{"id":264,"date":"2009-02-24T13:01:58","date_gmt":"2009-02-24T11:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=264"},"modified":"2011-07-11T13:42:40","modified_gmt":"2011-07-11T11:42:40","slug":"vom-politischen-handeln-und-der-selbsterkenntnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/02\/24\/vom-politischen-handeln-und-der-selbsterkenntnis\/","title":{"rendered":"Vom politischen Handeln und der Selbsterkenntnis"},"content":{"rendered":"<p>Heute morgen war ich einigerma\u00dfen von den Socken, als ich \u00fcber Twitter mitbekam, dass Gerd-Lothar Reschke meine ausf\u00fchrlichen Kommentare zu seinem Artikel <strong>&#8222;Die einzig echte Politik&#8220;<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.radio-reschke.de\/2009\/02\/14\/die-einzig-echte-politik-2\/comment-page-1\/#comment-356\">einfach gel\u00f6scht<\/a> hat. Noch dazu mit Bemerkungen, die diesen Beitr\u00e4gen in keiner Weise gerecht werden: Ich h\u00e4tte mich wie ein Rammbock verhalten und nicht zugeh\u00f6rt, schreibt er. <\/p>\n<div id=\"retreat\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/01\/10\/eine-woche-blog-retreat-zum-zehnjaehrigen\/\"><strong>Blog-Retreat zum Zehnj\u00e4hrigen des Digital Diary<\/strong><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align:center\"><a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/02\/24\/krise-alltag-und-froehliches-getwitter\/\">&laquo; Text 1<\/a> | Text 2 | <a href=\"http:\/\/www.das-wilde-gartenblog.de\/2009\/02\/24\/krise-gemuese-fuer-den-eigenbedarf\/\">Text 3 &raquo;<\/a> <br \/><a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/blog-retreat-zum-10-jaehrigen-alle-artikel\/\">\u00dcbersicht<\/a><\/p>\n<\/div>\n<p>Dabei bin ich ausf\u00fchrlich auf seinen Beitrag eingegangen, hab&#8216; sachlich argumentiert, mein Gef\u00fchl der Verletztheit \u00fcber die r\u00fcde Art in seiner ersten Entgegnung gezeigt (die nun auch weg ist) und sehr engagiert und f\u00fcr jeden nachvollziehbar ausgef\u00fchrt, was ich anders sehe. <\/p>\n<p>Nun stehen dort nur noch Kommentare, die ihn best\u00e4tigen und nicht viel mehr zu seinem Text sagen als &#8222;geht mir auch so&#8220;. Die M\u00f6glichkeit f\u00fcr Leser, sich selber eine Meinung \u00fcber die Kontroverse zu bilden, ist weg. Ja, auch so kann man bloggen, ich frag&#8216; mich nur, warum nutzt man dann \u00fcberhaupt die Kommentarm\u00f6glichkeit? <!--more--><\/p>\n<h2>Das Private ist politisch &#8211; aber nicht nur!<\/h2>\n<p>Inhaltlich hatte ich ihm darin zugestimmt, dass keine noch so gro\u00dfe Anzahl anderer Menschen an der eigenen Erkenntnis einer Sache etwas \u00e4ndert. Wenn es allerdings darum geht, <strong>etwas ver\u00e4ndern zu wollen,<\/strong> also um &#8222;Welt gestalten&#8220; durch politisches Handeln, dann kommt es durchaus darauf an,  Mehrheiten zu kreieren, die das auch erm\u00f6glichen. Und ich hatte gefragt, was <strong>die Advaita-Weisheit, &#8222;dass da kein Anderer existiert&#8220;<\/strong> denn auf Feldern bedeute, wo es um den Widerstreit von Interessen geht: zum Beispiel zwischen den relativ abgesicherten Reichen und denen, die gerade \u00fcberall ihre Jobs verlieren?<\/p>\n<p>Eine Antwort bekam ich darauf nicht, nur die Bemerkung, dass er das mal einfach so stehen lassen wolle. (Was grade mal f\u00fcr wenige Tage stimmte, dann schlug der L\u00f6sch-Impuls durch).<\/p>\n<p>Dabei interessiert mich die Antwort &#8211; und zwar immer schon! Meine eigene politische Sozialisation fand in den 70gern und 80gern statt: damals wurde vehement darauf verwiesen, dass auch das Private politisch sei, was aber nicht bedeutete, dass man ansonsten nichts mehr tat: In der Hausbesetzerbewegung der 80ger erlebte ich eine Art &#8222;b\u00fcrgerliche Geburt&#8220;, denn ich lernte, dass es in diesem Land m\u00f6glich ist, gemeinsam weit mehr zu erreichen als nur das, was alle vier Jahre durch Wahlen zustande kommt. In einem Sanierungsgebiet, das man fast &#8222;tot saniert&#8220; hatte, in dem viele H\u00e4user und Wohnungen leer standen und dem f\u00fcr die ans\u00e4ssige Bev\u00f6lkerung unbezahlbare &#8222;Luxusmodernisierugen&#8220; drohten, gelang es binnen weniger Jahre, die Dinge zu wenden: gro\u00dffl\u00e4chige Instandsetzungen ohne Mietsteigerungen, Mitbestimmung der Mieter, behutsame Stadterneuerung, Beteiligung an allen wichtigen Ver\u00e4nderungen wie etwa Verkehrsf\u00fchrung, Begr\u00fcnung, Stadtgestaltung &#8211; all das w\u00e4re nicht ansatzweise m\u00f6glich gewesen, w\u00e4ren die Menschen allein darauf konzentriert gewesen, sich selbst zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<h2>Selber tun&#8230;<\/h2>\n<p>Gerd-Lothar schreibt: <em> &#8222;Es z\u00e4hlt nur, da\u00df man es selbst tut, ungeachtet der \u00fcbrigen. Man mu\u00df seine eigene Sichtweise korrigieren und klarbekommen, nicht die anderer und schon gar nicht die irgendwelcher Politclowns und -marionetten der sogenannten gro\u00dfen \u201c\u00d6ffentlichkeit\u201d.<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Selber tun&#8220; hat damals bedeutet, in die entmieteten H\u00e4user einzubrechen und sie wieder ein wenig bewohnbar zu machen. Damit verbunden und g\u00e4nzlich unverzichtbar war allerdings auch der Schritt in &#8222;die gro\u00dfe \u00d6ffentlichkeit&#8220;, das Werben um Zustimmung bei den anderen Kiez-Bewohnern und die Auseinandersetzung mit den Politikern, die die bisherige Sanierungspolitik gegen die Bev\u00f6lkerung durchdr\u00fccken wollten. Aber entgegen der Ansicht unseres &#8222;radikalen Fl\u00fcgels&#8220; waren das auch nicht alles Unmenschen bzw. geltungss\u00fcchtige &#8222;Polit-Clowns&#8220; ohne jede Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse der Anwohner. Sie meinten im Gegenteil, f\u00fcr diese schon viel erreicht zu haben, indem den privaten Eigent\u00fcmern der H\u00e4user Unsummen \u00f6ffentlicher Mittel zugewendet wurden, damit die Mieten nicht in H\u00f6hen steigen, wie sie ein frei finanzierter Wohnungsbau ergeben h\u00e4tte. F\u00fcr uns, die real ans\u00e4ssigen Anwohner, waren das dennoch astronomische Summen, verglichen mit dem, was wir in den unsanierten H\u00e4usern zahlten. Brav wegziehen oder massiver Widerstand &#8211; das war unsere Wahl. <\/p>\n<h2>Abenteuer mit Selbsterkenntnis<\/h2>\n<p>Nat\u00fcrlich hat das &#8222;H\u00e4user besetzen&#8220; auch Riesenspass gemacht! Wir waren jung, abenteuerlustig und begeistert: konnten wir doch jetzt unsere Vorstellungen vom Leben in selbst bestimmten Gemeinschaften umsetzen, weit \u00fcber die Wohnform &#8222;WG&#8220; hinaus. Die alten Berliner Gr\u00fcnderzeith\u00e4user mit ihren Hinterh\u00f6fen und Remisen wurden zu Experimentierfeldern des Zusammenlebens, wie sie vorher undenkbar waren. Die Extremisten unter uns lebten in sogenannten Funktionsr\u00e4umen: keine eigenen Zimmer, die T\u00fcren \u00fcberall ausgeh\u00e4ngt &#8211; auch schlafen und lieben fand &#8222;gemeinschaftlich&#8220; statt. Ich lebte in gem\u00e4\u00dfigteren Wohnprojekten, in denen immerhin noch jeder ein eigenes Zimmer hatte. Allerdings ohne die M\u00f6glichkeit, dort das \u00fcbliche Cocooning zu betreiben, denn das jeweilige Haus konnte ja jederzeit ger\u00e4umt werden. <\/p>\n<p><strong>Selbst bestimmen<\/strong> und <strong>selber machen<\/strong> war unsere Utopie, der wir weitgehend zu entsprechen suchten &#8211; und ich merkte im Lauf von zwei, drei Jahren, dass ich dazu gar nicht auf allen Ebenen Lust hatte. Wollte ich denn jemals Hausmeisterin oder Handwerkerin werden? Mitnichten! Ich erkannte, dass man zu nichts anderem mehr kommt, wenn man fortw\u00e4hrend &#8222;basisdemokratisch&#8220; \u00fcber jeden Pipifax ber\u00e4t, um zu einem Konsens zu kommen. Auch wollte ich nicht drei weitere Jahre damit zubringen, ein Haus in Eigenarbeit selbst zu modernisieren, es wom\u00f6glich zu kaufen und dann f\u00fcr die Bank arbeiten: Auf einmal schnallte ich, wie sinnvoll es ist, dass ANDERE das Haus eignen, verwalten und Miete daf\u00fcr kassieren, dass sie mich von all diesen T\u00e4tigkeiten frei halten. Und als manche besonders Revolution\u00e4re meinten, in den &#8222;rechtsfreien R\u00e4umen&#8220; der H\u00e4user, zu denen weder Eigent\u00fcmer noch Obrigkeit Zugang hatten, auch selber &#8222;Recht sprechen&#8220; zu wollen, gruselte es mich! <\/p>\n<p>Wegen dieser und noch anderer Einsichten nenne ich diese Zeit meine &#8222;b\u00fcrgerliche Geburt&#8220;: Ich erkannte, dass nicht alles schlecht ist, was Politik und Gesellschaft an Rahmenbedingungen geschaffen hatten, bevor wir auf den Plan traten und in jugendlichem \u00dcberschwang &#8222;alles Schei\u00dfe&#8220; fanden, was uns entgegen stand. Ich will nicht alles selbst verwalten und selbst gestalten, will auch nicht B\u00e4uerin sein und mich &#8222;selbst versorgen&#8220;, sondern meinen Beitrag in der arbeitsteiligen Welt gegen Geld leisten, und ansonsten meinen individuellen Freiraum genie\u00dfen, in den mir niemand &#8218;rein regiert. Und f\u00fcr die Nachbarn nehme ich gerne P\u00e4ckchen entgegen, das ist aber auch schon alles. <\/p>\n<p>Nun bin ich abgeschweift und ins erz\u00e4hlen geraten! Das Thema &#8222;Selbsterkenntnis&#8220; ist bei weitem nicht ausgelotet &#8211; ich werde es im Lauf der Blogwoche fortsetzen. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute morgen war ich einigerma\u00dfen von den Socken, als ich \u00fcber Twitter mitbekam, dass Gerd-Lothar Reschke meine ausf\u00fchrlichen Kommentare zu seinem Artikel &#8222;Die einzig echte Politik&#8220; einfach gel\u00f6scht hat. Noch dazu mit Bemerkungen, die diesen Beitr\u00e4gen in keiner Weise gerecht werden: Ich h\u00e4tte mich wie ein Rammbock verhalten und nicht zugeh\u00f6rt, schreibt er. 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