{"id":222,"date":"2008-10-22T10:57:51","date_gmt":"2008-10-22T08:57:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=222"},"modified":"2008-10-24T13:48:30","modified_gmt":"2008-10-24T11:48:30","slug":"annaeherungen-an-persoenliche-verantwortung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/10\/22\/annaeherungen-an-persoenliche-verantwortung\/","title":{"rendered":"Ann\u00e4herungen an pers\u00f6nliche Verantwortung"},"content":{"rendered":"<p>Was bedeutet f\u00fcr dich Verantwortung? Die Frage stellt Frank vom Feel-better-Blog in Form einer <a href=\"http:\/\/feel-better-blog.de\/2008\/10\/15\/blogparade-verantwortung-was-bedeutet-das-fuer-dich\/\">&#8222;Blogparade&#8220;<\/a>, zu der ich gerne ein paar Gedanken beitrage.<\/p>\n<p>Sinnt man auch nur ein wenig \u00fcber &#8222;Verantwortung&#8220; nach, nimmt das Thema gleich Dimensionen an, die Stoff f\u00fcr ein halbes Jahr bloggen abg\u00e4ben, mindestens. Da hilft nur, ganz eng am Pers\u00f6nlichen entlang zu schreiben: was hei\u00dft F\u00dcR MICH Verantwortung? Wo bin ich verantwortlich und wo nicht?<!--more--><\/p>\n<p>Mein Tun und Lassen zu verantworten bedeutet zun\u00e4chst mal, dass mir die Folgen meiner Handlungen nicht egal sind, unabh\u00e4ngig davon, wen sie au\u00dfer mir noch betreffen. Einem Webdesign-Kunden drehe ich keine Seiten an, die zwar optisch in Ordnung sind, aber &#8222;unter der Haube&#8220; M\u00e4ngel aufweisen, die er nicht erkennen kann. W\u00e4re ich Banker, w\u00fcrde ich keine risikoreichen Anlagen an Menschen verkaufen, die ihr Geld f\u00fcr ihr Alter sicher anlegen wollen. Mache ich Versprechungen, versuche ich, diese zu halten &#8211; so weit, so einfach.<\/p>\n<p>Was aber ist mit der Verantwortung beim Einkaufen, beim Verbrauch von Energie, bei der M\u00fcll-Entsorgung? Inwiefern bin ich f\u00fcr die miesen Arbeitsbedingungen der dritten Welt verantwortlich, blo\u00df weil ich Produkte kaufe, die mir im Supermarkt begegnen? Und was ist mit der Kassiererin, die nur einen prek\u00e4ren 400-Euro-Job hat? Ist das alles meine Schuld, weil ich nicht im Feinkost-Laden einkaufe oder die &#8222;\u00d6ko-Kiste&#8220; aus dem Umland kommen lasse?<\/p>\n<h2>Macht und Verantwortung<\/h2>\n<p>Verantwortung sehe ich in Abh\u00e4ngigkeit von Macht: Wo ich keine Macht habe, bin ich auch nicht verantwortlich, denn da kann ich &#8222;nichts machen&#8220;. Da gilt der ber\u00fchmte Spruch: <em>&#8222;Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht \u00e4ndern kann, den Mut, Dinge zu \u00e4ndern, die ich \u00e4ndern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Hilft das weiter angesichts der gestellten Fragen? Ja und nein. Ich habe keine Macht, die Arbeitsbedingungen der am Produktionsprozess Beteiligten zu ver\u00e4ndern, wohl aber verf\u00fcge ich \u00fcber die &#8222;Macht der Verbraucher&#8220;, kann also zwischen verschiedenen Produkten w\u00e4hlen und oft auch ganz verzichten. <\/p>\n<p>Handle ich also nur dann verantwortlich, wenn ich <a href=\"http:\/\/konsumblog.de\/\">&#8222;politisch konsumiere&#8220;<\/a> und mir stets aller Folgen und Rahmenbedingungen bewusst bin? Wieviel Verzicht muss ich mir daf\u00fcr zumuten? Und wie komme ich \u00fcberhaupt dazu, f\u00fcr den ganzen &#8222;Rest der Welt&#8220; zu wissen, was jeweils &#8222;verantwortbar&#8220; ist? Meine <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/category\/kulturschock-kambodscha\/\">Reisen nach Kambodscha<\/a> haben mir gezeigt, dass Menschen in Arbeitsverh\u00e4ltnissen richtig gl\u00fccklich sein k\u00f6nnen, die wir hierzulande niemandem zumuten w\u00fcrden. So einen Arbeitsplatz zu verlieren, weil z.B. die Nachfrage wegbricht, w\u00e4re f\u00fcr diese Menschen ein Ungl\u00fcck &#8211; will und kann ich das verantworten, indem ich hier Konsumverzicht \u00fcbe, um &#8222;bei den Guten&#8220; zu sein?<\/p>\n<h2>Verantwortung und Arbeitsteilung<\/h2>\n<p>Unsere Welt funktioniert arbeitsteilig, in diesen Zeiten der Globalisierung ist die Arbeit sogar \u00fcber die ganze Welt verteilt, so dass politische Kontrolle nur noch sehr begrenzt m\u00f6glich ist.  Es liegt nahe, nun einfach einem jeden, der irgendwo Gestaltungsmacht aus\u00fcbt, auch die entsprechende Verantwortung zuzuordnen: Wer <a href=\"http:\/\/www.sozialforum-bochum.de\/2007\/02\/12\/das-oel-die-armut-und-die-umwelt-wohin-nigeria\/\">in Nigeria<\/a> mit seinen \u00d6l-Leitungen die Umwelt versaut, handelt ganz klar verantwortungslos (und geh\u00f6rt zu den B\u00f6sen!). <\/p>\n<p>Wo keine Regeln das Handeln begrenzen, weil keine \u00fcbergeordnete Macht sie setzt, berufen sich die Akteure zur Rechtfertigung ihres Tuns auf die &#8222;Macht der M\u00e4rkte&#8220;: <em>Wenn wir es nicht tun, sind wir schnell drau\u00dfen, die Konkurrenz steht immer bereit, uns zu ersetzen!<\/em> Und schon ist der Ball wieder beim Autofahrer, beim Pendler, der gar keine Wahl hat, anders zum Arbeitsplatz zu kommen als mit Hilfe des Benzins, das an den Tankstellen angeboten wird. Und wer wollte es ihm verdenken, dass er dort tankt, wo es ein paar Cent billiger ist?<\/p>\n<p>Im Ergebnis leben wir also in einem System fluktuierender Verantwortunglosigkeit, in dem nahezu jeder Akteur einiges zu seiner Rechtfertigung anf\u00fchren kann. Erst recht, wenn man es ganz aufs pers\u00f6nliche Leben herunter bricht: da m\u00fcssen ja immer noch Familien ern\u00e4hrt werden,  wof\u00fcr Jobs angenommen und Gesch\u00e4fte gemacht werden, die man ohne Not-Wendigkeit lieber nicht machen w\u00fcrde. Wie k\u00f6nnte ich als Kinderlose das verurteilen?<\/p>\n<h2>Ann\u00e4herungen an verantwortliches Handeln<\/h2>\n<p>Wie halte ich es angesichts all des Gesagten also mit der pers\u00f6nlichen Verantwortung? Einerseits kann ich nicht die ganze Welt auf meinen Schultern tragen, andrerseits nicht dar\u00fcber hinweg sehen, dass ich Teil des Ganzen bin und meine W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse bzw. die Art, wie ich sie mir erf\u00fclle, am &#8222;System der Verantwortungslosigkeit&#8220; urs\u00e4chlich mitwirken. Es ist mir einfach nicht mehr m\u00f6glich, schlichte Feindbilder zu pflegen und mich dabei &#8222;auf der richtigen Seite&#8220; zu f\u00fchlen. Und an  &#8222;pers\u00f6nliche Verantwortung&#8220; kann ich mich letztendlich immer nur ann\u00e4hern: sehr weitgehend, wo ich eine beliebige Sache rundum selbst bestimme, deutlich weniger dort, wo ich eine unter vielen bin, die (z.B. mit dem Impuls, das preiswertere Produkt zu w\u00e4hlen) an dem, was statt findet, beteiligt sind. <\/p>\n<p>Egal wie sehr ich mich bem\u00fche, ich werde immer mitschuldig an irgend etwas, das ich so &#8222;eigentlich&#8220; nicht verantworten will. Zudem muss ich sogar zugeben, dass ich mich nicht durchweg an allen denkbaren Fronten dauernd extrem bem\u00fche: das schwankt nach Tagesform, Stimmung und aktueller Problemlage. Geht&#8217;s mir finanziell grade gut, bin ich eher geneigt, mich um den Rest der Welt zu k\u00fcmmern als wenn ich um die n\u00e4chste Miete f\u00fcrchten muss. <\/p>\n<p>Aus dem christlich-religi\u00f6sen Kontext (aus dem ich schon als Kind ausgetreten bin) kenne ich den Begriff der &#8222;Erbs\u00fcnde&#8220;. Wie er mir einst vermittelt wurde, fand ich ihn total absurd. Heute verstehe ich besser, was damit gemeint sein k\u00f6nnte: Auch wenn man sich noch so anstrengt, immer alles gut und richtig zu machen, um es verantworten zu k\u00f6nnen, findet sich doch immer auch eine &#8222;b\u00f6se Folge&#8220; &#8211; irgendwo, irgendwann, bei irgendwem. <\/p>\n<p>Gegen die nicht gerade ermunternden Folgen dieser Erkenntnis im eigenen F\u00fchlen hilft schon immer das &#8222;Opfern&#8220;. Heute empfiehlt es sich allerdings, nicht den G\u00f6ttern zu opfern, sondern den Bed\u00fcrftigen zu spenden: zum Beispiel <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/09\/04\/neues-von-den-tani-brunnen\/\">einen Trinkwasser-Brunnen,<\/a> wo er noch fehlt. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bedeutet f\u00fcr dich Verantwortung? Die Frage stellt Frank vom Feel-better-Blog in Form einer &#8222;Blogparade&#8220;, zu der ich gerne ein paar Gedanken beitrage. Sinnt man auch nur ein wenig \u00fcber &#8222;Verantwortung&#8220; nach, nimmt das Thema gleich Dimensionen an, die Stoff f\u00fcr ein halbes Jahr bloggen abg\u00e4ben, mindestens. 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