{"id":2144,"date":"2016-10-13T12:42:40","date_gmt":"2016-10-13T10:42:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2144"},"modified":"2016-10-15T11:07:52","modified_gmt":"2016-10-15T09:07:52","slug":"dorothee-markert-ueber-minderheiten-antidiskriminierung-und-staerke-in-der-differenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2016\/10\/13\/dorothee-markert-ueber-minderheiten-antidiskriminierung-und-staerke-in-der-differenz\/","title":{"rendered":"Dorothee Markert \u00fcber Minderheiten, Antidiskriminierung und St\u00e4rke in der Differenz"},"content":{"rendered":"<p>Auf &#8222;Beziehungs<em>weise<\/em> weiter<em>denken<\/em>&#8220; steht ein Artikel der Differenzfeministin Dorothee Markert, der mir in vielen Punkten aus der Seele spricht. Getitelt mit <a href=\"http:\/\/www.bzw-weiterdenken.de\/2016\/09\/stark-sein-in-der-differenz-statt-diskriminierung-anzuprangern\/\">Stark sein in der Differenz, statt Diskriminierung anzuprangern<\/a> schreibt sie &#8211; als Frau, Lesbe, Dialektsprecherin und Linksh\u00e4nderin nicht etwa &#8222;von au\u00dfen&#8220; &#8211; \u00fcber verbreitete Haltungen, Meinungen und Selbstbilder in echten oder vermeintlichen Minderheiten und \u00fcber die kontraproduktiven Folgen einer reinen Antidiskriminierungsperspektive. Diese bringe es n\u00e4mlich mit sich, dass fortw\u00e4hrend f\u00fcr und \u00fcber diese Minderheiten gesprochen und gehandelt werde, anstatt dass sich die jeweils Gemeinten selbst auf ihre St\u00e4rken besinnen, die mit einem &#8222;anders sein&#8220; immer auch verbunden sind. <!--more--><\/p>\n<blockquote><p>&#8222;<strong>Doch Minderheit sein hei\u00dft nicht per se Opfer sein<\/strong>. Wenn wir st\u00e4ndig mit dem Aufsp\u00fcren von Diskriminierung besch\u00e4ftigt sind, besteht die Gefahr, dass uns der Blick auf das verloren geht, was wir selbst sind und was wir besitzen, der Blick auf unsere St\u00e4rke und unseren Reichtum. Wenn wir unsere generelle Benachteiligung glaubhaft vermitteln wollen, m\u00fcssen wir uns n\u00e4mlich h\u00fcten, \u00fcber die positiven Seiten unserer Situation zu sprechen. Und so kommen im \u00f6ffentlichen Diskurs unsere St\u00e4rken und unser Gl\u00fcck nicht vor&#8230;.<br \/>\nDer Modus \u201eAufsp\u00fcren von Diskriminierung\u201c nimmt zudem eine \u00e4hnliche Perspektive ein wie der Neid: St\u00e4ndig m\u00fcssen wir unsere Situation mit der der anderen vergleichen. Was andere haben, wird \u00fcberh\u00f6ht, das eigene gering geachtet. Diese Perspektive macht das Leben nicht reicher, sondern \u00e4rmer. Und wie der Neid vergiftet sie das Zusammenleben mit anderen. Da wir aus dieser Perspektive heraus dazu neigen, die Ursache all unserer Probleme im Au\u00dfen, bei den anderen zu suchen, nehmen wir nicht mehr wahr, welche Ver\u00e4nderungsm\u00f6glichkeiten wir selbst h\u00e4tten. Wir \u00fcben uns nicht mehr darin, Hindernisse zu \u00fcberwinden, und erfahren nicht mehr, wie befriedigend es ist, wenn uns das gelingt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dorothee scheut nicht davor zur\u00fcck, ein Verhalten zu kritisieren, dass die eigene (echte oder vermeintliche) Diskriminierungserfahrung zur Rechtfertigung f\u00fcr individuelle Fehlentwicklungen nutzt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Es ist eine verst\u00e4ndliche und weit verbreitete Haltung, sich \u00fcber das, was man im Leben nicht erreicht hat, mit den besonderen Umst\u00e4nden hinwegzutr\u00f6sten, die das scheinbar verhindert haben. Das ist angenehmer, als sich einzugestehen, dass es vielleicht auch an falschen Entscheidungen, mangelndem Flei\u00df und fehlender Konfliktbereitschaft gelegen haben k\u00f6nnte. So erz\u00e4hlte mir neulich ein fast Achtzigj\u00e4hriger, wie anders sein Leben verlaufen w\u00e4re, wenn sein gebildeter und beg\u00fcterter Patenonkel nicht so fr\u00fch gestorben w\u00e4re. Das pubertierende Pflegekind von Bekannten kommt bei jeder Auseinandersetzung an den Punkt, dass alles anders w\u00e4re, wenn es eine normale Familie h\u00e4tte. Ein fr\u00fcherer Sch\u00fcler von mir, der st\u00e4ndig den Unterricht st\u00f6rte und andere Kinder oft durch sein provozierendes Verhalten \u00e4rgerte, beantwortete jede Kritik mit der Unterstellung, dass er nur wegen seiner dunklen Hautfarbe abgelehnt werde. Ich selbst machte fehlende Berufsinformationen in der Schule und fehlende weibliche Berufs-Vorbilder f\u00fcr meine falsche Berufswahl verantwortlich. Sp\u00e4ter diente mir meine Behinderung als umgeschulte Linksh\u00e4nderin zur Allzweck-Entlastung, bis ich endlich begriff, dass es einfach niemand gibt, der nicht irgendein \u201eP\u00e4ckchen\u201c zu tragen hat. Denn das, was uns lange als Normalit\u00e4t verkauft wurde, gibt es in der Realit\u00e4t genauso wenig wie ein reines Deutschtum, das sich unabh\u00e4ngig von ausl\u00e4ndischen Einfl\u00fcssen entwickelt hat.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Wohin wir kommen, wenn der Antidiskriminierungsansatz immer mehr zum einzigen Blickwinkel wird, zeigt sie mit einem kurzen Blick \u00fcber den Teich, zu dem ich aus eigener Erfahrung sagen kann: sehr weit sind wir davon nicht mehr entfernt!<\/p>\n<blockquote><p>Der Fokus \u201eDiskriminierung\u201c wirkt sich auch auf die Mehrheitsgesellschaft negativ aus. Denn wer jederzeit damit rechnen muss, eine Klage wegen Diskriminierung an den Hals zu bekommen, wird im Umgang mit Angeh\u00f6rigen von Minderheiten verunsichert reagieren, wird den Kontakt mit ihnen eher vermeiden als suchen und wird sich bem\u00fchen, ja nichts falsch zu machen. Gerade las ich in einem Roman \u00fcber einen amerikanischen Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf folgende Passage aus der Sicht eines afroamerikanischen Kampagnenmitarbeiters: \u201eDie meisten (Wei\u00dfen) tun g\u00f6nnerhaft: sie w\u00fcrden dir um keinen Preis widersprechen, und wenn du den gr\u00f6\u00dften M\u00fcll redest. Es ist nahezu unm\u00f6glich, mit ihnen ein stinknormales, anst\u00e4ndiges Gespr\u00e4ch zu f\u00fchren. Sie sind so damit besch\u00e4ftigt, auch ja nichts Verkehrtes zu sagen, so sehr um den Beweis ihrer Vorurteilslosigkeit bem\u00fcht, dass sie sich vor lauter Korrektheit kaum noch r\u00fchren k\u00f6nnen. Sie sind au\u00dferstande, einfach mit dir zu reden. [\u2026] Es ist schwer, als Schwarzer in der Politik zu sein und diese Volltrottel nicht zu verachten\u201c (Anonymus, Mit aller Macht, M\u00fcnchen 1996, S. 41).<\/p>\n<p>Wenn Menschen sich auf die hier beschriebene Weise in ihrer freien Meinungs\u00e4u\u00dferung eingeschr\u00e4nkt und durch immer wieder neue Sprachregelungen, die Diskriminierung vermeiden sollen, in ihren Sprechgewohnheiten kritisiert und geg\u00e4ngelt f\u00fchlen, entsteht nicht nur Verunsicherung, sondern auch massiver \u00c4rger, das Gef\u00fchl, von den Minderheiten in der eigenen Freiheit eingeschr\u00e4nkt und dominiert zu werden. Thilo Sarrazin, den man wohl als einen der geistigen V\u00e4ter von PEGIDA und AfD bezeichnen kann, hat in seinem Buch \u00fcber den \u201eTugendterror\u201c diesen \u00c4rger zum Ausdruck gebracht und damit offensichtlich vielen Menschen aus der Seele gesprochen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich gehe mal davon aus, dass mir Dorothee und die Redaktion von &#8222;Beziehungs<em>weise<\/em> weiter<em>denken<\/em>&#8220; nicht \u00fcbel nimmt, dass ich diesen Beitrag hier im wesentlichen mit Gro\u00dfzitaten bestreite. Das Gesagte kann meines Erachtens gar nicht laut genug gesagt (und wiederholt) werden, doch lege ich Euch ans Herz, wirklich <a href=\"http:\/\/www.bzw-weiterdenken.de\/2016\/09\/stark-sein-in-der-differenz-statt-diskriminierung-anzuprangern\/\">den ganzen Artikel<\/a> zu lesen, der viele weitere spannenden Gedanken und Beispiele enth\u00e4lt. Insbesondere die Passagen zu St\u00e4rken und Reichtum der Minderheiten kommen hier zu kurz, ebenso viele Statements, die sonnenklar machen, dass Dorothee die H\u00fcrden und Erschwernisse nicht etwa leugnet, die vielen auch heute noch das Leben schwer machen. <\/p>\n<p>Zuletzt noch ein Zitat, das mich als Schreibende sehr anspricht, denn Sternchen hinter dem Wort &#8222;Frau&#8220; sucht man auch in diesem Weblog vergebens:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wenn junge Feministinnen mich tadeln, weil ich das Wort \u201eFrau\u201c immer noch ohne Sternchen schreibe, und deshalb meine ganze Argumentation in Frage stellen, reagiere auch ich \u00e4rgerlich, obwohl ich ihr Anliegen, Differenz sichtbar zu machen, grunds\u00e4tzlich bejahe. Mit dem Zwang zum Sternchen verbinde ich eine Schw\u00e4chung meiner Aussagen \u00fcber mein Frau-Sein. Ich habe das Gef\u00fchl, dass ich mich dadurch immer gleichzeitig ein bisschen zur\u00fccknehmen muss, um ja keine Person zu diskriminieren, dass ich bereit sein muss, mich schuldig zu f\u00fchlen, wenn ich dabei etwas \u00fcbersehen habe. Wenn alte und junge Feministinnen sich an dieser Stelle nicht verst\u00e4ndigen bzw. in ihrer Differenz akzeptieren k\u00f6nnen, verhindert das ebenfalls gemeinsame St\u00e4rke, die aus dem Austausch und dem Voneinander-Lernen entstehen k\u00f6nnte.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Mein pers\u00f6nliches Fazit: Ich sollte mal <a href=\"http:\/\/www.antjeschrupp.de\/differenz-geschichte\">mehr \u00fcber Differenzfeminismus<\/a> lesen! Das scheint ein Feminismus zu sein, mit dem ich mich potenziell noch identifizieren k\u00f6nnte, gerade als \u00c4ltere, die oft kopfsch\u00fcttelnd auf das schaut, was der ThirdWave-Feminismus so alles hervor bringt. Es sind ja nicht nur die Sternchen&#8230; aber dazu ein andermal!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf &#8222;Beziehungsweise weiterdenken&#8220; steht ein Artikel der Differenzfeministin Dorothee Markert, der mir in vielen Punkten aus der Seele spricht. 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