{"id":2103,"date":"2016-08-16T21:54:28","date_gmt":"2016-08-16T19:54:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2103"},"modified":"2016-10-15T11:07:27","modified_gmt":"2016-10-15T09:07:27","slug":"frau-k-ist-gestorben-so-wollte-sie-nicht-mehr-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2016\/08\/16\/frau-k-ist-gestorben-so-wollte-sie-nicht-mehr-leben\/","title":{"rendered":"Frau M. ist gestorben. SO wollte sie nicht mehr leben."},"content":{"rendered":"<p>Was meint dieses &#8222;so&#8220;? Es war <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2016\/04\/27\/mein-erster-besuch-in-einem-pflegeheim\/\">das Pflegeheim<\/a>, gar nicht mal ein Schlechtes. Aber ich verstehe gut, dass Frau M. alles nur noch beschissen fand. Dass sie es mit 92 Jahren schier unaushaltbar fand, was ihr dort geboten wurde: Satt, aber nicht mal sauber. <!--more--><\/p>\n<p>Das ist jetzt, anders als Ihr vielleicht denkt, kein blo\u00dfer Vorwurf an das Heim. Heimunterbringung, weil es nicht mehr anders geht, hei\u00dft nicht, dass der Mensch, dem das widerf\u00e4hrt, entm\u00fcndigt w\u00e4re. Niemand wird zum Leben-bleiben gezwungen, obwohl sich das manche so denken, weil das Heim Geld verdient, je l\u00e4nger jemand dort dahin vegetiert. Die Weltsicht der Verschw\u00f6rungstheoretiker stimmt halt meistens doch nicht.<\/p>\n<p>Woran ist sie gestorben? An Dehydrierung. Zuwenig getrunken, einmal ins Krankenhaus \u00fcberstellt worden, dort am Tropf gehangen, dann wieder zur\u00fcck ins Heim. Aber weiterhin zuwenig getrunken &#8211; und dann eines Tages \u00fcber Nacht verstorben. Quasi verdorrt.<\/p>\n<p>Ich finde es gut, dass einem dies als letzte M\u00f6glichkeit bleibt! Und ich w\u00fcnsche mir nicht, dass statt dessen ein Tropf gelegt wird, f\u00fcrs Essen eine Magensonde&#8230; Sogar eine menschliche Pflegekraft, die alle 30 Minuten rein kommt und mit lauter Stimme sagt &#8222;JETZT TRINKEN SIE ENDLICH IHR GLAS AUS!&#8220; w\u00fcnsche ich mir nicht. Es ist gut, dass man so aus einem ungeliebten Leben scheiden kann und nicht gezwungen wird, weiter zu leben. Weiter zu leiden, weiter zu schimpfen und zu klagen &#8211; ohne Perspektive, dass sich nochmal etwas \u00e4ndert. <\/p>\n<p>Frau M. <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2016\/04\/27\/mein-erster-besuch-in-einem-pflegeheim\/\">fand alles im Heim vom Start weg nur furchtbar<\/a>. Obwohl sie zunehmend dement war, kann ich ihre Gef\u00fchle voll verstehen! Einen alten Baum verpflanzt man nicht, das stimmt auch heute noch. Wenn man es aber doch tun muss, geht er halt ein. Wie der Baum, so der Mensch.<\/p>\n<p>Niemandem ist ein Vorwurf zu machen. Letztlich sind wir alle selbst verantwortlich f\u00fcr das Leben, das wir leben &#8211; oder eben auch nicht mehr leben. Es gab in diesem Pflegeheim auch fr\u00f6hliche Alte, die sich zusammen fanden und die M\u00f6glichkeiten nutzten, die ihnen das Heim bot. Frau M. konnte und wollte (das ist kein echter Unterschied!) da nicht mitmachen. Ihr Charakter stand dem entgegen, der sich nicht erst in den sp\u00e4ten Jahren so entwickelt hatte: anspruchsvoll, kritisch, selbstbezogen\/egozentrisch &#8211; unsensibel f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse ihrer N\u00e4chsten und Ferneren. Das &#8222;Soziale&#8220; in ihrer Welt, daf\u00fcr war ihr Mann zust\u00e4ndig gewesen. Der aber ist schon vor Jahren verstorben. Was blieb, war eine H\u00e4lfte, f\u00fcr sich alleine nicht mehr zur Lebensfreude f\u00e4hig.<\/p>\n<p>Es ist gut so, wie es ist. Schlimm w\u00e4re, h\u00e4tte das Leiden noch Jahre gedauert. <\/p>\n<p>Trotzdem: ich mochte sie! Und bin traurig, dass sie tot ist. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was meint dieses &#8222;so&#8220;? Es war das Pflegeheim, gar nicht mal ein Schlechtes. Aber ich verstehe gut, dass Frau M. alles nur noch beschissen fand. 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