{"id":2675,"date":"2018-10-06T11:38:22","date_gmt":"2018-10-06T09:38:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2675"},"modified":"2018-10-06T11:55:10","modified_gmt":"2018-10-06T09:55:10","slug":"postfaktische-debattenkultur-blocken-statt-argumentieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2018\/10\/06\/postfaktische-debattenkultur-blocken-statt-argumentieren\/","title":{"rendered":"Postfaktische Debattenkultur: Blocken statt Argumentieren"},"content":{"rendered":"<p>Wer meine Blogs und Tweets liest, wei\u00df, dass ich nicht zu jenen geh\u00f6re, die gerne Streit vom Zaun brechen oder gar mit beleidigenden Spr\u00fcchen herum trollen. Ich pflege eine &#8211; heute evtl. altert\u00fcmlich wirkende &#8211; Gespr\u00e4chskultur: den Austausch von Argumenten, untermauert von Fakten und Belegen. Dabei stelle ich immer \u00f6fter fest, dass es Leute gibt, die offenbar gar nicht mehr mit dieser Form klassischer Debatten zurecht kommen. Anstatt ein kontroverses Gespr\u00e4ch fotzusetzen, werden meine Kommentare nicht mehr frei geschaltet und auf Nachfrage per Tweet werde ich &#8222;blockiert&#8220;.<!--more--><\/p>\n<p>Wenn es sich dabei um irgendwelche Extremisten handeln w\u00fcrde, die ich als krasse politische Gegner verorte, f\u00e4nde ich das nicht weiter bemerkenswert. Schade finde ich es, wenn es sich um Gespr\u00e4chspartner handelt, mit deren Intention ich eigentlich einig bin &#8211; wie etwa die Sorge um den aktuellen, zunehmend unfriedlichen Zustand der Welt. <\/p>\n<p>So schrieb <a href=\"https:\/\/querdenkende.com\/2018\/10\/01\/kein-blick-in-die-kristallkugel\/\">Lothar Martin Kamm (hraban57) auf Querdenkende<\/a> recht poetisch:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Was aber vermag Mensch real \u00e4ndern in den Fallen der Gezeiten, die er sich selbst auferlegt? Lediglich im Hier und Jetzt bestimmt er seinen Lauf, obwohl Vergangenheit und Zukunft ganz dicht bei ihm, ihn begleitend die Hand reichen wollen, wenn er denn versteht, des R\u00e4tsels L\u00f6sung ohne Z\u00f6gern zu deuten.<\/p>\n<p>Dazu bedarf es nicht unbedingt spirituell ausgereifter Ideen oder gar das Wissen darum, vielmehr z\u00e4hlt der Einklang mit sich selbst und der Umwelt, ohne andere zu st\u00f6ren oder gar feindselig ihnen zu begegnen. In der Tier- und Pflanzenwelt funktioniert jener Respekt in einer beispielhaften Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Mensch hingegen, seinen Verstand in rasender Geschwindigkeit nahezu chaotisch stets vergleichend, vergi\u00dft vor lauter Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung, den Schwachen an die Hand zu nehmen, um sich wie ein Herrscher von oben herabblickend zu erheben.<\/p>\n<p>Der Unfrieden ward geboren, Homo sapiens hat dadurch nicht nur seine Unschuld verloren, sondern das Wesen der Natur mi\u00dfachtet. &#8222;<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Intention dieses Textes teile ich, halte jedoch den Bezug auf ein friedliches &#8222;Wesen der Natur&#8220; f\u00fcr falsch &#8211; und deshalb nicht hilfreich bei der Suche nach einer Verbesserung des menschlichen Miteinanders im Gro\u00dfen und Ganzen. <a href=\"https:\/\/querdenkende.com\/2018\/10\/01\/kein-blick-in-die-kristallkugel\/comment-page-1\/#comment-3735\">Ich kommentierte also:<\/a><\/p>\n<blockquote><p>&#8222;\u201e\u2026vielmehr z\u00e4hlt der Einklang mit sich selbst und der Umwelt, ohne andere zu st\u00f6ren oder gar feindselig ihnen zu begegnen. In der Tier- und Pflanzenwelt funktioniert jener Respekt in einer beispielhaften Selbstverst\u00e4ndlichkeit.\u201c<\/p>\n<p>Das kann nicht dein Ernst sein \u2013 oder du bist ein St\u00e4dter, der nie \u00fcber das Halten einer Zimmerpflanze hinaus mit \u201eNatur\u201c Kontakt hatte. Das meine ich nicht b\u00f6se, ich erkl\u00e4r mir deinen Satz halt so.<\/p>\n<p>Als Betreiberin eines naturnahen Gartens kann ich dir sagen, dass alles, was dort lebt und west, keineswegs darauf aus ist, \u201eandere nicht zu st\u00f6ren\u201c bzw. immer friedlich zu sein.<\/p>\n<p>Ganz im Gegenteil gibt es z.B. eine Reihe dominanter Pflanzen (z.B. Brombeeren, Hopfen, Kanadische Goldrute, Efeu und viele mehr), die \u2013 solange der Standort passt \u2013 alles andere \u00fcberw\u00e4chsen und nieder machen, wenn man sie l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Sogar Gem\u00fcsepflanzen wehren andere ab, mit denen sie sich nicht vertragen. Sie sondern Giftstoffe ab, die den anderen keine Entwicklungchancen lassen.<\/p>\n<p>Das viel ger\u00fchmte \u201eBodenleben\u201c ist auch nicht nur brav und kommunikativ und Humus-bildend, da sind auch Bakterien und Pilze drunter, die ganze B\u00e4ume binnen k\u00fcrzester Zeit absterben lassen (bei uns traf das in 10 Jahren \u00fcber 50% der vorhandenen und neu gepflanzten B\u00e4ume).<\/p>\n<p>Und erst die Insekten! Alles ist am Fressen und Gefressen werden, es gibt sogar richtige Kriege, wenn etwa ein Ameisenvolk eine anderes \u00fcberf\u00e4llt, viele Ameisen t\u00f6tet und deren Eier und Larven raubt und forttr\u00e4gt. Ganz \u00fcbel ist oft genug die Fortpflanzung, wenn etwa andere lebende Insekten als \u201eProviant\u201c f\u00fcr die implementierte Brut genutzt wird.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte so fortfahren, aber ich denke, es reicht. Die Idealisierung von \u201eNatur\u201c ist g\u00e4nzlich unangebracht, auch wenn uns als Betonbewohnern jede gr\u00fcne Oase als Idylle erscheint.<\/p>\n<p>Philosophisch betrachtet ist das alles zun\u00e4chst verst\u00f6rend, aber es kann auch dabei helfen, die menschliche Population und ihre Kulturen nicht nur als leider furchtbar defizit\u00e4r anzusehen. Verglichen mit \u201eNatur\u201c haben wir es mittels Kooperation und Anpassung doch recht weit gebracht \u2013 wir K\u00d6NNEN friedlich zusammen leben und \u201eKultur machen\u201c \u2013 nicht immer und \u00fcberall, aber doch ziemlich oft und viel.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Da der Kommentar zun\u00e4chst nicht frei geschaltet wurde, fragte ich beim Verfasser <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Hraban57\">@hraban57<\/a> auf Twitter nach. Kurz darauf war der Text immerhin frei geschaltet, darunter seine Antwort: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Selbstverst\u00e4ndlich ist das mein Ernst. Du allerdings hast einen entscheidenden Denkfehler. Weil man wenn man deine Argumentation fortsetzt, g\u00e4be es nur noch Krieg und Elend in der Natur selbst, das w\u00fcrde bedeuten, die Starken obsiegen, die Schwachen werden vernichtet. Funktioniert aber nicht, es gibt immer ein Gleichgewicht der Kr\u00e4fte. Mensch verspielt dies und ist dabei, sich selbst und andere zu vernichten, wenn er nicht wachsam genug.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das hat mich nun ziemlich gepl\u00e4ttet! Ich hatte immerhin beobachtete Fakten angef\u00fchrt, die einfach nicht in die Rede von der &#8222;friedlichen Natur&#8220; passen. Wie kann der Autor diese einfach als &#8222;Argumente&#8220; missverstehen, die sich nach Belieben ignorieren lassen? Dass er seine (!) Schl\u00fcsse und Folgerungen aus diesen Fakten zudem als meinen &#8222;Denkfehler&#8220; bezeichnet, konterkariert eigentlich alle Regeln vern\u00fcnftiger Debatte. Und meine eigene philosophische Deutung im letzten Absatz hat er gleich mit ignoriert. Gr\u00fcnde genug f\u00fcr einen weiteren Kommentar, der ebenfalls h\u00f6flich und sachlich blieb, aber nicht mehr frei geschaltet wurd. Aus dem Ged\u00e4chnis zitiert:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Du hast mich missverstanden! Dass es in der Natur kein stabiles Gleichgewicht und keinen &#8222;selbstverst\u00e4ndlichen Respekt voreinander&#8220; gibt, hei\u00dft doch nicht, dass wir als Menschen dazu ebenfalls unf\u00e4hig w\u00e4ren bzw. f\u00fcr immer bleiben. Auch im naturnahen Garten bin ich es, die den dominanten Pflanzen Grenzen setzt &#8211; und menschliches Miteinander funktioniert ja dank unserer F\u00e4higkeit zur Kooperation und zum &#8222;Kultur machen&#8220; durchaus, wenn auch nicht immer und \u00fcberall.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Als ich nun wieder nachfragte, ob er meinen zweiten Kommentar frei schalten k\u00f6nne, war dann Schluss. Ein weiterer Blick auf seine Tweets war nicht mehr m\u00f6glich, es erscheint die bekannte Twitter-Meldung: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Du kannst @Hraban57 nicht folgen und die Tweets von @Hraban57 nicht ansehen, da Du blockiert wurdest. Mehr erfahren&#8230;&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Tja, was soll ich dazu sagen? Dieses Vorkommnis erscheint es mir jedenfalls wert, hier dar\u00fcber zu berichten. Denn es ist beispielhaft f\u00fcr das Verhalten vieler, die einfach alles ausblenden, was ihrer Meinung, wie die Welt zu sein h\u00e4tte, widerspricht. Ob man so zu einer besseren Gesellschaft, zu mehr Frieden und Einigkeit kommt? Wohl kaum!<\/p>\n<h2>Weil nicht sein kann, was nicht sein darf<\/h2>\n<p>K\u00fcrzlich hab&#8216; ich mir mal ein paar Videos \u00fcber und von Kreationisten angesehen. Weil ich mir gar nicht vorstellen konnte, wie man heute ernsthaft der Meinung sein kann, Gott habe die Welt (zusammen mit s\u00e4mtlichen Artefakten, die auf eine l\u00e4ngere Erdgeschichte hinweisen) vor 6000 Jahren erschaffen. Ein f\u00fchrender Kopf einer solchen Gemeinde antwortete auf die Frage, warum er denn die gut belegte Evolutionstheorie ablehne, ganz offen:  Weil sie der Bibel widerspricht. Und wenn die dort erz\u00e4hlte Genesis nicht stimme, dann sei ja auch alles andere, was die Bibel sagt, fraglich. Es g\u00e4be keinen festen Ma\u00dfstab mehr, kein garantiertes Wissen um Gut und B\u00f6se &#8211; und somit breche alles zusammen.<\/p>\n<p>So geht das im &#8222;postaufkl\u00e4rerischen&#8220; Zeitalter. Wenn die Fakten dem widersprechen, was man selbst f\u00fcr wahr halten will, dann werden sie eben abgelehnt. Schei\u00df auf die Belege, Beobachtungen, wissenschaftlichen Beweise &#8211; am Ende ist das alles das &#8222;Werk Satans&#8220;. Sowas hat @Hraban57 immerhin NICHT verk\u00fcndet, aber die Nicht-Argumentation und das Blockieren speist sich aus demselben Geist: Was du anf\u00fchrst, ignoriere ich, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.  <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer meine Blogs und Tweets liest, wei\u00df, dass ich nicht zu jenen geh\u00f6re, die gerne Streit vom Zaun brechen oder gar mit beleidigenden Spr\u00fcchen herum trollen. Ich pflege eine &#8211; heute evtl. altert\u00fcmlich wirkende &#8211; Gespr\u00e4chskultur: den Austausch von Argumenten, untermauert von Fakten und Belegen. 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