{"id":2178,"date":"2016-11-09T11:07:14","date_gmt":"2016-11-09T10:07:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2178"},"modified":"2016-11-10T11:34:33","modified_gmt":"2016-11-10T10:34:33","slug":"nicht-geschockt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2016\/11\/09\/nicht-geschockt\/","title":{"rendered":"Nicht geschockt"},"content":{"rendered":"<p>Heute Nacht bin ich so gegen vier Uhr aufgewacht. Hatte von Trumps Wahlsieg getr\u00e4umt, den ich noch am Vorabend als unwahrscheinlich angesehen hatte. Im Traum war ich seltsamerweise nicht geschockt, es war mehr so ein &#8222;journalistischer Traum&#8220; in ganz neutraler Stimmung. <!--more--><\/p>\n<p>Dennoch wollte ich es jetzt wissen und versuchte, das Samsung-TV nahe dem Bett zwecks Info zu nutzen. Erfolglos, denn gestern hatte ich die neue Firmware installiert, die den ganzen &#8222;Smart Hub&#8220; geupdatet hat. <em>&#8222;Smart-Hub wird gerade aktualisiert. Versuchen Sie es sp\u00e4ter noch einmal!&#8220;<\/em> &#8211; diese Meldung kommt nun \u00f6fter und auch die neue App von Zattoo h\u00e4ngt schnell fest, weil diverse Privatsender nicht mehr ladbar sind. Kurzum: ich hab&#8217;s aufgegeben,  weiter gepennt. <\/p>\n<p>Heute Morgen dann: <strong>Trump ist Pr\u00e4sident<\/strong>, entgegen allen Vorhersagen der Demoskopen. Auf Twitter sp\u00f6ttelte jemand: <em>Was machen die eigentlich beruflich?<\/em><\/p>\n<p>Da ich das im Traum bereits als Realit\u00e4t erlebt hatte, war ich gar nicht mehr geschockt. Wundert mich selbst. Gerade lese ich die ersten Analysen und Reaktionen, wobei mir ein <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35733\">Artikel von Jens Berger in den Nachdenkseiten<\/a> als recht lesenswert aufgefallen ist. Darin hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Warum Trump?<\/strong><\/p>\n<p>Trump ist keine These. Er ist eine Antithese; die Reaktion auf eine politische Entwicklung, die von einem gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung als Fehlentwicklung angesehen wird. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer \u00e4rmer und die Mittelschicht rutscht St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck nach unten ab? Produktive Jobs wandern mehr und mehr in Niedriglohnl\u00e4nder ab? Die Macht der Banken und gro\u00dfen Konzerne nimmt von Tag zu Tag zu? Die Politik schert sich nur noch um das eine Prozent ganz oben und hat die restlichen 99 Prozent aus dem Blick verloren? All dies sind Fragen, die man bei kritischer Analyse bejahen muss. All dies sind jedoch auch Fragen, auf die die traditionelle Politik keine Antworten liefert. Mehr noch: All dies sind Probleme, die von der traditionellen Politik direkt und indirekt verursacht wurden. Wen aber w\u00e4hlen, wenn die traditionelle Politik nicht die Antwort, sondern das Problem darstellt?&#8220; <\/p><\/blockquote>\n<p>Und weiter:<\/p>\n<blockquote><p>Die Menschen haben Trump nicht gew\u00e4hlt, weil er ein so kluges Programm hat, sondern weil sie das politische Establishment verachten und Trump der Mann ist, mit dem man nach einer amerikanischen Redensart einen Schraubenschl\u00fcssel ins Getriebe wirft, also gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Schaden anrichtet. Die Wahl war auch eine Rache am politischen System, dem man nicht mehr zutraut, die Interessen der Mehrheit zu vertreten. <\/p><\/blockquote>\n<p>Wie werden all diese Menschen reagieren, wenn sie merken, dass auch Trump Teil des gehassten Establishments ist und weder den Willen noch die Macht hat, die Lage der Marginalisierten in den abgewirtschafteten alten Industriestaaten zu verbessern?<\/p>\n<h2>Und bei uns hier?<\/h2>\n<p>Nicht nur in den USA sondern auch bei uns steigern sich nicht ganz marginale gesellschaftliche Gruppen in Hass und Verachtung gegen &#8222;das System&#8220; und gegen Andersdenkende hinein. Auch bei uns klafft die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, wobei viele, die sich als &#8222;links&#8220; verorten, nurmehr kulturelle K\u00e4mpfe f\u00fchren: LQBT-Rechte, Sprachkonventionen (*, _, \/), ein extrem verallgemeinerter Rassismus-Begriff, der schon das Tragen von Dreadlocks als &#8222;b\u00f6se&#8220; labelt &#8211; und immer \u00f6fter werden alle, die sich diesen Vorgaben nicht unterordnen, kurzerhand als rechtsextrem und &#8222;Nazi&#8220; nieder gemacht. Mindestens aber wird deren Meinung als &#8222;Hass&#8220; bezeichnet, mit dem man nicht diskutieren muss. Auch als &#8222;wei\u00dfer CIS-Mann&#8220; hat man die Arschkarte gezogen, wie \u00fcberhaupt die Interessen von M\u00e4nnern und Jungs selbst dann nicht als &#8222;diskussionsw\u00fcrdig&#8220; angesehen werden, wenn sie &#8211; gemessen an allgemeinen humanistischen Werten &#8211; durchaus berechtigt sind. Grade eben z.B. auf Twitter:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;In aller Welt werden Kinder zur Arbeit gezwungen. Spenden sie jetzt um M\u00e4dchen zu retten.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8222;Jungen nicht?&#8220; hab ich zur\u00fcck gefragt. Keine Antwort, nat\u00fcrlich nicht. (Update: doch. Der Tweet sollte ein &#8222;Witz&#8220; sein, der eine PLAN-Kampagne ausschlie\u00dflich f\u00fcr M\u00e4dchen kritisiert).<\/p>\n<p>Frau Meike schreibt in ihrem lesenswerten <a href=\"http:\/\/www.fraumeike.de\/2016\/hass\/\">Blockpost zum Thema HASS:<\/a><\/p>\n<blockquote><p>&#8222;In vielen klugen Texten der letzten anderthalb Jahre wurde die Wichtigkeit einer Differenzierung betont, die Notwendigkeit, auch unliebsame Meinungen anzuh\u00f6ren, es wurde vor Radikalisierung und Extremisierung gewarnt, aber wenn man sich heute umschaut, f\u00fchrt immer noch jeder bl\u00f6de Spruch, jede kritische Nachfrage, jede von der \u201eguten\u201c Linie abweichende \u00c4u\u00dferung zu der Beschimpfung des Urhebers als wieauchimmerphober XY-Hasser. Als h\u00e4tten Differenzierung nur \u201edie B\u00f6sen\u201c n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Man mag es als Zivilcourage feiern, bestimmten kleingeistigen Meinungen keine Plattform geboten zu haben, aber auf gesellschaftlicher Ebene habe ich damit gro\u00dfe Schwierigkeiten. Die soziale Ausgrenzung von Konservativen beispielsweise als frauen-, schwulen- und fl\u00fcchtlingshassende Nazis f\u00fchrt ja keineswegs dazu, dass diese konservativen Meinungen verschwinden und die Gesellschaft fortschrittlicher und offener wird. Dort am Rande versinken die Meinungen nicht in der Bedeutungslosigkeit, wie wir Linke hartn\u00e4ckig hoffen, sondern erst dort bekommen sie so etwas wie gesellschaftliche Macht. Denn im Sammelbecken der von den \u201eGutmenschen\u201c Ausgesto\u00dfenen finden sich verh\u00e4ngnisvolle Allianzen zusammen, deren Rache bei der n\u00e4chsten Wahl auf dem Fu\u00dfe folgt. In dem Klima wird wom\u00f6glich aus einer urspr\u00fcnglich nur kleinen Schnittmenge ein strategisches B\u00fcndnis, eine Verbr\u00fcderung \u00fcber die gesellschaftlichen Unterschiede hinweg, von dem beide Beteiligten in gef\u00e4hrlicher Weise profitieren. Der Zuwachs der rechten Parteien geht nicht nur auf ideologische \u00dcberzeugung, sondern auch auf die Verdr\u00e4ngung aus der Mitte zur\u00fcck, an der die Linke gro\u00dfen Anteil hat.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Noch hat die AFD keinen Trump und noch k\u00f6nnen wir darauf hoffen, dass sich die Dinge hierzulande nicht so extrem aufschaukeln wie in den USA. Es liegt aber an uns allen, daran mitzuwirken, dass der Hass nicht noch anw\u00e4chst. Oder mit den Worten von Frau Meike:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wenn Ihr Pluralismus wollt, dann haltet ihn auch aus. Wenn Ihr Respekt einfordert, gebt ihn auch selber. Wenn Ihr eine Mitte wollt, h\u00f6rt auf, jeden, der weniger links ist als Ihr, als extrem rechts zu bezeichnen. Erkennt endlich, dass Ihr, obwohl Ihr f\u00fcr eine gerechte und gute Welt eintretet, Gefahr lauft, rechtspopulistische Trends mit Eurem undifferenzierten Ausgrenzungswillen zu bef\u00f6rdern. &#8230;. Wenn wir Linken nicht anfangen, vorsichtiger mit unseren Feuerzeugen umzugehen, dann werden k\u00fcnftige Generationen uns nicht nur fragen, warum wir die Explosion nicht verhindert haben, sondern warum wir die Lunte angez\u00fcndet haben.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>***<\/p>\n<p>Siehe dazu auch den Folge-Artikel:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2016\/11\/10\/scheuklappen-ablegen-zuhoeren-und-dann\/\">Scheuklappen ablegen, zuh\u00f6ren &#8211; und dann?<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute Nacht bin ich so gegen vier Uhr aufgewacht. Hatte von Trumps Wahlsieg getr\u00e4umt, den ich noch am Vorabend als unwahrscheinlich angesehen hatte. 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