{"id":25,"date":"2006-06-13T11:11:38","date_gmt":"2006-06-13T09:11:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/06\/13\/koenig-alkohol-teil-2\/"},"modified":"2008-01-21T18:03:40","modified_gmt":"2008-01-21T16:03:40","slug":"koenig-alkohol-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/06\/13\/koenig-alkohol-teil-2\/","title":{"rendered":"K\u00f6nig Alkohol &#8211; Teil 2"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-size: 11px\"><em>(Dies ist die Fortsetzung meiner &#8222;Geschichte mit dem Alkohol&#8220; &#8211;<br \/>\nlies dazu auch Teil 1: <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/06\/01\/koenig-alkohol-der-kontrollversuch-ist-der-kontrollverlust\/\">Der Kontrollversuch ist der Kontrollverlust<\/a>)<\/em><\/p>\n<p>An jenem Tag vor 15 Jahren, als die alte Dame bei den Anonymen Alkoholikern zu mir sagte, ich solle doch mit dem Trinken aufh\u00f6ren, \u00e4nderte sich mein Leben komplett. Ich hatte &#8222;ausgetrunken&#8220;, hatte mein ganz pers\u00f6nliches Tief erreicht. Endlich war der Groschen gefallen, der im ersten Schritt des 12-Schritte-Programms der AA in die Worte gefasst ist: &#8222;Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegen\u00fcber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern k\u00f6nnen&#8220;.<!--more--><\/p>\n<p>Diese Einsicht macht es m\u00f6glich, von einem Tag auf den anderen mit dem Trinken aufzuh\u00f6ren, denn sie gilt nicht nur f\u00fcr das Trinken, sondern f\u00fcr das ganze Leben. Schlie\u00dflich versucht jeder s\u00fcchtig Trinkende, mittels des Alkohols etwas in den Griff zu bekommen, etwas zu zwingen, was &#8222;ohne&#8220; nicht mehr m\u00f6glich ist:  z.B. arbeiten k\u00f6nnen bis zum Anschlag, mit Menschen aushalten, mit denen einen nichts verbindet, Gef\u00fchle der<br \/>\nLangeweile, des \u00dcberdrusses, der Angst verdr\u00e4ngen, Status und Macht verteidigen, Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen oder sie in einer Weise f\u00fchren, wie man es &#8222;ohne Stoff&#8220; nicht packen w\u00fcrde: Alkohol wird st\u00e4ndige St\u00fctze, Panzer, Waffe gegen das herein brechen der b\u00f6sen Welt, gegen das Sp\u00fcren dessen, was tats\u00e4chlich los ist, denn mit ein paar Bieren oder Schn\u00e4psen wird scheinbar alles ertr\u00e4glich. Jegliches wahrhaftige Selbstgef\u00fchl verschwindet, die s\u00fcchtige Pers\u00f6nlichkeit glaubt, es g\u00e4be nur ein &#8222;weiter so&#8220;, bis endlich der Punkt des Zusammenbruchs erreicht wird, der von alledem befreit.<\/p>\n<h2>Machtlosigkeit ist m\u00fchelos<\/h2>\n<p>Erstmal ging ich damals allerdings wieder in die Kneipe, in der ich gewohnt war, meine Abende zu verbringen. Ich trank Mineralwasser und merkte schnell, dass das Herumsitzen mit Menschen, die sich nach und nach zusch\u00fctten, alles andere als heiter und bereichernd ist. Ja, geradezu unertr\u00e4glich, wenn man nicht ebenfalls trinkt. Was f\u00fcr ein hohles Gequatsche! Dieser gro\u00dfartige, angeberische Gestus, den viele drauf haben, wenn ihnen K\u00f6nig Alkohol Macht verleiht! Das Kreisen in den immer selben Themen, das st\u00e4ndige L\u00e4stern \u00fcber Andere , die samt und sonders einen an der Waffel haben und alles falsch machen, w\u00e4hrend der zunehmend Betrunkene die Wahrheit und Weisheit mit L\u00f6ffeln gefressen hat &#8211; es war mir peinlich, es ersch\u00fctterte mich, in aller Klarheit zu sehen, was f\u00fcr eine H\u00f6lle mir &#8222;Heimat&#8220; gewesen war und ich verlie\u00df die Kneipen f\u00fcr immer.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher h\u00e4tte ich mitgetrunken, h\u00e4tte von all den Widerlichkeiten bald nichts mehr bemerkt und mich auf der Suche nach N\u00e4he und Intensit\u00e4t, nach Ber\u00fchrung und Ergriffenheit in den Rausch gesteigert, der all das zu geben schien, wonach ich verlangte. Jetzt handelte ich zum ersten Mal anders, indem ich mich nach meinen wahren Gef\u00fchlen und Empfindungen richtete. Bleiben h\u00e4tte &#8222;trinken m\u00fcssen&#8220; bedeutet, also ging ich. Es war so einfach &#8211; warum hatte ich nur so lange gebraucht, das eigentlich Selbstverst\u00e4ndliche zu erkennen?<\/p>\n<p>Es war tats\u00e4chlich &#8222;m\u00fchelos&#8220;, mit dem Trinken aufzuh\u00f6ren. Ich verlie\u00df die Kneipe ja nicht etwa um meiner Gesundheit willen, aus Angst, abzust\u00fcrzen oder dergleichen. Das alles hatte ich schon 1000 Mal in den Wind geschlagen und mich dem wohligen Gef\u00fchl in die Arme geworfen, das der erste Schnaps, das erste Glas Wein vermittelt. Alkohol ist das &#8222;Schmiermittel&#8220; par excellence, um weiter zu machen wie bisher. Alkohol verdeckt die eigenen Empfindungen, die nat\u00fcrlichen Gef\u00fchle und Reaktionen im Kontakt mit der Welt und den Mitmenschen. Mit Alkohol kann man lange &#8222;funktionieren&#8220;, nicht nur als durch nichts abzuschreckender Kneipengast, sondern vor allem bei der Arbeit, in Beziehungen, im Alltag: \u00fcber jede Irritation, jedes innere &#8222;nein, so nicht!&#8220; hilft Alkohol hinweg, macht das eigentlich Unertr\u00e4gliche ertr\u00e4glich, ja sogar angenehm.<\/p>\n<p>Viele benutzen Alkohol Tag f\u00fcr Tag auf diese Weise, ob sie sich nun schon als Alkoholiker erkennen oder nicht. Ich war jetzt aufgetaucht aus diesem bet\u00e4ubten Leben, meine &#8222;Trockenheit&#8220; wurde mir oberster Wert und damit Leitlinie des Handelns. Was ich nur trinkend ertragen konnte, fiel komplett weg &#8211; und das war eigentlich alles, was meine Welt ausmachte. Ich verlie\u00df die &#8222;Freunde der Nacht&#8220;, seilte mich aus langj\u00e4hrigen Beziehungen ab und f\u00fcllte die Leere, die so entstand, mit AA-Meetings. Gro\u00dfstadtbewohner sind hier eindeutig im Vorteil: zu fast jeder Tag und Nachtzeit gibt es in Berlin ein bis mehrere Meetings an vielen Orten der Stadt. Ich reiste herum, sa\u00df immer wieder &#8222;an den Tischen&#8220; und fand schlie\u00dflich mein  &#8222;Stamm-Meeting&#8220;, das ich fortan jeden Freitag aufsuchte. Daneben ging ich immer dann zu einem Meeting, wenn ich mich einsam f\u00fchlte, wenn ich nach Ber\u00fchrung, N\u00e4he und Intensit\u00e4t verlangte. Und ich fand dort, was ich suchte: Menschen, die ungeschminkt aus ihrem Leben erz\u00e4hlten, von ihren Freuden und Leiden, von ihren Schwierigkeiten und \u00c4ngsten &#8211; alles ohne Bem\u00e4ntelung, ohne diesen &#8222;hab ich alles im Griff-Gestus&#8220;, der dem besoffenen Bewusstsein eigen ist. Ohne Jammern, Wehleidigkeit, Selbst- oder Weltverachtung berichteten sie aus ihrem Alltag &#8211; jedes Meeting empfand ich als eine Art &#8222;Pfingsterlebnis&#8220;, doch der Geist, der da herab kam, war ein anderer Geist als der des Weines.<\/p>\n<p>Die Erkenntnis der Machtlosigkeit gegen\u00fcber dem Alkohol hatte mich zur Erkenntnis der Machtlosigkeit gegen\u00fcber der Welt befreit: Nicht ich bin es, die die Welt auf ihren Schultern tragen muss, es geht nicht darum, einen guten Eindruck auf irgendwen zu machen, Erwartungen zu erf\u00fcllen, zu funktionieren, JEMAND zu sein. All das hatte mich fast umgebracht, jetzt konnte jegliches derartige Bem\u00fchen loslassen und war ungeheuer begl\u00fcckt, zu bemerken, wie einfach und leicht das Leben &#8222;auf die neue Art&#8220; war.  Ich musste nichts mehr vorspielen, mich nicht zusammen rei\u00dfen, keinem Selbstbild gen\u00fcgen &#8211; das alles war von mir abgefallen, ausgebrannt im pers\u00f6nlichen Tief, in dem ich erkannte, dass aus eigener Kraft nichts mehr geht.<\/p>\n<p>Fast ein Jahr schwebte ich auf Wolke 7, wie die AA gerne sagen. Neben dem Selbstbild der f\u00e4higen Macherin, das ich lange gepflegt hatte, war auch mein Bild der Anderen zerborsten. Immer hatte ich angenommen, da drau\u00dfen g\u00e4be es so eine Art &#8222;menschlichen Mainstream&#8220;, die Normalen, die &#8222;B\u00fcrger&#8220;, die 0815-Menschen in ihren entfremdeten Jobs, die Langweiler und Streber, die &#8222;breite Masse&#8220;, die tumben Konsumenten und Verbraucher, die politisch ignoranten Idioten, gegen die man sich durchsetzen, denen man ein St\u00fcck &#8222;alternatives Leben&#8220; abtrotzen muss. Nun lernte ich sie alle kennen, sa\u00dfen sie doch mit mir an den Tischen: Der Bankdirektor neben dem Penner, dem Pfarrer, dem Sozialamtssachbearbeiter, der arbeitslosen Psychologin. Und alle sprachen von sich, erz\u00e4hlten aus ihrem Leben, berichteten, wie sie es ohne Alkohol lebten und wie es fr\u00fcher gewesen war &#8211; und in allen erkannte ich mich wieder! Erkannte, dass ich nichts Besonderes bin, in keiner Hinsicht. Dass das Streben nach N\u00e4he, Liebe,  Gl\u00fcck und Erf\u00fcllung in jedem lebt, genau wie die Angst vor Einsamkeit, vor Versagen, vor Alter, Krankheit und Tod. Ich f\u00fchlte mich nicht mehr getrennt, sondern in meiner &#8222;ganz normalen Menschlichkeit&#8220; mit allen verbunden &#8211; und das ganz ohne Alkohol!<\/p>\n<h2>Trockenes Leben<\/h2>\n<p>Mein Leben entwickelte sich jetzt &#8222;wie von selbst&#8220;. Ich musste nichts mehr zwingen, sondern brauchte nur noch Gelegenheiten ergreifen, die sich ergaben. Lange schon hatte ich mich f\u00fcr Computer interessiert, jetzt entdeckte ich, dass das Arbeitsamt Weiterbildungen bezahlt. Ein Jahr lie\u00df ich mich zur EDV-Fachkraft umschulen, lernte begeistert alles rund um das neue Ger\u00e4t, mit dem die Welt zunehmend gemanagt wurde. Danach erreichte mich das Angebot einer ABM-Stelle, die wie f\u00fcr mich geschaffen war:  Energiesparkampagnen f\u00fcr Mieter und andere Zielgruppen im Auftrag des Senats planen und durchf\u00fchren. Wie ich mich freute, meine alten Kompetenzen einbringen zu k\u00f6nnen! Ich tat es ohne inneren Druck, etwas Besonderes leisten zu wollen oder zu sollen, es war einfach die Arbeit, die getan werden musste und ich tat, was ich konnte: locker und unverbissen, mit Freude an der Sache, aber ohne Ehrgeiz, die Dinge zu zwingen.  Nach drei Monaten engagierten sie mich als Projektleiterin, ich blieb gut zwei Jahre dort  und war rundum gl\u00fccklich und zufrieden. Verdiente pl\u00f6tzlich auch richtig Geld, das &#8222;normale&#8220; Gehalt analog BAT 3A erschien mir als ein kleines Verm\u00f6gen! Sp\u00e4ter entdeckte ich das Internet, war hin und weg von dieser &#8222;neuen Welt&#8220; und verlie\u00df bei der n\u00e4chsten Mittelk\u00fcrzung den ABM-Tr\u00e4ger, um es zu erforschen. Ich h\u00e4tte halbtags arbeiten m\u00fcssen, genau wie mein Kollege &#8211; da ich ging, konnte er seinen Job ganztags weiter f\u00fchren und ich wurde gl\u00fcckliche Arbeitslose. 1996 ver\u00f6ffentlichte ich meine erste Website, lernte alles, was es im Netz zu lernen gab und schon bald kamen die ersten Auftr\u00e4ge: Du baust so sch\u00f6ne Webseiten, m\u00f6chtest du vielleicht unsere machen? Ich brauchte wieder nur JA sagen und konnte mich schon bald vom Arbeitsamt verabschieden. Es war meine zweite, selbst organisierte Weiterbildung, die ich mir g\u00f6nnte &#8211; und sie hat sich bew\u00e4hrt, denn seitdem musste ich kein Amt mehr f\u00fcr meinen Lebensunterhalt in Anspruch nehmen. (Toi toi toi &#8211; das kann sich auch mal wieder \u00e4ndern&#8230;).<\/p>\n<h2>Leichtsinnige Experimente<\/h2>\n<p>Nach einigen Jahren &#8222;an den Tischen&#8220; hatte ich die Anonymen Alkoholiker verlassen und mit Yoga angefangen, um nicht doch wieder in alte Routinen zu versacken. ALKOHOL war kein Thema mehr f\u00fcr mich, ich brauchte die Menschen an den Tischen nicht mehr, um zu wissen, wie man trocken lebt. Entgegen der &#8222;reinen Lehre&#8220;, nach der der Alkoholiker niemals wieder trinken darf, hab ich Jahre sp\u00e4ter auch mal wieder zum Glas gegriffen. In leichtsinniger Neugier wollte ich wissen, ob &#8222;K\u00f6nig Alkohol&#8220; noch Macht \u00fcber mich hat.  Er hat! Es stimmt, dass man immer dort weiter trinkt, wo man aufgeh\u00f6rt hat,  auch nach vielen Jahren vollst\u00e4ndiger Abstinenz. Ein &#8222;normales Trinken&#8220; ist mir bis zum heutigen Tag nicht m\u00f6glich. Wenn ich  &#8211; so einmal im Jahr &#8211; eine Flasche Wein \u00f6ffne, bleibt es nicht bei einem Glas. Ich kann das nur in gesch\u00fctzter Umgebung tun, wohl wissend, dass ich die Kontrolle verliere, indem ich trinke. Der Kontrollversuch ist der Kontrollverlust &#8211; also versuche ich es erst gar nicht, wenn ich mal wieder meine, einen &#8222;Kontakt mit dem Teufel&#8220; riskieren zu sollen. Der Tag danach zeigt mir dann mit den physischen und psychischen Nachwehen, wie sch\u00f6n es ist, dass Alkohol in meinem &#8222;normalen Leben&#8220; keinen Platz mehr hat. Dann bin ich wieder f\u00fcr ein Jahr belehrt, lebe trocken und gl\u00fccklich meinen Alltag und bin froh, keinerlei Sehnsucht nach alkoholischer Berauschung zu versp\u00fcren.<\/p>\n<h2>Heilender Tiefpunkt<\/h2>\n<p>Ein &#8222;Rezept&#8220;, wie man  vom Alkohol weg kommt,  gibt es aus meiner Erfahrung nicht. Das Leiden am Suff muss erst so gro\u00df werden, dass es einfach nicht l\u00e4nger zu ertragen ist. Erst dann, am ganz pers\u00f6nlichen Tiefpunkt,  ist man bereit, alles loszulassen, alles aufzugeben, was man bis dahin glaubte, halten und verteidigen zu m\u00fcssen: die Illusion der eigenen Macht, aber auch jeden Besitzstand, jede Beziehung, jede Routine, die nur noch &#8222;mit Schmiermittel&#8220; funktioniert.<\/p>\n<p>Wann und wodurch dieser Tiefpunkt erreicht wird, ist ganz unterschiedlich: bei den einen reicht es, wenn Frau und Kinder das Haus verlassen, andere m\u00fcssen sich erst halb tot trinken, Arbeit, Freunde und manchmal auch die Wohnung verlieren. Und nicht wenige erreichen den Tiefpunkt nie &#8211; sie sterben am Alkohol bzw. an suffbedingten Unf\u00e4llen oder Krankheiten.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.anonyme-alkoholiker.de\/content\/03info\/03wer.php\">Sind Sie Alkoholiker? Selbsttest \/ Fragebogen<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Dies ist die Fortsetzung meiner &#8222;Geschichte mit dem Alkohol&#8220; &#8211; lies dazu auch Teil 1: Der Kontrollversuch ist der Kontrollverlust) An jenem Tag vor 15 Jahren, als die alte Dame bei den Anonymen Alkoholikern zu mir sagte, ich solle doch mit dem Trinken aufh\u00f6ren, \u00e4nderte sich mein Leben komplett. 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