{"id":21,"date":"2006-06-01T12:30:03","date_gmt":"2006-06-01T10:30:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/06\/01\/koenig-alkohol-der-kontrollversuch-ist-der-kontrollverlust\/"},"modified":"2019-11-10T13:06:25","modified_gmt":"2019-11-10T12:06:25","slug":"koenig-alkohol-der-kontrollversuch-ist-der-kontrollverlust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/06\/01\/koenig-alkohol-der-kontrollversuch-ist-der-kontrollverlust\/","title":{"rendered":"K\u00f6nig Alkohol: Der Kontrollversuch ist der Kontrollverlust"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es mir zu intim w\u00e4re, k\u00f6nne ich den Text auch gern per Mail ganz privat schicken, schreibt mir der Leser, der sich dieses Thema gew\u00fcnscht und es auch &#8222;gesponsert&#8220; hat. (Danke!). Zu intim? Wikipedia z\u00e4hlt 4,3 Millionen Alkoholkranke in Deutschland, \u00fcber 40.000 Menschen in Deutschland sterben j\u00e4hrlich in Folge \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Alkoholkonsums und etwa zw\u00f6lf Prozent der Bundesb\u00fcrger pflegen einen &#8222;riskanten Umgang&#8220; mit Alkohol. Die Droge Nr.1 wird von Wissenschaftlern mittlerweile zu Recht als &#8222;harte Droge&#8220; eingestuft, ebenso gef\u00e4hrlich wie Heroin &amp; Co., obgleich legal.<!--more--><\/p>\n<p>Es gibt also gute Gr\u00fcnde, das Thema nicht &#8222;ganz privat&#8220; zu behandeln. Zumal ich in Sachen Alkohol immerhin Erfolge vorweisen kann, die mir bez\u00fcglich des Rauchens einfach nicht gelingen wollen. Gelingen? Das klingt nach Bem\u00fchen, nach Selbstdisziplin und Anstrengung, die dann verdienterma\u00dfen von Erfolgen gekr\u00f6nt ist &#8211; nichts w\u00e4re falscher! Gegen keine Droge, kein Fehlverhalten, keine andere Sucht hab&#8216; ich so ausschweifend &#8222;gek\u00e4mpft&#8220; wie gegen den Alkohol, doch solange ich das tat, solange ich glaubte, ich k\u00f6nne die Sache &#8222;in den Griff bekommen&#8220; rutschte ich immer tiefer in die Sucht. Ganz allgemein ist es ein deutliches Anzeichen, dass man schon mitten auf dem Weg in den Abgrund ist, wenn man beginnt, das Trinken reglementieren zu wollen: Nur nach 18 Uhr, nur Bier und Wein, nur am Wochenende &#8211; mag sein, dass das eine Zeit lang funktioniert, doch wird es dabei mit gro\u00dfer Sicherheit nicht bleiben.<\/p>\n<h2>Alkohol? Ich doch nicht!<\/h2>\n<p>Etwa zehn Jahre hab&#8216; ich gebraucht, um mich in einen ordentlichen Alkoholismus zu saufen: erst mit 24 begann ich damit, regelm\u00e4\u00dfig Bier zu trinken, da eine neue Liebe gerne die Nachmittage in Mainzer Bierg\u00e4rten verbrachte. Bis dahin hatte ich Alkoholisches wegen des Geschmacks nicht gemocht und ansonsten die &#8222;Volksdroge&#8220; mit Verachtung gestraft: mein Vater war Quartalsalkoholiker, war cholerisch und unberechenbar, soff sich phasenweise in extreme Zust\u00e4nde, in denen er dann die Familie terrorisierte: Nachts um drei nachhause kommen, Kinder aus dem Bett holen und die mitgebrachten Brath\u00e4hnchen verspeisen lassen, einen drauf machen wollen &#8211; es war der reine Horror! Wir lebten w\u00e4hrend seiner Trinkphasen in st\u00e4ndiger Angst: wann wird er kommen? In welchem Zustand? Wird er wieder toben, rumbr\u00fcllen, auch mal zuschlagen &#8211; oder wird er weinerlich drauf sein, uns das Blaue vom Himmel versprechen, nach Bier und Schnaps und Rauch stinkend um Verzeihung f\u00fcr seine Schandtaten bitten?<\/p>\n<p>Ich hatte eine ganze Kindheit und Jugend lang ausreichend Gelegenheit, hautnah zu erleben, was Alkohol aus einem Menschen macht. Nie w\u00fcrde ich dieser Droge verfallen, da war ich mir sicher! Meine Generation hatte Besseres, wir rauchten Haschisch und nahmen LSD, erweiterten unser Bewusstsein, erlebten echte Abenteuer des Geistes &#8211; aber selten und stark ritualisiert, in &#8222;gesch\u00fctzter Umgebung&#8220;, mit dem n\u00f6tigen Respekt und viel utopischer Ideologie im Kopf. Timothy Leary h\u00e4tte gerne LSD im Trinkwasser verteilt, um den Frieden auf Erden zu bef\u00f6rdern &#8211; ich schweige lieber von all den Absurdit\u00e4ten, die ich in jungen Jahren so toll und revolution\u00e4r fand! All diese Experimente brachten mir tats\u00e4chlich neue philosophische Einsichten ins Geheimnis der Weltwahrnehmung: wenn die Filter des Geistes ausgeschaltet waren und alles an Informationen unsortiert herein kam, erlebte ich so manches Abenteuer, das ich nicht missen wollte! Zu h\u00e4ufiger Wiederholung dr\u00e4ngte das allerdings nicht: zu heftig, kein Rauschpotenzial, kein Suchtfaktor.<\/p>\n<h2>Erste Kontrollversuche<\/h2>\n<p>Und doch gab es in der Art, WIE ich zum Beispiel meinen ersten Trip erlebte, schon Hinweise darauf, um was es in Sachen Droge bei mir ging: Ich wusste, dass man per LSD die gewohnte Wahrnehmung verliert und dem g\u00e4nzlich Unbekannten gegen\u00fcber steht &#8211; dass man da auch manchen Horror erleben konnte, wie mir andere berichteten. Also konzentrierte ich mich darauf, die Kontrolle zu behalten. Zwar zerfiel die Welt schon bald nach Einnahme der kleinen Pille in ihre Bestandteile und vieles mehr, was ich &#8222;n\u00fcchtern&#8220; gar nicht bemerkte &#8211; doch gelang es mir immer wieder schnell, mich zu besinnen, die Gesamtsituation (ich bin auf einem LSD-Trip und muss aufpassen!) nicht aus dem Blick zu verlieren. Ich steuerte mich selbst mittels spontaner Affirmationen wie etwa: Wenn ich jetzt raus auf die (Au\u00dfen-)toilette gehe, h\u00f6rt der Trip auf, wenn ich die Wohnung wieder betrete, kann es weiter gehen! Und zu meinem Staunen hat das sogar geklappt &#8211; wow, ich war und blieb &#8222;Herrin der Situation&#8220;! Ich schaffte es sogar, emp\u00f6rt den zweiten Trip abzulehnen, den mir mein Begleiter anbot, der lieber etwas Erotisches mit mir angefangen h\u00e4tte anstatt ins Philosophieren abzudriften. Ich hatte alles im Griff, trotz des Wirbels, den das LSD in meiner Birne anrichtete &#8211; und ich war entsprechend stolz auf mich, f\u00fchlte mich schwer Drogen-kompetent!<br \/>\n<a name=\"bewegtezeiten\"><\/a><\/p>\n<h2>Bewegte Zeiten<\/h2>\n<p>Was f\u00fcr eine T\u00e4uschung! Mit 26 zog ich nach Berlin und lernte echtes Nachtleben kennen. Vor 23 Uhr waren die Kiezkneipen eher leer, dann aber ging die Post ab! Aber nicht nur die N\u00e4chte waren spannend, das ganze Leben geriet zum spannenden Abenteuer: die Hausbesetzerbewegung Anfang der 80ger erfasste mich, erfasste das ganze Stadtteil: ein Sanierungsgebiet in Kreuzberg mit viel Entmietung, Leerstand bei gleichzeitigem extremen Wohnungsmangel. Ich war nach Berlin gekommen, weil mich meine Heimatstadt Wiesbaden langweilte, das Jurastudium hatte ich mit allen Scheinen abgebrochen, als mir beim Lernen f\u00fcrs Examen klar geworden war, dass ich nicht Juristin werden will. Eine neue Idee hatte ich allerdings auch nicht, also kam mir der Ortswechsel mit meinem damaligen Liebsten, der der Bundeswehr entgehen wollte, gerade recht.<\/p>\n<h2>Alles bewegt sich und schwimmt im Bier<\/h2>\n<p>War ich zuvor nur am anderen Geschlecht interessiert, so erlebte ich jetzt eine &#8222;b\u00fcrgerliche Geburt&#8220;: mitmischen bei gesellschaftlich wichtigen Dingen, Wohnungspolitik machen, den Stadtteil mitgestalten, &#8222;immer bei den Guten&#8220; f\u00fcr die Verbesserung der Welt k\u00e4mpfen &#8211; ich ging voll auf im neuen Aktivisten-Lebensgef\u00fchl! Drei Jahre war ich Vollzeit-Hausbesetzerin und danach ging es in \u00e4hnlich engagierter Manier weiter. Alsbald war ich im Vorstand jedes Vereins in der Umgebung, gr\u00fcndete selbst neue Initiativen, gab eine Zeitung heraus, veranstaltete gro\u00dfe Feste, bestimmte mit \u00fcber den weiteren Ablauf der Sanierung, war verstrickt in vielerlei K\u00e4mpfe &#8211; und merkte gar nicht, wie ich langsam aber sicher zur Funktion\u00e4rin wurde, die auf ihre &#8222;Klientel&#8220; im Grunde herab sieht. Ein Privatleben kannte ich nicht, war &#8222;immer an der Front&#8220;, nat\u00fcrlich auch in den N\u00e4chten, in denen man sich in der Kneipe traf und weiter &#8222;Politik machte&#8220;. Wer da fehlte, verlor an Einfluss &#8211; ich war \u00fcberall dabei, schwamm im Lebensgef\u00fchl der 80ger wie ein Fisch im Wasser. Naja, eigentlich im Bier, doch sah ich das noch lange nicht als Problem.<\/p>\n<p>Zwischen 23 Uhr und vier, f\u00fcnf Uhr morgens schluckte ich bald locker acht bis zw\u00f6lf gro\u00dfe Bier. Sie kamen ja quasi automatisch auf den Tisch, wenn die Gl\u00e4ser leer waren. Ich tat das nicht bewusst, um mich zu betrinken: es geh\u00f6rte dazu, alle Mit-Aktivisten hatten einen ordentlichen Zug, mir fiel gar nicht auf, dass sich mein Alkoholkonsum kontinuierlich steigerte. Bald war es mir zu m\u00fchsam, soviel Bier trinken zu m\u00fcssen, bevor die wirklich &#8222;beschwingte&#8220; Stimmung aufkam, also kamen Schn\u00e4pse dazu, auch das war durchaus \u00fcblich. Wir waren jung, waren voller Energie, und vertrugen noch eine Menge.<\/p>\n<h2>Richtung Abgrund<\/h2>\n<p>Mitte drei\u00dfig \u00e4nderte sich auf einmal mein Lebensgef\u00fchl &#8211; es gab keine &#8222;Bewegung&#8220; mehr, nur noch den zunehmend m\u00fchsamen Alltag in meinen vielf\u00e4ltigen Funktionen. Ich merkte, dass ich zwar Bewunderer, Neider und Genossen hatte, aber eigentlich keine Freunde, bei denen ich mal den Kopf anlehnen konnte, wenn ich mich mies f\u00fchlte. Ich war ja &#8222;die Starke&#8220;, die immer alles im Griff hat &#8211; doch jetzt realisierte ich, dass etwas nicht stimmte. Was tat ich da eigentlich? Was hatten all diese K\u00e4mpfchen und Intrigen, die mir fr\u00fcher Spass gemacht hatten, eigentlich mit MIR zu tun? Wer war ICH &#8211; jenseits meiner Funktionen? Es begann die Zeit meiner kleinen und gro\u00dfen Fluchten: R\u00fcckzug aus allerlei \u00c4mtern, Aufenthalte in der Toskana, der Versuch, im &#8222;spirituellen Sektor&#8220; an mir zu arbeiten: z.B. mal eine dreimonatige Massage-Ausbildung in einer Heilpraktikerschule mit viel Meditation, Gruppenarbeit, Selbsterfahrung.<br \/>\nAlles ganz toll und f\u00fcr kurze Zeit faszinierend &#8211; doch immer wieder landete ich in den heimischen Kneipen: das waren meine &#8222;Wohnzimmer&#8220;, wo sollte ich auch sonst hin? Relativ deprimiert erkannte ich, dass ich nicht im Stande war, diese Umgebung l\u00e4nger als zwei Tage zu meiden. Allein zuhause konnte ich ja nichts mit mir anfangen, pers\u00f6nliche Interessen hatte ich gar nicht entwickelt &#8211; und wenn ich dann doch gegen 23 Uhr \u00fcber die Stra\u00dfe in die Kneipe ging, brauchte es nur ein Bier und einen Schnaps und ich f\u00fchlte mich wieder &#8222;normal&#8220;! DARAUF verzichten? Unm\u00f6glich!<\/p>\n<p>Es dauerte, bis ich das Ausma\u00df meiner Sucht erkannte! Schlie\u00dflich glaubte ich immer noch, Herrin meiner selbst zu sein und f\u00fcr jedes Problem eine L\u00f6sung &#8222;aus dem Kopf &#8220; zu haben, wenn es wirklich dr\u00e4ngend wurde. Diesen &#8222;Betonkopf&#8220; hab ich lange an die W\u00e4nde schlagen m\u00fcssen, bevor mir endlich aufging, wie meine Lage tats\u00e4chlich war. Ich k\u00e4mpfte immer wieder gegen den Alkohol, blieb m\u00fchsam ein paar Tage abstinent, versuchte, die Schn\u00e4pse wegzulassen, aber all das hielt nur kurze Zeit. Schlie\u00dflich tat ich nichts mehr au\u00dfer die N\u00e4chte durchtrinken, mich tags\u00fcber erholen und abends wieder loslegen &#8211; ich war Alkoholikerin geworden, genau wie mein Vater!! Und genau wie er soff ich mich regelm\u00e4\u00dfig in den Filmriss, in unkontrollierte Zust\u00e4nde, in denen ich mich verschiedentlich furchtbar auff\u00fchrte. Am Tag danach erinnerte ich mich an nichts, doch war das weit schlimmer, als genau zu wissen, was man angestellt hat. Ich bestand jetzt aus zwei Personen: die, die erkannte, dass sie ein Alkoholproblem hat, und die, die zum n\u00e4chsten Glas greift, wohl wissend, dass es wieder im Filmriss enden wird &#8211; Prost! Jetzt ist jetzt, Probleme l\u00f6sen wir morgen, was soll schon passieren?<\/p>\n<h2>Kontrollverlust<\/h2>\n<p>Es passierte eine Menge. Ich lief gegen ein Baustellenschild, kam Blut \u00fcberstr\u00f6mt in die Kneipe und merkte es nicht einmal. Ich lie\u00df mehrfach etwas auf der Herdplatte stehen, schlief betrunken ein und erwachte mit dickem Kopf, weil die Feuerwehr und der Hausmeister vor meinem Bett standen. Ich trat einem Freund die T\u00fcre ein, der mich besoffen nicht einlassen wollte, ich randalierte in Treppenh\u00e4usern &#8211; es war grauenhaft, doch schaffte ich es lange, mir einzureden, dies alles sei nicht weiter schlimm. Immer gab es ja Leute, die sich noch weit weniger im Griff hatten, die nicht nur nachts, sondern auch tags\u00fcber tranken. Absurderweise f\u00fchlte ich mich noch lange als &#8222;etwas Besseres&#8220;.<\/p>\n<p>Und doch d\u00e4mmerte mir jetzt die unabweisbare Erkenntnis: Ich hab&#8216; ein ausgewachsenes Alkoholproblem und sollte das endlich in den Griff kriegen! Es brauchte viele viele dem\u00fctigende Erlebnisse, bis ich die tats\u00e4chliche Lage wirklich ins Bewusstsein dringen lie\u00df &#8211; aber die gr\u00f6\u00dfte Dem\u00fctigung kam erst jetzt: ich schaffte es nicht, irgend etwas dagegen zu tun. Immer wieder probierte ich &#8222;Rezepte&#8220; aus, versuchte, n\u00fcchtern zu bleiben, sa\u00df in der Kneipe vor dem Mineralwasser, w\u00e4hrend die anderen sich betranken (und am\u00fcsierte ich mich dann gar nicht mehr!). Alles sinnlos, irgendwann kam der Moment, da ich mich endlich wieder &#8222;normal&#8220; und entspannt f\u00fchlen wollte, koste es am n\u00e4chsten Tag, was es wolle.<\/p>\n<h2>Am Tiefpunkt ankommen<\/h2>\n<p>Schrecklich dann das Erkennen: Mir f\u00e4llt nichts mehr ein! Ich bin am Ende mit meinem Latein, ich bin auf der Stra\u00dfe in den Abgrund weit gekommen und kann NICHTS dagegen tun! Zum ersten Mal im Leben krachte mein Selbstbild von der kreativen, m\u00e4chtigen Person, die immer eine L\u00f6sung wei\u00df, zusammen. Den letzten Kick gab mir der selbst verordnete Versuch, &#8222;irgend einen Job&#8220; anzunehmen. Ohne jeden Anspruch an die Arbeit oder die Bezahlung wollte ich mir beweisen, dass ich es noch KONNTE!<br \/>\nJedoch: ICH KONNTE NICHT!<\/p>\n<p>Es war ein Interviewerjob, doch brachte ich es nicht mehr fertig, an den Haust\u00fcren wildfremder Menschen zu klingeln und sie \u00fcber ihre Lesegewohnheiten zu befragen. Fr\u00fcher hatte ich das locker hinbekommen, als Studentin immer mal wieder ein bisschen Geld mit solchen gar nicht schlecht bezahlten Jobs verdient. Jetzt stand ich vor den T\u00fcren in fremden Treppenh\u00e4usern und zitterte vor Angst und Unbehagen.<\/p>\n<p>Ich gab es auf. Klingelte nicht, schickte die Fragebogen zur\u00fcck, k\u00fcndigte. Ich war am Ende und wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Wusste nur noch eines: dass ich gar nichts mehr tun konnte, dass nichts klappen w\u00fcrde, dass ich aus mir heraus nichts &#8222;Problem l\u00f6sendes&#8220; unternehmen konnte &#8211; oh, was f\u00fcr eine dem\u00fctigende Einsicht!<\/p>\n<p>Aber immerhin, die hatte ich jetzt. Und handelte sogar danach, suchte Hilfe, zum ersten Mal im Leben. Ich ging zur \u00c4rztin, trat sogar in die evangelische Kirche ein &#8211; aber sie kannten nur die &#8222;f\u00e4hige Person&#8220; und wollten nicht sehen, dass ich v\u00f6llig von der Rolle, kaputt und verzweifelt war. Ja, sie versuchten, mich wieder &#8222;ins Gesch\u00e4ft&#8220; zu locken (komm doch in den Gemeindekrichenrat!), denn wenn ich wieder was Sinnvolles zu tun h\u00e4tte, w\u00e4re doch alles gleich wieder im Lot. Sinnlose Versuche, ich wusste, dass das alles nichts bringt, hatte derlei Initiativen ja schon etliche hinter mir. Verzweifelt steuerte ich die Kneipe an und bes\u00e4nftigte meine deprimierte, be\u00e4ngstigte Stimmung wieder mit ein paar Whisky &#8211; mittlerweile war ich h\u00e4rtere Sachen gew\u00f6hnt, Bier reichte lange schon nicht mehr, mich zu &#8222;entspannen&#8220;.<\/p>\n<h2>Magische Worte<\/h2>\n<p>Eines Abends dann, in einer Stimmung v\u00f6lliger Ratlosigkeit und Verzweiflung, fuhr ich nach Wilmersdorf zur Adresse, die auf dem Zettel stand, den mir ein alter Bekannter immer mal wieder zusteckte, der kein Problem zu haben schien, in der Kneipe Wasser zu trinken,. Mein erstes Meeting bei den Anonymen Alkoholikern. Zitternd sa\u00df ich am Tisch, sprach zum ersten Mal die Begr\u00fc\u00dfungsformel:<br \/>\n&#8222;Ich bin Claudia, Alkoholikerin.&#8220;<br \/>\nBeim Griff nach der Kaffeetasse zitterte meine Hand. Ich h\u00f6rte die Anwesenden von sich sprechen, niemand hier schien ein Alkoholproblem zu haben, au\u00dfer mir. Ich meldete mich und erz\u00e4hlte, wie es mir in letzter Zeit ergangen war und wie ich mich f\u00fchlte. Kein Kommentar von irgend jemandem, nur &#8222;Danke, Claudia!&#8220; &#8211; und der n\u00e4chste begann, von sich zu erz\u00e4hlen. Die Art, wie sie von sich sprachen, beeindruckte mich: v\u00f6llig offen, ohne jeden Versuch, ihre Probleme und Schwierigkeiten, ihre Gedanken, Gef\u00fchle und Charaktereigenschaften in einem guten Licht da stehen zu lassen. Ich war ber\u00fchrt, fragte mich aber, was dies alles nun f\u00fcr mich bedeuten w\u00fcrde, schlie\u00dflich war ich noch voll &#8222;im Griff der Droge&#8220;.<br \/>\nIm Anschluss an das Meeting stand ich noch ein wenig am B\u00fcchertisch, wo mich eine alte Frau ansprach: &#8222;Kind, lassen Sie das mit dem Trinken! Das bringt ja doch nichts!&#8220;<br \/>\nIch sah sie an, innerlich fiel ein letzter Groschen: Ja, das war es.<br \/>\nWarum hatte das eigentlich in all der Zeit niemand zu mir gesagt?<\/p>\n<p>An diesem Abend ging ich nicht mehr in die Kneipe. Ich trank ab sofort keinen Alkohol mehr &#8211; m\u00fchelos!<\/p>\n<p><em>(<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/06\/13\/koenig-alkohol-teil-2\/\">Teil 2<\/a> folgt in den n\u00e4chstenTagen)<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es mir zu intim w\u00e4re, k\u00f6nne ich den Text auch gern per Mail ganz privat schicken, schreibt mir der Leser, der sich dieses Thema gew\u00fcnscht und es auch &#8222;gesponsert&#8220; hat. (Danke!). Zu intim? 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