{"id":2475,"date":"2017-08-15T11:03:59","date_gmt":"2017-08-15T09:03:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2475"},"modified":"2017-08-31T15:19:26","modified_gmt":"2017-08-31T13:19:26","slug":"zur-bewertung-des-google-memos-danke-frau-meike","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2017\/08\/15\/zur-bewertung-des-google-memos-danke-frau-meike\/","title":{"rendered":"Zur Bewertung des Google-Memos: Danke, Frau Meike!"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem Artikel <a href=\"http:\/\/www.fraumeike.de\/2017\/google-memo-eine-kurze-geschichte-ueber-differenzierung-und-diskriminierung\/\">&#8222;Google-Memo: Eine kurze Geschichte \u00fcber Differenzierung und Diskriminierung&#8220;<\/a> erm\u00f6glicht Meike Lobo endlich eine sachliche Debatte \u00fcber einen Vorfall, der viele Gem\u00fcter erregt. <\/p>\n<p><strong>Worum gehts?<\/strong> Der Google-Mitarbeiter James Damore wurde k\u00fcrzlich entlassen, nachdem er in einem internen Memo (hier <a href=\"https:\/\/assets.documentcloud.org\/documents\/3914586\/Googles-Ideological-Echo-Chamber.pdf\">das Original<\/a>) Googles Diversit\u00e4tsprogramme kritisiert und Alternativen vorgeschlagen hatte. Die geringere Repr\u00e4sentation von Frauen in der Techbranche hatte er mit biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern begr\u00fcndet &#8211; und damit quasi in ein Wespennest gestochen. <!--more--><\/p>\n<p>Die Verurteilung folgte auf dem Fu\u00dfe: sowohl in den Mainstreammedien als auch in den sozialen Netzen wurde der Text h\u00f6chst oberfl\u00e4chlich als &#8222;sexistisches Pamphlet&#8220;, und &#8222;antifeministisches Manifest&#8220; in die Tonne getreten. Google verlautbarte, eine &#8222;rote Linie&#8220; sei \u00fcberschritten und k\u00fcndigte dem Mitarbeiter fristlos. Dass der Text weit mehr beinhaltet als den Verweis auf statistisch (!) signifikante Geschlechtsunterschiede, dass der Autor erkennbar versucht, konstruktiv zu argumentieren und nicht etwa grunds\u00e4tzlich gegen die vermehrte Einstellung von Frauen in IT-Berufen eintritt &#8211; all das spielte keine Rolle, Klappe zu, Affe tot!<\/p>\n<h2>Ja, es gibt biologische Geschlechtsunterschiede!<\/h2>\n<p>Frau Meike macht sich zun\u00e4chst die bewundernswerte Arbeit, die Basics jeglichen Statistikverst\u00e4ndnisses zu vermitteln und den &#8222;Unterschied zwischen der Populationsperspektive und der Individualperspektive&#8220; zu referieren: Wenn in der Wissenschaft Aussagen \u00fcber gruppenspezifische Zuschreibungen gemacht werden, dann bezieht sich das immer auf &#8222;statistisch signifikante&#8220; (=bedeutende) Mehrheiten in der untersuchten bzw. befragten Gruppe, niemals auf ALLE Individuen. Anders als der Memo-Autor h\u00e4tten viele Leser\/innen seine Aussagen \u00fcber Geschlechtsunterschiede offenbar als individuelle Zuschreibung verstanden und sich pers\u00f6nlich angegriffen gef\u00fchlt. F\u00fcr mich ein krasses Beispiel, wie sich ein offensichtlich defizit\u00e4rer Bildungshintergrund auswirken kann! <\/p>\n<p>Beim Thema &#8222;Geschlechtsunterschiede&#8220; zeigt Meike zun\u00e4chst auf, warum sie in bestimmten Kreisen so gerne geleugnet werden:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die biologischen Geschlechtsunterschiede wurden bisher haupts\u00e4chlich dazu benutzt, um Frauen an der Teilhabe an der \u00e4u\u00dferen, nicht-h\u00e4uslichen Welt zu hindern. Gerade dieser Missbrauch f\u00fchrt oft dazu, dass Diskriminierungsgegner biologische Unterschiede wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz leugnen \u2013 es entsteht dabei genau die Blindheit, von der weiter oben die Rede ist. Wo von wertfreien Unterschieden die Rede ist, erg\u00e4nzt das eigene Gehirn eine Abwertung. Aus einer reinen Beschreibung wird reflexartig eine Beurteilung. Ergebnis vermischt sich mit Interpretation. M\u00e4nner haben \u201etypisch weibliche\u201c Eigenschaften so lange und so oft ignoriert, abgewertet und als minderwertig hingestellt, dass heute niemand mehr etwas von diesen Eigenschaften h\u00f6ren will. Doch intellektuelle Verrenkungen werden nicht helfen, dass nat\u00fcrliche Ungleichheiten und die Folgen, die sie f\u00fcr die Menschen haben, verschwinden. Durch die Leugnung \u00fcberl\u00e4sst man ihre Deutung denjenigen, die sie zu ihrem Vorteil (und in der Regel dem Nachteil der Frauen) zu nutzen wissen. Gerade diejenigen, die an einer gerechten Welt interessiert sind, sollten sich besonders wissbegierig auf diese Sachverhalte st\u00fcrzen, weil genau hier die Stellschrauben f\u00fcr gerechtere Gesellschaftsstrukturen liegen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Wow, wie bin ich froh, dass das mal eine so deutlich sagt! <strong>Wer Fakten aus ideologischen Gr\u00fcnden leugnet, verl\u00e4sst aus meiner Sicht jegliche gemeinsame Basis einer redlichen Debatte<\/strong>. Umso mehr, als ja auch die Lebenswirklichkeit best\u00e4tigt, dass z.B. Frauen mehrheitlich lieber &#8222;was mit Menschen&#8220; als Beruf w\u00e4hlen &#8211; ungeachtet der vielf\u00e4ltigen Ermunterungen und F\u00f6rderma\u00dfnahmen, die dem entgegen wirken sollen. <\/p>\n<p>Maike macht jedenfalls Schluss mit dem Leugnen und berichtet:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die durchschnittlichen Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen sind Fakt, nicht nur Meinung oder Glaube (<a href=\"https:\/\/archive.is\/VlNfl\" target=\"_blank\">Link 1<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.quora.com\/What-do-scientists-think-about-the-biological-claims-made-in-the-anti-diversity-document-written-by-a-Google-employee-in-August-2017\/answer\/Suzanne-Sadedin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Link 2<\/a>). Sie sind unter anderem im W\u00e4rmehaushalt, in der Gehirnanatomie, dem Bewegungsapparat, der Partnerwahl, dem Aussehen und dem Sexualtrieb vielfach nachgewiesen. So funktioniert Evolution nun einmal: sie konstruiert die Organismen so, dass sie ihre evolution\u00e4re Funktion bestm\u00f6glich erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Die Funktion ist nat\u00fcrlich \u2013 g\u00e4hn! \u2013 wieder einmal die Fortpflanzung. Dass der Mensch heute in viele Aspekte der Fortpflanzung selbst eingreifen kann, \u00e4ndert zwar etwas an seinem Lebensstil (Individualebene, kann abweichen von der Gruppe), aber nicht an den Millionen Jahre alten Informationen zum Thema Sex, die in seinen Zellen gespeichert sind und ihr Programm abspulen, ob er nun will oder nicht (Populationsebene, entspricht h\u00f6chstwahrscheinlich den Informationen der restlichen Gruppe).&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier geht Meike dann noch weiter ins Detail des aktuellen Stands der Wissenschaft, bevor sie auf die Vorschl\u00e4ge von James Damore zu sprechen kommt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Statt Frauen durch starre Quoten und \u00e4hnliche Programme in die Unternehmen zu holen, sollte seiner Meinung nach versucht werden, das Arbeitsumfeld strukturell so zu ver\u00e4ndern, dass automatisch mehr Frauen angezogen werden. Diese Vorschl\u00e4ge des Autors und ihre Eignung als Werkzeug zur Frauenf\u00f6rderung k\u00f6nnen diskutiert werden, aber sie als <a href=\"http:\/\/t3n.de\/news\/google-anti-diversity-manifests-autor-entlassen-845325\/\" target=\"_blank\">Anti-Diversit\u00e4t<\/a> zu bezeichnen, grenzt schon fast an Fake News. Der Verfasser kritisiert nicht, <em>dass<\/em> Google versucht, gr\u00f6\u00dfere Diversit\u00e4t zu erreichen, er kritisiert die Art, <em>wie<\/em> Google das versucht. <a href=\"https:\/\/www.theatlantic.com\/politics\/archive\/2017\/08\/the-most-common-error-in-coverage-of-the-google-memo\/536181\/?utm_source=atlfb\" target=\"_blank\">Das ist ein riesiger Unterschied.<\/a>&#8220; <\/p><\/blockquote>\n<p>WIE WAHR!! Sogar in noch als seri\u00f6s geltenden Medien wie DIE ZEIT wurde sein Paper <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/karriere\/2017-08\/google-sexismus-anti-diversity-manifest\">als &#8222;Anti-Diversity-Manifest&#8220; gebrandmarkt<\/a>, voller &#8222;verletzender \u00c4u\u00dferungen&#8220;. Wer <a href=\"https:\/\/assets.documentcloud.org\/documents\/3914586\/Googles-Ideological-Echo-Chamber.pdf\">Damores Text<\/a> durchliest (es gibt eine <a href=\"https:\/\/www.ruhrbarone.de\/das-google-manifest-im-volltext\/145458\">\u00dcbersetzung bei den Ruhrbaronen<\/a>), wird feststellen, dass es in Sprache und Wortwahl eher vorsichtig und alles andere als &#8222;beleidigend&#8220; formuliert ist. Den aus den USA nach Europa schwappenden Trend, andere Meinungen nicht als Debattenbeitr\u00e4ge zu sehen, denen man mit Argumenten entgegen treten kann, sondern als &#8222;Verletzung&#8220; bzw. &#8222;Beleidigung&#8220;, bewerte ich als feindseligen Anschlag auf jegliche rationale Debatte: Als Beleidigte und auch als Beleidigerin bin ich n\u00e4mlich raus aus dem politischen Diskurs, es gibt nurmehr Opfer, T\u00e4ter, Vorw\u00fcrfe, Schuldzuweisungen, Rechtfertigungen &#8211; letztlich Kampf und Krieg. <\/p>\n<p>Frau Meike schreibt \u00fcber die Reaktionen auf das &#8222;Google-Memo&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;den Text so krass zu verzerren, ihn als \u201eM\u00fcll\u201c und \u201esexist\/racist\u201c zu bezeichnen, der besser <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/web\/google-sexistisches-pamphlet-eines-mitarbeiters-kommentar-a-1161878.html\" target=\"_blank\">sang- und klanglos in der Versenkung<\/a> verschwunden w\u00e4re, ist ein absolutes Armutszeugnis f\u00fcr alle Personen, die das getan haben. Es ersch\u00fcttert mich zutiefst, wie viele aufgekl\u00e4rte, intelligente, der Wissenschaft zugeneigte Menschen in meiner Filterblase in den letzten Tagen mit spitzen Fingern kurzsichtige, inhaltlich falsche oder schlicht dumme Kommentare in die sozialen Medien gek\u00fcbelt haben. Dass das zum Teil dieselben Leute sind, die f\u00fcr den <em>March for truth<\/em> ihr rosa Muschim\u00fctzchen aufziehen, ist ein anderer Witz und soll ein andermal erz\u00e4hlt werden.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Und <a href=\"http:\/\/www.fraumeike.de\/2017\/google-memo-eine-kurze-geschichte-ueber-differenzierung-und-diskriminierung\/#comment-39407\">Martin Weigert schreibt in den Kommentaren<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Art und Weise, wie der Impuls, Partei zu ergreifen, bei manchen das aktive Nachdenken ausschaltete, hat bei mir nachhaltig etwas kaputtgemacht; Vertrauen in viele Branchenmedien, aber auch Respekt f\u00fcr bestimmte Meinungsf\u00fchrer und Personen, mit denen ich eigentlich viele Grundwerte teile. Erstmals habe ich gesehen, wie bereitwillig selbst gebildete Menschen abseits populistischer Extremstr\u00f6mungen bereit sind, den wissenschaftlichen Stand der Dinge komplett zu ignorieren und als uniformer Mob den Kopf einer Person zu fordern, solange sie ihren Standpunkt f\u00fcr moralisch richtig halten.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<h2>Androzentrismus, Diskriminierung, Pathologisierung<\/h2>\n<p>Das bis hierher Referierte ist nur als Einstieg in den langen Artikel von Meike zu lesen, versehen mit ein paar pers\u00f6nlichen Anmerkungen, die meinem \u00c4rger \u00fcber die Art geschuldet sind, wie mit diesen Themen heute umgegangen wird. Richtig spannend wird es im Hauptteil, in dem sie darauf zu sprechen kommt, was sie abseits der falschen Vorw\u00fcrfe an Damores Memo f\u00fcr kritikw\u00fcrdig h\u00e4lt. Der Text kreist um die folgenden Themen:<\/p>\n<ul>\n<li>Androzentrismus &#8211; die \u00e4u\u00dfere Welt funktioniert nach von M\u00e4nnern geschaffenen Regeln.<\/li>\n<li>Diskriminierung &#8211; k\u00f6nnen M\u00e4nner diskriminiert werden?<\/li>\n<li>Pathologisierung &#8211; weibliche Eigenschaften werden als irgendwie &#8222;gest\u00f6rt&#8220; gelabelt<\/li>\n<\/ul>\n<p>Sehr lesenswerte Themen, zu denen man verschiedene Meinungen vertreten kann. Und sich das in den Kommentaren unter ihrem Artikel auch trauen darf, da die Gepflogenheiten zivilisierter Debatten dort ganz offensichtlich gelten. <\/p>\n<p>Danke Frau Meike!!!<\/p>\n<p>Zum Weiter lesen gehts hier <a href=\"http:\/\/www.fraumeike.de\/2017\/google-memo-eine-kurze-geschichte-ueber-differenzierung-und-diskriminierung\/\">zu ihrem Artikel<\/a>.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Mehr dazu:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wired.de\/collection\/life\/google-memo-diversity-gender-rauswurf-debatte\">Johnny Haeusler: Das Google-Memo und seine Folgen<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Artikel &#8222;Google-Memo: Eine kurze Geschichte \u00fcber Differenzierung und Diskriminierung&#8220; erm\u00f6glicht Meike Lobo endlich eine sachliche Debatte \u00fcber einen Vorfall, der viele Gem\u00fcter erregt. Worum gehts? 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