{"id":2667,"date":"2018-09-08T11:02:00","date_gmt":"2018-09-08T09:02:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2667"},"modified":"2018-09-08T11:06:13","modified_gmt":"2018-09-08T09:06:13","slug":"vom-koennen-und-muessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2018\/09\/08\/vom-koennen-und-muessen\/","title":{"rendered":"Vom K\u00f6nnen und M\u00fcssen"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>&#8222;Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich nichts, ich kann. Im Grunde genommen bin ich zum ersten Mal frei.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Die das sagt, ist Kristina Vogel, die Radsportlerin, die seit einem Trainingsunfall im Juni querschnittsgel\u00e4hmt ist. (<a href=\"https:\/\/www.waz.de\/sport\/kristina-vogel-mein-erster-gedanke-war-atme-id215280097.html\">Quelle: WAZ<\/a>) Sie hat insoweit Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck, als sie ihre Arme noch bewegen kann &#8211; aber trotzdem: Dieser krasse Satz sagt viel \u00fcber ihr bisheriges Leben!<!--more--><\/p>\n<p>Laut <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kristina_Vogel\">Wikipedia<\/a> ist Kristina zweifache Olympiasiegerin, hat elf Weltmeistertitel in der Elite und ist neben der Australierin Anna Meares die bis dato erfolgreichste Bahnradsportlerin. Bis einschlie\u00dflich 2017 errang sie zudem 21 nationale Titel.<\/p>\n<p>2009 hatte sie schon einmal einen krassen Verkehrsunfall, als sie von einem Zivilfahrzeug der Th\u00fcringer Polizei erfasst wurde: Brustwirbel und Handknochen gebrochen, mehrere Z\u00e4hne verloren, Schnittverletzungen im Gesicht, das teilweise taub blieb. Dennoch feierte sie 2010 ihr Comeback und reihte weiterhin Erfolg an Erfolg. <\/p>\n<p><em>&#8222;Der Druck ist schon enorm&#8220;<\/em>, sagte sie nach ihrem letzten Sieg bei der Bahnrad-WM im M\u00e4rz 2018. Und nach der WM in Hongkong 2017: <em>&#8222;Jede will mich fallen sehen. Es wird von Wettbewerb zu Wettbewerb schwieriger&#8220;<\/em>. (<a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/sport\/Kristina-Vogel-Chronik-einer-Karriere-article20612939.html\">NTV<\/a>)<\/p>\n<p>Dies alles hat sie also tun M\u00dcSSEN, jedenfalls sieht sie das heute so. Denn jetzt liegt sie in einem Berliner Krankenhaus und muss gar nichts mehr &#8211; au\u00dfer sich in ihre neue Situation hinein finden. Sie vergleicht sich &#8222;mit einem Baby, das lernen muss, sich selber zu drehen und aufzusetzen&#8220; &#8211; und f\u00fchlt sich dabei frei wie nie zuvor.  <\/p>\n<h2>Musst du schon oder kannst du noch?<\/h2>\n<p>Spitzensportler werden bejubelt und bewundert, doch sie stecken in einem engen Korsett aus alledem, was sie tun m\u00fcssen, um ihre Erfolge zur erringen und zu halten. Damit stehen sie allerdings nicht alleine. Die Dominanz des &#8222;M\u00fcssens&#8220; kennen alle Erfolgreichen mit beeindruckenden Karrieren, aber auch viele, die nirgendwo im Rampenlicht stehen und ihre Berufe mehr als Last denn als Lust empfinden. <\/p>\n<p>Wenn das &#8222;M\u00fcssen&#8220; \u00fcberhand nimmt und gar kein Ausgleich mehr praktiziert wird, wird das &#8222;weiter so&#8220; gef\u00e4hrlich: Unf\u00e4lle, Krankheit, Burnout &#8211; wie das &#8222;M\u00fcssen&#8220; gestoppt wird, ist im Einzelfall verschieden, doch es passiert auf jeden Fall, wenn wir es nicht selber tun. <\/p>\n<p>Gibt es \u00fcberhaupt ein Leben ohne &#8222;m\u00fcssen&#8220;? Vielleicht f\u00fcr reiche Erben und gut situierte Rentner, aber sicher nicht f\u00fcr ganz normale Menschen mitten im Leben. Wir alle ben\u00f6tigen ein paar Ressourcen, um ein menschenw\u00fcrdiges Leben zu f\u00fchren: f\u00fcr Wohnen, Essen, Kleidung und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.  Mal von den Armen und Armutsgef\u00e4hrdeten abgesehen, f\u00fcr die schon diese Basics ein Problem darstellen, ist es doch merkw\u00fcrdig, dass jegliches MEHR an Erfolg und Lebensstandard dazu verf\u00fchrt, immer mehr &#8222;M\u00fcssen&#8220; zu akzeptieren. <\/p>\n<p>Gestiegener Lebensstandard, wom\u00f6glich ein Ruf, den man zu verlieren hat &#8211; wer sich daran mal gew\u00f6hnt hat, kann nicht mehr so leicht zur\u00fcck. Zur\u00fcck zu den vergleichsweise sorglosen Zeiten in jungen Jahren, als man noch ohne Besitz und Status ein spannendes Leben f\u00fchrte. Zur\u00fcck in ein Leben mit weniger laufenden Kosten und weniger Arbeit, daf\u00fcr mit mehr &#8222;freier Zeit&#8220;.<\/p>\n<p>Ist es nicht verr\u00fcckt, dass all die Automatisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt nicht dazu gef\u00fchrt hat, dass wir weniger arbeiten? Ganz im Gegenteil werden massenhaft &#8222;\u00dcberstunden&#8220; gemacht &#8211; und keineswegs nur von den Marginalisierten ganz unten, die sich nicht wehren k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Die derzeit immer wieder hoch kochende Rentendiskussion ist nicht zuletzt deshalb so brisant, weil es offenbar weitgehend normal ist, ein Leben im &#8222;M\u00fcssen&#8220; zu f\u00fchren &#8211; immer in der Hoffnung und Erwartung, als Rentner dann endlich zu &#8222;k\u00f6nnen&#8220; und nicht mehr zu m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Und das in einem der reichsten L\u00e4nder der Welt! Vielleicht ist es ja gerade dieser &#8222;Reichtum&#8220;, der viele so ins &#8222;M\u00fcssen&#8220; zwingt?  <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich nichts, ich kann. Im Grunde genommen bin ich zum ersten Mal frei.\u201c Die das sagt, ist Kristina Vogel, die Radsportlerin, die seit einem Trainingsunfall im Juni querschnittsgel\u00e4hmt ist. 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