{"id":2458,"date":"2017-08-03T16:35:35","date_gmt":"2017-08-03T14:35:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2458"},"modified":"2017-11-21T20:59:42","modified_gmt":"2017-11-21T19:59:42","slug":"vom-verlust-der-wahrheit-und-linken-verirrungen-in-rechtes-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2017\/08\/03\/vom-verlust-der-wahrheit-und-linken-verirrungen-in-rechtes-denken\/","title":{"rendered":"Vom Verlust der Wahrheit und linken Verirrungen in rechtes Denken"},"content":{"rendered":"<p>Habt Ihr schon mal einen Artikel angetroffen, der alles auf den Punkt bringt, was Ihr schon l\u00e4nger bloggen wolltet &#8211; aber viel besser, als Ihr es je hinbekommen h\u00e4ttet? Einen Text, der verschiedene irritierende Ph\u00e4nomene unserer Zeit zusammen fasst, nachvollziebar beschreibt und sich nicht scheut, deutlich Stellung zu beziehen? <\/p>\n<p>Der Essay <a href=\"https:\/\/www.novo-argumente.com\/artikel\/im_zeitalter_der_zu_vielen_wahrheiten\">&#8222;Im Zeitalter der (zu) vielen Wahrheiten&#8220;<\/a> von Kenan Malik (britischer Publizist, Universit\u00e4tsdozent und Rundfunkjournalist) nimmt es mir ab, weiter dar\u00fcber nachzudenken, wie ich all das in Worte fassen k\u00f6nnte, was mich an vermeintlich &#8222;linkem&#8220; Denken l\u00e4nger schon massiv st\u00f6rt, ja be\u00e4ngstigt. <!--more--><\/p>\n<p>Das Intro reisst das Themenspektrum an, um das es geht:<br \/>\n<strong>Zerfall des Universalismus, Aufstieg der Identit\u00e4tspolitik und die Fragmentierung der Gesellschaft haben zu einer Krise der Wahrheit gef\u00fchrt.<\/strong><\/p>\n<p>Der Einstieg wirkt zun\u00e4chst wie eine der g\u00e4ngigen Klagen \u00fcber &#8222;Fake News&#8220;. In aller K\u00fcrze zeigt Malik auf, dass es sie schon immer gegeben hat, lediglich die Verbreiter seien heute andere:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;In der Vergangenheit waren es Regierungen, gro\u00dfe Institutionen und Zeitungen, die Informationen und Nachrichten manipulierten. Heute kann das jeder, der ein Facebook-Profil hat. Anstelle der sorgf\u00e4ltig gestalteten Fake News der Vergangenheit sehen wir uns heute einer anarchischen Schwemme an L\u00fcgen gegen\u00fcber. So wie die Eliten die Kontrolle \u00fcber die W\u00e4hlerschaft verloren, verloren sie auch ihre F\u00e4higkeit, die Verbreitung von Nachrichten zu steuern und zu definieren, was wahr und was falsch ist.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Soweit, so gewohnt. Dann aber kommt er zu den &#8222;Alternativen Fakten&#8220;, die Trump f\u00fcr sich in Anspruch nimmt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Donald Trumps Behauptung, an seiner Vereidigung h\u00e4tten mehr Menschen teilgenommen als an irgendeiner fr\u00fcheren Vereidigung, ist offensichtlich falsch. Aufschlussreich ist aber nicht nur die L\u00fcge, sondern auch die Art, wie sie verteidigt wurde: Mit ihrem Vorschlag, die Falschbehauptung sei eine \u201ealternative\u201c Wahrheit, die auf \u201ealternativen\u201c Fakten beruhe, st\u00fctzte sich Kellyanne Conway auf Konzepte, die in den vergangenen Jahrzehnten von radikalen Bewegungen nicht f\u00fcr L\u00fcgen genutzt worden waren, sondern um die Macht etablierter Wahrheiten herauszufordern, indem man darauf bestand, dass \u201eFakten\u201c oder \u201eWissen\u201c immer relativ zum jeweiligen Kontext oder zur jeweiligen Gruppe zu sehen seien.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Damit ist das Hauptthema er\u00f6ffnet: Postmoderner Relativismus kennt keine Wahrheiten mehr, sondern nur mehr relative, kulturell bedingte Blickwinkel. Dankenswerter Weise referiert der Autor die Denkweisen, gegen die er antritt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Postmoderne\u201c ist ein Konzept, das sich nur sehr schwer definieren l\u00e4sst, letztlich kennzeichnend ist jedoch die Feindschaft gegen\u00fcber dem Projekt der Aufkl\u00e4rung, aus fragmentierten Erfahrungen universelle Erkenntnisse abzuleiten und unseren Beobachtungen der sozialen und nat\u00fcrlichen Welt Stimmigkeit zu verleihen. Da kein Mensch die Realit\u00e4t \u201eaus der Gottesperspektive\u201c betrachten kann, schlussfolgern Postmodernisten, kann jeder von uns nur aus seiner jeweiligen Perspektive heraus sprechen \u2013 eine Perspektive, die auf spezifischen Erfahrungen, der jeweiligen Kultur und Identit\u00e4t beruht. \u201eWahrheit\u201c ist so notwendigerweise lokal und nur f\u00fcr spezifische Gemeinschaften oder Kulturen g\u00fcltig.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><span id=\"anti\"><\/span><br \/>\nWomit er bei der antiuniversalistischen Linken unserer Tage angekommen ist: <\/p>\n<blockquote><p> &#8222;Einst vertrat die Linke die universalistische Vision der Aufkl\u00e4rung \u2013 eine Vision, die die gro\u00dfen radikalen Bewegungen antrieb, die die moderne Welt schufen, von den antikolonialen K\u00e4mpfen \u00fcber die Frauenwahlrechtsbewegung bis hin zum Kampf f\u00fcr die Rechte von Schwulen.<br \/>\nDie Radikalen von heute verunglimpfen Universalismus meist als \u201eeurozentrisches\u201c Projekt. Die Idee der Aufkl\u00e4rung, so argumentieren viele, sei aus einer bestimmten Kultur und Geschichte hervorgegangen. Sie entspreche besonderen Bed\u00fcrfnissen, W\u00fcnschen und Neigungen. Menschen au\u00dferhalb des Westens m\u00fcssten demzufolge ihren eigenen Ideen und Werten aus ihren jeweiligen Kulturen, Traditionen und Bed\u00fcrfnissen heraus folgen \u2013 und dies gilt nicht nur f\u00fcr Nicht-Westler, sondern auch f\u00fcr verschiedene soziale Gruppen innerhalb der westlichen Nationen, etwa Schwarze, Frauen oder Schwule&#8230;.Die Akzeptanz solcher Sichtweisen ging in den letzten Jahren Hand in Hand mit dem Aufstieg der Identit\u00e4tspolitik und einem generell subjektiveren Blick auf die Welt, der sich parallel entwickelte: Es breitete sich der Glaube aus, unsere Wahrnehmung der Welt oder wie wir uns bei ihrer Betrachtung f\u00fchlen, sei genauso wichtig wie ihre tats\u00e4chliche Beschaffenheit.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie mir das aus der Seele spricht! Und ich muss zugeben: Auch ich war einige Jahre der \u00dcberzeugung, diese &#8222;Denke&#8220; sei ungemein progressiv und fortschrittlich. Bis ich mehr und mehr bemerkte, dass sie die M\u00f6glichkeiten des gemeinsamen Politik-Machens zerbr\u00f6selt und es am Ende keinen gemeinsamen Werte-Anker mehr gibt, auf den man sich beziehen kann. Sondern nur noch den Kampf immer verschiedenerer Kleingruppen gegeneinander: um die &#8222;Definitionsmacht&#8220; und letztlich die Macht, andere zu beherrschen. Was das glatte Gegenteil fr\u00fcherer linker Werte, denen ich mich immer schon verbunden f\u00fchlte und noch immer f\u00fchle. <\/p>\n<p>Lest bitte selbst <a href=\"https:\/\/www.novo-argumente.com\/artikel\/im_zeitalter_der_zu_vielen_wahrheiten\">bei NOVO<\/a> weiter, wie das neolinke Denken der Differenz die Widerstandskraft gegen\u00fcber den Identit\u00e4ren und anderen reaktion\u00e4ren Rechten untergraben hat &#8211; und welche Folgen das hat. G\u00e4nsehaut! <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Habt Ihr schon mal einen Artikel angetroffen, der alles auf den Punkt bringt, was Ihr schon l\u00e4nger bloggen wolltet &#8211; aber viel besser, als Ihr es je hinbekommen h\u00e4ttet? Einen Text, der verschiedene irritierende Ph\u00e4nomene unserer Zeit zusammen fasst, nachvollziebar beschreibt und sich nicht scheut, deutlich Stellung zu beziehen? 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