{"id":1968,"date":"2016-02-20T02:05:43","date_gmt":"2016-02-20T01:05:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1968"},"modified":"2016-02-20T13:15:04","modified_gmt":"2016-02-20T12:15:04","slug":"adjeu-und-1000-dank-werner-orlowsky-r-i-p","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2016\/02\/20\/adjeu-und-1000-dank-werner-orlowsky-r-i-p\/","title":{"rendered":"Adjeu und 1000 Dank: Werner Orlowsky R.I.P"},"content":{"rendered":"<p>Noch nie hat mir die Nachricht vom Tod eines &#8222;Promis&#8220; die Tr\u00e4nen in die Augen getrieben. Jetzt aber schon, denn Werner Orlowsky ist tot. Er war der erste Baustadtrat &#8222;von unten&#8220;, ein Mieter-Aktivist und K\u00e4mpfer gegen Kahlschlag- und Luxussanierung in Berlin Kreuzberg, der vom Drogisten zum Erfinder der &#8222;behutsamen Stadterneuerung&#8220; wurde. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/werner-orlowsky.jpg\" alt=\"Werner Orlowsky\" style=\"border:2px solid black\" width=\"260\" height=\"288\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1971\" \/><br \/>\n<a name=\"basis\"><\/a><br \/>\nOhne ihn h\u00e4tte es vielleicht keine &#8222;Berliner Linie&#8220; gegeben, die jegliche R\u00e4umung besetzer H\u00e4user f\u00fcr lange Zeit unm\u00f6glich machte. Ohne ihn w\u00fcrde es in Kreuzberg heute anders aussehen &#8211; und nicht nur dort, denn was sich in Kreuzberg abspielte, entfaltete auch national und international Wirkung.<!--more--><\/p>\n<h2>Von der &#8222;Basis&#8220; ertrotzt: Wie Orlowsky Baustadtrat wurde<\/h2>\n<p>Der TAGESSPIEGEL schreibt <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/erster-gruener-baustadtrat-berlins-werner-orlowsky-ist-tot\/12987534.html\">in seinem Nachruf<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Anfang der 80er Jahre, als viele zum Abriss freigegebene H\u00e4user besetzt wurden, begann Orlowskys politische Karriere. Er wurde vom \u201eBesetzerrat K 36\u201c \u2013 quasi die oberste Instanz der Hausbesetzer \u2013 zum Sprecher bestimmt, verhandelte mit dem Senat und Hauseigent\u00fcmern so erfolgreich, dass die Alternative Liste ihn f\u00fcr das Amt des Baustadtrats vorschlug.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun ja, allzu kurz ist auch daneben. Weder war der &#8222;Besetzerrat K36&#8220; oberste Instanz aller Hausbesetzer (sondern nur das Plenum der H\u00e4user in Kreuzberg S\u00fcdOst, Postbezirk 36), noch hat ihn die AL leichten Herzens mal eben so vorgeschlagen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignright  wp-image-1969\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/besetzerplakat.jpg\" alt=\"Besetzer-Slogan\" width=\"280\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/besetzerplakat.jpg 350w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/besetzerplakat-300x381.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/>Ich erz\u00e4hl mal, wie ich das erlebte, denn ich war dabei:<\/p>\n<p>Dass die &#8222;Alternative Liste f\u00fcr Demokratie und Umweltschutz&#8220; (AL) Orlowsky 1981 als Stadtrat aufstellte, als sich die Chance dazu bot, war keineswegs selbstverst\u00e4ndlich. Die erst k\u00fcrzlich Partei gewordenen Linksalternativen, Frauen- und Umweltbewegten waren von Realpolitik noch ein gutes St\u00fcck weit entfernt. Nachdem der alte Senat wegen eines riesigen Bauskandals zur\u00fccktreten musste und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wahl_zum_Abgeordnetenhaus_von_Berlin_1981\">Neuwahlen unvermeidlich wurden<\/a>, waren sie zwar <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/B%C3%BCndnis_90\/Die_Gr%C3%BCnen_Berlin#Einzug_ins_Abgeordnetenhaus\">ins Abgeordnetenhaus gew\u00e4hlt worden<\/a>, getragen von Mietern und &#8222;Instandbesetzern&#8220;, die von den &#8222;etablierten Parteien&#8220; die Nase gestrichen voll hatten. Das hie\u00df aber noch lange nicht, dass man nun auch jede <strong>Chance auf ein bisschen Macht<\/strong> h\u00e4tte ergreifen wollen. Damals waren ja fast alle noch &#8222;Fundis&#8220;, die sich nicht vorstellen konnten, einen Amtsinhaber zu stellen: F\u00fcr was man da alles verantwortlich w\u00e4re, ohne WIRKLICH Einfluss zu haben und alles \u00dcble sofort abstellen zu k\u00f6nnen &#8211; bewahre!<\/p>\n<p>Die AL hatte ein &#8211; damals ein absolutes Muss &#8211; ein &#8222;basisdemokratisches&#8220; Selbstverst\u00e4ndnis. Alles sollte auf dem Plenum diskutiert und beschlossen werden, zu dem alle Mitglieder kommen sollten, aber auch Nichtmitglieder Rederecht hatten. Wie immer, wenn solche Gruppen gr\u00f6\u00dfer werden und unterschiedliche Formen der Mitarbeit entwickeln (Mandatstr\u00e4ger, erste Verwaltungs-Jobber, Mitglieder, sonstige Aktive) ger\u00e4t die Basisdemokratie schnell zur Farce. Die Welt wartet nun mal nicht, bis die Versammlung turnusgem\u00e4\u00df zusammen tritt und erst recht nicht, bis ein Konsens herbei diskutiert ist.<\/p>\n<p>Und so war es auch, als sich durch das erstaunlich gute bezirkliche Wahlergebnis (16 %) die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnete, den Baustadtrat in Kreuzberg zu stellen. In den Bezirken braucht man dazu keine Mehrheit, denn die \u00c4mter werden nach dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/D%E2%80%99Hondt-Verfahren\">D\u2019Hondtschen-H\u00f6chstzahlverfahren<\/a> entsprechend dem Stimmenanteil auf die Parteien verteilt. Und siehe da: Man war nicht nur &#8222;rein gekommen&#8220;, es reichte sogar f\u00fcr einen Stadtrat!<\/p>\n<h2>Ein bisschen Macht? Igitt&#8230;<\/h2>\n<p>Anstatt sich zu freuen, bekamen die frisch gebackenen Bezirksverordneten und ihre Parteibasis nun schwere Bauchschmerzen. Wollte man sich wirklich &#8222;die H\u00e4nde schmutzig machen&#8220; und jemanden in so ein brisantes Amt entsenden? Es war sonnenklar, dass es angesichts der zugespitzten Lage mit hunderten besetzter H\u00e4usern und zigtausend Sympathisanten nur DIESES Amt sein konnte. Das sahen ja sogar die anderen Parteien so, nach dem Motto: <em>na, dann macht doch mal selber!<\/em><\/p>\n<p>Der Meinungstrend unter den ALer\/innen war klar dagegen. Ohne jegliche Macht (die ja nie eine absolute ist) bleibt man immer bei den Guten, kann &#8222;die Herrschenden&#8220; in Grund und Boden kritisieren und l\u00e4uft nicht Gefahr, wegen der eigenen Teilverantwortung wom\u00f6glich kritisiert zu werden. Sowas wie &#8222;Sachzwang&#8220; lernt man gar nicht erst kennen, wenn man nicht selbst am Ruder ist &#8211; und sei es auch nur ein kleines.<\/p>\n<p>Es kam, wie es meist kommt, wenn&#8217;s in basisdemokratischen Strukturen auf einmal drauf ankommt. Ein Sonderplenum au\u00dferhalb des \u00fcblichen Turnus wurde einberufen, um die Frage <strong>&#8222;Baustadtrat ja oder nein&#8220;<\/strong> zu beschlie\u00dfen. Bedenkt: es gab noch kein Internet! Diesen kurzfristigen Termin \u00fcberhaupt mitzubekommen, war Gl\u00fccksache.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig geh\u00f6rte ich zu den Gl\u00fccklichen, obwohl ich nicht mal Mitglied war. Als ich \u00fcber einen Bekannten von dem Termin erfuhr, mobilisierte ich die grade erreichbaren Mit-Aktivisten aus dem Kreuzberger 61-er Kiez (Chamissoplatz), andere taten dasselbe,\u00a0 und so sind wir dann zu zwanzigst, dreissigst bei diesem entscheidenden Plenum aufgelaufen.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wir wollen Orlowsky als Baustadtrat!&#8220;<\/strong> war unsere Botschaft, unsere Forderung, die wir vehement vorbrachten. Dass wir keine Parteimitglieder waren, war egal. Die AL war ja noch in einer Phase, in der viele die eigene Partei-Werdung als &#8222;Mitmischen im kranken System&#8220; selbst als ziemlich peinlich bzw. aus guten Gr\u00fcnden kritikw\u00fcrdig empfand.<\/p>\n<p>Was aber, wenn dann ein Haus ger\u00e4umt w\u00fcrde und Orlowsky das nicht verhindern k\u00f6nnte? Schlie\u00dflich hinge das von anderen Kr\u00e4ften ab, vom Senat, von der Polizei und den Gerichten!\u00a0 Er m\u00fcsste doch dann sofort zur\u00fcck treten, ja was denn sonst? Und weil zu erwarten war, dass gewiss demn\u00e4chst mal wieder ein Haus ger\u00e4umt w\u00fcrde, w\u00e4re es doch besser, gar nicht erst den Anschein der Mitverantwortlichkeit aufkommen zu lassen&#8230;<\/p>\n<p>Nun ja, ganz so deutlich haben sie Letzteres nicht gesagt, es war aber schon klar, dass sie haupts\u00e4chlich Schiss hatten, f\u00fcr alles \u00dcbel, das noch kommen w\u00fcrde, auf einmal selbst grade stehen zu m\u00fcssen &#8211; ohne echte Macht, es zu verhindern. Ein ewiger Zwiespalt linksalternativer Politik, der sich \u00fcber die Zeiten auf immer wieder neue Weise zeigt.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wie ABGEHOBEN seid Ihr denn?&#8220;<\/strong> war unsere Gegerede. Mit Orlowsky als Baustadtrat h\u00e4tten wir jedenfalls MEHR Chancen, nicht ger\u00e4umt zu werden, MEHR Chancen auf eine sinnvolle Sanierungspolitik in Kreuzberg &#8211; und die wollten wir bittsch\u00f6n auch genutzt sehen! <em>Wozu haben wir euch gew\u00e4hlt? Doch nicht daf\u00fcr, dass Ihr Euch verhaltet wie eine Gruppe Studies auf Exkursion zur Erforschung der Parlamente! Niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, wird den Werner f\u00fcr ein R\u00e4umung verantwortlich machen&#8230; was f\u00fcr ein gequirrlter Unfug!<\/em><\/p>\n<p>Und siehe da: Der &#8222;Macht der Basis&#8220; konnte und wollte die AL &#8211; bzw. die grade zuf\u00e4llig Anwesenden &#8211; sich nicht verweigern. Denn die Basis, die &#8222;Betroffenen&#8220;, wollte man ja gerade nicht ignorieren, wie in den etablierten Parteien \u00fcblich. Es wurde also beschlossen: Orlowsky wird zum Baustadtrat gew\u00e4hlt. Und so geschah es &#8211; wow, was f\u00fcr ein Erfolg!<\/p>\n<p>Werner Orlowsky blieb bis 1989 Baustadtrat &#8211; zu unser aller Nutzen und Freude. Und nie nie wurde er ein &#8222;abgehobener Politiker&#8220;, sondern blieb immer ansprechbar, den B\u00fcrgern freundschaftlich zugewandt.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Mich hat das alles sehr gepr\u00e4gt, mitgenommen, nachhaltig bewegt und belehrt. So brisant, so spannend, so wirkungsm\u00e4chtig wie in diesen Jahren der Hausbesetzerbewegung hab ich die Welt und mich in ihr nie mehr erlebt. Und daf\u00fcr, dass vieles gut gegangen ist, bin ich dankbar. Werner Orlowski hatte daran gro\u00dfen Anteil und ich bin immer noch ganz traurig, dass er jetzt nicht mehr unter den Lebenden weilt.<\/p>\n<p>Ich hoffe, er hatte einen friedlichen Tod. Und bin fast sicher, dass er mit seinem Leben zufrieden und im Reinen war.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Auch dazu:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/mediathek.rbb-online.de\/tv\/Abendschau\/Werner-Orlowsky-ist-tot\/rbb-Fernsehen\/Video?documentId=33548748&amp;topRessort=tv&amp;bcastId=3822076\">Kurzer Beitrag in der Abendschau (Mediathek)<\/a> &#8211; inkl. pr\u00e4gnanter Szenen mit Werner;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.berliner-zeitung.de\/berlin\/nachruf-werner-orlowsky-der-baustadtrat--der-fuer-kreuzberger-hausbesetzer-kaempfte,10809148,33821540.html\">Der Baustadtrat, der f\u00fcr Kreuzberger Hausbesetzer k\u00e4mpfte<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kreuzberger-chronik.de\/chroniken\/2004\/juni\/mensch.html\">Werner Orlowsky<\/a> &#8211; \u00bbAlles, was nicht ausdr\u00fccklich verboten ist, ist erlaubt.\u00ab  &#8211; ein ausf\u00fchrliches Portrait.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Portraet\/!5183980\/\">Die vier Leben des Werner O.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mao-projekt.de\/BRD\/BER\/MIE\/Berlin_Hausbesetzungen_Berliner_Linie.shtml\">Hausbesetzungen in West-Berlin: Die \u201eBerliner Linie\u201c<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.berlin-mauer.de\/videos\/hausbesetzungen-in-kreuzberg-673\/\">1981 Hausbesetzungen in Berlin<\/a> &#8211; eine Zeitzeugin erz\u00e4hlt (kurzes Video)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.berlin-besetzt.de\/\">Berlin Besetzt<\/a> &#8211; Illustrierte Karte zu Hausbesetzungen in Berlin.<\/p>\n<p>Foto von Orlowsky: Christian K\u00f6nneke<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch nie hat mir die Nachricht vom Tod eines &#8222;Promis&#8220; die Tr\u00e4nen in die Augen getrieben. 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