{"id":2272,"date":"2016-12-28T15:46:45","date_gmt":"2016-12-28T14:46:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2272"},"modified":"2016-12-28T15:48:40","modified_gmt":"2016-12-28T14:48:40","slug":"was-ist-sie-die-philosophie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2016\/12\/28\/was-ist-sie-die-philosophie\/","title":{"rendered":"Was ist sie, die Philosophie?"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/eule1.jpg\" alt=\"Eule\" width=\"250\" height=\"167\" class=\"alignright size-full wp-image-2273\" \/>Diese Frage stellte ich 1996 den Leserinnen und Lesern meines <a href=\"http:\/\/claudia-klinger.de\/archiv\/MissingLinkAusstell\/inhalt.htm\">&#8222;Cyberzines Missing Link&#8220;<\/a>. Es ist noch heute im Archiv zu besichtigen. Die per Email zugesendeten Antworten brachte ich in <a href=\"http:\/\/claudia-klinger.de\/archiv\/MissingLinkAusstell\/frage.htm\">Teil 1<\/a> und <a href=\"http:\/\/claudia-klinger.de\/archiv\/MissingLinkAusstell\/frage2.htm\">Teil 2<\/a> zur Ansicht. <em>(Ganz im urzeitlichen Webdesign-Stil &#8222;optimiert f\u00fcr Bildschirme mit 640 x 480 Pixel&#8220;. Das war damals Standard, die gro\u00dfe Umstellung auf 800 x 600 kam erst sp\u00e4ter).<\/em> <!--more--><\/p>\n<p>Der zwangsentschleunigten Herangehensweise verdankt sich die durchweg hohe Qualit\u00e4t der Einsendungen. Hier z.B. eine Antwort von Reiner Reiche:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Philosophie ist meine individuelle Religion.<br \/>\nSie ist der Repr\u00e4sentant meines best\u00e4ndigen Kampfes zwischen der Bequemlichkeit, dogmatischer Erstarrung und der permanenten Unruhe der Wahrheits- und Wirklichkeitssuche.<br \/>\nSie ist mein Protest gegen die widerw\u00e4rtige Banalit\u00e4t der Allt\u00e4glichkeit.<br \/>\nSie gibt mir die Illusion der Ann\u00e4herung an eine, in ihrer Komplexit\u00e4t nicht erfassbare Wirklichkeit, in dem Bewusstsein, mich selbst nur als Zerrbild in dem Fragment eines zerschlagenen Spiegels zu erblicken.<br \/>\nSie gibt mir die Kraft, die Bedeutungslosigkeit meiner Existenz zu ertragen und von einer zentralistischen in eine relativistische Denkweise \u00fcberzugehen.<br \/>\nSie gibt mir den Inhalt des Spieles zwischen Analyse und Synthese, mit dem Ziel der maximalen Integration.<br \/>\nSie ist f\u00fcr mich die wirksamste Waffe der Menschheit, den, nach meiner Meinung, unvermeidlichen Sieg der Entropie zu verz\u00f6gern.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Es gab aber auch kurze Antworten, die heute in einen Tweet passen w\u00fcrden, etwa von Max Lamento:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Philosophie ist die Kunst, mit beiden Beinen FEST \u00fcber den Dingen zu stehen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch Zitate wurden eingesendet, etwa das Folgende von Vil\u00e9m Flusser. Der &#8222;Medienphilosoph&#8220; war eine Art S\u00e4ulenheiliger meiner damaligen Publikationen, dem ich auch <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/flusser\/\">eine Fan-Page<\/a> widmete. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei den Verwaltern der Rechte: daf\u00fcr, dass sie mir niemals Schwierigkeiten wegen zu langer Zitate oder deren mangelnde Einbettung in eine &#8222;eigene geistige Auseinandersetzung&#8220; machten!<br \/>\nHier ist eine solche immerhin gegeben, denn das Bed\u00fcrfnis, mal wieder die Grundlagen des Interesses an Philosophie zu betrachten, entstand direkt hier in den Kommentargespr\u00e4chen. Dieser Beitrag ist also der Wiedereinstieg in ein Thema, das lange meins war, das ich aber sehr lange kaum mehr behandelte. Zwischen den Jahren, in der &#8222;magischen Zeit&#8220; finde ich dahin zur\u00fcck und werde es hoffentlich fortsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber nun endlich Flusser: <\/p>\n<blockquote><p>    &#8222;Unvoreingenommen und ohne jede Absicht, irgendwo anzukommen, folgt sie (die Seele) dem philosophischen Geist und l\u00e4\u00dft sich von ihm \u00fcberraschen. Diese Absichtslosigkeit und ehrliche Unkenntnis des Ziels, das unterscheidet die Philosophie von allen anderen menschlichen T\u00e4tigkeiten, darum ist sie so erhaben und edel. Alles, was Menschen sonst machen, ist irgendwie immer noch mit der Wirklichkeit verbunden, es hat darum ein Ziel und ein Motiv, das Ziel zu erreichen. Die Philosophie ist von dieser Utilitarit\u00e4t befreit, sie beschmutzt nicht ihre H\u00e4nde mit Arbeit, sie ist der Aristokrat unter den menschlichen Disziplinen. Darum erscheint, von der Philosophie aus gesehen, alles menschliche Tun verkrampft und vom Willen verzeichnet. Alles , au\u00dfer der Philosophie, tr\u00e4gt das Stigma des Gewollten und darum des Verstellten.<\/p>\n<p>    Alles, nicht nur das t\u00e4gliche Leben, auch die Wissenschaft und die Religion, die Kunst und die \u00f6stliche Sucht nach Erkenntnis, ist hypokritisch, weil gewollt und dem Willen untergeordnet. Es gibt vor, Selbstzweck zu sein, und ist alles doch nur Werkzeug des Willens zum Dienste des Willens. Alles, au\u00dfer der reinen Philosophie, ist verkleidete Hoffart. Die Philosophie allein ist bescheiden und ehrlich. Sie allein hat den Willen verwunden und das Ich gebrochen. Sie allein ist vollkommen ehrlich, obwohl sie sich bewu\u00dft ist, Theater zu spielen, w\u00e4hrend alles andere meint, ehrlich zu handeln. Eben darin liegt die Ehrlichkeit der Philosophie, da\u00df sie nicht Ehrlichkeit heuchelt, sondern zugibt, scheinbar zu sein, w\u00e4hrend alles andere seine Scheinbarkeit leugnet. Und das ist vielleicht die letzte philosophische Weisheit: Sie erkennt, da\u00df alles, auch sie, ein Schattenspiel des Willens ist, aber sie als einzige erkennt auch die Schattenhaftigkeit des Willens.&#8220;<\/p>\n<p>    aus: Vilem Flusser: &#8222;Die Geschichte des Teufels&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>***<\/p>\n<p>Und jetzt muss ich erstmal kochen&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Frage stellte ich 1996 den Leserinnen und Lesern meines &#8222;Cyberzines Missing Link&#8220;. Es ist noch heute im Archiv zu besichtigen. Die per Email zugesendeten Antworten brachte ich in Teil 1 und Teil 2 zur Ansicht. (Ganz im urzeitlichen Webdesign-Stil &#8222;optimiert f\u00fcr Bildschirme mit 640 x 480 Pixel&#8220;. 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