{"id":227,"date":"2008-11-01T10:38:37","date_gmt":"2008-11-01T08:38:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=227"},"modified":"2008-11-07T13:28:53","modified_gmt":"2008-11-07T11:28:53","slug":"kleine-meditation-ueber-den-alltag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/11\/01\/kleine-meditation-ueber-den-alltag\/","title":{"rendered":"Kleine Meditation \u00fcber den Alltag &#8211; ein Blitzlicht"},"content":{"rendered":"<p>Alltag, alle Tage, allt\u00e4glich &#8211; in diesen Worten schwingt so etwas Abwertendes mit, das mir gleich auff\u00e4llt, wenn ich es hinschreibe. Fehlt noch &#8222;grauer Alltag&#8220;, was immerhin f\u00fcr den Moment stimmt, wenn ich so aus dem Fenster sehe. Doch geh\u00f6rt der Moment ja nicht zum Alltag, jedenfalls dann nicht, wenn ich ihn wahrnehme, wie es sich f\u00fcr ein &#8222;Blitzlicht&#8220; geh\u00f6rt. Und das Wetter ist ja niemals &#8222;allt\u00e4glich&#8220;, sondern immer anders, ver\u00e4nderlich eben.<\/p>\n<p>Was ist also mein Alltag? Habe ich als Selbst\u00e4ndige \u00fcberhaupt so etwas, da ich doch von fr\u00fch bis sp\u00e4t selber bestimme, was ich wann tue und wie? In meinen Online-Kursen lasse ich manchmal einen Text schreiben mit dem Titel &#8222;ein ganz normaler Tag&#8220;. Die H\u00e4lfte der Teilnehmer tut sich damit schwer und findet kreative Wege, die Aufgabe zu umschiffen, anstatt sie buchstabengetreu zu bearbeiten. Fast, als w\u00e4re es ein wenig ehrenr\u00fchrig, einen &#8222;Alltag&#8220; zu haben. Schlie\u00dflich sollen wir flexibel sein, kreativ, allem Neuen gegen\u00fcber aufgeschlossen, immer bereit, das Gewohnte auf dem Altar der Neuerungen zu opfern. Rasten hei\u00dft rosten, und wer will das schon? <!--more--><\/p>\n<h2>Routine und Gewohnheit<\/h2>\n<p>Mein Alltag, um nun endlich mal konkret zu werden, ist \u00e4u\u00dferlich unglaublich monoton: Ich stehe morgens auf, mache mich frisch und bereite mit den immer gleichen Handbewegungen in einer italienischen Espressokanne den ersten Kaffee. Dazu geh\u00f6rt auch ein halber Liter H-Milch (1,5% Fett), die ich in einem Milchtopf erhitze. Wenn ich dann dabei bleibe und z.B. noch ein wenig Restgeschirr von gestern sp\u00fcle, verpasse ich den Moment des \u00dcberkochens nicht, sch\u00fctte den fertigen Espresso zur Milch und dann das Ganze in die Thermoskanne. Nun wechsle ich vor den PC, den ich meist schon auf dem Weg zur K\u00fcche einschalte und \u00fcberlasse mich der &#8222;Anlaufphase&#8220;: E-Mails, Nachrichten-Seiten, ein paar Blogs, die ich regelm\u00e4\u00dfig lese &#8211; ich verschwende die morgendliche Geistesklarheit an Nichtigkeiten, tue nichts &#8222;N\u00fctzliches&#8220; und bin mir dessen sogar bewusst. Egal, ist ja Alltag! <\/p>\n<p>Irgendwann raffe ich mich auf, zur &#8222;richtigen Arbeit&#8220; \u00fcberzugehen: Honorartexte, Kursbetreuung, kleine \u00c4nderungen an dieser und jener Webseite, Organisatorisches &#8211; gelegentlich ziehe ich meinen Wochenplan zu Rate, der auch nur eine andere Form der alten ToDo-Liste ist. So gegen 14 Uhr f\u00fchle ich mich mangels ordentlichem Fr\u00fchst\u00fcck und durch das stundenlange Sitzen ein wenig ersch\u00f6pft. Ich mache dann Pause, nehme einen Imbiss und lege mich ein wenig ab, um so gegen 16 Uhr weiter zu arbeiten. Abends koche ich mir was Einfaches oder mache mir Brote, schaue den Nachrichtenblock im TV und kehre dann zum PC zur\u00fcck: nochmal ein Blick in den Kurs, doch jetzt habe ich &#8222;Freizeit&#8220; und f\u00fchle mich berechtigt, einfach meinen Impulsen zu folgen: lesen, surfen, mailen, Artikel kommentieren&#8230;  So gegen Mitternacht ist Schluss, ich wechsle ins Bett &#8211; und das war es dann mit meinem Alltag. <\/p>\n<h2>In Verzug mit dem richtigen Leben<\/h2>\n<p>Aus der Computerwelt stammt der Ausdruck &#8222;default&#8220;: das bedeutet so viel wie &#8222;voreingestellt&#8220;, &#8222;Werkseinstellung&#8220; und bezieht sich auf den programmiertechnischen Grundzustand, in dem ein Programm geliefert wird. Was ich oben als Alltag beschreibe, erinnert mich an dieses &#8222;default&#8220;: wenn ich mich nicht aufraffe und irgend etwas anders mache, bleibe ich &#8222;automatisch&#8220; in dieser Grundroutine meiner Tage h\u00e4ngen. Witzigerweise hei\u00dft default auch &#8222;in Verzug sein&#8220;, wie ich bei Wikipedia lese, und das trifft gut das schlechte Gewissen, das sich breit macht, wenn ich diesen immer gleichen Verlauf zu lange nicht durchbreche. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich mache ich das immer mal wieder: ein paar Yoga-\u00dcbungen (zu wenig!),  ein Gang zum L\u00e4dchen oder in den Supermarkt, mit dem Fahrrad in den Garten (wetterbedingt nur noch selten), Treffen mit Freunden und Gesch\u00e4ftspartnern, Saunabesuche &#8211; mein Bed\u00fcrfnis nach Abwechslung im realen Leben ist nicht wirklich gro\u00df. Was online auf mich einstr\u00f6mt und all die M\u00f6glichkeiten, damit umzugehen, deckt meinen Bedarf nach Neuem, nach Teilhabe und kreativer Selbstverwirklichung weitgehend ab. Dass dabei der K\u00f6rper leidet, weil er, wie der Philosoph Virilio es nannte, eine allzu &#8222;satellitisierte&#8220; Existenz f\u00fchren muss, nehme ich mutwillig in Kauf.  Und leide an den Folgen, n\u00e4mlich einer Reihe von Sitzsch\u00e4den, die mich im besten Fall zu Unterbrechungen motivieren, nicht aber zu grunds\u00e4tzlichen Ver\u00e4nderungen &#8211; welche sollten das auch sein? <\/p>\n<p>Werde ich gefragt, wie es mir geht, sage ich &#8222;gut!&#8220; und meine das auch so. Ich lebe in der Anmutung, frei zu sein, obwohl ich t\u00e4glich viele Stunden vor dem Monitor sitze, mit der Maus klicke, in die Tasten haue, Tag um Tag, Jahr um Jahr. Und meine gr\u00f6\u00dfte Angst vor dem Alter ist, dass man mir diesen &#8222;Zugang&#8220; einmal nehmen k\u00f6nnte.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alltag, alle Tage, allt\u00e4glich &#8211; in diesen Worten schwingt so etwas Abwertendes mit, das mir gleich auff\u00e4llt, wenn ich es hinschreibe. Fehlt noch &#8222;grauer Alltag&#8220;, was immerhin f\u00fcr den Moment stimmt, wenn ich so aus dem Fenster sehe. 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