{"id":26,"date":"2006-06-27T21:57:39","date_gmt":"2006-06-27T19:57:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/06\/27\/warten-auf-die-abkuehlung\/"},"modified":"2011-07-07T10:33:33","modified_gmt":"2011-07-07T08:33:33","slug":"warten-auf-die-abkuehlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/06\/27\/warten-auf-die-abkuehlung\/","title":{"rendered":"Warten auf die Abk\u00fchlung"},"content":{"rendered":"<p>Druck auf dem Kopf, 27 Grad Raumtemperatur trotz Nordseite. Ich schwitze nicht, leide nicht, w\u00fcnsch mich nirgendwo anders hin, kann aber nicht arbeiten. Jeder Gedanke springt ein wenig im Hirn hin und her, und gerade dann, wenn ich zu einem Tun ansetze, ist er wieder verschwunden. Naja, nicht eigentlich weg, nur das Gef\u00fchl, dass er eine Folge haben sollte, h\u00e4lt sich nicht.  Schlimm?<\/p>\n<p>Ich werde auf die K\u00fchle warten, abends oder nachts, vielleicht auch morgen fr\u00fch ab sechs. Es hat noch immer geklappt mit den Terminen. Nie krank gemeldet in zehn Jahren Internet, wie k\u00e4me ich dazu? Vom im Bett liegen wird man nicht ges\u00fcnder und wer aufstehen kann, kann  auch eine Maus bedienen.<!--more--><\/p>\n<p>Ich schweife ab, beginne zwei Abs\u00e4tze hintereinander mit &#8222;ich&#8220;, was ich normalerweise korrigiere, wenn es mir widerf\u00e4hrt. S\u00e4tze umstellen ist eine leichte \u00dcbung, weniger ICH mitschleppen f\u00e4llt schwerer, passiert von selber oder gar nicht.<\/p>\n<p>&#8222;Denken Sie jetzt an sich! Denn dies ist der Anfang vom letzten Abschnitt Ihres Lebens!&#8220; lese ich auf einer Infoseite \u00fcber die Wechseljahre. Wer diesen Text verfasst hat, ist bestimmt steinalt, Mitglied einer verschwindenden Generation, der noch von klein auf eingebl\u00e4ut wurde, dass man sich das kleinere St\u00fcck vom Kuchen nehmen soll.  Kein Wunder, dass die glauben, das &#8222;an sich denken&#8220; fange erst um die 50 an und man m\u00fcsse dazu ermuntert werden. Oder liegt es daran, dass hier zu Frauen gesprochen wird?<br \/>\nDa ich die weiblichen Mehrfachlasten vermieden, weder Kinder aufgezogen noch Verwandte gepflegt, noch einen &#8222;ordentlichen Beruf&#8220; ergriffen habe, f\u00fchle ich mich nicht gemeint.  Aber egal, ich g\u00f6nn&#8217;s mir trotzdem, denke an mich, bzw. lass mich laufen, auch wenn dann nicht das \u00fcbliche Sinnpaket zusammen kommt (gar Vorbildliches, wie es manche allen Ernstes erwarten!), Alles ver\u00e4ndert sich, das wei\u00df jeder, mein Widerstand dagegen ersch\u00f6pft sich im Design, das du hier siehst, liebe Leser\/in: seit 1999 ein verl\u00e4sslicher Anblick, das ist doch was.<\/p>\n<p>Wirklich schade, dass <strong>Gerd-Lothar Reschke<\/strong> nicht mehr im Web schreibt! Ich vermisse den Strom seiner Gedanken, seine spezifische Art, von sich zu sprechen, die sich in den tagebuchartigen Eintr\u00e4gen seiner Log-B\u00fccher \u00fcber die Jahre entfaltete. Jetzt gibt es sie als B\u00fccher,  <strong><a href=\"http:\/\/www.reschke.de\/schamane\/glr_buecher.htm\">sehr empfehlenswerte B\u00fccher<\/a><\/strong>, aber wo ist das Aktuelle?? Wenn man eine Person \u00fcber so lange Zeit alle paar Tage liest, ist es schon ein herber Verlust, das &#8222;Jetzt&#8220; nicht mehr mitzubekommen.  Obwohl, wenn ich an die letzten Texte denke, erinnere ich mich dunkel, dass sich der Blick des Autors, der mir Wegweiser Richtung &#8222;innen&#8220; gewesen war, auf einmal insistierend nach au\u00dfen richtete: darauf, was alles grundfalsch ist, verkorkst, krank, verr\u00fcckt, bewusstlos in die falsche Richtung strebend.  Das mag stimmen, doch ist die schlechte Kunde auf Dauer erm\u00fcdend, Kr\u00e4fte zehrend. Mich h\u00e4tte interessiert, wie er ganz pers\u00f6nlich inmitten all dieses Falschen besteht, wie er sich rettet, wie er es schafft, etwas Eigenes zu leben, das nicht blo\u00dfe Reaktion auf all das ist, sondern individuelle Bl\u00fcte. Aber vielleicht sind das ja gerade diese B\u00fccher  und ich denk&#8216; blo\u00df wieder zuviel an mich.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n, das <strong>Dirk Schr\u00f6der<\/strong> noch da ist, auch so ein Urgestein. Er wollte schon oft verschwinden, hat immer wieder abgebaut, gel\u00f6scht, aufgegeben &#8211; doch aus kleinen, zur\u00fcck gelassenen Resten einst gro\u00dfer (und gro\u00dfartiger!) Weblandschaften entsteht doch immer wieder <strong><a href=\"http:\/\/www.hor.de\/\">Neues<\/a><\/strong>. Ich verstehe nicht alles, denn daf\u00fcr m\u00fcsste ich eine Menge Webseiten aufschlagen, lese es aber trotzdem. Ohne Surfen konsumierbar ist der Eintrag \u00fcber den Bachmannpreis (update: leider mittlerweile verschwunden!), der mir aus der Seele spricht. Diese Veranstaltung ist mein einziger sporadischer Kontakt zum Literaturbetrieb, wohl deshalb, weil sie sich vom \u00fcblichen Wettbewerbs- und Preisverleihungsgeschehen gewaltig abhebt. &#8222;Alles geschieht vor den Augen des Publikums, nichts wird in Hinterzimmern ausgekl\u00fcngelt&#8220; &#8211; genau! Die Autoren lesen life vor den versammelten Kritikern und einem Fernsehpublikum, das bereit ist, sich zeitgen\u00f6ssischer Literatur auszusetzen, um zu erleben, wie das Vorgetragene dann wortreich zerrissen und verteidigt wird. Die folgende Diskussion \u00fcber den Text  im Angesicht desjenigen, der ihn zu verantworten hat, ist spannend genug, dass man bei der Stange bleibt &#8211; und so ganz beil\u00e4ufig \u00fcber die Entwicklung der literarischen Moden der letzten Jahre und der Art, sie zu kritisieren, auf den neuesten Stand gebracht wird. Der <strong><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/texte\/stories\/117531\/\">Sieger-Text von Katrin Passig<\/a><\/strong> schwebt \u00fcber diesen Moden und zeigt etwas auf, das wir alle als innere Haltung kennen: &#8222;so sind wir&#8220;, sagte einer der Kritiker und in mir regte sich kein Widerspruch, obwohl ER mir nicht besonders gefiel.  Faszinierend, wenn dieses &#8222;So-Sein&#8220; dann nicht als gut oder schlecht, falsch oder richtig ins T\u00f6pfchen sortiert werden kann &#8211; aber lest selbst! (Noch sch\u00f6ner, das Ganze <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/streaming\/stories\/117423\/\">auf Video<\/a> anzusehen! Pro Autor gibt&#8217;s die Lesung, die Diskussion und das Autorenportrait).<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>21.54  Es ist k\u00fchler jetzt,  nur noch 24,5 Grad. Alle Fenster stehen offen, ich werde noch arbeiten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Druck auf dem Kopf, 27 Grad Raumtemperatur trotz Nordseite. Ich schwitze nicht, leide nicht, w\u00fcnsch mich nirgendwo anders hin, kann aber nicht arbeiten. Jeder Gedanke springt ein wenig im Hirn hin und her, und gerade dann, wenn ich zu einem Tun ansetze, ist er wieder verschwunden. 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