{"id":1950,"date":"2002-06-14T14:07:18","date_gmt":"2002-06-14T12:07:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1950"},"modified":"2016-02-09T14:09:30","modified_gmt":"2016-02-09T13:09:30","slug":"gifte-und-andere-suenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/06\/14\/gifte-und-andere-suenden\/","title":{"rendered":"Gifte und andere S\u00fcnden"},"content":{"rendered":"<p>Seit ein paar Tagen k\u00e4mpft der arme Osterkaktus, der gerade noch einen starken Wachstumsschub hatte, ums \u00dcberleben. Etwa ein Drittel seiner Segmente hat er bereits abgeworfen. Sie faulen von innen heraus, werden schlaff und fallen ab. <br \/><!--more--><\/p>\n<p>Fast bin ich mir sicher, dass er vergiftet wurde. Das ayurvedische Chakra-R\u00e4ucherst\u00e4bchen aus der Reihe der &#8222;Holy Smokes&#8220;, das ich leichtsinnig zwischen seine Wurzeln steckte, hat er offensichtlich nicht vertragen. Ob es eigentlich gut f\u00fcr Menschen ist, so etwas einzuatmen? &#8222;Von Kindern und Tieren fernhalten&#8220;, steht auf der R\u00fcckseite der Packung. Aber damit meinen sie doch hoffentlich die Brandgefahr &#8211; oder was ?<\/p>\n<p>&#8222;NITROPHEN !&#8220;, stirnrunzelnd zeigt mein Lebensgef\u00e4hrte am Fr\u00fchst\u00fcckstisch auf das St\u00fcck Putenfleisch, das ich mir gerade aufs Br\u00f6tchen legen will.<br \/>\n&#8222;Keine Sorge,&#8220; sag&#8216; ich beruhigend, &#8222;ist ja nicht \u00f6ko!&#8220;.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen lachen, als uns das Absurde dieses Dialogs bewu\u00dft wird, aber so richtig lustig ist uns nicht zumute. Und ich f\u00fchle mich sogar ein bi\u00dfchen schuldig: Selbstverst\u00e4ndlich w\u00fcrde ich auch nitrophenbelastetes Putenfleisch verzehren, um den \u00f6kologischen Landbau zu unterst\u00fctzen! Nicht wegen mir kauf&#8216; ich schlie\u00dflich Freiland-Eier, sondern wegen der H\u00fchner, die nicht in diesen K\u00e4figen stehen sollen. Dass jetzt jedes Mal ein Bild von K\u00f6rner-pickenden H\u00fchnern gezeigt wird, wenn es um den Nitrophenskandal geht, ist sowieso eine Gemeinheit, eine Beleidigung dieser freundlichen Tiere, die nun wegen &#8222;menschlichem Versagen&#8220; wieder zu zehntausenden geschlachtet werden m\u00fcssen. Dass das so einfach m\u00f6glich ist, zeigt, dass es keinen Unterschied macht, ob Tierschutz nun im Grundgesetz steht oder nicht. Man h\u00e4tte doch mal abwarten k\u00f6nnen, ob sich nach zwei Wochen mit sauberem Futter die Belastung nicht von selbst erledigt (ich schmei\u00df den Kaktus ja auch nicht gleich in den M\u00fcll). Aber nein, in diesem Megasystem Landwirtschaft &#8211; ob \u00f6ko oder nicht &#8211; gibt es kein menschliches Verhalten, keinen mittleren Weg, es ist und bleibt ein Elend!<\/p>\n<h2>Essen nach Datenlage<\/h2>\n<p>Was soll man tun? Gibt es das &#8222;gute Essen&#8220;, das gesunde, artgerechte, schadstoffarme t\u00e4gliche Brot? Kann man es schaffen, sich &#8222;\u00f6kologisch korrekt&#8220; zu ern\u00e4hren, und dadurch mit dem eigenen Verhalten an der Gestaltung der Welt mitwirken? So als machtbewu\u00dfter Verbraucher, wie ihn die &#8222;Agrarwende&#8220; braucht?<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnschte mir, man k\u00f6nnte! Wenn ich aber von mir ausgehe, klappt so ein &#8222;Essen nach Datenlage&#8220; immer nur f\u00fcr kurze Zeit. Aus einem aktuellen Skandal leiten sich ja recht einfache Regeln ab, die man leicht ein paar Tage, Wochen oder Monate ber\u00fccksichtigen kann. Im t\u00e4glichen Normalfall aber herrschen Zielkonflikte und Unsicherheit. Zum Beispiel ist es unter Bio-Freunden offensichtlich zunehmend anerkannt, Gem\u00fcse und Obst aus S\u00fcdamerika einzufliegen &#8211; Hauptsache biologischer Landbau! Unter &#8222;regional&#8220; versteht man nicht mehr Brandenburg, wenn man in Berlin lebt, sondern Deutschland, wenn nicht gleich die EU. Klar, wir sehen ein: die Biobauern und Vermarkter wollen auch leben, die Zeit der idealistischen Selbstausbeutung ist vorbei. Zwanzig Prozent Bio braucht Mega-Strukturen und selber wollen wir endlich auch im Winter beim Gem\u00fcse die freie Auswahl haben, oder?  Ach, aber dann tobt gleich wieder Prinz Charles durch die TV-Kan\u00e4le, dem auf allen Stationen seines Besuchs ein Essen einzig aus Nahrungsmitteln aus 30 Kilometern Umkreis gereicht werden muss. Etwas anderes i\u00dft er einfach nicht. Ist es das, wof\u00fcr man Monarchen braucht? Der K\u00f6nig bleibt sauber, w\u00e4hrend das Volk in S\u00fcnde lebt?<\/p>\n<p>S\u00fcnde? Ist es nicht eine viel gr\u00f6\u00dfere S\u00fcnde, wie sich Europas Agrar-Mafia gegen die Erzeugnisse der Dritten Welt abschottet? Ist es nicht menschenverachtend, auf den besten \u00c4ckern der \u00e4rmsten L\u00e4nder Futtermittel f\u00fcr hiesige Schlachtrinder anzupflanzen, anstatt unsere M\u00e4rkte f\u00fcr dort produzierte Getreide, Gem\u00fcse und Obst zu \u00f6ffnen? Leicht gesagt, wem es v\u00f6llig egal ist, was aus den heimischen Bauern wird, hat damit sicher keine Probleme&#8230;<\/p>\n<p>Genug. Schon dieser eine Aspekt ist einfach nicht widerspruchsfrei zu l\u00f6sen, ganz zu schweigen von all den anderen Blickwinkeln, die in Sachen Ern\u00e4hrung ber\u00fccksichtigt werden k\u00f6nnen, sollten, m\u00fc\u00dften&#8230;. und t\u00e4glich \u00c4NDERT sich zudem die Datenlage. Nitrophen wurde nun auch in konventionellen Erzeugnissen festgestellt. Eigentlich sollte es mich grausen, aber DIESE Nachricht h\u00f6r&#8216; ich mit Erleichterung. Wie abartig!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit ein paar Tagen k\u00e4mpft der arme Osterkaktus, der gerade noch einen starken Wachstumsschub hatte, ums \u00dcberleben. Etwa ein Drittel seiner Segmente hat er bereits abgeworfen. 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