{"id":1951,"date":"2002-06-05T14:10:26","date_gmt":"2002-06-05T12:10:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1951"},"modified":"2016-02-09T14:16:57","modified_gmt":"2016-02-09T13:16:57","slug":"die-einsamkeit-des-netizen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/06\/05\/die-einsamkeit-des-netizen\/","title":{"rendered":"Die Einsamkeit des Netizen"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Eines der zentralen Probleme unserer Lebensform ist die Einsamkeit. Und die wird nicht dadurch gelindert, dass wir nunmehr per Internet mit aller Welt kommunizieren k\u00f6nnen&#8220;, sagt der Benediktinerm\u00f6nch und ZEN-Meister Willigis J\u00e4ger in seinem lesenswerten Buch &#8222;Die Welle ist das Meer&#8220;. Richtig, ich f\u00fchl&#8216; mich grad&#8216; unglaublich einsam &#8211; und auf seltsame Weise ANDERS einsam als vor den Zeiten des Netzes. <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Damals kannte ich eigentlich nur Menschen aus Berlin, die meisten wohnten sogar im selben Stadtteil. Wollte ich mal mit jemandem reden oder einfach unter Leute gehen, musste ich mich bewegen, das Haus verlassen, \u00f6ffentliche Orte aufsuchen oder Privatwohnungen betreten. Ich musste Widerst\u00e4nde und Unbequemlichkeiten \u00fcberwinden,  um mich mit anderen auszutauschen,  um Freud&#8216; und Leid erz\u00e4hlend zu teilen, Ideen und Pl\u00e4ne auszuhecken oder \u00fcber die Welt zu philosophieren. Es war aufw\u00e4ndig, aber meistens war es das wert.<\/p>\n<p>Heute K\u00d6NNTE ich das nat\u00fcrlich immer noch so machen, nur kommt es in der Realit\u00e4t kaum mehr vor. Mein letzter &#8222;Realkontakt&#8220; mit einer Freundin liegt nun auch schon wieder \u00fcber f\u00fcnf Wochen zur\u00fcck. Daf\u00fcr &#8222;kenne&#8220; ich jetzt Menschen, die weithin \u00fcber das Land, ja, \u00fcber den Planeten verstreut leben: In Kanada und Laos, in La Palma und S\u00fcdfrankreich, in Wien und in  der Schweiz  &#8211; und zu jedem deutschen Ballungsgebiet und jeder gr\u00f6\u00dferen Stadt fallen mir auf Anhieb mehrere liebe Menschen ein, die ich gut genug kenne, um bei ihnen zu wohnen bzw. zu \u00fcbernachten &#8211; vielerorts br\u00e4uchte ich kein Hotel. &#8222;Ein Netizen ist niemals und nirgendwo allein&#8220;, schrieb ich vor ein paar Jahren voller Begeisterung. Heute f\u00fcge ich hinzu: &#8222;aber hier und jetzt immer!&#8220;.<\/p>\n<h2>Das janusk\u00f6pfige Netz<\/h2>\n<p>Nicht zu glauben? Sicher, in den sechs Netzjahren hab&#8216; ich mit weit mehr Menschen Kontakt gehabt, als in den ganzen 41 Jahren davor; viele sind &#8222;locker Bekannte&#8220; und einige Freunde geworden. Man hat sich schon ein- oder mehrmals &#8222;f2f&#8220; ( = face to face ) getroffen und ab und zu  werde ich an Orte eingeladen, an die ich fr\u00fcher nicht im Traum gedacht h\u00e4tte &#8211; ist das nicht sch\u00f6n? Zu jedem erdenklichen Thema kann ich Gespr\u00e4chspartner finden, die vielen Mailinglisten, Newsgroups, Foren und Webboards ergeben eine endlose &#8222;Landschaft&#8220; aus niemals schlie\u00dfenden Versammlungen. Manchmal antworten mir Leser auf Beitr\u00e4ge im Diary, zuf\u00e4llige Surfer kommentieren andere Webwerke oder stellen Fragen &#8211; so ist schon mancher  tiefsch\u00fcrfende Maildialog entstanden, manchmal mit Menschen, mit denen ich in &#8222;diesem realen Leben&#8220; ganz gewiss niemals  in Ber\u00fchrung gekommen w\u00e4re. Das Netz verbindet, das Netz schafft Toleranz, aber &#8211; ich bleibe dabei &#8211; das Netz macht eben auch einsam.<\/p>\n<p>Was kannst du &#8211; hier und jetzt!  &#8211; schon tun, wenn es dich nach menschlichem Kontakt  verlangt? Klar, du kannst ein paar Mails schreiben, kannst in Worte fassen, was dir auf der Seele liegt, was dich begeistert, was dich \u00e4ngstigt und bedr\u00fcckt. Dann der Klick auf den Send-Button und das war&#8217;s. Zwar bist du noch immer allein, aber du hast dich wenigstens &#8222;ausgedr\u00fcckt&#8220;, ist das nicht sch\u00f6n?  Wenn du ein Problem von allgemeinerer Bedeutung hast, kannst du eine Community aufsuchen und wirst dort binnen einiger Tage eine Menge Resonanz bekommen: Texte, Texte, und wieder Texte, ins Netz gestellt von Menschen, die du nicht kennst und in der Regel auch nie kennen lernen wirst. Aber immerhin Antwort, mitf\u00fchlende Worte, jede Menge Tipps und Tricks, um mit deinem Problem fertig zu werden &#8211; ist das nicht sch\u00f6n? <\/p>\n<h2>&#8222;Empfange Nachricht 1 von 137&#8230;&#8220;<\/h2>\n<p>An Reaktionen von allerlei Schattenexistenzen, die noch nicht einmal ihren eigenen Namen tragen, wirst du im Netz niemals Mangel leiden. Wenig empfehlenswert ist es dagegen, dich auf bestimmte Menschen, auf konkrete Gegen\u00fcber zu versteifen. So was widerspricht dem Geist der Netzgesellschaft: Wo Ort und Zeit egal sind, weil man sich nicht trifft, sondern Texte &#8222;abruft&#8220;,  muss auch der Andere egal sein. Blo\u00df nicht allzu menschlich schreiben, denken, f\u00fchlen, gar Erwartungen bez\u00fcglich Kontinuit\u00e4t und Inhalt hegen, die aus der untergehenden &#8222;analogen&#8220; Welt stammen. Du wei\u00dft doch selber, wie es ist, wenn du &#8222;Nachrichten abrufen&#8220; anklickst: &#8222;Empfange Nachricht 1 von 137&#8230;&#8220; meldet mir mein Mailprogramm, und das ist nur einer von mehreren Accounts. Wie soll man sich merken, WANN jemand WAS geschrieben hat, oder wie die eine Botschaft vielleicht mit der anderen zusammenh\u00e4ngt, ja, ob sie \u00fcberhaupt von derselben Person stammen? Der Mailspeicher scheint unendlich, das Ged\u00e4chtnis ist es nicht. Im Gegenteil, es ist ein l\u00f6chriger Eimer, der immer weniger fassen kann, je l\u00e4nger und ausschweifender die Kontakte zum Netz geraten. <\/p>\n<p>Wei\u00dft du denn selber noch, was du an X, an Y und Z vor zwei Tagen, zwei Wochen oder gar zwei Monaten geschrieben hast? Gl\u00fcckwunsch! Du bist ein selten resistentes Exemplar, aber warte nur ein Weilchen, das Netz wird auch deinen Kopf zum Sieb machen. Stetes Mailen h\u00f6hlt den Mind, es hat einfach die gr\u00f6\u00dferen Kapazit\u00e4ten. Und willst du wirklich als Fossil \u00fcberdauern? Inmitten von weit besser angepassten, blitzschnell agierenden Netzknoten-Existenzen, die die Kunst des  Ein-Pixel-Kontaktes, der Copy &amp; Paste-Kommunikation und vor allem des r\u00fcckstandslosen Vergessens vollendet beherrschen? Du wirst einfach nur leiden, wenn du deine analogen Altmensch-Gewohnheiten nicht losl\u00e4sst, wirst dich einsam f\u00fchlen, wo der neue Mensch sich wie ein Fisch im Schwarm anonymer Mitfische grazi\u00f6s im Tanz bewegt &#8211; willst du das?<\/p>\n<p>Eher nicht? Dann lerne! &#8211; du wei\u00dft ja, das ist jetzt &#8222;lebenslang&#8220; angesagt, weil immer neu aus dem Nichts begonnen und ohne Bezug zu irgend etwas schon Vorhandenem weiter gewurstelt werden muss.  Damit w\u00e4re auch das Wesen des oben genannten &#8222;ein-Pixel-Kontakts&#8220; schon angerissen:  Deine Nachricht muss immer f\u00fcr sich stehen k\u00f6nnen (= 1.Gesetz f\u00fcr ein Hypertext-Modul). Blo\u00df nicht den Adressaten dadurch in Verlegenheit bringen, dass du dich auf Vergangenes, auf bereits Gesagtes oder auf anderswo von Dritten Geschriebenes beziehst, wom\u00f6glich gar, ohne es im Volltext zu zitieren oder den URL zu nennen!  <\/p>\n<h2>Beziehung? Wie vorgestrig!<\/h2>\n<p>Bedenke: &#8222;beziehen&#8220; an sich ist schon ein ausgesprochen vorgestriger Sprachgebrauch, &#8222;sich beziehen&#8220; ist kompliziert, Beziehungen machen unfrei, kosten Zeit, die wir nicht mehr haben, und schaden der potenziellen Mobilit\u00e4t . Wenden wir uns lieber ab von all der nostalgietriefenden Mitmenschelei und freuen uns an &#8222;Kontakten&#8220;, den klaren Verschaltungen der digitalen \u00c4ra, die keine W\u00fcnsche offen lassen: ON oder OFF.  Entweder ist ein Link gesetzt oder eben nicht. So einfach ist das. Von Netztechniken lernen hei\u00dft leben lernen. Versuche nicht mehr, dich mit Anderen auseinander- oder zusammen zu setzen, zu verhandeln, in irgendwelche Tiefen zu gehen &#8211; nicht verstehen ist gefragt, sondern funktionieren. Der Modus des Erfolgs ist heute das SCANNEN und wenn ein Kontakt langweilig oder ineffektiv wird das Zappen. Schau nur, wie schnell Google etwas findet &#8211; und wie lange du vergleichsweise brauchst, um einem konkreten Menschen etwas nahe zu bringen, worauf er nicht von selber gekommen ist!<\/p>\n<p>Im Gro\u00dfen und Ganzen kommt es sowieso auf Masse und Reichweite an, auf die Dichte des Netzes, nicht auf den einzelnen Knoten. Mach nicht den Fehler, dich mit dem Knoten zu identifizieren, sondern nimm Zuflucht zum digitalen Buddhismus und erkenne: DU BIST DAS NETZ! Nur wo ein &#8222;Ich&#8220; zu existieren scheint, ist Einsamkeit, sobald sich das Ich als Illusion erweist, wirst du \u00fcber solche Empfindungen lachen. Es gibt keinen einzelnen Knoten, alles h\u00e4ngt mit allem zusammen! Praktiziere von fr\u00fch bis sp\u00e4t. Lerne, auf effektive Art Knoten zu binden und zu l\u00f6sen, behalte immer den NUTZEN und deine je eigenen Interessen im Auge, dann kann nichts schief gehen und das Netz wird wachsen. M\u00f6ge die Macht mit dir sein!<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Oh, ich k\u00f6nnte gut noch ein bisschen weiter so ausufern!  Vermutlich fragen sich sowieso schon einige Leser, welche Laus mir \u00fcber die Leber gelaufen sein mag; schlie\u00dflich bin ich eher mit Lobreden auf ein warmes, freundlichen  Internet aufgefallen und nicht mit Abges\u00e4ngen auf virtuelle W\u00fcstenlandschaften.<\/p>\n<p>Seit ein paar Tagen bin ich dabei, mein reales und virtuelles Leben einer Inventur zu unterziehen: Was macht mich gl\u00fccklich und was raubt mir den letzten Nerv? Wie entwickeln sich meine zwischenmenschlichen Beziehungen?  Wie gut oder schlecht kann ich zur Welt etwas beitragen? Sind meine F\u00e4higkeiten und Talente eigentlich sinnvoll eingesetzt oder kreise ich nur in einem Haufen nutzloser Zerstreuungen?   Fehlt mir etwas und warum ist das so? <\/p>\n<p>Das ist ein Vorgang, der sich sicher noch  l\u00e4nger hinzieht und nicht gleich zu einfachen L\u00f6sungen kommt. Was mir aber jetzt schon klar ist: es mangelt an \u00dcbersichtlichkeit, an Klarheit und Verbindlichkeit. (Was n\u00fctzt mir mein aufger\u00e4umtes Zimmer, wenn mein Netzleben ein kaum noch \u00fcberschaubares Chaos ist?) Ich will nicht wie ein Vogel im Schwarm sein und beliebig Stimmf\u00fchlungslaute austauschen, sondern ich m\u00f6chte mich auf Aktivit\u00e4ten mit Sinn konzentrieren &#8211; was immer das im einzelnen bedeuten mag. Au\u00dferdem glaube ich nicht mehr daran, dass man &#8222;netzgest\u00fctzt&#8220; weit MEHR Menschen kennen und ihnen auch gerecht werden kann als ohne. Und weil das so ist, werde ich wieder mehr auf r\u00e4umliche N\u00e4he und auf die tats\u00e4chlich zur Verf\u00fcgung stehende Zeit achten. VIRTUELL hei\u00dft: der M\u00f6glichkeit bzw. der Kraft nach vorhanden. F\u00fcr Roboter und Programme mag eine solche Qualit\u00e4t gen\u00fcgen, f\u00fcr mich reicht sie nicht. <\/p>\n<p>Im Mailprogramm hab&#8216; ich mit dem Aufr\u00e4umen angefangen, 40.000 alte Listenmails gel\u00f6scht. F\u00fchlt sich schon mal gut an, warum sollte Digitales auch ewig &#8222;leben&#8220;?<\/p>\n<p align=\"right\"><span id=\"autor\">Claudia Klinger<\/span>, <span id=\"datum\">05.06.2002<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Eines der zentralen Probleme unserer Lebensform ist die Einsamkeit. Und die wird nicht dadurch gelindert, dass wir nunmehr per Internet mit aller Welt kommunizieren k\u00f6nnen&#8220;, sagt der Benediktinerm\u00f6nch und ZEN-Meister Willigis J\u00e4ger in seinem lesenswerten Buch &#8222;Die Welle ist das Meer&#8220;. 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