{"id":2639,"date":"2018-06-30T13:51:11","date_gmt":"2018-06-30T11:51:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2639"},"modified":"2018-06-30T14:23:03","modified_gmt":"2018-06-30T12:23:03","slug":"das-jahr-in-dem-wir-den-datenschutz-hassen-lernten-eine-krankenhaussprechstunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2018\/06\/30\/das-jahr-in-dem-wir-den-datenschutz-hassen-lernten-eine-krankenhaussprechstunde\/","title":{"rendered":"Das Jahr, in dem wir den Datenschutz hassen lernten:  eine Krankenhaussprechstunde"},"content":{"rendered":"<p>Neulich in der Charit\u00e9, Campus Benjamin Franklin in Berlin Steglitz-Zehlendorf. Mein Hausarzt hatte mich \u00fcberwiesen, als ich ihm mit einer Hinterfragung seines Tuns auf die Nerven ging. Nach einer gef\u00fchlten halben Weltreise quer durch die Stadt (1 Stunde) und weiteren 30 Minuten Verirrung im Geb\u00e4udekomplex war ich endlich am Ziel.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/benjamin-franklin.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2640\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/benjamin-franklin.jpg\" alt=\"\" width=\"973\" height=\"545\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/benjamin-franklin.jpg 973w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/benjamin-franklin-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/benjamin-franklin-768x430.jpg 768w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/benjamin-franklin-500x280.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 973px) 100vw, 973px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>&#8222;Warten Sie hier im Gang, ich bringe Ihnen gleich was zum Ausf\u00fcllen&#8220;<\/em>, sagte die sehr kompetent wirkende Fachkraft, die mich empfangen und mein K\u00e4rtchen verdatet hatte. (Diese &#8222;Gesundheitskarte&#8220;, die angeblich mal die Digitalisierung der Medizin bringen sollte, aber auch nach 23 Jahren nicht mehr ist als <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/elektronische-gesundheitskarte-vor-dem-aus-100.html\">ein Milliardengrab<\/a> &#8211; auch so ein deprimierendes Thema!).<!--more--><\/p>\n<p>Ich setze mich und warte. Kurze f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter wird mir ein Klemmbrett mit einem Stapel Formulare ausgeh\u00e4ndigt: Ein umfangreicher Papiersto\u00df klemmt schon drauf, es ist der ca. 20-seitige Anamnesebogen. Den zweiten, keineswegs kleineren Stapel \u00fcberreicht sie mir gesondert: <strong>Und das ist der Datenschutz!<\/strong><\/p>\n<p>Wie bitte? Das soll ich jetzt alles ausf\u00fcllen, bevor ich dran komme? Ich bin fast alleine auf dem Gang und sch\u00e4tze, es wird nicht lange dauern, bis der Facharzt mich herein ruft.<\/p>\n<p><em>&#8222;Kein Stress!&#8220;<\/em>, beruhigt sie mich. <em>&#8222;F\u00fcllen Sie einfach in Ruhe aus, soweit Sie eben kommen!&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Ja wie? Entweder ist das alles wichtig und erforderlich &#8211; oder doch nicht so, wenn der Patient nur ein Drittel schafft? Seltsam! Egal, ich beeile mich und beginne mit dem zu oberst liegenden Datenschutzstapel. Seite um Seite wird mir da mitgeteilt, was die Uniklinik (sinnvollerweise!) alles mit meinen Daten macht. Mit wem sie sie teilt, zum Beispiel mit anderen \u00c4rzten und Abteilungen, wenn das n\u00f6tig sein sollte &#8211; und welche technischen und verwaltungstechnischen Einheiten damit noch so in Kontakt kommen. Unz\u00e4hlige Listen mit Namen und Angaben, interne Prozesse und m\u00f6gliche Verwendung in Forschung und Lehre &#8211; abgestuft nach verschiedenen M\u00f6glichkeiten, die sich da auftun &#8211; klar, ist ja eine Uniklinik.<\/p>\n<p>Ich bin allerdings v\u00f6llig freiwillig und mit Absicht in dieser Uniklinik eingelaufen und zum Teufel, ich will gar nicht wissen, wie sie da im Detail mit meinen Daten umgehen! Jedenfalls nicht all das, was zur allgemein \u00fcblichen Abarbeitung der ambulanten Behandlungsf\u00e4lle geh\u00f6rt. Sowieso bin ich v\u00f6llig au\u00dferstande, zu beurteilen, ob diese und jene Datenverwendung in meinem Fall sinnvoll ist oder nicht. Auch w\u00e4re das eine bl\u00f6de Frage, denn es ist ganz offensichtlich ein Mega-Fragebogen F\u00dcR ALLE, die da reinkommen &#8211; egal ob f\u00fcr eine Stunde, f\u00fcr eine OP, f\u00fcr Monate oder zum Sterben. Entsprechend umfassend muss auch die Information ausfallen, damit man als Patient &#8222;informiert zustimmen&#8220; kann.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Wahnsinn! Ich bin mit allem einverstanden und setze mein H\u00e4kchen in zig Felder &#8211; nur das mit den Studenten, die vielleicht bei Untersuchungen hinzu gezogen werden k\u00f6nnten, wenn ich es erlaube, lehne ich ab. Rechtfertigt das den ganzen Stapel Papier?<\/p>\n<p><strong>\u00dcberhaupt Papier: Wie irre ist das denn in Zeiten der Digitalisierung?<\/strong> Warum nicht ein Tablet mit entsprechender App, die gleich alle Einverst\u00e4ndnisse aller Patienten auf einem Uniserver sammelt? Irgendwo m\u00fcssen sich da riesige Aktenordner-Regale befinden &#8211; und wenn jemand wissen will, ob ein Patient sowas ausgef\u00fcllt hat, muss h\u00e4ndisch gesucht werden!<\/p>\n<p>Den &#8222;Datenschutz&#8220; hab&#8216; ich geschafft, sogar auch noch den Anamnesebogen, der ausf\u00fchrlichste, den ich jemals ausgef\u00fcllt habe. Finde ich ja nicht schlecht, aber ob das wirklich jemand liest? Und auch hier gilt: Warum auf Papier? W\u00e4re es nicht 1000 mal besser, ein Arzt k\u00f6nnte am PC abrufen, was ich schon f\u00fcr Krankheiten hatte oder nicht hatte?<\/p>\n<p>Als ich dann dran komme und eine Bemerkung zum Formularwesen mache, nickt der Facharzt und meint: <em>&#8222;Tja, wir sind eigentlich kaum mehr ein Krankenhaus, wir sind eine Beh\u00f6rde, neuerdings auch eine Datenschutzbeh\u00f6rde!&#8220;<\/em><\/p>\n<h2>Was w\u00e4re wenn&#8230;<\/h2>\n<p>Nebenbei: Ich sollte nat\u00fcrlich &#8222;Befunde mitbringen&#8220;. Ein Stapel Ausdrucke von 3 \u00c4rzten, die ich zusammen gesammelt hatte. Der hochbezahlte Facharzt bei der Charit\u00e9 (leitender Oberarzt!) scannte die erstmal ein, was immerhin ein paar Minuten seiner wertvollen Arbeitszeit kostete. Ich gehe selten zum Arzt, weit unter dem Durchschnitt. Viel normaler ist, dass Menschen in meinem Alter schon ganze Ordner von Befunden gesammelt haben &#8211; und all das wird immer wieder zu \u00c4rzten gereicht, die es vielleicht scannen oder nur mal drauf gucken, eigene Anamneseb\u00f6gen ausf\u00fcllen lassen, weitere Befunde schreiben und alles abheften.<\/p>\n<p>Wie anders k\u00f6nnte das doch ablaufen, wenn getan w\u00fcrde, was technisch seit Jahrzehnten m\u00f6glich w\u00e4re: <strong>Eine digitalisierte Patientenakte<\/strong> auf einem gut gesch\u00fctzten Server im Netz, wo alle Befunde \u00fcbersichtlich zusammen gef\u00fchrt w\u00fcrden, ebenso wie alle Therapien und Medikamente inkl. der Unverstr\u00e4glichkeiten und nat\u00fcrlich alles, was so in Anamneseb\u00f6gen steht. Ich als Patientin w\u00e4re berechtigt, den jeweiligen \u00c4rzten den Zugang zu erlauben, sowie Lese- und Schreibrechte zu erteilen.<\/p>\n<p>Was da alles an arbeitsaufw\u00e4ndigen Vorg\u00e4ngen entfallen w\u00fcrde, die schlie\u00dflich alle Geld kosten. Geld, das an anderer Stelle fehlt: beim Patientengespr\u00e4ch, in der Vorsorge, bei der Reha, f\u00fcr Medikamente, die die Kassen nicht zahlen wollen und und und. Aber nein, das geht nicht, weil&#8230;. ja warum nicht, etwa wegen Datenschutz?<\/p>\n<p>Der sollte sich m.E. darauf beschr\u00e4nken, Daten zu sichern (Serverschutz gegen Hacker, Backups, keine Klarnamen etc.) und \u00dcBER DAS \u00dcBLICHE UND NOTWENDIGE hinaus gehende Nutzungen zu regulieren. Z.B. m\u00f6chte ich schon gefragt werden, bevor meine Daten an ein Pharma-Unternehmen verkauft werden &#8211; aber dass ich s\u00e4mtliche Prozesse innerhalb einer Klinik (und durchaus auch innerhalb Unternehmen) abnicken muss, die f\u00fcr die Erbringung der Leistung n\u00f6tig und sinnvoll sind, muss wirklich nicht sein.<\/p>\n<p>Da sind die Datensch\u00fctzer \u00fcbers Ziel hinaus geschossen und die Politik sehe ich in der Pflicht, das wieder einzud\u00e4mmen. Etwa mittels Zertifizierungsinstitutionen, die Label verteilen: Datenschutzklasse A bedeutet eine erfolgte Pr\u00fcfung mit dem Ergebnis &#8222;nutzt Daten im f\u00fcr den Unternehmenszweck allgemein \u00fcblichen und n\u00f6tigen Umfang&#8220;. Wenn das Unternehmen dann MEHR ALS DAS mit meinen Daten machen will, muss es mich fragen. Aber eine ganze Menge Formularwust k\u00f6nnte entfallen!<\/p>\n<p>Aber gewiss melden sich dazu wieder jede Menge potenziell Beteiligte und meinen: Geht nicht, weil&#8230;<\/p>\n<p>Armes Deutschland, am &#8222;geht nicht, weil&#8220; wirst du scheitern. Ein unbeweglicher Mega-Tanker mit haupts\u00e4chlich Bedenkentr\u00e4gern an Bord kriegt sowas wie &#8222;Digitalisierung&#8220; einfach nicht hin!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich in der Charit\u00e9, Campus Benjamin Franklin in Berlin Steglitz-Zehlendorf. Mein Hausarzt hatte mich \u00fcberwiesen, als ich ihm mit einer Hinterfragung seines Tuns auf die Nerven ging. 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