{"id":1939,"date":"2008-05-15T16:16:27","date_gmt":"2008-05-15T14:16:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1939"},"modified":"2016-02-03T16:21:01","modified_gmt":"2016-02-03T15:21:01","slug":"und-ploetzlich-heisst-es-bloggen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/05\/15\/und-ploetzlich-heisst-es-bloggen\/","title":{"rendered":"Und pl\u00f6tzlich hei\u00dft es bloggen&#8230;."},"content":{"rendered":"<p>Jan Ti\u00dfler hat in seinem Mag <strong>UPLOAD<\/strong> die <a href=\"http:\/\/upload-magazin.de\/?p=808\">5 Phasen des Bloggens<\/a> beschrieben: Ann\u00e4herung, Euphorie, Ern\u00fcchterung, Gleichg\u00fcltigkeit und Sucht.  Demnach m\u00fcsste ich schon viele Jahre ein &#8222;s\u00fcchtiges Leben&#8220; f\u00fchren, was auf jeden Fall stimmt, wenn man es als Sucht ansieht, vom Schreiben und Webprojekte basteln nicht lassen zu k\u00f6nnen. Der Artikel inspiriert mich, die eigene Webgeschichte auszugraben &#8211; und die geht so:<\/p>\n<p>Als das funkelnagelneue Web meine Aufmerksamkeit fesselte, war ich hin und weg! Die <strong>Ann\u00e4herung<\/strong> wurde blitzgeschwind zur <strong>Euphorie:<\/strong> Da konnte ja JEDER rein schreiben, Seiten ganz nach eigenem Geschmack gestalten und ver\u00f6ffentlichen: schreiben <a href=\"http:\/\/www.netzliteratur.net\/\">(Netzliteratur)<\/a>, Kunst machen <a href=\"http:\/\/www.melzer.de\/home\/portfoli.htm\">(Web.Art)<\/a>, und andere frei schweifende Geister kennen lernen &#8211; wow!!!<!--more--><\/p>\n<h2>In der Steinzeit des Webs<\/h2>\n<p><strong>Man schrieb das Jahr 1996<\/strong>: damals baute man binnen Stunden Webprojekte aus statischen Seiten &#8211; ohne jede Vorgabe. HTML war noch ganz simpel, ein Nachmittag reichte, um loszulegen. Es gab noch keine Gewohnheiten, wie etwa &#8222;Navigation&#8220; gehen soll, wie man strukturiert und wie eine Website auszusehen hat. Es gab  nur Links, die man auf Texte oder Bilder setzen konnte, mehr &#8222;Tradition&#8220; war nicht.  Wir bauten <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/archiv\/missing.htm\">fantasievolle Webseiten,<\/a> auf deren Bildern und Objekten man mit der Maus herum fahren musste, um die Links zu finden &#8211; und fanden das toll! Wir schrieben uns Mails zu den neuesten Werken und  ver\u00f6ffentlichten sie <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/glueck\/glueckfs.htm\">ober- oder unterhalb der Artikel <\/a>, h\u00e4ndisch halt, aber doch recht schnell. Wir glaubten, die Welt werde sich <a href=\"http:\/\/literaturwelt.de\/brennender-busch\/essays\/barlow.html\">jetzt grundst\u00fcrzend \u00e4ndern<\/a>, da es unm\u00f6glich schien, im Web so etwas wie &#8222;Eigentum&#8220; festzuschreiben &#8211; und nat\u00fcrlich, weil jeder mit jedem kommunizieren konnte, Netzanschluss vorausgesetzt.<\/p>\n<p>Ich fuhr schwer ab aufs &#8222;webben&#8220;, kam vom Monitor kaum mehr weg und f\u00fchrte ein &#8222;Cyberzine&#8220; (<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/archiv\/missing.htm\">&#8222;Missing Link&#8220;<\/a>), in dem ich schrieb, was ich so \u00fcber die Welt dachte. Ab und an bekam es ein neues Outfit und eine neue Struktur, parallel entstanden weitere Projekte, wenn das neue Thema nun wirklich nicht mehr passte oder ich Lust versp\u00fcrte, mal wieder alles ganz anders zu machen. Indem das Web immer mehr wuchs und nun auch kommerziell wurde, war es jedoch pl\u00f6tzlich gef\u00e4hrlich, irgend einen griffigen Namen zu w\u00e4hlen. Es k\u00f6nnte ja unwissentlich ein Markenschutz verletzt werden oder sonst ein &#8222;Recht&#8220; &#8211;  und weg w\u00e4r&#8216; die Domain bzw. der Name und alle Arbeit f\u00fcr die Tonne! Meine Begeisterung f\u00fcr ein Thema war zudem recht sprunghaft und hielt selten l\u00e4nger als drei Monate: dann war im Grunde schon wieder das neue Projekt f\u00e4llig, mindestens aber ein gr\u00f6\u00dferes Redesign mit neuer Struktur und neuem Design. Es wurde mir zuviel Arbeit  &#8211; eigentlich wollte ich ja nur ins Web schreiben!<\/p>\n<h2>Der Charme des Tagebuchs<\/h2>\n<p>Als ich 1998 dann mal wieder das Rauchen aufgab, schrieb ich dazu ein <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/glueck\/nrdiryfs.htm\">&#8222;Nichtrauchertagebuch&#8220; (The Power of now)<\/a>, das &#8211; von heute aus betrachtet &#8211; schon ein wenig &#8222;Blog-Gestalt&#8220; hatte.  So entdeckte ich den Charme und die Einfachheit der &#8222;Tagebuch-Schreiberei&#8220;. Nach drei Monaten war das Thema Rauchen f\u00fcr mich durch, ich schloss das   Projekt ab, vermisste aber auf einmal das &#8222;tagebuchartige&#8220; Schreiben. Also meldete ich die Domain <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\">claudia-klinger.de<\/a> an <em>(die kann mir niemand absprechen!)<\/em> und begann dort, im &#8222;Digital Diary&#8220; zu schreiben &#8211; und bald auch wieder zu rauchen.<\/p>\n<h2>Landleben, Netzleben<\/h2>\n<p>Das war 1999. Zur Jahrtausendwende wurde <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/diary9.htm#24_12\">der Weltuntergang namens &#8222;YTK&#8220;<\/a> angesagt, blieb aber dann doch aus. Ich zog f\u00fcr zwei Jahre nach Mecklenburg und erf\u00fcllte mir meinen Traum, vom Monitor weg direkt auf die Wiese wechseln zu k\u00f6nnen &#8211; mit rundrum nur Landschaft.  Das Netz war schlie\u00dflich \u00fcberall, ich brauchte ja nur in Berlin <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/diary4.htm#13_07\">ausst\u00f6pseln<\/a>, am Zielort <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/diary4.htm#16_07\">einst\u00f6pseln<\/a> und den n\u00e4chsten Beitrag schreiben.  Das Diary bekam den Untertitel <strong>&#8222;Vom Leben auf dem Land und in den Netzen&#8220;<\/strong>. Zwei Jahre sp\u00e4ter st\u00f6pselte ich <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/29_04_01.htm\">wieder in Berlin<\/a> ein &#8211; zwar brauche ich nicht so viel &#8222;Real Life&#8220;, aber das Land bot doch auf Dauer wenig Anregung und Inspiration. <em>(Da waren ja nicht mal Graffiti an den W\u00e4nden!)<\/em> <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/erde\/index.htm\">Bye bye Landleben!<\/a><\/p>\n<h2>11\/9<\/h2>\n<p>Im Diary schrieb ich weiter, ohne mich einer Frequenz verpflichtet zu f\u00fchlen, jedoch immer, wenn etwas f\u00fcr mich WICHTIGES vorfiel. Dann kam der 11.September, der mich \u00fcber eine Woche <strong>verstummen<\/strong> lie\u00df, w\u00e4hrend sich im Web alle Welt kommunikativ in Kriege verstrickte. In Mailinglisten ging die Post ab, Foren gestandener Literaten wurden geschlossen, weil das Flaming und die Zerw\u00fcrfnisse \u00fcberhand nahmen, w\u00e4hrend ich keinen Satz zum Thema sagen konnte (aber auch nicht kommentarlos \u00fcber etwas ANDERES weiter schreiben). Das Ereignis und die Mega-Welle seiner Wirkungen war ZU GROSS f\u00fcr das Diary, zu gro\u00df f\u00fcr mich. Bis ich dann doch weiter schrieb (<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/18_09_01.htm\">&#8222;Vom Gl\u00fcck mitten im Grauen&#8220;<\/a>), schlie\u00dflich konnte ich ja nicht aufh\u00f6ren, blo\u00df weil die Welt sich ge\u00e4ndert hatte.<\/p>\n<h2>Und wieder alles neu..<\/h2>\n<p>Das Diary blieb, die Technik wechselte: ab 2002 verschwanden die steinzeitlichen Frames, die Seiten wurden jetzt beim Aufruf per SHTML zusammen gesetzt.  Dann kam &#8222;Full CSS-Design&#8220;, eine wirklich gravierende Ver\u00e4nderung. Ich musste 80% meines alten HTML-KnowHows vergessen und <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/10_04_02.shtml\">Webdesign neu lernen<\/a>. Es war eine frustrierende Erfahrung, wenn ich auch einsah, dass es n\u00f6tig war, um das zu komplex gewordene Chaos im Web wieder zu bereinigen. Es dauerte lange, bevor ich  mit CSS (fast) alles machen konnte, was ich mit den alten Methoden perfekt beherrscht hatte.  Mittlerweile wurde allerdings immer weniger von &#8222;allem&#8220; verlangt, ich brauchte so manches gar nicht erst lernen.  Webseiten wurden immer gleichf\u00f6rmiger, damit der Kunde schnell zum Kaufklick findet und der Leser m\u00f6glichst viele &#8222;Page-Impressions&#8220; erzeugt. An solche Seiten gew\u00f6hnte User w\u00e4ren nur genervt, wenn ich auf meinen Seiten &#8222;Kunst mache&#8220;.  Webdesign begann, mich zu langweilen, doch schrieb ich nat\u00fcrlich weiter Digital Diary.<\/p>\n<h2>Das erste Blog-Script: WordPress<\/h2>\n<p>2006 setzte ich es dann auf ein WordPress-Blogscript und pfriemelte die Diary-Optik in die PHP-Dateien eines &#8222;Themes&#8220;.  Zum ersten Mal <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/05\/13\/digital-diary-wie-weiter\/\">nahm ich die Bloggerszene wahr<\/a>, doch mit meiner Motivation hatte das nichts zu tun. Ich hatte einfach keine Lust mehr, f\u00fcr jeden Beitrag zehn Minuten h\u00e4ndisch technische Idiotenarbeit zu leisten, wenn auch &#8222;einfach rein schreiben&#8220; zur Verf\u00fcgung stand. Zwar <strong>geschaffen f\u00fcr Ahnungslose<\/strong>, die sich HTML&amp;Co. gar nicht erst antun wollten, aber immerhin funktionierend und meinen mittlerweile geschrumpften Anspr\u00fcchen ans &#8222;webben&#8220; entsprechend: Schlie\u00dflich WOLLTE ich gar nicht mehr jede Rubrik anders aussehen lassen und beliebig tief schachteln&#8230;<\/p>\n<p>Mittlerweile machten die &#8222;Blogger&#8220; zunehmend von sich reden: Himmel, eine neue schwurbelnde Szene mit im Prinzip denselben Themen und derselben Gruppendynamik wie in den wilden Zeiten der ersten Jahre! Tja, so ist es, \u00e4lter zu werden: die Dinge kehren wieder &#8211; ein wenig anders gestylt und von J\u00fcngeren getragen, aber doch &#8222;altbekannt&#8220;.<\/p>\n<p>Vielleicht bleiben ein paar &#8222;Blogger&#8220; dabei, treten aus der Phase 5 (&#8222;Sucht&#8220;), die UPLOAD beschreibt, \u00fcber ins zeitlose &#8222;webben&#8220; &#8211; f\u00fcr mich hei\u00dft es immer noch so und bedeutet immerhin &#8222;vernetzen&#8220;. Die werden dann  in zehn, f\u00fcnf oder drei Jahren erleben, dass eine neue Szene wieder heftig drauf abf\u00e4hrt, wie wunderbar und einfach es ist, was sie da gerade neu entdeckt haben. (Schon jetzt gibt es ja die vielen, die nur schreiben, wo man das ganze Blog-Know-How nicht braucht&#8230;.)<\/p>\n<p>N\u00e4chstes Jahr wird das Digital Diary ZEHN und sieht noch immer weitgehend so aus wie zum Start. Denn im Netz \u00e4ndert sich st\u00e4ndig alles, Seiten verschwinden, \u00e4ndern ihr Aussehen oder ihren kompletten &#8222;Content&#8220;. Das Digital Diary bleibt und f\u00fchrt mich &#8222;vom Sinn des Lebens zum Buchstabengl\u00fcck&#8220;. Hoffentlich solange, wie ich eine Maus klicken kann &#8211; das muss auch <a href=\"http:\/\/www.webwriting-magazin.de\/altersheim-20-idee-und-konzept\/\">vom Bett im Pflegeheim aus<\/a> gehen, denk ich mir!<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Zuerst ver\u00f6ffentlich am 15.5.2008 <a href=\"http:\/\/www.webwriting-magazin.de\/und-ploetzlich-heisst-es-bloggen\/\">im Webwriting-Magazin<\/a>, 2016 hierher \u00fcbernommen, wer wei\u00df schon, was aus dem WWMAG wird&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan Ti\u00dfler hat in seinem Mag UPLOAD die 5 Phasen des Bloggens beschrieben: Ann\u00e4herung, Euphorie, Ern\u00fcchterung, Gleichg\u00fcltigkeit und Sucht. Demnach m\u00fcsste ich schon viele Jahre ein &#8222;s\u00fcchtiges Leben&#8220; f\u00fchren, was auf jeden Fall stimmt, wenn man es als Sucht ansieht, vom Schreiben und Webprojekte basteln nicht lassen zu k\u00f6nnen. 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