09","date_gmt":"2018-12-19T23:49:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2702"},"modified":"2018-12-20T00:54:18","modified_gmt":"2018-12-19T23:54:18","slug":"wort-des-tages-tatsachenfantasie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2018\/12\/20\/wort-des-tages-tatsachenfantasie\/","title":{"rendered":"Wort des Tages: Tatsachenfantasie"},"content":{"rendered":"<p>Der SPIEGEL legt offen &#8211; und Ullrich Fichtner erz\u00e4hlt: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;So l\u00e4sst sich sagen, dass Claas Relotius, 33 Jahre alt, einer der auff\u00e4lligsten Schreiber des SPIEGEL, ein bereits vielfach preisgekr\u00f6nter Autor, ein journalistisches Idol seiner Generation, kein Reporter ist, sondern dass er sch\u00f6n gemachte M\u00e4rchen erz\u00e4hlt, wann immer es ihm gef\u00e4llt. Wahrheit und L\u00fcge gehen in seinen Texten durcheinander, denn manche Geschichten sind nach seinen eigenen Angaben sauber recherchiert und Fake-frei, andere aber komplett erfunden, und wieder andere wenigstens aufgeh\u00fcbscht mit frisierten Zitaten und sonstiger <strong>Tatsachenfantasie<\/strong>. W\u00e4hrend seines Gest\u00e4ndnisses am Donnerstag sagte Relotius w\u00f6rtlich: &#8222;Es ging nicht um das n\u00e4chste gro\u00dfe Ding. Es war die Angst vor dem Scheitern.&#8220; Und &#8222;mein Druck, nicht scheitern zu d\u00fcrfen, wurde immer gr\u00f6\u00dfer, je erfolgreicher ich wurde.&#8220; <\/p><\/blockquote>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/fall-claas-relotius-spiegel-legt-betrug-im-eigenen-haus-offen-a-1244579.html\">SPIEGEL legt Betrugsfall im eigenen Haus offen<\/a><\/p>\n<p>Ein Drama &#8211; und f\u00fcr mich kein Grund zur H\u00e4me. Eher f\u00fcr Mitgef\u00fchl&#8230; sogar mit Claas Relotius selbst, der hier publizistisch vernichtet wird. Und zwar mittels demselben Bilder- und metaphern-reichen Story-Telling, das die Journalistenpreise nur so regnen l\u00e4sst! Das haben auch die &#8222;Salonkolunmisten&#8220; bemerkt und gar k\u00f6stlich angeprangert:<!--more--><\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Spiegel\u201c feiert das bitterste Redaktionsversagen seit seinem Bestehen mit einer gro\u00dfen Reportage \u2013 und best\u00e4rkt damit ausgerechnet jene Form des Journalismus, die den Fall Relotius beg\u00fcnstigt hat.<br \/>\nEs gibt diese besonderen Gl\u00fccksmomente im Leben eines Reporters. Man wei\u00df, dass ein Text gelungen ist. Der erste Satz zieht sofort rein, der letzte Satz hallt nach. Und dazwischen hat man ein paar Formulierungen gefunden, die man sich einrahmen m\u00f6chte. Genau dieses Gef\u00fchl wird aller Wahrscheinlichkeit nach Ullrich Fichtner gehabt haben, als er den letzten Punkt unter seine gro\u00dfe \u201eSpiegel\u201c-Geschichte \u00fcber Claas Relotius gesetzt hat. In diesem Moment, allersp\u00e4testens, h\u00e4tte Fichtner jedoch auffallen m\u00fcssen, dass das wohlige Gef\u00fchl, eine wohlklingende Geschichte geschrieben zu haben, diesmal v\u00f6llig deplatziert ist. <\/p><\/blockquote>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.salonkolumnisten.com\/fuehlen-was-sein-koennte\/\">F\u00fchlen, was sein k\u00f6nnte<\/a>  <\/p>\n<p>Dieser Super-GAU des &#8222;narrativen Journalismus&#8220;, der gerade einen medialen Tsunami an Reaktionen und Stellungnahmen entfacht, ist eine echte Katastrophe, untergr\u00e4bt er doch weiter die Glaubw\u00fcrdigkeit des Qualit\u00e4tsjournalismus, um den sich noch immer viele aufrechte Journalistinnen und Journalisten t\u00e4glich ernsthaft bem\u00fchen. Scheint jenen recht zu geben, die nurmehr &#8222;L\u00fcgenpresse&#8220; wahrnehmen abseits ihrer jeweiligen Filterbubble-Kleinstmedien.<\/p>\n<p>Dabei sind doch keine L\u00dcGEN, was der Claas da zu so wundervoll preisw\u00fcrdigen &#8222;Langst\u00fccken&#8220; computiert hat, es ist TATSACHENFANTASIE! <\/p>\n<p>Dass der Spiegel jetzt so tut bzw. tun muss, als sei das ein schlimer, immer wieder durch die Maschen der Faktenchecks gerutschter wiederholter Einzelfall &#8211; geschenkt! <\/p>\n<p>Es f\u00e4llt mir schwer, in Worte zu fassen, wie mich diese &#8222;Entlarvung&#8220; ber\u00fchrt. Das Ereignis best\u00e4tigt meine Missempfindungen bez\u00fcglich dieser journalistisch aufbereiteten &#8222;Geschichten&#8220;, in denen das Zeitgeschehen ins Erleben einzelner Personen &#8222;verdichtet&#8220; (sic!) wird, um Lesers Herz und Bauch anzusprechen. <\/p>\n<p>So etwas lese ich schon lange nicht mehr und bin deshalb auch nicht traurig, dass diese &#8222;St\u00fccke&#8220; zunehmend hinter Zahlschranken verschwinden.  Wenn es ins &#8222;Narrative&#8220; geht und mir berichtet wird, was Mehmet H. oder Linda B. mitten im Kriegs- oder Krisengebiet h\u00f6chstpers\u00f6nlich zu leiden haben, f\u00fchle ich die \u00dcbergriffigkeit des Journalisten, das berechnende Z\u00e4hlen auf meine Anteilnahme &#8211; w\u00e4rend f\u00fcr ihn (oder sie) die Menschen doch nur der &#8222;Stoff&#8220; sind, aus dem die wertvollen Storys gesponnen werden. (Fast besser, wenns nur erfunden ist!)<\/p>\n<p>Mit diesem Hype ums &#8222;Geschichten erz\u00e4hlen&#8220; hat mich der Journalismus ein St\u00fcck weit verloren. Schon lange. Ich will Infos, Hintergr\u00fcnde und Analysen, um mir eine Meinung zu bilden, keine gef\u00fchlige Seelenmassage (das kann Film\/TV sowieso besser). Journalisten sollten nicht versuchen, Literatur zu machen &#8211; oder halt umsatteln! <\/p>\n<p>Angesichts der SPIEGEL-Geschichte rund um #Relotius frag ich mich im Moment: Ob sich wohl jemand darum sorgt, was der jetzt macht? So, wie Fichtner ihn beschreibt: als einen, der seine Geschichten erfand, um &#8222;zu liefern&#8220;, wenn die Realit\u00e4t nicht ergiebig genug war &#8211; wie muss es ihm jetzt im Mittelpunkt eines medialien Shitstorms der Extraklasse gehen?<\/p>\n<p>Furchtbar das alles! <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der SPIEGEL legt offen &#8211; und Ullrich Fichtner erz\u00e4hlt: &#8222;So l\u00e4sst sich sagen, dass Claas Relotius, 33 Jahre alt, einer der auff\u00e4lligsten Schreiber des SPIEGEL, ein bereits vielfach preisgekr\u00f6nter Autor, ein journalistisches Idol seiner Generation, kein Reporter ist, sondern dass er sch\u00f6n gemachte M\u00e4rchen erz\u00e4hlt, wann immer es ihm gef\u00e4llt. 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