{"id":191,"date":"2008-06-22T11:55:29","date_gmt":"2008-06-22T09:55:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=191"},"modified":"2008-08-24T11:27:55","modified_gmt":"2008-08-24T09:27:55","slug":"buecher-entsorgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/06\/22\/buecher-entsorgen\/","title":{"rendered":"B\u00fccher entsorgen"},"content":{"rendered":"<p>Kaum irgendwo passt der Begriff &#8222;entsorgen&#8220; so gut wie im Fall von B\u00fcchern, denn B\u00fccher wirft man nicht weg. Das tun nur Barbaren, die auch nicht richtig mit Messer und Gabel essen k\u00f6nnen, vom Lesen ganz zu schweigen. So wurde es mir in meiner Kindheit vermittelt, als das Buch noch etwas war, dem man sich mit Ehrfurcht und Respekt n\u00e4hrte. Zwischen festen Buchdeckeln befand sich &#8222;das Gute&#8220;, und obwohl ich sp\u00e4ter lernte, dass das nicht stimmt, bringe ich es immer noch nicht fertig, B\u00fccher einfach in die Tonne zu werfen. <\/p>\n<p>Ich war 28, als ich beschloss, nicht mehr mitzumachen, was alle anderen mit ihren B\u00fcchern taten: Sie in Regale stellen, die von Jahr zu Jahr immer gr\u00f6\u00dfere Ausma\u00dfe annehmen und den Gast beeindrucken. Zwar hatte ich das auch schon genossen, hatte bei &#8222;besonderem Besuch&#8220; sogar mal abgestaubt und die schwerwiegenderen Werke in Sichth\u00f6he gestellt, um meine philosophische Belesenheit ins rechte Licht zu r\u00fccken. Nun aber belastete mich das physische Gewicht der vielen B\u00fccher, wenn ich umziehen wollte &#8211; und ich wollte oft umziehen! Es war die wilde Zeit der Hausbesetzungen, wir lebten in R\u00e4umen, aus denen wir  &#8222;ger\u00e4umt&#8220; werden konnten, sobald es der Obrigkeit gefallen w\u00fcrde. Diesen schlimmsten Fall erlebte ich zwar nicht, doch zog ich binnen drei Jahren immer mal wieder in eine andere Haus- oder Wohngemeinschaft, mit der ich mich besser verstand als mit der vorigen. <!--more--><\/p>\n<p>Als es wieder einmal soweit war, schaute ich meine auch an diesem Ort wieder aufgebauten, vor B\u00fcchern \u00fcberquellenden Regale an, stellte mir das anstehende Packen und die elende Schlepperei vor, und beschloss, dass es damit jetzt ein Ende haben m\u00fcsse. Was ich zum Leben brauchte, wollte ich k\u00fcnftig selber tragen k\u00f6nnen, ohne die halbe Welt zum Arbeitseinsatz rufen zu m\u00fcssen &#8211; schlie\u00dflich zogen dauernd Leute um und keiner hatte darauf wirklich Lust. Ich w\u00e4hlte einige wenige B\u00fccher aus, von denen ich noch glaubte, dass ich da wieder einmal rein schauen w\u00fcrde. Den gro\u00dfen Rest lie\u00df ich einfach stehen: zum Mitnehmen f\u00fcr G\u00e4ste, denen der unerwartete Potlatsch tats\u00e4chlich Freude machte. Was f\u00fcr eine Erleichterung! <\/p>\n<p>F\u00fcr die Zukunft nahm ich mir vor, nicht mehr B\u00fccher anzusammeln, als auf zwei Regalbrettern von 80 cm L\u00e4nge passen. Wozu sollten sie denn bei mir verstauben? Nur sehr selten kam es tats\u00e4chlich vor, dass ich ein Buch, nachdem ich es gelesen hatte, wieder zur Hand nahm: B\u00fccher, die beim wiederholten Lesen in mehrj\u00e4hrigem Abstand neue Dimensionen des Verst\u00e4ndnisses er\u00f6ffnen, sind d\u00fcnn ges\u00e4ht, die brauchen gar nicht viel Platz. Aber wohin mit den anderen? Weiter geben, verschenken, verkaufen &#8211; in Zeiten finanzieller Knappheit brachte mir die Ausd\u00fcnnung meiner immer wieder \u00fcber die zwei Regalbretter hinaus wachsenden Sammlung schon mal einen n\u00fctzlichen Betrag. Meist spende ich sie jedoch t\u00fctenweise einem B\u00fcchertr\u00f6del, denn das einzelne Anpreisen bei Amazon, das Verpacken und Versenden ist mir zu aufw\u00e4ndig und lohnt auch nur bei recht neuen B\u00fcchern oder &#8222;Liebhaberst\u00fccken&#8220;. <\/p>\n<p>Im Moment stehen zwei alte Billi-Regale in meinem Arbeitszimmer,  sechs Bretter sind schon wieder voll mit B\u00fcchern. Auch wenn ich seit es das Internet gibt, weniger B\u00fccher kaufe, sammeln sie sich doch immer wieder an: von Freunden mitgebracht, unverlangt zugesendet, selber bestellt. Da ich dieses Zimmer neu streichen will, ist wieder mal Ausmisten angesagt &#8211; und wenn ich so dr\u00fcber schaue, freue ich mich, dass bei drei von vier B\u00fcchern eine innere Stimme sagt: &#8222;kann weg&#8220;. <\/p>\n<p>Die Renovierung ist ein guter Anlass, auch alle anderen Besitzt\u00fcmer zu sichten und mich von dem zu trennen, was ich nicht wirklich benutze. Besitz belastet, ich sp\u00fcre das mittlerweile geradezu k\u00f6rperlich.  Da sind Ecken, Hochb\u00f6den, Unterschr\u00e4nke  und Schubladen voll mit Gegenst\u00e4nden, an die ich mich nicht mal erinnere. Dinge, die nur da sind, weil sie mal &#8222;zu schade zum wegwerfen&#8220; waren, oder von denen ich glaubte, ich werde sie noch einmal brauchen. Aber das stimmt nicht, ich brauche immer weniger. Und das gef\u00e4llt mir gut. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum irgendwo passt der Begriff &#8222;entsorgen&#8220; so gut wie im Fall von B\u00fcchern, denn B\u00fccher wirft man nicht weg. Das tun nur Barbaren, die auch nicht richtig mit Messer und Gabel essen k\u00f6nnen, vom Lesen ganz zu schweigen. 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