{"id":1947,"date":"2002-06-26T13:42:47","date_gmt":"2002-06-26T11:42:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1947"},"modified":"2016-02-09T13:43:38","modified_gmt":"2016-02-09T12:43:38","slug":"vom-goldenen-zeitalter-von-chaos-und-bestaendigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/06\/26\/vom-goldenen-zeitalter-von-chaos-und-bestaendigkeit\/","title":{"rendered":"Vom goldenen Zeitalter, von Chaos und Best\u00e4ndigkeit"},"content":{"rendered":"<h2>Kleine Rede gegen alles, was nervt:<\/h2>\n<p>Dereinst, als ich mit meiner ersten Webver\u00f6ffentlichung &#8222;Human Voices&#8220; schwanger ging, durchwanderte ich die Netze auf der Suche nach lehrreichen Seiten. Die Einfachheit des neuen Kommunikationsmediums faszinierte uns damals alle, die wir mit wild quietschenden Modems t\u00e4glich in die neuen Datenwelten aufbrachen und uns daran machten, eine &#8222;Heimseite&#8220; zu errichten:  der Windows-Editor und ein paar Stunden <a href=\"http:\/\/selfhtml.teamone.de\/\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"grafics\/goto.gif\" alt=\"Rauslink\" title=\"Rauslink\" height=\"10\" border=\"0\" width=\"10\">SELFHTML-Studium<\/a> reichten daf\u00fcr v\u00f6llig aus. Mittels weniger Mausklicks traten wir mit unseren schlichten Erstlingswerken ein in die unendlichen Weiten und waren Teil des &#8222;globalen Dorfs&#8220; &#8211; wow!  Eine Art Pfingstwunder begab sich: Auf all den neuen Homepages meldeten sich echte Menschen zu Wort, Leute, die man &#8222;einfach so&#8220; ansprechen konnte, ohne einen Grund vorsch\u00fctzen zu m\u00fcssen. Und nicht nur das, sie waren auch alle ungeheuer nett zueinander, freundlich und jederzeit bereit, zu teilen, was sie hatten. Der  &#8222;Cyberspace&#8220; hatte seinen kurzen Sommer der Anarchie und erschien als Land der Freiheit und Br\u00fcderlichkeit. Und die Sprache des Web, das damals noch so schlichte HTML, tat das ihre dazu und machte erst einmal alle GLEICH. <\/p>\n<p>  <!--more--><\/p>\n<p>Ich verschlang die haupts\u00e4chlich englischsprachigen Berichte und Erlebnisse anderer Web-Autoren, um mich in diesem unvermittelt vorgefundenen Paradies zu orientieren &#8211; Himmel, war denn &#8222;Autor&#8220; hier \u00fcberhaupt noch ein passendes Wort? Eher nicht, schlie\u00dflich kamen die wenigsten Aktiven vom Schreiben her. Was statt fand, war eher ein &#8222;miteinander sprechen&#8220;, man stellte zwar auch Texte und Bilder aus, aber f\u00fcr die meisten war das nicht der Kick bei der Sache, sondern die neuartige Kommunikation mit &#8222;schweifenden Netzgeistern&#8220; von irgendwo, die binnen kurzem ungeheuer anschwoll. Und die Freunde der Theorie redeten sowieso lange schon mit gl\u00e4nzenden Augen vom &#8222;Verschwinden des Autors&#8220;, von &#8222;Autopoetischen Prozessen&#8220; und von den neuen Lesern, die sich ihre Texte selbst zusammen setzten.<\/p>\n<p>Letzteres, das merkten wir schnell, war schon mal falsch! Oder h\u00e4ttest DU, lieber Leser, jetzt Lust, dir die Fortsetzung dieses Artikels aus achtzehn Varianten selber zusammen zu st\u00fcckeln? Aus heutiger Sicht wirkt es fast kurios, dass so etwas tats\u00e4chlich gedacht, geglaubt und in vielen gelehrten Artikeln nieder geschrieben wurde. Widerspr\u00fcchlich auch: Einerseits war man \u00fcber die Ma\u00dfen begeistert, dass sich hier ein Raum ohne Zensur und ohne redaktionelle Vorauswahl er\u00f6ffnete, sich also einem jeden die Gelegenheit bot, zu sprechen und &#8222;die eigenen 2%&#8220; zum gro\u00dfen Gespr\u00e4ch beizutragen. Andrerseits negierte man diese M\u00f6glichkeit auf weit radikalere Art, als das ein Zensor oder ein Markt vermocht h\u00e4tte: Wenn n\u00e4mlich der Leser seinen Text selber zusammenklickt, ist das Ende aller Botschaften, das Ende allen Sprechens, Sagens und Mit-teilens erreicht. Manche &#8211; vor allem zynisch-verzweifelte Elfenbeinturm-Existenzen, die schon lange nicht mehr wussten, was es denn noch zu sagen g\u00e4be &#8211; fanden das gerade gut. Ich nicht.<\/p>\n<p>Dass das technisch M\u00f6gliche auch das Sinnvolle und Gewollte sei, ist einer der typischen Irrt\u00fcmer unserer Zeit, ein seltsames Verfallen-Sein an die Gegenst\u00e4nde, Programme und Prozesse, die man doch selber &#8211; urspr\u00fcnglich zu eigenen Zwecken und Wunscherf\u00fcllungen &#8211; geschaffen hat.  Das ist die dunkle Seite der (menschlichen) Macht und es gilt, diese Tendenzen zu erkennen, wo immer sie sich zeigen, und sie im Licht eigener aktueller W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse zu pr\u00fcfen bzw. zu bewerten. WOLLEN wir denn, was wir (verwirklichen) k\u00f6nnen? Diese Frage hat an Bedeutsamkeit unmerklich die alte Frage \u00fcbertroffen: ob wir denn K\u00d6NNEN, was wir wollen &#8211; auch wenn das noch nicht jeder macht-verliebte Zaubertranksucher mitbekommen hat.<\/p>\n<h2>Kein Leben ohne Tod &#8211; Eindr\u00fccke aus der Datenw\u00fcste<\/h2>\n<p>Aber zur\u00fcck zum Konkreten: Auf meinen ersten Forschungsreisen durch die Netze wunderte ich mich noch \u00fcber die auff\u00e4llig engagierten Ver\u00f6ffentlichungen zum Thema Nettiquette, die vielen  Rat- und Vorschl\u00e4ge zum richtigen Mailen, und die gelegentlich \u00fcbertrieben wirkenden Ausf\u00fchrungen zur &#8222;Rechten Pflege&#8220; einer Website. Himmel, ich wollte doch nur eine Homepage ver\u00f6ffentlichen, ein kleines Cyberzine, eine Gedichte-Sammlung, ich suchte keine Lebensabend-f\u00fcllende Besch\u00e4ftigung von der hier geforderten Anspruchsh\u00f6he!<\/p>\n<p>Und doch: heute erscheinen mir diese alten, weitgehend vergessenen Regelwerke wie heilige  Weisheiten der Ahnen und Altvorderen, auf die man besser h\u00e4tte h\u00f6ren sollen. Denn was zeigt sich dem Suchenden, der so leichtsinnig ist, ein bisschen durch das weite Web zu surfen? Zusammenhanglose Bestandteile veralteter Seiten, verschwundene Adressen, File-not-found-Fehlermeldungen, Artikel ohne Datum und Autorname, ver\u00f6dete Linklisten und E-Mail-Adressen, die l\u00e4ngst kein Mensch mehr abruft. Hinzu kommen die Folgen allzu komplex gewordener Technologien in der Hand unf\u00e4higer oder  b\u00f6swilliger Kreativer:  Webseiten, die nicht mehr f\u00fcr alle sicht- und navigierbar sind, Schnickschnack, der auf dem Ger\u00e4t des Designers funktioniert haben mag, aber anders ausgestattete Surfer scheitern l\u00e4sst.  Seiten, auf denen man nur auf eine wei\u00dfe Fl\u00e4che starrt, und andere, die mit einem zeitfressendem  Intro nerven, das allein dem Ego des Verfassers schmeichelt. Schlie\u00dflich die verst\u00f6renden, urpl\u00f6tzlich einsetzenden Angriffe ganzer Armeen aufspringender Zusatzfenster, sowie seitengro\u00dfe Werbung, die sich heimt\u00fcckisch im Hintergrund aufbaut &#8211;  oh, ich k\u00f6nnte noch lange fortfahren! Aber so ist es eben, das real existierende Web, so lebt es sich mit den Techniken, die wir &#8222;nach unserem Bilde&#8220;, nach unserer eigenen Vorstellung von GUT und SCH\u00d6N und RICHTIG geschaffen haben.<\/p>\n<p>Denn selbstverst\u00e4ndlich haben wir den Tod, diesen Skandal der Existenz, nicht in unser gro\u00dfes Werk eingebaut: kein Verfallsdatum l\u00e4sst eine Website, auf der Jahre nichts mehr geschehen ist, &#8222;von selber&#8220; verschwinden. Keine Armada von W\u00fcrmern, K\u00e4fern und gef\u00e4lligen F\u00e4ulnisbakterien f\u00e4llt \u00fcber die nutzlos gewordenen Kadaver her und befreit uns und die ganze Welt von den leeren H\u00fcllen, den Resten und \u00dcberbleibseln des Allzu vielen, an dem wir schier ersticken.  Man mag gar nicht daran denken, wieviel Aufmerksamkeit und Lebenszeit, wieviel menschliche und technische Intelligenz darauf verwendet wird, den Datenschrott immer neu zu sortieren und in ihm zu r\u00fchren.<\/p>\n<h2>Beharrlichkeit bringt Gelingen<\/h2>\n<p>Was bleibt uns zu tun \u00fcbrig? Verloren im selbst geschaffenen Absurdistan k\u00f6nnen wir Brandrede um Brandrede halten und die M\u00fcllberge noch ein wenig weiter wachsen lassen &#8211; oder aber wir werden unsere eigenen Terminatoren und ziehen andere Seiten auf &#8211; zumindest soweit der pers\u00f6nliche Einfluss reicht. F\u00fcr mich bedeutet das schon l\u00e4nger, nicht mehr alles zu tun, was m\u00f6glich ist, sondern nur noch das, was mir wichtig erscheint und was ich auch verl\u00e4sslich leisten kann. Das gilt im Leben und genauso im Web: Auch in den vermeintlich &#8222;unendlichen Weiten&#8220; muss ich den M\u00fcll entsorgen und darf ihn nicht einfach unter den Teppich kehren. Das Alte, das ich bewahren will, muss ich entsprechend pflegen und kann es nicht einfach vergessen, bzw. verkommen lassen. <\/p>\n<p>Was bedeutet es noch? Ein einziges Projekt &#8211; wie zum Beispiel das Digital Diary &#8211; Jahr um Jahr immer weiter entwickeln, anstatt es st\u00e4ndig dem Fetisch &#8222;Neu&#8220; zuliebe durch andere Verpackungen zu ersetzen: ihm dienen, es verbessern und in jeder Hinsicht perfektionieren. Dabei auf Kleinigkeiten wert legen, wie etwa Rechtschreibung und Grammatik, auch darauf, dass an den R\u00e4ndern der Grafiken nicht diese h\u00e4sslichen Ausfransungen zu sehen sind, die so manche Website verunzieren. Dass die Leser nicht von aufspringenden Werbefenstern genervt werden, weil mir meine eigenen Werke keine drei Euro mehr wert sind, versteht sich von selbst.<\/p>\n<p>Regelm\u00e4\u00dfige Besucher sollen im \u00fcbrigen verl\u00e4sslich finden, was sie suchen, und nicht entt\u00e4uscht werden:  die Seiten sind Tag f\u00fcr Tag und Jahr um Jahr noch immer vorhanden, es sieht alles aus &#8222;wie gehabt&#8220;. Wenn \u00fcberhaupt, modernisiere ich das Outfit fast unmerklich, niemals &#8222;schockartig&#8220;, und immer ist auf einen Blick erkennbar, dass es aktuelle Eintr\u00e4ge gibt. Selbstverst\u00e4ndlich antworte ich auf Leser-Emails und auch im Forum \u00fcberlasse ich meine G\u00e4ste nicht sich selbst. Warum nur wollen so viele Leute gleich mehrere Partys veranstalten, die sie dann selber nicht mal besuchen?<\/p>\n<h2>Alles ver\u00e4ndert sich, auch wenn du nichts ver\u00e4nderst&#8230;<\/h2>\n<p>Und wenn ich schon beim Fragen bin: Warum erz\u00e4hl&#8216; ich das alles? Tats\u00e4chlich glaube ich ja nicht daran, dass irgend jemand von solchen Reden motiviert wird, sein unaufger\u00e4umtes Web-Chaos in eine einladende Ordnung zu verwandeln, auf der Surfers Auge wohlgef\u00e4llig ruht. Nein, ich schreibe im Moment allein f\u00fcr mich, auch wenn Andere mitlesen. Satz f\u00fcr Satz Absatz f\u00fcr Absatz werde ich mir selbst dar\u00fcber klarer, warum ich hier schreibe, warum ich dieses Projekt pflege und nicht vorhabe, damit aufzuh\u00f6ren, solange ich den Input physisch zustande kriege. Es ist  &#8211; neben der Freude am Schreiben &#8211; meine ganz pers\u00f6nliche Verweigerung gegen\u00fcber der Beschleunigung s\u00e4mtlicher Prozesse, gegen den Terror des  unverlangt schon wieder neu daher kommenden Irgendwas, gegen das lebenslange Lernen von Dingen, die mich keinen Deut interessieren &#8211; ja, meine ganz private Demo gegen den Zustand der Welt.<\/p>\n<p>Wandel macht n\u00e4mlich einfach keinen Spa\u00df mehr, wenn sich zu viel auf einmal \u00e4ndert: nicht nur zur Postfiliale muss ich jetzt deutlich l\u00e4nger laufen, auch der B\u00e4cker um die Ecke machte dicht, kaum dass ich mich an seine \u00d6ko-Br\u00f6tchen gew\u00f6hnt hatte. Als ich dann gestern neue Akkus f\u00fcr die DigiCam kaufen wollte,  finde ich auf einmal den Photo-Porst-Laden in der Boxhagener nicht mehr &#8211;  verkalke ich etwa langsam und irre mich in der Stra\u00dfe? Nein, ich spinne noch nicht, in den Abendnachrichten wird die Insolvenz der Firma gemeldet &#8211; und tsch\u00fcss ihr 1100 Arbeitspl\u00e4tze, ihr seid heut Abend bestimmt nicht das letzte, was verschwindet. &#8222;Auf ist, wenn an ist&#8220;, schreibt der Inhaber des Volxladens auf einen Zettel in sein Schaufenster. Der mag sich gar nicht erst festlegen, sondern schaltet eine au\u00dferhalb angebrachte Neonr\u00f6hre ein, wenn der Laden offen hat. Das ist die radikale Art, sich Ver\u00e4nderungen zu stellen.<\/p>\n<p>Meine Bank droht mir: Wenn ich mich nicht bis zum 1.August in den jetzt noch informativer und kundenfreundlicher gestalteten Service-Bereich einlogge und dort den &#8222;neuen, \u00fcbersichtlichen Online-Verm\u00f6gensstatus&#8220; beantrage, schicken sie mir zwar die Ausz\u00fcge weiter per Post, berechnen aber zwei Euro pro Sendung &#8211; oder so, ich hab&#8217;s mir nicht gemerkt. Bisher hab ich mich schlicht geweigert, die jeweils neuen Service-Centren und wie sie das alles nennen, zu nutzen. Es gab da einen Link &#8222;zum traditionellen Online-Banking&#8220; &#8211; ob der jetzt weg ist?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, alles Schimpfen und Klagen bringt nichts. Wegen mir wird die Welt sich nicht bremsen oder von ihren allermeist \u00f6den und inhaltsleeren &#8222;Innovationen&#8220; ablassen. Es wei\u00df ja auch keiner, wie eine Wirtschaft ohne Wachstum funktionieren sollte, also sind wir dazu verdammt, uns laufend Neuerungen auszudenken, die eigentlich keiner braucht, und so zu tun, als sei &#8222;das neue TXC01 dsi&#8220; lebenswichtig oder mache zumindest gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Mir bleibt nur, beharrlich die Best\u00e4ndigkeit im winzigen Klinger-Web zu pflegen. Macht mir ja auch richtig Freude, Woche f\u00fcr Woche, Jahr f\u00fcr Jahr. Und solange mich hier noch Leser  besuchen, die die alte Claudia wollen und nicht den neuen Hitzliputzli mit dem ergonomischem Antwortmodul zum Selber-Installieren ist doch alles im gr\u00fcnen Bereich! :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleine Rede gegen alles, was nervt: Dereinst, als ich mit meiner ersten Webver\u00f6ffentlichung &#8222;Human Voices&#8220; schwanger ging, durchwanderte ich die Netze auf der Suche nach lehrreichen Seiten. 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