{"id":192,"date":"2008-06-24T00:12:51","date_gmt":"2008-06-23T22:12:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=192"},"modified":"2008-08-24T11:26:56","modified_gmt":"2008-08-24T09:26:56","slug":"ausmisten-die-fortsetzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/06\/24\/ausmisten-die-fortsetzung\/","title":{"rendered":"Ausmisten &#8211; die Fortsetzung"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich nun schon mal angefangen habe, kann ich jetzt nicht aufh\u00f6ren mit dem sichten, sortieren, ausmisten. Das B\u00fccherregal ist geschafft, was da jetzt noch drin ist, kenne ich wieder! Das, was mir dieses schier k\u00f6rperliche Unwohlsein beim Blick auf chaotische Ecken, Regale und Schr\u00e4nke vermittelt, ist der mangelnde \u00dcberblick. Nicht zu wissen, was da alles ist, bedeutet auch, nicht zu wissen, wo etwas Bestimmtes ist, wenn ich es mal brauchen sollte. Da ich aber nur selten au\u00dferhalb der K\u00fcche mit physischen Gegenst\u00e4nden umgehe, vergesse ich sie auch schnell: aus den Augen, aus dem Sinn&#8230; <!--more--><\/p>\n<h2>Einfach abholen lassen<\/h2>\n<p>Wie wunderbar, dass es das Internet gibt!! So kann ich &#8222;die Entsorgung&#8220; vom PC aus ganz unaufw\u00e4ndig organisieren. Die Kann-weg-B\u00fccher f\u00fcllen im Moment den ganzen Esstisch, sie werden Mittwoch von den Mitarbeitern des <a href=\"http:\/\/www.berliner-buechertisch.de\/\">&#8222;Berliner B\u00fcchertischs&#8220;<\/a> abgeholt &#8211; super! Und als ich heut fr\u00fch&#8216; beschloss, mich von diesem unf\u00f6rmigen Zweitschreibtisch zu trennen, der von Machart und Form \u00fcberhaupt nicht zum Rest des Raumes passt, hab&#8216; ich  ihn fotografiert, dann bei der <a href=\"http:\/\/www.bsr-verschenkmarkt.de\/\">Schenk &#038; Tauschb\u00f6rse der BSR<\/a> eingestellt &#8211; und grade eben haben ihn schon zwei junge M\u00e4nner abgeholt. Ohne das Trum-Teil wirkt es im Moment selbst f\u00fcr mich ungewohnt leer &#8211; ich werde eine neue gro\u00dfe Pflanze hinstellen, die wenig Licht braucht. Die alte musste bis auf zwei Ableger dran glauben und ist meinem &#8222;Entsorgungswahn&#8220; zum Opfer gefallen: sie hatte mittlerweile mehr Luftwurzeln als Bl\u00e4tter.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chstes wagte ich mich an die K\u00e4sten mit CDs und DVDs, sortierte ein Dritter in den Abfall und den Rest nach &#8222;Sorte&#8220;: Musik, Sicherungs-CDs, Filme, Software &#8211; nichts davon &#8222;sammle&#8220; ich, es findet sich \u00fcber die Jahre so ein und macht einen wichtigen Eindruck: blo\u00df nichts wegwerfen, da k\u00f6nnten hochwichtige oder sehr pers\u00f6nliche Daten drauf sein, unwiederbringliche Software, die der PC vielleicht mal braucht! <\/p>\n<p>Wenn ich aber von der tats\u00e4chlichen Nutzung ausgehe, dann entpuppt sich auch dieses &#8222;Daten-Scheiben-Horten&#8220; als archaisches \u00dcberbleibsel als Vor-Netz-Zeiten: ich stelle bzw. lege sie immer nur ab und vergesse sie dann. Da ich keine DVD-Filme schaue (wenn doch, dann nur einmal), und mich auch nicht gewohnheitsm\u00e4\u00dfig mit Hintergrundmusik beschalle, hab&#8216; ich im Grunde keine Verwendung f\u00fcr solche Zuwendungen. Und CDs wie &#8222;Internet-Literaturwettbewerb 1998&#8220; und \u00e4hnliche Netz-Kultur-Event-CDs werfe ich allein aus sentimentalen Gr\u00fcnden nicht weg, behalte auch eine Vogelstimmen-CD und die Pr\u00e4sentation &#8222;Biosph\u00e4renreservat Schalsee&#8220; &#8211;  auf dass sie noch ein paar Jahre l\u00e4nger herumstehen. <\/p>\n<h2>Warum wegwerfen schwer f\u00e4llt<\/h2>\n<p>Irgendwie strahlt das alles einen vermeintlichen Wert aus, der mich am Wegwerfen hindert, obwohl es F\u00dcR MICH keinerlei Gebrauchswert besitzt.  Der einzig erkennbare Grund, solche Dinge zu behalten, ist die Tatsache, dass sie ein St\u00fcck Vergangenheit repr\u00e4sentieren: gelebtes Leben &#8211; und sei es nur ein komplett unwichtiger Ausflug in jenen Naturpark, dem ich mit dem Kauf der CD dann noch was Gutes tun wollte. Hm, ich werde die Scheibe dem lieben Freund mitbringen, mit dem ich dort gewesen bin: wenn er es nimmt oder wegwirft, bin ich davon befreit!  <\/p>\n<p>Eine Vergangenheit ganz anderer Art repr\u00e4sentieren die vielen Sicherungs-CDs: Ganze Festplatten-Bereiche aus verschiedenen Jahren seit 1992 &#8211; Webwerke, Mailverkehr und Fotos, die ich alle auch auf Platte habe. M\u00f6chte ich die ewig horten? Ich werde sie auf ganz wenige DVDs eindampfen, bzw. nur den jetzigen Stand erneut sichern. Allein die M\u00d6GLICHKEIT, sich in E-Mails von 1998 zu vertiefen, ist Versuchung und Last zugleich. Besser, solche Daten existieren gar nicht, dann kann man der Verlockung r\u00fcckw\u00e4rtsgewandter sentimentaler Besichtigungen auch nicht erliegen. Bisher hat mich das zwar nicht im Geringsten gereizt, aber wer wei\u00df, wie egozentrisch und verschroben ich im Alter mal werde!<\/p>\n<p>Die Entsorgungsaktion erinnert mich an eine andere vor ca. zehn Jahren, als ich mich nach einigem Z\u00f6gern von allen Werken auf Papier trennte, die ich im Lauf der Jahrzehnte angeh\u00e4uft hatte: Hausarbeiten, Uni-Projekte, fr\u00fchere Ver\u00f6ffentlichungen, Magazin- und Zeitungsartikel, selbst gemalte Bilder und Collagen, viele alte Fotos, selbst geschaffene Medien aus verschiedensten Jobs und Engagements &#8211; all dieses Zeug hab&#8216; ich ebenfalls nie wieder angesehen, aber gehortet als einen pers\u00f6nlichen Schatz. Keinen besonders geliebten, aber doch irgendwie &#8222;ein Teil von mir&#8220;. <\/p>\n<p>Solche Zeugnisse des eigenen Wirkens in der Welt in den M\u00fcll zu werfen oder zu verbrennen, konfrontiert ganz klar mit der eigenen Verg\u00e4nglichkeit. Sind die Spuren nicht mehr da, ist das Erlebte nur noch im Ged\u00e4chtnis vorhanden, ist unscharfe Erinnerung, die schon zu Lebzeiten sp\u00fcrbar verblasst. Das bedeutet:  Ich kann nicht mehr &#8222;beweisen&#8220;, dass geschehen ist, was geschah, kann meine Leistungen nicht mehr vorzeigen, nicht mit den Lorbeeren der Vergangenheit gl\u00e4nzen, sollte ich das mal wollen. Mit der Wahl, mich von alledem zu trennen, hab&#8216; ich mich f\u00fcr die Gegenwart entschieden &#8211; das h\u00f6rt sich gut an, aber im ersten Moment war es wie ein &#8222;Fall ins Nichts&#8220;.<\/p>\n<p>Danach f\u00fchlte ich mich der Realit\u00e4t n\u00e4her: dieser ganze alte Kram interessiert sowieso kein Schwein! Die ganzen Berge mit pers\u00f6nlichen Papieren, Fotos und Erinnerungsst\u00fccken, die bei Verstorbenen vorgefunden werden, sind nichts als ein Entsorgungsproblem: f\u00fcr die Freunde, f\u00fcr die Familie (falls vorhanden) oder f\u00fcr die Beh\u00f6rden. Das hab&#8216; ich jetzt schon oft genug mitbekommen, um mir da keine Illusionen zu machen &#8211; und finde es auch ganz richtig so. Das Leben ist in den Sand geschrieben: dass die Spuren einer Existenz schon bald restlos verwehen, ist Tatsache. Davor retten auch 20 volle Schr\u00e4nke nicht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich nun schon mal angefangen habe, kann ich jetzt nicht aufh\u00f6ren mit dem sichten, sortieren, ausmisten. Das B\u00fccherregal ist geschafft, was da jetzt noch drin ist, kenne ich wieder! Das, was mir dieses schier k\u00f6rperliche Unwohlsein beim Blick auf chaotische Ecken, Regale und Schr\u00e4nke vermittelt, ist der mangelnde \u00dcberblick. 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