{"id":1955,"date":"2002-10-30T14:10:38","date_gmt":"2002-10-30T13:10:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1955"},"modified":"2016-02-10T14:14:51","modified_gmt":"2016-02-10T13:14:51","slug":"freiwilligenarbeit-mit-alten-nicht-so","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/10\/30\/freiwilligenarbeit-mit-alten-nicht-so\/","title":{"rendered":"Freiwilligenarbeit mit Alten: Nicht so!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Freiwilligen-Arbeit<\/strong> mit alten Menschen hab&#8216; ich jetzt erstmal unterbrochen. Der &#8222;Verein der Freude alter Menschen&#8220;  hat mir einen guten Einblick gegeben und auch Kontakte zu alten erm\u00f6glicht: mehrere Wochen war ich im  Telefondienst, plauderte immer montags mit den verschiedensten Alten, von der lustigen Grunewald-Wittwe, die sich vor Terminen kaum retten kann, bis hin zur v\u00f6llig vereinsamten 89-J\u00e4hrigen Sterbenden, die ich dann auch im Krankenhaus besuchte.<!--more--><\/p>\n<p> Die Hauptaktivit\u00e4ten des Vereins bestehen darin, f\u00fcr die  Alten allerlei zu veranstalten: mal ein gemeinsames Mittagessen, mal ein Ausflug, ein Spiele-Nachmittag, eine Besichtigung &#8211; das ist nichts f\u00fcr mich, hab ich festgestellt, denn ich begreife Freiwilligenarbeit noch immer als ARBEIT: es soll mich fordern, entweder in meinen beruflichen oder in meinen psychischen F\u00e4higkeiten. Lockere Freizeitgestaltung ist es f\u00fcr mich nicht, vielleicht mal in zwanzig Jahren!<\/p>\n<p>Eigentlich war ich ja wegen des Hauptzwecks des Vereins gekommen: ich wollte einmal die Woche jemanden besuchen, wie es dort viele Freiwillige tun. Da man aber nicht gleich &#8222;zugeteilt&#8220; wird, sondern sich erst durch andere Dienste mit der ganzen Sache vertraut macht, ist mein Einblick umfassender geraten. Ich wei\u00df jetzt noch weit mehr \u00fcber die &#8211; in vieler Hinsicht beschissene  &#8211; Situation alter Menschen, aber nat\u00fcrlich hab&#8216; ich auch hautnah mitbekommen, dass jeder genau das erntet, was er ges\u00e4t hat. Damit meine ich NICHT die menschenunw\u00fcrdige Art, wie unsere Gesellschaft die Alten in den Heimen und in der ambulanten Pflege verwahrlosen l\u00e4sst, sondern die Art der Verkn\u00f6cherung, mit der man gelegentlich konfrontiert wird: Total an ihrer Einsamkeit leidende Alte, bei denen ein paar Minuten Gespr\u00e4ch reichen, um zu bemerken, dass sie geradezu offensiv daran arbeiten, dass niemand mit ihnen etwas zu tun haben will. Und das vermutlich schon ihr halbes oder ganzes Leben lang.<\/p>\n<p>Wohlgemerkt: es gibt  nicht nur Schreckschrauben unter den Alten, ich habe entz\u00fcckende, freundliche, charmante und sehr interessante Menschen kennen gelernt. Doch letztere sind deutlich weniger &#8222;bed\u00fcrftig&#8220;, das ist ganz offenkundig, auch, wenn sie sehr krank und in ihren Bewegungsm\u00f6glichkeiten eingeschr\u00e4nkt sind.<\/p>\n<p>Insgesamt waren ALLE Kontakte f\u00fcr mich ungeheuer lehrreich und bereichernd &#8211; es ist ein wirklicher Verlust, dass die h\u00f6heren Lebensalter praktisch aus der Gesellschaft ausgegrenzt sind und man ohne besondere Anstrengungen gar keine 80-J\u00e4hrigen mehr kennen lernen kann &#8211; wo denn auch?<\/p>\n<p>Mein eigentlicher Wunsch, jemanden n\u00e4her kennen zu lernen und regelm\u00e4\u00dfig zu besuchen, ist noch immer vorhanden, sogar dank der interessanten Erfahrungen st\u00e4rker geworden. Weil aber Frau S., die ich zu besuchen begonnen hatte, mittlerweile gestorben ist, mach ich jetzt erstmal eine Pause bis der Umzug \u00fcber die B\u00fchne gegangen ist. Und dann seh&#8216; ich zu, wie ich die Alten in meiner Umgebung kennen lerne, zum Beispiel die Frau im ersten Stock gegen\u00fcber, die immer nur vor der Fernseher sitzt und nur selten die Wohnung verl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Denn: ist es nicht der reine Wahnsinn, die Freiwilligen-Arbeit genauso verkehrsintensiv, zeit- und benzinfressend zu organisieren, wie zum Beispiel die Hauspflege oder die Geb\u00e4udereinigung? Fast vierzig Minuten war ich unterwegs, bevor ich beim Verein mit dem Telefonieren anfing. Meine alte Dame hab&#8216; ich mit \u00fcber einer Stunde Anfahrsweg besucht &#8211; hin und zur\u00fcck auch noch mal, klar.  So halb und  halb bin ich noch mit der lustigen Witwe aus dem Grunewald verabredet: zwei Stunden bis zum Rand Berlins, um sie abzuholen f\u00fcr einen gemeinsamen Besuch im Internet-Cafe, den sie sich w\u00fcnscht. V\u00f6llig irre! (Und alles andere als &#8222;nachhaltig&#8220;!)<\/p>\n<p>Ich  brauche ja nur mal Samstag fr\u00fch das Haus verlassen, das ist die Zeit, wo sich die verbliebenen Alten (meist Frauen) in diesem jugendlichen Stadtteil noch nach drau\u00dfen wagen, sich schwer nach vorne gebeugt und auf Kr\u00fccken gest\u00fctzt zum Markt auf dem Boxhagener Platz bewegen, um ihre Eink\u00e4ufe zu machen. anders als die J\u00fcngeren  nehmen es diese alten oft sogar wahr, wenn man SIE wahrnimmt. Sie freuen sich \u00fcber ein gr\u00fc\u00dfendes Nicken und l\u00e4cheln zur\u00fcck &#8211; k\u00f6nnte das nicht der naheliegendere Weg sein? Mal  sehen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Freiwilligen-Arbeit mit alten Menschen hab&#8216; ich jetzt erstmal unterbrochen. 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