{"id":2035,"date":"2016-04-27T12:12:45","date_gmt":"2016-04-27T10:12:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2035"},"modified":"2016-04-27T12:25:51","modified_gmt":"2016-04-27T10:25:51","slug":"mein-erster-besuch-in-einem-pflegeheim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2016\/04\/27\/mein-erster-besuch-in-einem-pflegeheim\/","title":{"rendered":"Mein erster Besuch in einem Pflegeheim"},"content":{"rendered":"<p>Um halb drei nachmittags betrete ich das Pflegeheim, das erste, das ich von innen sehe. Ich besuche Frau M., die Verwandte eines lieben Freundes, die hier seit einigen Wochen lebt, nachdem sie im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt nicht mehr zur\u00fcck in ihre Wohnung konnte. Das Pflegeheim macht einen sauberen Eindruck, im Eingangsbereich t\u00f6nt leise Musik aus einem Radio &#8211; und so sieht es da aus: <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-eingang.jpg\" alt=\"Pflegeheim\" width=\"600\" height=\"344\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2036\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-eingang.jpg 600w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-eingang-300x172.jpg 300w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-eingang-500x287.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>Das Haus wirkt von der Einrichtung und den R\u00e4umlichkeiten her wie ein Krankenhaus mit etwas mehr Deko. Und mehr Ruhe, trotz der Musik.  Vor dem weiteren Vordringen in das ziemlich unbelebt wirkende Geb\u00e4ude dsinfiziere ich mir die H\u00e4nde am daf\u00fcr vorgesehenen Spender. An der Wand ein Schild: <em>&#8222;Wir freuen uns auf Ihre Meinung!&#8220;<\/em> und Formulare zum Ausf\u00fcllen. <!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-eingang2.jpg\" alt=\"Pflegeheim Eingangsbereich\" width=\"600\" height=\"392\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2040\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-eingang2.jpg 600w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-eingang2-300x196.jpg 300w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-eingang2-500x327.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>Die Zimmer der Bewohner gehen von einem elend langen Gang ab, der den Krankenhaus-Eindruck verst\u00e4rkt. Sp\u00e4rlich verteilte Bilder an den W\u00e4nden, ein Handlauf zum Aufst\u00fctzen, kein Mensch ist zu sehen. Aber halt: als ich weiter gehen will, tritt mir eine resolut wirkende Pflegekraft entgegen und schaut mich fragend an. Ich erl\u00e4utere kurz, wen ich besuchen will und darf weiter gehen. An einer der vielen T\u00fcren steht &#8222;Hier wohnt Frau M.&#8220;. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-flur.jpg\" alt=\"pflegeheim-flur\" width=\"600\" height=\"344\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2037\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-flur.jpg 600w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-flur-300x172.jpg 300w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-flur-500x287.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>Ihr Zimmer ist gr\u00f6\u00dfer als ich gedacht h\u00e4tte, vermutlich um die 20 Quadratmeter. Es sieht ebenfalls aus wie ein Krankenhaus-Zimmer und ist nur sp\u00e4rlich m\u00f6bliert. Wenig gem\u00fctlich, trotz der paar Bilder an den W\u00e4nden, die Verwandte aufgehangen haben. Das liegt nicht allein am Pflegeheim, wie ich wei\u00df. Frau M. zeigt kein Interesse, sich den Aufenthalt angenehmer zu machen, denn eigentlich will sie gar nicht hier sein. Jede Versch\u00f6nerung w\u00e4re ja gleichzeitig ein Akzeptieren dessen, was ist, doch Frau M. ist dazu nicht bereit. <\/p>\n<p>Ein Lichtblick ist der gro\u00dfe Balkon mit Ausblick auf eine gro\u00dfe, jetzt schon gr\u00fcne Kastanie. Ein Blumenstrauss, den Freunde mitbrachten, steht hier in einer Vase, auch im Zimmer selbst sind mehrere Blument\u00f6pfe und Str\u00e4u\u00dfe verteilt, liebevolle Mitbringsel, die Frau M. ja nicht ablehnen kann. <\/p>\n<h2>Die Leiden der Frau M.<\/h2>\n<p>Sie bietet mir K\u00e4sekuchen an, den es zum Nachmittagskaffee gegeben hat. Der schmeckt gar nicht mal schlecht, sogar Sahne ist drauf. Ich esse den Kuchen w\u00e4hrend Frau M. mir emp\u00f6rt erz\u00e4hlt, wie schlimm es ihr hier ergehe. Man nehme ihr alles weg, nicht mal eine Tasse d\u00fcrfe sie behalten. Es fehlten Kleidungsst\u00fccke, die einfach verschwunden seien, vermutlich geklaut. Sie habe schmerzende Wunden, doch kein Arzt k\u00fcmmere sich darum. Pfleger, die Verb\u00e4nde wechseln, gingen nicht achtsam, sondern r\u00fcde mit ihr um. Auch helfe ihr niemand beim anstrengenden Umziehen, was aus Gr\u00fcnden manchmal mehrfach n\u00f6tig sei. Wenn sie um etwas bitte, werde genickt oder versprochen, es irgendwelchen Zust\u00e4ndigen weiter zu sagen, aber es \u00e4ndere sich nichts, niemand k\u00fcmmere sich. <\/p>\n<p>Und die Mitbewohner? Die l\u00e4sterten hinter ihrem R\u00fccken \u00fcber sie, nur mit ganz ganz wenigen k\u00f6nne sie mal reden. Viele s\u00e4\u00dfen einzeln herum und starrten nur missgelaunt vor sich hin. <\/p>\n<p>Ich empfinde Mitgef\u00fchl angesichts von soviel Elend, doch vermute ich auch, dass Frau M. selbst nicht gerade zur guten Laune beitr\u00e4gt, vorsichtig gesagt. Sie meidet Gruppen und Freundeskreise, die es in diesem Heim doch auch zu geben scheint, denkt von allen Anderen nur schlecht und grenzt sich damit selber aus. <\/p>\n<p>Die Resolute vom Eingang betritt auf einmal das Zimmer, gr\u00fc\u00dft kurz und schaut suchend um sich. In der Ablage des Tischchens neben dem Bett entdeckt sie eine Tasse, sammelt diese ein und will sie mitmehmen. Frau M. protestiert, sie brauche den Rest Milch wegen ihrer Schluckbeschwerden, doch die Pflegekraft wei\u00dft darauf hin, dass der Inhalt der Tasse doch schon alt und vergammelt sei. Sie l\u00e4sst sich nicht erweichen und nimmt die Tasse mit. Meine Bitte, doch ersatzweise ein Glas Milch zu bringen, wird ignoriert. Ich nehme mir vor, das n\u00e4chste Mal Milchfl\u00e4schchen mit Drehverschluss mitzubringen, denn das mit den Schluckbeschwerden ist echt: Es kommen ihr zwischenzeitlich die Tr\u00e4nen vor Schmerzen. Allerdings muss ich dann auch einen \u00d6ffner besorgen, mit dem man den Drehveschluss ohne Krafteinsatz aufbekommt, denn Frau M. schafft das auch bei einer Wasserflasche nicht mehr alleine. <\/p>\n<h2>Vier Kaninchen und ein Park<\/h2>\n<p>Nach etwa zwei Stunden verabschiede ich mich. Im Aufzug treffe ich auf rollstuhlfahrende Mitbewohnerinnen, die freundlich und heiter gr\u00fc\u00dfen und scherzen. Jedes Stockwerk hat einen Stra\u00dfennamen aus der Umgebung, der sofort ins Auge f\u00e4llt, wenn man den Aufzug verl\u00e4sst. Eine gute Idee f\u00fcr die bessere Orientierung von Menschen, die sich nicht mehr viel merken k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Auch sonst h\u00e4lt die Ausstattung des Heims einige Annehmlichkeiten bereit. Ein ganzes Zimmer, das von einem der Flure abgeht, wird von vier Kaninchen bewohnt, die in einem Stall mit zwei gro\u00dfen Nesth\u00e4uschen und Freilaufstall leben. Der Streichelzoo des Pflegeheims!  <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-kaninchen.jpg\" alt=\"Pflegeheim  Kaninchenstall\" width=\"600\" height=\"338\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2039\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-kaninchen.jpg 600w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-kaninchen-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-kaninchen-500x282.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>Hinter dem Geb\u00e4ude liegt zudem ein kleiner Park, gro\u00df genug, um ihn langsamen Schrittes in einer halben Stunde zu durchwandern. Gro\u00dfe B\u00e4ume, B\u00e4nke, Sitzgruppen &#8211; die Gr\u00fcnbereiche sind g\u00e4rtnerisch gepflegt und abwechslungsreich bepflanzt. Da gibt es nichts zu meckern, ich w\u00e4re froh, ich h\u00e4tte sowas im Hinterhof meines Mietshauses!<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-park.jpg\" alt=\"Pflegeheim Park\" width=\"600\" height=\"338\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2038\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-park.jpg 600w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-park-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pflegeheim-park-500x282.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>Rechts im Bild sieht man noch die Ecke eines Hochbeets, das ansatzweise mit Petersilie und Radieschen bepflanzt ist. Hier k\u00f6nnen Bewohner\/innen offenbar g\u00e4rtnern ohne sich b\u00fccken zu m\u00fcssen. Der Park ist allerdings grade menschenleer, doch soll das bei besserem Wetter anders sein, wie mir Verwandte von Frau M. erz\u00e4hlten. <\/p>\n<h2>Was ich bei diesem Besuch im Pflegeheim lernte<\/h2>\n<p>Die Chance, einmal selbst in so einem Pflegeheim zu landen, ist ja gar nicht so klein, insbesondere f\u00fcr Menschen ohne eigene Familie. Der kurze Einblick hat mir immerhin ein paar Eindr\u00fccke vermittelt, wenn ich auch annehme, dass es da noch viele Unbekannte gibt, die ich so nicht mitbekomme. Wie berechtigt z.B. all die Klagen und Beschwerden von Frau M. sind, kann ich im Einzelnen nicht beurteilen. Sie ist deutlich \u00fcber 90, nurmehr ein Strich in der Landschaft, und sie hat \u00fcber die Jahre vielerlei ernste Krankheiten und weitere Zipperlein &#8222;angesammelt&#8220;, an denen sie nun leidet. Alter, Krankheit und Tod, die Skandale des Menschseins, sie treffen uns alle irgendwann und lassen sich einfach nicht vermeiden. Was wir aber beeinflussen k\u00f6nnen, ist die eigene Haltung zum Verfall und wie wir uns zur Au\u00dfenwelt hin verhalten. Wer \u00fcber 50 ist wei\u00df bereits, dass es nicht mehr so einfach ist, neue Freunde zu finden. Das liegt daran, dass die Anspr\u00fcche steigen und die Schubladen im eigenen Geiste immer mehr werden: Es gibt immer mehr Gr\u00fcnde, andere Menschen dumm, bl\u00f6de und unsympathisch zu finden, was dann bei vielen Hochbetagten dazu f\u00fchren kann, dass sie irgendwann &#8222;nurmehr missgelaunt alleine herum sitzen und vor sich hin starren&#8220;. <\/p>\n<p>Ich nehme aus dieser Erfahrung mit: so werde ich mich nicht verhalten! Ich werde, wenn ich eines Tages im Pflegeheim lande, ganz im Gegenteil mit XYZ die Oldies der 60ger, 70ger und 80ger tr\u00e4llern und gute Laune schieben, wo immer es geht. Hoffentlich ist bis dahin Cannabis legalisiert, denn das hilft nicht nur gegen Schmerzen, sondern auch gegen sozialphobische Anwandlungen: Am Morgen ein Joint und der Mitmensch ist dein Freund &#8211; im Pflegeheim w\u00e4r das sicher hilfreich! <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um halb drei nachmittags betrete ich das Pflegeheim, das erste, das ich von innen sehe. Ich besuche Frau M., die Verwandte eines lieben Freundes, die hier seit einigen Wochen lebt, nachdem sie im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt nicht mehr zur\u00fcck in ihre Wohnung konnte. 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