{"id":213,"date":"2008-09-26T10:37:03","date_gmt":"2008-09-26T08:37:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=213"},"modified":"2008-10-12T14:55:03","modified_gmt":"2008-10-12T12:55:03","slug":"lebenskunst-von-der-rechten-spannung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/09\/26\/lebenskunst-von-der-rechten-spannung\/","title":{"rendered":"Lebenskunst: Von der rechten Spannung"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/09\/15\/blogprojekt-was-ist-deine-lebenskunst\/\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2008\/09\/lebenskunst1.jpg\" alt=\"Blogprojekt Lebenskunst\" title=\"Blogprojekt Lebenskunst\" class=\"rechts\" width=\"125\" height=\"121\"><\/a>H\u00e4tte ich nicht viele Jahre Hatha-Yoga praktiziert, w\u00e4re ich gar nicht darauf gekommen, das Leben unter dem Blickwinkel von Spannung und Entspannung zu betrachten: In den einzelnen \u00dcbungen dieser Praxis kommt es darauf an, zun\u00e4chst eine genau definierte K\u00f6rperhaltung einzunehmen, dort alle unn\u00f6tigen Anspannungen loszulassen, die Stellung ein paar ruhige Atemz\u00fcge lang zu halten &#8211; und dann wieder in die Ausgangsposition zur\u00fcck zu gehen.  Anders als im heutigen &#8222;Fitness-Center-Yoga&#8220; \u00fcblich, folgt dann eine Zeitspanne des &#8222;Nachsp\u00fcrens&#8220;, etwa so lange wie die  \u00dcbung gedauert hat, in der man genau beobachtet, welche Reaktionen in K\u00f6rper und Geist durch die Haltung ausgel\u00f6st wurden. Erst wenn sich alles wieder beruhigt hat, geht man in die n\u00e4chste &#8222;Asana&#8220;.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h2>Anspannung, Entspannung &#8211; rechte Spannung<\/h2>\n<p>Anders als im Alltag werden hierbei die beiden Zust\u00e4nde &#8222;Spannung&#8220; und &#8222;Entspannung&#8220; ins Extrem getrieben, was auf die Dauer ein Bewusstsein daf\u00fcr schafft, wie entspannt oder angespannt man gerade ist: k\u00f6rperlich, psychisch und geistig. Besonders lehrreich ist das Erlebnis, in der jeweiligen Haltung nur jene Muskeln anzuspannen, die tats\u00e4chlich f\u00fcr die Aufrechterhaltung der Stellung erforderlich sind. Anf\u00e4nglich f\u00e4llt das richtig schwer, denn wir sind es gewohnt, gleich alles M\u00f6gliche mit anzuspannen, wenn eine Anstrengung ansteht. Kann man es dann besser, ist es wirklich zum Staunen, wie wenig Anspannung (bezogen auf ALLE Muskeln) erforderlich ist, um zu leisten, was geleistet werden soll. <\/p>\n<p>Yoga-Asanas vermitteln also ein Bewusstsein der &#8222;rechten Spannung&#8220;: soviel wie n\u00f6tig, nicht mehr! <\/p>\n<h2>K\u00f6rper und Geist<\/h2>\n<p>\u00dcbertr\u00e4gt man dieses Bewusstsein auf den Alltag, was im Lauf l\u00e4ngeren \u00dcbens quasi automatisch geschieht, ver\u00e4ndert sich die Art, wie man &#8222;das Leben lebt&#8220; deutlich. Denn auch der Alltag mit all seinen Routinen und allen T\u00e4tigkeiten, die wir vollziehen, um irgend welche Ziele zu erreichen, ist ein st\u00e4ndiges Wechselspiel von Anspannung und Entspannung &#8211; mit genau derselben Tendenz zur unn\u00f6tigen Gesamtverspannung, die ein Yoga-Anf\u00e4nger w\u00e4hrend der \u00dcbungen bemerkt. Und das bezieht sich nicht allein auf den K\u00f6rper. Geist und Gef\u00fchle sind mit der k\u00f6rperlichen Ebene unaufl\u00f6sbar verschr\u00e4nkt: Mache ich mir Sorgen, entspricht dies einer Anspannung im Brustbereich, manchmal auch im Nacken. \u00c4rgere ich mich, sp\u00fcre ich das im Bauch oder im Solar Plexus, bin ich traurig, f\u00fchle ich es rund ums Herz (&#8222;Herzeleid&#8220;).  Und wenn ich nicht damit einverstanden bin, das zu tun, was ich gerade tue, sondern lieber irgendwo anders w\u00e4re, zeigt sich diese Ungeduld und Unzufriedenheit in kaum merklichen Gesamtverspannungen der Muskulatur. <\/p>\n<p>Indem diese Verspannungen bewusst werden, sobald sie auftreten, geschieht gleichzeitig auch schon ein Loslassen &#8211; und siehe da: auch die damit verbundene psychisch-geistige Anspannung (der \u00c4rger, die Ungeduld, die Sorge&#8230;) l\u00f6st sich auf! Dieses Loslassen ist nicht schwer, denn jede Anspannung braucht zu ihrer Aufrechterhaltung Energie, die nicht mehr aufgewendet werden muss, wenn sie gel\u00f6st wird.  <\/p>\n<h2>Unter der Knute des Denkens<\/h2>\n<p>Es sollte also ganz einfach sein, mittels der &#8222;rechten Spannung&#8220; durch die Tage zu kommen und ein harmonisches Lebensgef\u00fchl als Grundstimmung zu halten. Vom &#8222;psychophysischen Apparat&#8220; her k\u00f6nnten wir das mit ein bisschen \u00dcbung leicht leisten, doch ist die Erkenntnis dieser Verspannungsmechanismen leider erst die halbe Miete:   Wenn das Denken weiterhin &#8222;verspannt&#8220; bleibt, setzen wir sofort den Grund zur n\u00e4chstfolgenden Verspannung, auch wenn wir es im Grunde schon schaffen, Verspannungen zu l\u00f6sen, sobald wir sie bemerken. <\/p>\n<p>Der gew\u00f6hnliche Alltag findet n\u00e4mlich in einer vom Denken strukturierten Art statt &#8211; und dieses Denken hat selber eine Struktur, aus der wir nicht so einfach heraus finden, denn es ist aufs Allerheftigste mit unserem Ich-Bewusstsein verbunden. <\/p>\n<p>Kurz gesagt funktioniert das so:  eine Unzufriedenheit bzw. ein Begehren nach Ver\u00e4nderung der Situation tritt auf. Der Verstand analysiert kurz die Ursachen und macht Vorschl\u00e4ge zur Behebung des &#8222;Problems&#8220;. Wir entscheiden uns f\u00fcr eine bestimmte L\u00f6sung und gehen nun an die Umsetzung. Haben wir, unter mehr oder weniger M\u00fchen, das Ziel erreicht, empfinden wir Befriedigung. Diese h\u00e4lt allerdings nur sehr kurz an, dann meldet sich das n\u00e4chste Verlangen und der Prozess beginnt von Neuem.<br \/>\nIn der zweiten Variante k\u00f6nnen wir uns nicht f\u00fcr eine L\u00f6sung entscheiden, m\u00fcssen also &#8211; warum auch immer &#8211; in der unbefriedigenden Situation l\u00e4nger verharren. Der Verstand kreist nun immer weiter um &#8222;Analyse&#8220; und &#8222;L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge&#8220;, genau wie ein Programm in der Endlosschleife. Und unser Befinden wird immer mieser (bzw. verspannter), je l\u00e4nger die Situation anh\u00e4lt. <\/p>\n<p>Beiden Varianten ist gemeinsam, dass ab dem Auftauchen des Bed\u00fcrfnisses nach Ver\u00e4nderung nur noch ein sehr reduziertes &#8222;Leben&#8220; statt findet. Wir sind dann auf das Ziel, auf die &#8222;L\u00f6sung&#8220; in der nahen Zukunft fixiert und empfinden den Weg dahin bzw. die Wartezeit als eigentlich \u00fcberfl\u00fcssig, blo\u00df anstrengend, langweilig und l\u00e4stig. Das &#8222;Ich&#8220; ist denkerisch ja bereits am Ziel und m\u00f6chte von dort aus in eine &#8222;offene Zukunft&#8220; weiter machen &#8211; wie bl\u00f6de, die Tr\u00e4gheit der Materie erleben zu m\u00fcssen, die uns zum abarbeiten oder gar abwarten zwingt!  Im &#8222;abarbeiten&#8220; sind wir unaufmerksam, nehmen kaum mehr etwas von der Welt war, sind geistig bereits am Ziel &#8211; und im &#8222;abwarten m\u00fcssen&#8220; hadern wir mit der Welt ( diese elenden Sachzw\u00e4nge!) oder mit uns selbst: Warum habe ICH mich in diese Situation begeben, obwohl ich mich da doch gar nicht wohl f\u00fchle? (und der Verstand bringt nun endlos <a href=\"http:\/\/einschau.wordpress.com\/2008\/09\/21\/kompromisse\/\">Material zur Selbstgei\u00dfelung<\/a> auf den Tisch des Bewusstseins!). <\/p>\n<h2>Das Denken begrenzen<\/h2>\n<p>Was aus dieser Situation heraus hilft, ist die Besinnung auf die &#8222;rechte Spannung&#8220;. Auch der Verstand ist nur ein &#8222;Organ&#8220;, ein n\u00fctzliches Instrument, das uns zur Verf\u00fcgung steht, um Probleme zu l\u00f6sen und Ziele zu erreichen. Hat er seine Arbeit getan, muss er genauso &#8222;entspannt werden&#8220; wie die Muskeln, wenn sie nicht gebraucht werden. Geschieht das nicht, begibt man sich in die Sklaverei und leidet dem entsprechend sinnlos vor sich hin, kreisend in nutzlosen Gedanken ans Ziel, bzw. an die Ursachen des &#8222;nicht-erreichens&#8220;.<\/p>\n<p>Der Mensch ist an sich ein unglaublich anpassungsf\u00e4higes Wesen: aus misslichen Situationen &#8222;das Beste zu machen&#8220; geh\u00f6rt zu unserer Grundausstattung. Doch im Alltag verzichten wir oft genug darauf, diese F\u00e4higkeiten anzuwenden &#8211; und hadern zum Beispiel <strong>in der Schlange vor der Supermarkt-Kasse<\/strong> mit der Welt, dass wir nun gezwungen sind, hier dumm rum zu stehen: voll verspannt, unwillig, im Hier und Jetzt das Leben zu genie\u00dfen. <\/p>\n<p>Was durchaus m\u00f6glich ist, wenn wir uns innerlich vom weiteren Nachdenken \u00fcber die Situation l\u00f6sen: dann haben wir wieder eine Menge M\u00f6glichkeiten, uns &#8222;gut zu unterhalten&#8220;!  Entweder wir sp\u00fcren in den K\u00f6rper hinein, entspannen und genie\u00dfen die sinnlichen Empfindungen, oder wir beobachten die Leute, die ebenfalls in der Schlange stehen: das sind ja interessante Individuen und zusammen mit dem Inhalt ihrer Warenk\u00f6rbe kann man sich ganze Geschichten ausdenken, wie ihr Leben wohl sein mag.  Dann ist da auch noch der Mensch an der Kasse, die Art, wie er arbeitet und mit den mehr oder weniger gereizten Kunden umgeht &#8211; oder der Supermarkt als Ganzes, die Beleuchtung, die Technik, die ganze wahnsinnige Warenwelt! Geistig sind wir im Stande, in sehr viele Welten einzusteigen und das interessant zu finden. Dass wir es nicht tun und nur miesepetrig innerlich schimpfen, dass das so lange dauert, ist unsere eigene Entscheidung.  Wir sind ja nicht einmal verpflichtet, mit der Aufmerksamkeit im &#8222;Hier und Jetzt&#8220; des Supermarkts zu verweilen, sondern k\u00f6nnen in Gedankenspiele, Erinnerungen, Tr\u00e4ume und &#8222;geistige Arbeit&#8220; aller Art einsteigen. Solange wir nicht am &#8222;Ziel erreichen&#8220; bzw. &#8222;Verz\u00f6gerung beklagen&#8220; festkleben, stehen uns die unendlichen Weiten unserer geistigen R\u00e4ume offen.<\/p>\n<p>Das Supermarkt-Beispiel kann auf s\u00e4mtliche anderen Bereiche \u00fcbertragen werden, immer liegt die L\u00f6sung der so krass gef\u00fchlten Disharmonie im Begrenzen (nicht etwa Abschaffen!) der T\u00e4tigkeit des Verstandes: Hier ist also ein Problem? Gut, denken wir dr\u00fcber nach! Analyse, Handlungsalternativen, immer her damit! Und dann die Entscheidung: Entweder ich W\u00c4HLE eine der M\u00f6glichkeiten und setze sie um, ODER ich entscheide mich dazu, alles so zu lassen. In beiden F\u00e4llen hat der Verstand nun seine Aufgabe erf\u00fcllt und kann &#8222;frei gesetzt&#8220; werden. <\/p>\n<p><strong>Ein Problem in der Beziehung?<\/strong> Gut, ich denke dr\u00fcber nach, kommuniziere das Ergebnis dieses Nachdenkens meinem Partner oder entscheide mich dagegen.  DANN ABER gr\u00fcble ich NICHT weiter \u00fcber diese Sache, sondern starte munter in die Erfordernisse des n\u00e4chsten Augenblicks. <\/p>\n<p><strong>Politik? Finanzkrise? Bankendrama? <\/strong>Gut, ich denke dr\u00fcber nach: kann ich daran etwas \u00e4ndern? Wie sch\u00e4tze ich die Folgen f\u00fcr mich bzw. meine aktuelle Finanzlage ein? Ist es etwa angesagt, das Geld vom Konto zu holen und Vorr\u00e4te im Garten zu vergraben? Nein, das denke ich nicht, es besteht also kein Handlungsbedarf. Und was das &#8222;\u00e4ndern&#8220; angeht, kann ich nur eine unter Millionen Stimmen sein, die in ihrem Blog &#8222;auch etwas dazu sagt&#8220;. Bleibt noch die \u00dcberlegung: in welchem Blog? Und dann ist das Thema vorerst abgehakt. <\/p>\n<p>Um dem gew\u00f6hnlichen Kreisen des analytischen Denkens nach Belieben Einhalt zu gebieten, ist nur eines n\u00f6tig: Dazu nicht mehr &#8222;ich&#8220; zu sagen. Das Descartsche <em>&#8222;Ich denke, also bin ich&#8220;<\/em> hatte zu einer anderen Zeit und in einem anderen Kontext seine Wahrheit. Im hier ausgef\u00fchrten Sinn gilt geradezu das Gegenteil: <em>Solange ich denke, bin ich nicht. <\/em><\/p>\n<p>***<\/p>\n<p class=\"small\">Siehe auch:  <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/entspann.htm\">Vom Jenseits des Umzu<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/meditation.html\">&#8222;Kleine Meditation f\u00fcr genervte Sinn-Sucher&#8220;<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H\u00e4tte ich nicht viele Jahre Hatha-Yoga praktiziert, w\u00e4re ich gar nicht darauf gekommen, das Leben unter dem Blickwinkel von Spannung und Entspannung zu betrachten: In den einzelnen \u00dcbungen dieser Praxis kommt es darauf an, zun\u00e4chst eine genau definierte K\u00f6rperhaltung einzunehmen, dort alle unn\u00f6tigen Anspannungen loszulassen, die Stellung ein paar ruhige Atemz\u00fcge lang zu halten &#8211; [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/213"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=213"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/213\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=213"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=213"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=213"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}