{"id":266,"date":"2009-02-25T13:25:14","date_gmt":"2009-02-25T12:25:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=266"},"modified":"2024-02-29T17:06:22","modified_gmt":"2024-02-29T16:06:22","slug":"zehn-jahre-webdiary-und-die-scheu-vor-dem-blick-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/02\/25\/zehn-jahre-webdiary-und-die-scheu-vor-dem-blick-zurueck\/","title":{"rendered":"Zehn Jahre Webdiary und die Scheu vor dem Blick zur\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Mein Verh\u00e4ltnis zu den virtuellen Spuren der Vergangenheit vergleiche ich gerne mit demjenigen zu den materiellen Dingen. So hoffe ich, der Ambivalenz auf die Spur zu kommen, die mich beim Blick auf <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/digital-diary-gesamtinhalt-1999-bis-heute\/\">zehn Jahre Digital Diary<\/a> anwandelt.<\/p>\n<div id=\"retreat\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/02\/24\/krise-alltag-und-froehliches-getwitter\/\"><strong>Blog-Retreat zum Zehnj\u00e4hrigen des Digital Diary<\/strong><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a title=\"Politiker: zum Beispiel Steinmeier\" href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/02\/24\/politiker-zum-beispiel-steinmeier\/\">\u00ab Text 5<\/a> | Text 6 | <a title=\"Wieviel Blogs braucht der Mensch?\" href=\"http:\/\/www.webwriting-magazin.de\/wieviel-blogs-braucht-der-mensch\/\">Text 7 \u00bb<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/blog-retreat-zum-10-jaehrigen-alle-artikel\/\">\u00dcbersicht<\/a><\/p>\n<\/div>\n<p>Viele Menschen sammeln in sch\u00f6nen Truhen und K\u00e4stchen Gegenst\u00e4nde, an die sie sentimentale Erinnerungen kn\u00fcpfen: Liebesbriefe aus lang vergangenen Beziehungen und Aff\u00e4ren, verblichene Fotos alter Freunde und verstorbener Verwandter, kleine Geschenke und Mitbringsel, abgelegten Schmuck, manchmal gar noch Poesiealben aus der Schulzeit. Geht so eine &#8222;Schatztruhe&#8220; mal verloren, wird das als schmerzlicher, unwiederbringlicher Verlust empfunden, fast so, als sei ein Teil der Person verstorben, die an diesen Erinnerungen h\u00e4ngt.<!--more--><\/p>\n<h2>Keinen Ballast ansammeln<\/h2>\n<p>Dass ich diese Art Festhalten am Vergangenen im Reich der physischen Dinge kaum mitmache, kommt einerseits von den vielen Umz\u00fcgen w\u00e4hrend der 80ger Jahre: \u00d6fter mal von einem besetzten Haus ins n\u00e4chste zu ziehen bewegte mich, den materiellen Besitz m\u00f6glichst klein zu halten. Ich trennte mich von umfangreichen B\u00fccherregalen, verschenkte fast alle B\u00fccher, und mistete bei der Gelegenheit auch die sentimentalen \u00dcberbleibsel vergangener Zeiten aus. Schlie\u00dflich h\u00e4tte es ja doch sein k\u00f6nnen, dass mal ein Haus polizeilich ger\u00e4umt w\u00fcrde: dann wollte ich nicht noch zus\u00e4tzlich zu allem \u00c4rger emotional von Verlusten getroffen werden, wenn etwa s\u00e4mtliche Habe der Ger\u00e4umten in einem dreckigen M\u00fcllcontainer landete.<\/p>\n<p>Ein weiterer Grund, mich von &#8222;nutzlosen&#8220; Erinnerungen zu trennen, war, dass ich es gar nicht mochte, mich in sentimentale Gedanken an &#8222;fr\u00fcher&#8220; zu versenken. Lange Zeit hatte ich zum Beispiel alte Liebesbriefe aufgehoben: wenn ich da mal rein schaute, empfand ich fast nichts, sondern wunderte mich nur, wie wichtig ich fr\u00fcher doch Probleme genommen hatte, die mir zum Zeitpunkt des Nachlesens ganz fremd geworden waren. Im Grunde hatte ich all diese Dinge nur aufgehoben, weil &#8222;man&#8220; das so machte und das Wegwerfen als eine Art Affront gegen das Erlebte erschien &#8211; das aber lag mir ebenfalls fern.<\/p>\n<p>Der Entschluss, doch auszumisten und nichts mehr anzusammeln, war erleichternd: eine bewusste Entscheidung f\u00fcr die Zukunft, die mir ein Gef\u00fchl der St\u00e4rke gab. Ich wollte vermeiden, im vorger\u00fcckten Alter so eine komische alte Dame zu werden, die nur noch in der Vergangenheit lebt und den sp\u00e4rlichen Besuchern ihre Fotos und Nippes-Sachen von fr\u00fcher aufdr\u00e4ngt, begleitet von Geschichten, die niemanden au\u00dfer ihr interessieren, w\u00e4hrend der Gast h\u00f6flich ein G\u00e4hnen unterdr\u00fcckt. Oh nein, mit mir nicht!<\/p>\n<h2>Virtuelle Ansammlungen<\/h2>\n<p>Bereut habe ich das bis heute nicht. Es gibt noch einen einzigen alten Ordner mit Familienfotos, zu dem schon \u00fcber 25 Jahre nichts hinzu kommt. Alte Texte, Briefe, Geschenke und andere Werke sind dagegen weg. Doch noch w\u00e4hrend ich mich gelegentlich \u00fcber die Freiheit vom Ballast der Vergangenheit freute, wuchs bereits ein anderer, unsichtbarer Berg verschiedenster Materialien. Seit 1991 besa\u00df ich einen &#8222;pers\u00f6nlichen Computer&#8220;, dessen Festplatte sich langsam aber sicher f\u00fcllte &#8211; und wer l\u00f6scht schon, was kaum je sinnlich als &#8222;Menge&#8220; erfahrbar wird? Die Festplatten wuchsen ja mit, ich kopierte die historisch gewachsene Struktur jeweils auf das neue Equipment und machte mir keine Gedanken um &#8222;Ballast&#8220;, den ich gar nicht sp\u00fcrte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"mitte\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/bilder\/menschenstimmen.jpg\" alt=\"erste Webseite: Menschenstimmen aus Nirgendwo\" \/><\/p>\n<p>1996 dann die erste Webseite: &#8222;Menschenstimmen &#8211; Texte aus Nirgendwo&#8220;, mein Beitrag zum <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1996\/30\/wett.txt.19960719.xml\">ersten Internet-Literaturwettbewerb der ZEIT,<\/a> der die Frage stellte, ob es so etwas wie eine &#8222;Internet-Literatur&#8220; oder &#8222;Internet-Kunst&#8220; geben k\u00f6nne. (Mengenbegrenzung der Beitr\u00e4ge: 60 KB!) Das noch sehr kleine Web bestand damals im Wesentlichen aus Universit\u00e4tsseiten und ein paar spielerischen ersten &#8222;Homepages&#8220;. Niemand wusste, wozu das Ganze mal gut sein k\u00f6nnte, doch war es ein faszinierender Abenteuerspielplatz, in dem sich ein buntes V\u00f6lkchen versammelte, das sich als Entdecker neuer Welten f\u00fchlte. Und auch ich war nun &#8222;endlich drin&#8220;!<\/p>\n<p>Seitdem w\u00e4chst der Umfang der Festplatten: das meiste ist noch das, was ich seither als Text oder in HTML verfasste.\u00a0 Der Start des Digital Diary 1999 verdankte sich meiner M\u00fcdigkeit, immer neue Projekte zu bewerben: Die klassischen, magazinartigen Strukturen meiner fr\u00fcheren &#8222;Cyberzines&#8220; erforderten Neustarts oder gr\u00f6\u00dfere Umbauten, wenn ich neue Themen angehen wollte. Das chronologische Schreiben in Tagebuchform erschien als L\u00f6sung, auch sollte mich der eigene Name als Domain vor wom\u00f6glich drohenden Auseinandersetzungen um Projektnamen sch\u00fctzen.<\/p>\n<h2>Digital Diary: etwas, das bleibt, wie es war<\/h2>\n<p>Nun k\u00f6nnte ich also immer mal nachlesen, was so los war in den letzten zehn Jahren. Im ersten Diary-Halbjahr begann zum Beispiel der <a title=\"Seit gestern ist also Krieg\" href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/diary1.htm#25_03\">Kosovo-Krieg<\/a> &#8211; und ich <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/diary2.htm#26_04\">zog nach Gottesgabe bei Schwerin<\/a>, um meinen Traum vom Leben auf dem Land wahr zu machen. Es war gro\u00dfartig, als mittlerweile <a title=\"Webdesignerin\" href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/webwork\/\">selbst\u00e4ndige Webworkerin<\/a> einfach den Ort wechseln zu k\u00f6nnen und ich nutzte das Diary, um mein Leben im physischen Umfeld und im &#8222;ortlosen Ort&#8220; des Netzes zu reflektieren. Es war damals noch <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/03_03_99.htm\">im alten &#8222;Frameset-Stil&#8220;<\/a> gehalten,\u00a0 zu Anfang sogar noch mit mehreren Beitr\u00e4gen pro Seite, die nur durch die &#8222;Rahmen&#8220; mit der entsprechenden Navigation einzeln angezeigt wurden (deshalb sind im <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/digital-diary-gesamtinhalt-1999-bis-heute\/\">Gesamtinhaltsverzeichnis<\/a> die fr\u00fchen Beitr\u00e4ge &#8222;ohne Drumrum&#8220; verlinkt).<\/p>\n<p>Ich habe nie etwas ver\u00e4ndert, etwa die alten Beitr\u00e4ge in die sp\u00e4ter genutzten neueren Macharten \u00fcberf\u00fchrt oder partielle Geschichtsklitterung betrieben. Es steht alles noch genauso da wie immer &#8211; und optisch sieht es auch noch fast genauso aus. (<em><strong>Update 2024<\/strong>: Mittlerweile habe ich die alten Beitr\u00e4ge in WordPress \u00fcberf\u00fchrt, die Optik stimmt aber noch immer!<\/em>) Dass die Projekte meiner Mitspieler der fr\u00fchen Jahre zunehmend vom <a href=\"http:\/\/www.melzer.de\/home\/news.htm\">gro\u00dfen Verschwinden<\/a> ergriffen wurden, motivierte mich, dem etwas Bleibendes entgegen zu setzen. Es war mir auch recht, dass die Seiten automatisch <a href=\"http:\/\/web.archive.org\/web\/19990910121029\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/\">vom Web-Archiv gespeichert<\/a> wurden, wenn auch unvollst\u00e4ndig und nur manchmal im &#8222;korrekten&#8220; Frame-Zusammenhang. Vielleicht bewegt mich da ja die menschliche Sehnsucht nach Unsterblichkeit &#8211; zumindest in den Weiten des Netzes.<\/p>\n<p>Allerdings: es reicht mir, dass es DA ist. Nahezu nie lese ich in den alten Beitr\u00e4gen. Und wenn doch, wenn ich mal etwas suche, dann bin ich eher irritiert: Was, das hab&#8216; ICH geschrieben?? Und f\u00fchle mich mir selber ein bisschen fremd.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Verh\u00e4ltnis zu den virtuellen Spuren der Vergangenheit vergleiche ich gerne mit demjenigen zu den materiellen Dingen. So hoffe ich, der Ambivalenz auf die Spur zu kommen, die mich beim Blick auf zehn Jahre Digital Diary anwandelt. 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