{"id":2591,"date":"2018-03-17T15:22:04","date_gmt":"2018-03-17T14:22:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2591"},"modified":"2018-03-17T15:32:41","modified_gmt":"2018-03-17T14:32:41","slug":"ueber-gott-oder-wie-glauben-glaeubige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2018\/03\/17\/ueber-gott-oder-wie-glauben-glaeubige\/","title":{"rendered":"\u00dcber Gott oder: Wie glauben Gl\u00e4ubige?"},"content":{"rendered":"<p>Die bekannte Feministin Antje Schrupp hat auch ein <a href=\"https:\/\/gottundco.wordpress.com\/\">Blog \u00fcber Gott<\/a>. Als ich es entdeckte, trug es den Untertitel &#8222;It&#8217;s not about existence&#8220; und ich dachte: Wie schade! Wie kann man nur ernsthaft \u00fcber &#8222;Gott &#038; Co.&#8220; bloggen und die allerwichtigste Frage ausklammern? <!--more--><\/p>\n<p>Ganz konsequent zieht sich diese Verweigerung dann doch nicht durch das Blog. Im Artikel &#8222;<a href=\"https:\/\/gottundco.wordpress.com\/2013\/09\/18\/warum-gott-nicht-existiert\/\">Warum Gott nicht existiert<\/a>&#8220; (=nicht existieren kann!) skizziert sie in aller K\u00fcrze einen Weg, wie man als vernunftbegabtes Wesen &#8222;die Sache mit Gott&#8220; betrachten kann: als  kulturell etablierte, f\u00fcr Gl\u00e4ubige durchaus wirkungsvolle Umgangsweise mit dem Bed\u00fcrfnis nach Transzendenz: <q>\u201eGott\u201c wird gesagt, wenn man mit dem, was auf dieser Welt existiert, nicht weiterkommt.<\/q> Der Vorwurf aller Ungl\u00e4ubigen, Gott w\u00fcrde doch gar nicht existieren, ist so gesehen sinnlos, denn &#8222;existieren&#8220; w\u00fcrde ja bedeuten, Teil dieser unbefriedigend verfassten Welt zu sein. Und das ist Gott ja gerade nicht.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Damit ist nicht nur gemeint, dass Gott keine wissenschaftlich-materiell nachweisbare Existenz haben kann, das w\u00e4re sozusagen noch nichts Besonderes. Das Tolle an Sprache und das, was den Menschen als sprachbegabte Wesen auszeichnet, ist die Tatsache, dass sie jede Menge Dinge hervorbringen k\u00f6nnen, die \u201eals Materie\u201c gar nicht existieren. Gott ist da bei weitem nicht allein: Auch Liebe, Gerechtigkeit, Freiheit sind solche von Menschen erfundenen Konzepte, die aber trotzdem h\u00f6chst real sind und \u00fcber die man lange und interessante Diskussionen f\u00fchren kann. Und auch wenn Liebe, Gerechtigkeit und Freiheit nicht \u201eexistieren\u201c, so hat es doch eine enorme Auswirkung auf die Welt, ob Menschen daran \u201eglauben\u201c oder nicht.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Soweit so vern\u00fcnftig, so logisch, so n\u00fcchtern. Aber:<\/p>\n<h2>Was erfahren Gl\u00e4ubige, wenn sie &#8222;Gott erfahren&#8220;?<\/h2>\n<p>Das hab&#8216; ich mich immer schon gefragt, denn f\u00fcr mich war die Sache mit Gott schon durch, als ich den katholischen Werdegang mit Kommunion und Firmung durchlief. Selbstverst\u00e4ndlich hatte ich als Kind zun\u00e4chst geglaubt, was man mir rund um Jesus und Gott so erz\u00e4hlte. Nur: es ging mir zwischen 5 und 10 so richtig richtig dreckig. Ich wurde &#8211; als Kleinste, J\u00fcngste, Zugereiste &#8211; von einer Kinderbande gemobbt und war <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/04\/03\/vater-und-mutter-ehren\/#einsam\">so einsam und verzweifelt<\/a>, wie man nur sein kann. Damals lernte ich, dass all die Geschichten von Jesus und Gott nicht stimmten, denn nie bemerkte ich irgend eine Reaktion, wenn ich mich mit all meinem Elend und der dringenden Bitte um Hilfe an die g\u00f6ttlichen Instanzen wandte. Also gab ich den Glauben auf, erkannte ihn als M\u00e4rchen, genau wie das mit dem Osternhasen, dem Christkind und dem Nikolaus. <\/p>\n<p>Dass Religion trotz solcher Entt\u00e4uschungen funktionieren kann, begr\u00fcndet Antje Schrupp in &#8222;<a href=\"https:\/\/gottundco.wordpress.com\/2013\/09\/05\/religion-geht-auch-ohne-spiritualitat\/\">Religion geht auch ohne Spiritualit\u00e4t<\/a>&#8222;. Sie bricht da eine Lanze f\u00fcr &#8222;intellektuelle Fr\u00f6mmigkeit&#8220;, die auf &#8222;Erfahrungen der Gottesn\u00e4he&#8220; verzichten kann. Sch\u00f6n und gut, aber reicht dann nicht ein schlichter Humanismus? <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/augegottes.jpg\" alt=\"Auge Gottes\" width=\"101\" height=\"90\" class=\"alignright size-full wp-image-2592\" \/>Vor allem: Die Welt ist ja voller Geschichten von Menschen, die berichten, wie Jesus ihnen geholfen habe. Als ich den ersten Smart-TV anschaffte und die Programme nurmehr \u00fcber Zattoo konsumierte, lernte ich einen Sender namens &#8222;Bibel TV&#8220; kennen. Ein Star der dortigen Christenszene ist offensichtlich <a href=\"https:\/\/www.joyce-meyer.de\/\">Joyce Meyer<\/a>, eine begnadete &#8222;Rednerin im Namen des Herrn&#8220;, die erstaunlich authentisch wirkt in ihrem Glauben, ganz offensichtlich stets bem\u00fcht, ein &#8222;Werkzeug Gottes&#8220; zu sein und andere auf diesen Weg zu f\u00fchren. Dabei ist sie auch ziemlich unterhaltsam, obwohl sie st\u00e4ndig Bibelspr\u00fcche zitiert. Ich kann nicht behaupten, dass irgend etwas an ihren vielen Ratschl\u00e4gen kritikw\u00fcrdig w\u00e4re: sie hilft offenbar vielen dabei, ein &#8222;guter Christenmensch&#8220; zu werden und mit sich (und Gott) ins Reine zu kommen. Aber hey, was um Himmels Willen ist dieser hilfreiche &#8222;Kontakt nach oben&#8220;, von dem nicht nur Meyer, sondern auch viele andere Gl\u00e4ubige in den diversen Sendeformaten berichten?<\/p>\n<p><strong>Alles nur Einbildung? Nein, gewiss nicht!<\/strong> Was als &#8222;Stimme von oben&#8220; bzw. hilfreiche Intervention einer &#8222;h\u00f6heren Macht&#8220; erscheint, ist unser eigenes h\u00f6chstes Potenzial, wobei das Wort &#8222;eigen&#8220; nur meint, dass wir es innerpsychisch erfahren, nicht etwa da drau\u00dfen in der Welt vorfinden. Verf\u00fcgungsmacht ist nicht gemeint, denn es ist nicht einfach, dieses &#8222;h\u00f6chste Potenzial&#8220; in Reinform zu erfahren, genauso wenig wie es selbstverst\u00e4ndlich ist, dass &#8222;Gott&#8220; antwortet, wenn jemand ein Gebet spricht. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/zenkreis.jpg\" alt=\"\" width=\"83\" height=\"80\" class=\"alignleft size-full wp-image-2593\" \/>Je nach kulturellem Umfeld oder &#8211; heutzutage &#8211; frei gew\u00e4hlter Denk- und Glaubendstradition evozieren wir dieses Potenzial mittels verschiedener Methoden: Gebet, Meditation, bewusstseinsver\u00e4ndernde Drogen, Trance, Tanz, Rituale, divinatorische Methoden u.v.m. In welchen &#8222;\u00dcberbau&#8220;, welches Glaubenssystem die Erfahrung eingebettet ist, ist f\u00fcr das Gelingen gar nicht so entscheidend, sondern viel mehr die eigene Ernsthaftigkeit, der Glaube im Sinne der \u00dcberzeugtheit, dass das gew\u00e4hlte System funktionieren kann. Im Buddhismus sind die drei daf\u00fcr erforderlichen Bedingungen klar benannt: Buddha (der Begr\u00fcnder, der Meister, der Erleuchtete), Dharma (die Lehre) und Sangha (die Gemeinde). <\/p>\n<p>Diese drei &#8222;Juwelen&#8220; findet man in allen Religionen und spirituellen Traditionen wieder: es muss jemanden geben, der etwas erlebt und beschrieben hat, das andere &#8222;auch haben&#8220; wollen. Wie man es erlangt, ist die jeweilige Lehre &#8211; und damit man als Individuum daran glauben kann, dass es auch funktioniert, braucht es die &#8222;Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen&#8220;. Denn nichts ist so m\u00e4chtig und wirkungsvoll wie eine gemeinsame \u00dcberzeugung: sie konstruiert eine psychische Umgebung, die es dem Individuum erleichtert, das &#8222;h\u00f6here Selbst&#8220; als reale, innerpsychische Tatsache zu erfahren. <\/p>\n<p>Das Framing, das durch Lehre, \u00dcbung und Gemeinde geleistet wird, definiert und evoziert nat\u00fcrlich nur etwas, das auch &#8222;einfach so&#8220; immer schon zum Mensch-Sein geh\u00f6rte. W\u00e4re es anders, h\u00e4tte nie ein Mensch eine Lehre begr\u00fcnden k\u00f6nnen, ganz ohne Gl\u00e4ubige um sich herum. Wir sind Wesen, deren Psyche das gesamte Spektrum zwischen &#8222;heilig&#8220; und &#8222;teuflisch&#8220; als Potenzial beinhaltet. Dies bei sich selbst als wahr zu erkennen, ist kein sch\u00f6nes Erlebnis. Viele verweigern sich dieser Erkenntnis (des &#8222;Schattens&#8220;), w\u00e4hnen sich &#8222;immer bei den Guten&#8220; und projizieren alles B\u00f6se auf Andere. Ganz ebenso wird aber auch das &#8222;h\u00f6chste Potenzial&#8220; nicht als eigene M\u00f6glichkeit gesehen: so g\u00f6ttlich gut, so weise und liebevoll &#8211; das KANN DOCH NICHT ICH SEIN! <\/p>\n<p>Und so kommt es, dass sich Religionen etabliert haben, die einen oder mehrere Gottheiten, Teufel und D\u00e4monen kennen und mit ihnen rituellen Umgang pflegen. Es ist f\u00fcr viele einfacher, sich betend an ein &#8222;g\u00f6ttliches Du&#8220; zu wenden, um Heilung und Gnade zu bitten, anstatt sich z.B. meditativ um die Verwirklichung der &#8222;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=i_Kd2mT0H-8\">liebenden G\u00fcte<\/a>&#8220; f\u00fcr uns selbst und andere zu bem\u00fchen. <\/p>\n<h2>Warum hassen Atheisten Gl\u00e4ubige?<\/h2>\n<p>Noch viel einfacher ist es, Religion und Glauben in die Tonne zu treten, Spiritualit\u00e4t als esoterische Spinnerei abzutun und sich allenfalls um &#8222;weltliche&#8220; Erfolge zu bem\u00fchen, um das Gl\u00fcck, das diese schenken k\u00f6nnen, eine Zeit lang zumindest. <\/p>\n<p>Dass das letztlich nicht reicht, wissen wir alle im tiefsten Inneren. Alles vergeht, wir werden alles verlieren, was wir jemals errungen haben. Am Ende warten unausweichlich Alter, Krankheit und Tod. Dazu muss jeder eine Haltung finden, mit oder ohne Gott, mit oder ohne spirituelle Tradition. Die Sehnsucht nach dem &#8222;inneren Frieden&#8220; ist uns allen gemeinsam, davon bin ich \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Der erstaunliche Hass vieler Atheisten auf Gl\u00e4ubige speist sich aus meiner Sicht aus dem Neid auf alle, die f\u00fcr sich einen Weg im Glauben gefunden haben, an diesen Tatsachen des Lebens nicht zu verzweifeln. Militante Atheisten g\u00f6nnen niemandem ein funktionierendes &#8222;Trostsystem&#8220;, weil sie selbst keines haben. W\u00e4ren sie nicht im Grunde ihres Herzens traurig \u00fcber die Leere, w\u00e4re jeglicher Glaube Anderer doch kein Aufreger. Mich st\u00f6rt doch nicht, was Leute glauben, so lange sie mich nicht missionieren wollen!<\/p>\n<p>Womit zum guten Schluss ein Punkt angesprochen ist, an dem auch meine Toleranz endet: Fanatismus, Alleinvertretungsanspr\u00fcche, Hass gegen Andersgl\u00e4ubige, \u00dcberheblichkeit, Auserw\u00e4hltheitsgetue, jegliche religi\u00f6se Militanz, Penetranz und Aufdringlichkeit ist mir ein Greuel. Es gibt so viele Religionen und spirituelle Traditionen, dass friedliches Zusammenleben in einer immer mehr zusammen wachsenden Welt nur funktionieren kann, indem man den Glauben Privatsache sein l\u00e4sst. In der Gesellschaft muss das weltliche Gesetz das Zusammenleben regeln, sonst ist kein Friede m\u00f6glich. <\/p>\n<p>Mit <a href=\"https:\/\/twitter.com\/GottesGetweete\">Gott<\/a> kann ich heute immerhin twittern &#8211; wir folgen uns gegenseitig! :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die bekannte Feministin Antje Schrupp hat auch ein Blog \u00fcber Gott. Als ich es entdeckte, trug es den Untertitel &#8222;It&#8217;s not about existence&#8220; und ich dachte: Wie schade! Wie kann man nur ernsthaft \u00fcber &#8222;Gott &#038; Co.&#8220; bloggen und die allerwichtigste Frage ausklammern?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2591"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2591"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2591\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2591"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2591"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2591"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}