{"id":2527,"date":"2017-12-22T12:28:25","date_gmt":"2017-12-22T11:28:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2527"},"modified":"2017-12-22T12:51:58","modified_gmt":"2017-12-22T11:51:58","slug":"zum-schwedischen-einverstaendnisgesetz-vergewaltigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2017\/12\/22\/zum-schwedischen-einverstaendnisgesetz-vergewaltigung\/","title":{"rendered":"Zum schwedischen Einverst\u00e4ndnisgesetz (#Vergewaltigung)"},"content":{"rendered":"<p>Falls irgendwer das noch nicht mitbekommen hat: Schweden hat ein Gesetz erlassen, das \u00fcber das &#8222;Nein hei\u00dft Nein&#8220;-Gebot hinaus geht: demnach wird jede sexuelle Handlung, f\u00fcr die kein explizites Einverst\u00e4ndnis vorliegt, als (zumindest fahrl\u00e4ssige) Vergewaltigung be- und verurteilt. <\/p>\n<p>Wie klingt das f\u00fcr dich? \u00dcbertrieben? Absurd? Oder eigentlich selbstverst\u00e4ndlich? So skandalisierend, wie es zun\u00e4chst berichtet wurde (z.B. <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article171720005\/Schweden-Einverstaendnisgesetz-fordert-Frage-um-Erlaubnis-zu-Sexualkontakt.html\">WELT<\/a>: <q>Wer in Schweden k\u00fcnftig Sex mit jemandem m\u00f6chte, muss die ausdr\u00fcckliche Erlaubnis einholen \u2013 gern auch schriftlich.<\/q>), war die Emp\u00f6rung gro\u00df. H\u00e4me und Spott ergo\u00df sich \u00fcber die &#8222;auf die Spitze getriebene sexuelle Korrektheit&#8220;, Einverst\u00e4ndnisformulare und Apps wurden diskutiert, ja sogar das Aussterben der Schweden prophezeit, weil sich dort niemand mehr trauen werde, unter so &#8222;gef\u00e4hrlichen&#8220; Rahmenbedingungen \u00fcberhaupt mit dem Sex anzufangen.<\/p>\n<p><strong>Auch ich hab&#8216; mich erstmal dr\u00fcber aufgeregt:<\/strong> <\/p>\n<ul>\n<li>Wie bitte, vor jeder sexuellen Handlung NACHFRAGEN, ob die auch gewollt ist? Einen schlimmeren Stimmungskiller kann man sich doch kaum vorstellen! <\/li>\n<li>Und \u00fcberhaupt: Kann man von den Beteiligten nicht zumindest erwarten, dass sie Nein sagen, den Kopf sch\u00fctteln, oder sonstwie ihre Ablehnung zum Ausdruck bringen, wenn Sex unerw\u00fcnscht ist? <\/li>\n<\/ul>\n<p>Zum Gl\u00fcck hab ich das nicht gleich rumgetwittert, sondern nur bei meinem Liebsten ein bisschen abgel\u00e4stert! <!--more--><\/p>\n<p>Denn mittlerweile sehe ich das nicht mehr so. Die schwedische Botschaft hat sich zu Wort gemeldet und richtig gestellt: Von einem schriftlichen Einverst\u00e4ndnis ist nirgends die Rede. Im Gesetzesentwurf ist NICHT konkretisiert, wie die Zustimmung auszusehen hat. Und Schwedens Ministerpr\u00e4sident sagte: <\/p>\n<blockquote><p>Im Grunde ist die Botschaft einfach: Man bringt in Erfahrung, ob der, mit dem man Sex haben will, auch Sex haben will. Ist das unsicher, lass es sein!<\/p><\/blockquote>\n<p>Und hier nochmal die <a href=\"http:\/\/www.swedenabroad.com\/de-DE\/Embassies\/Berlin\/Aktuelles--Veranstaltungen\/Aktuelles\/Regierung-prasentiert-Reform-des-Sexualstrafrechts--sys\/\">Begr\u00fcndung der Botschaft<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Die aktuelle Gesetzgebung sieht vor, dass Opfer von sexuellen \u00dcbergriffen ihren Widerstand durch Worte oder Handlungen deutlich zum Ausdruck gebracht haben m\u00fcssen.<br \/>\nDie nun vorgeschlagene Gesetzgebung m\u00f6chte die Opfer von dieser Verantwortung befreien und stattdessen die Angeklagten st\u00e4rker in die Pflicht nehmen: Wie haben sich die Angeklagten von der Freiwilligkeit ihrer Sexualpartner\/-innen \u00fcberzeugt? Passivit\u00e4t soll damit nicht l\u00e4nger als stilles Einverst\u00e4ndnis interpretiert werden k\u00f6nnen.<\/p><\/blockquote>\n<h2>Welchen Sex verteidigen die Kritiker eigentlich?<\/h2>\n<p>Wenn ich jetzt so lese, wie manche M\u00e4nnerblogs angesichts dieser Vorgabe hyperventilieren, dann muss ich mich doch fragen: Welchen Sex verteidigen die da eigentlich? Den, bei dem die Frau teilnahmslos da liegt und nur alles \u00fcber sich ergehen l\u00e4sst? So <a href=\"https:\/\/uepsilonniks.wordpress.com\/2017\/12\/19\/vergewaltigung-feministischer-totalitarismus\/\">beklagt etwa Uepsilonniks<\/a>, nach eigenen Angaben &#8222;linker Maskulist&#8220; den &#8222;feministischen Totalitarismus&#8220; und schreibt zur Sache:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Oft beschreiben [Frauen] auch, dass sie beim Akt zwar v\u00f6llig gegenw\u00e4rtig waren, aber psychisch \u201eeingefroren\u201c und es ihnen deshalb nicht m\u00f6glich war \u201enein\u201c zu sagen.&#8220;<br \/>\nHier liegt das Problem aber nicht beim \u201eT\u00e4ter\u201c, sondern beim vermeintlichen Opfer. Es ist nicht ein Fehlverhalten des Mannes, welches verurteilt wird, sondern eine psychische St\u00f6rung beim \u201eOpfer\u201c. Das ist ungef\u00e4hr so, als w\u00fcrde bei einem Autounfall nicht der eigentlich Schuldige verurteilt, sondern der andere Beteiligte, weil der Verursacher eine Panikattacke hatte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich staune \u00fcber diesen Vergleich, der &#8211; sofern ernst gemeint &#8211; ein grusliges Licht auf das Sexverst\u00e4ndnis des Autors wirft. Kollidieren denn da auch zwei zuf\u00e4llige &#8222;Verkehrsteilnehmer&#8220;, die gar nichts miteinander zu tun haben? Die nicht kommunizieren k\u00f6nnten, selbst wenn sie wollten?<\/p>\n<p>Mir ist mittlerweile klar, dass das Gesetz genau jene wenigen Frauen respektiert, die tats\u00e4chlich &#8222;psychisch eingefroren&#8220; sind und au\u00dfer Stande, sich irgendwie ablehnend zu \u00e4u\u00dfern. Dass ich mir einen solchen Zustand nicht vorstellen kann, hei\u00dft nicht, dass es ihn nicht gibt. Selbst dieser &#8222;linke Maskulist&#8220; gesteht offenbar zu, dass es so etwas gibt, wehrt sich aber dagegen, dass das &#8222;trotzdem dr\u00fcber rutschen&#8220; kriminalisiert wird. <\/p>\n<p>Warum eigentlich? Weil es so ungemein h\u00e4ufig vorkommt, dass M\u00e4nner mit derart passiven, &#8222;eingefrorenen&#8220; Frauen, die kein Wort und keine Geste mehr zustande bringen, Sex haben wollen?`Sich im Zweifel nicht drum scheren, was der Grund f\u00fcr diese Passivit\u00e4t sein mag, Hauptsache, es wird gefickt?<\/p>\n<p>F\u00fcr das Offenhalten dieser ignoranten Praxis steigen also all diese Kritiker in den Ring? Da gehe ich NICHT mit, nein danke! Ganz im Gegenteil begr\u00fc\u00dfe ich Schwedens Erg\u00e4nzung zu Gunsten einiger weniger Frauen, die vom bisherigen &#8222;Nein hei\u00dft Nein&#8220; nicht erfasst wurden.<\/p>\n<p>Gro\u00dfartige \u00c4nderungen in der Gerichtspraxis wird das Gesetz sowieso nicht bringen, denn nach wie vor gilt die Unschuldsvermutung. Und da Sex in den meisten F\u00e4llen &#8222;allein zu zweit&#8220; stattfindet, steht in der Regel Aussage gegen Aussage. Die schwedische Botschaft verweist deshalb auf die &#8222;Norm gebende Dimension&#8220; solcher Gesetze. Sie sind weniger praktisch als erzieherisch gemeint: es soll einfach sonnenklar werden, dass Sex immer ein Einverst\u00e4ndnis ben\u00f6tigt. Solange das UNKLAR bleibt, ist es den Leuten zuzumuten, sich  zu bez\u00e4hmen. Spricht doch nichts dagegen, sich zu vergewissern &#8211; oder wo ist das Problem?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Falls irgendwer das noch nicht mitbekommen hat: Schweden hat ein Gesetz erlassen, das \u00fcber das &#8222;Nein hei\u00dft Nein&#8220;-Gebot hinaus geht: demnach wird jede sexuelle Handlung, f\u00fcr die kein explizites Einverst\u00e4ndnis vorliegt, als (zumindest fahrl\u00e4ssige) Vergewaltigung be- und verurteilt. Wie klingt das f\u00fcr dich? \u00dcbertrieben? Absurd? Oder eigentlich selbstverst\u00e4ndlich? 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