{"id":1948,"date":"2002-06-19T13:47:04","date_gmt":"2002-06-19T11:47:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1948"},"modified":"2019-11-10T13:07:18","modified_gmt":"2019-11-10T12:07:18","slug":"menschen-und-automaten-wahrheit-und-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/06\/19\/menschen-und-automaten-wahrheit-und-tod\/","title":{"rendered":"Wahrheit und Tod."},"content":{"rendered":"<h2>Sterben, wie man lebt: Vaters letzte Tage<\/h2>\n<p>Ich stell&#8216; mir \u00f6fter mal vor, ich l\u00e4ge im Sterben und das z\u00f6ge sich einige Wochen und Monate dahin. W\u00fcrde ich deswegen eigentlich meine &#8222;virtuelle Existenz&#8220; aufgeben wollen? Nicht mehr ins Diary schreiben, was ich \u00fcber die Welt denke? Keinen Newsletter mehr aussenden und nicht mehr mit Stammg\u00e4sten und Gelegenheitsbesuchern im Forum plaudern? Bewahre! Es kommt nat\u00fcrlich drauf an, in welchem Zustand ich mich befinde und was f\u00fcr F\u00e4higkeiten mir bleiben: Kann ich noch am Bildschirm lesen? Kann der Mausfinger noch klicken und finde ich noch  immer die richtigen Tasten?  Wenn ja, sehe ich momentan keinen Grund daf\u00fcr, etwas zu ver\u00e4ndern, mit irgend etwas aufzuh\u00f6ren, das Teil meines Lebens ist, &#8222;nur&#8220; weil ich bald sterbe. <\/p>\n<p>Da wir nie wissen, WANN das sein wird, sind wir im \u00dcbrigen sowieso immer in derselben Situation. Als mein Vater starb, hab&#8216; ich zum ersten Mal \u00fcberdeutlich mitbekommen: Man stirbt ganz genau so, wie man lebt: In dem Ma\u00df an Wahrheit und Bewusstheit, zu dem man eben in der Lage ist. Das wird nicht auf einmal mehr oder weniger!<\/p>\n<p>Ich war gerufen worden,  weil es mit ihm zu Ende ging. Die \u00c4rzte hatten einen aggressiven, schnell fort schreitenden Krebs diagnostiziert, gegen den sich im Grunde nichts mehr machen lie\u00df, da er bereits &#8222;\u00fcberall&#8220; war.  Allerdings durfte ihm das nicht gesagt werden, seine dritte Frau erwartete, dass ich ihm eine Ausrede bez\u00fcglich meiner Anreise aus Berlin erz\u00e4hlen w\u00fcrde, irgend etwas mit Computer-Workshops,  vielleicht ein Arbeitstreffen. Ja, ich sollte tats\u00e4chlich sagen, ich sei wegen Maschinen und Programmen gekommen, nicht etwa wegen ihm.<\/p>\n<p>Meine G\u00fcte! Ich war v\u00f6llig entnervt wegen dieser Zumutung, schlie\u00dflich bin ich schon das ganze Leben lang der festen \u00dcberzeugung, die Wahrheit \u00fcber den eigenen Zustand d\u00fcrfe man niemandem verheimlichen. Sollte jetzt also ICH diejenige sein, die das entgegen dem l\u00fcgnerischen Bem\u00e4ntelungsverhalten seiner Frau, nach deren Weisungen sich auch alle anderen richteten, durchsetzen sollte? Lag es an mir, zu sagen: Papa, du stirbst?<\/p>\n<p>An  Mut h\u00e4tte es mir nicht gefehlt. Diese ganz pers\u00f6nliche R\u00fccksichtslosigkeit im Namen der Wahrheit war mir dereinst ja sehr nahe. Gl\u00fccklicherweise hatte ich im Lauf&#8216; des Lebens schon dazu gelernt, so dass ich auch wahrnahm, dass so ein Verhalten auch immer etwas Eigenn\u00fctziges hat. Man kann damit rechnen, sich irgendwie GROSSARTIG zu f\u00fchlen, wenn man dem Anderen eine existenziell wichtige Wahrheit um die Ohren haut, die er vielleicht lieber nicht h\u00f6ren will &#8211; das ist MACHT, vermeintlich im Sinne hoher Werte ausge\u00fcbt. Eine gute Gelegenheit auch, sich f\u00fcr Verletzungen aus der Vergangenheit zu revanchieren . Und wer h\u00e4tte mich je mehr verletzt als mein Vater &#8211; damals, als ich noch ein Kind war? <\/p>\n<p>Ich sa\u00df ihm Zug nach Wiesbaden und gr\u00fcbelte: Sollte ich brav den Mund halten, wie seine Frau verlangte? Oder sagen, was anliegt &#8211; vor ihr? Oder erst, wenn ich mit ihm alleine w\u00e4re? Vielleicht gar ganz offen die Kooperation der L\u00fcge verweigern und ihr das bereits vorher &#8222;ansagen&#8220;? Ich kam zu keinem Ergebnis, f\u00fcr alles gab es ein F\u00fcr und Wider, die Gedanken \u00fcberschlugen sich und mir wurde nur immer enger zu Mute, als tr\u00fcge ich eine zu kleine R\u00fcstung um die Brust. Ich dachte an meinen Vater, stellte ihn mir im Krankenbett vor, erinnerte mich an vergangene Krankenhausaufenthalte, an seine unnachahmliche Manier, mit einem kleinen Stapel medizinischer Fachb\u00fccher und Lexika die \u00c4rzte zu beeindrucken. An seinem Bett stehen und \u00fcber ihn reden, als sei er nicht da, das konnte man mit ihm nicht machen!<\/p>\n<p>Jetzt aber gab es gar nichts mehr zu tun. Seine Macht, seine ganze Kompetenz, andere nach seiner Pfeife tanzen zu lassen, war obsolet geworden. Wie w\u00fcrde er das verkraften? Niemand sprach ja mit ihm dar\u00fcber. Alle verbargen das Offensichtliche und taten, als w\u00e4re nichts, als werde er bald genesen &#8211; wie schrecklich!<\/p>\n<p>Auf einmal musste ich weinen. Ich f\u00fchlte die Verzweiflung, die er f\u00fchlen musste, angesichts dieser seiner letztlichen Machtlosigkeit &#8211; und er tat mir so leid! Schlie\u00dflich hatte er sich nie im Leben mit diesem Aspekt des Daseins auseinander gesetzt, sondern immer nur darum gek\u00fcmmert, seine pers\u00f6nliche Macht, seinen Einfluss auf die Dinge zu erhalten, bzw. zu st\u00e4rken. Er wusste immer, wo es lang zu gehen hatte und was das Richtige sei. &#8222;Umgeben von Idioten&#8220; zweifelte er niemals an sich selbst, zeigte es zumindest nicht &#8211; es musste furchtbar f\u00fcr ihn sein, am Ende des Machens anzukommen!<\/p>\n<p>Das Weinen rettete mich. Der Schmerz des unerwarteten Mitgef\u00fchls befreite mich vom Denken. Ich merkte, dass es nichts zu entscheiden gab, dass ich einfach aus dem Augenblick heraus handeln w\u00fcrde, oder eben nicht. Zur Not w\u00fcrde ich einfach in Tr\u00e4nen ausbrechen, die Ebene des &#8222;Vern\u00fcnftigen&#8220; hinter mir lassen, wo Entscheidungen gefordert sind &#8211; meine G\u00fcte, was f\u00fcr eine Freiheit!!!! Und nicht nur f\u00fcr diese Situation, sondern \u00dcBERHAUPT!<\/p>\n<p>Als ich dann an seinem Krankenbett sa\u00df, war auch der Arzt da. Schon drau\u00dfen im Flur hatte er mich \u00fcber den unver\u00e4nderten Stand der Dinge in Kenntnis gesetzt: Keine Therapie w\u00fcrde mehr etwas bringen, ja, man k\u00f6nne ihm deren &#8222;Nebenwirkungen&#8220; eigentlich auch nicht mehr zumuten. Auch G., seine dritte Frau sa\u00df am Bett und schaute voller Angst auf den Arzt, was der wohl jetzt sagen werde.<\/p>\n<p>&#8222;Sie sind ein Mann wie ein Baum, aber der Baum ist von innen morsch&#8220;, fing er an. Ich schaute auf meinen Vater, der, obwohl v\u00f6llig wach, die Botschaft nicht zu verstehen schien. Jedenfalls l\u00e4chelte er, als habe er ein Kompliment bekommen. Klar, er hatte nur die erste H\u00e4lfte des Satzes an sich heran gelassen! Ich h\u00f6rte weiter zu, verfolgte mit \u00e4u\u00dferster Konzentration dieses denkw\u00fcrdige Gespr\u00e4ch zwischen dem Arzt und meinem Vater &#8211; war das wirklich ein Gespr\u00e4ch? Aus meiner Sicht hatte der Arzt alles in gebotener Deutlichkeit gesagt und nichts verschwiegen &#8211; es aber andrerseits meinem Vater \u00fcberlassen, sich die Botschaften heraus zu suchen, die er vernehmen wollte. Und der wollte auf keinen Fall zur Kenntnis nehmen, dass es mit ihm zu Ende ging, dass auch die medizinische Kunst hier am Ende war. Ich staunte, ja, ich war v\u00f6llig perplex.  Sowas hatte ich bis dahin nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten: Man konnte die Wahrheit h\u00f6ren, sich aber vollst\u00e4ndig vor ihr verschlie\u00dfen!<\/p>\n<p>Er brachte es sogar fertig, sich eine (v\u00f6llig nutzlose) Chemotherapie mit  &#8222;halber Dosis&#8220; zu verordnen &#8211; der Arzt hat es ihm nicht verweigert und ich musste zugeben: Ja, das ist jetzt das einzig richtige, das mitmenschliche, n\u00e4mlich dasjenige Verhalten, das die Selbstbestimmung des Patienten an die erste Stelle setzt. Wenn der es nun mal vorzieht, die Wirklichkeit zu ignorieren und sich bis in die letzten Momente mit f\u00fcrchterlichen Medikamenten voll zu dr\u00f6hnen, dann ist das  so zu akzeptieren!<\/p>\n<p>Noch ein paar Tage war ich dort, sa\u00df t\u00e4glich am Krankenbett und h\u00f6rte meinem Vater zu. Der sprach meist ohne Punkt und Komma von Belanglosigkeiten, und wenn ihm mal der Faden ausging, machte seine Frau weiter. Blo\u00df keine L\u00fccke entstehen lassen, in die der Gedanke an die Realit\u00e4t eintreten k\u00f6nnte!<\/p>\n<p>Und doch drang sie manchmal durch die Ritzen seines Bewusstseins. Er war ja selber der K\u00f6rper, der hier starb, wie konnte ihm das verborgen bleiben? Ich sah, wie er gelegentlich etwas unkonzentrierter wurde, sein aktuelles Thema schien dann zu verblassen, die Aufmerksamkeit sich nach innen zu verlagern, als w\u00fcrde er dort etwas h\u00f6ren&#8230;. und sofort umnachtete sich sein Geist. Manchmal kamen noch ein paar Tr\u00e4nen, doch immer gleich auch hilfreiche  Halluzinationen, die ihn ablenkten von dem, was er weder h\u00f6ren noch sp\u00fcren wollte: das Zimmer drehte sich wie ein Karusell, an den W\u00e4nden erschienen Bilder in schnellem Wechsel &#8211; aufgeregt berichtete er von dem, was er sah, schimpfte auf das Krankenhaus, das nicht einmal die Stabilit\u00e4t der M\u00f6bel im Griff habe, verlor sich weiter und weiter in Belanglosigkeiten&#8230;<\/p>\n<p>So ist er dann auch gestorben, etwa zwei Wochen sp\u00e4ter. Zur\u00fcck in Berlin hatte ich noch mal mit ihm telefoniert: immer noch redete er von der hoffentlich bald eintretenden Besserung, von der Chemotherapie, deren Dosis man vielleicht erh\u00f6hen m\u00fcsse&#8230;.<\/p>\n<p>Ich habe viel von ihm gelernt. Durch dieses Sterben vermutlich genauso viel und Wichtigeres, als w\u00e4hrend seines ganzen Lebens. (Danke, Papa!)<\/p>\n<p>In meinem Herzen lebt er, solange es mich gibt. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sterben, wie man lebt: Vaters letzte Tage Ich stell&#8216; mir \u00f6fter mal vor, ich l\u00e4ge im Sterben und das z\u00f6ge sich einige Wochen und Monate dahin. W\u00fcrde ich deswegen eigentlich meine &#8222;virtuelle Existenz&#8220; aufgeben wollen? Nicht mehr ins Diary schreiben, was ich \u00fcber die Welt denke? 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