{"id":1902,"date":"2002-07-03T18:41:28","date_gmt":"2002-07-03T16:41:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1902"},"modified":"2016-01-26T18:43:07","modified_gmt":"2016-01-26T17:43:07","slug":"die-bewegungsmeisterin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/07\/03\/die-bewegungsmeisterin\/","title":{"rendered":"Die Bewegungsmeisterin"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich ein ganz normales Treffen. Gem\u00fctlich sitze ich mit zwei lieben, langj\u00e4hrig bekannten Kollegen auf der Veranda einer frisch angemieteten Idylle am Rande Berlins. Ich bestaune den freundlichen Garten, die waldreiche Umgebung: mitten im Gr\u00fcn zu wohnen ist doch wirklich wunderbar! Noch dazu sind es kaum f\u00fcnfzehn Autominuten bis zum Kudamm, wenn man es versteht, die richtige Autobahnauffahrt zu finden. Auf dem Herweg ist mir das leider nicht gelungen. <\/p>\n<p>Immerhin bin ich angekommen. Mein Orientierungsverm\u00f6gen im realen Raum ist n\u00e4mlich mehr als beschr\u00e4nkt, allenfalls f\u00fcr kleine Fu\u00dfwege auf bekanntem Terrain ausreichend. Wenn ich wirklich einmal weitere Strecken fahre (also nicht nur bis zum Fitnesscenter, sondern auf die andere Seite der Stadt), qu\u00e4le ich mich mit dem Stadtplan von Ampel zu Ampel, schaffe es niemals wirklich, mich in der kurzen Haltephase ausreichend zu orientieren, ver\u00e4rgere regelm\u00e4\u00dfig Autofahrer hinter mir, die mich hupend daran erinnern, dass jetzt gr\u00fcn ist. Mit dem quadratmetergro\u00dfen Plan \u00fcber dem Lenkrad k\u00e4mpfend, behindere ich andere Menschen in ihrem Recht auf ein schnelles Fortkommen, weil ich selber da einfach einen Knacks in der Birne habe! Selbst nach \u00fcber 20 Jahren Berlin ist keine Besserung in Sicht &#8211; \u00e4tzend!<\/p>\n<p>Was ich eigentlich erz\u00e4hlen wollte:  Wir sitzen also auf der Veranda und plaudern gem\u00fctlich \u00fcber unsere aktuellen und k\u00fcnftigen Projekte, w\u00e4hrend im Wohnzimmer, das sich zur Veranda hin \u00f6ffnet, die 12j\u00e4hrige Tochter meines Kollegen auf eine kleine Trommel einschl\u00e4gt. Erst haut sie eine Zeit lang auf den h\u00f6lzernen Rand, dann auf das Trommelfell, dann auf ihre eigenen Oberschenkel und zur Abwechslung auf die Sitzfl\u00e4che der Couch. Schlie\u00dflich greift sie sich ein kleines Holzschr\u00e4nkchen und trommelt darauf weiter, ja, jetzt wird es richtig laut! Wir schauen ihr zu, ohne \u00c4rger, wissen wir doch, dass sie nicht h\u00f6ren kann: Nicht den Ton, den sie der Trommel oder anderen Gegenst\u00e4nden entlockt, nicht unsere Stimmen, nicht das Radio, nicht das Rauschen der nahen Autobahn und auch nicht das Zwitschern der V\u00f6gel im Garten. Vera wei\u00df nicht einmal, dass ich gekommen bin, dass eine Fremde mit ihrem Vater auf der Veranda sitzt, seit Stunden schon. Vera sieht nicht und h\u00f6rt nicht, Vera ist taubblind.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Leben muss das sein, so ohne Licht, ohne Farben, ohne T\u00f6ne? Oft hab&#8216; ich mich das gefragt und automatisch angenommen, es m\u00fcsse leidvoll sein. Das wird mir jetzt erst richtig bewusst, wo ich Vera zusehe: ein M\u00e4dchen, das kein bisschen leidend wirkt, sondern fr\u00f6hlich vor und zur\u00fcck schaukelt, trommelt, alle erreichbaren Gegenst\u00e4nde betastet, auf den Boden schl\u00e4gt &#8211;  immer bleibt sie irgendwie in Bewegung, ruckelt hin und her, wippt auf und ab. Flexibel wie ein Schlangenmensch schl\u00e4gt sie die Beine \u00fcbereinander, knickt spielerisch in der H\u00fcfte ab, wiegt nun liegend die verknoteten Beine auf- und nieder. Yoga-\u00dcbende kennen eine \u00e4hnliche Haltung: der mit dem Lotus-Sitz kombinierte &#8222;Fisch&#8220;. Nur dass es den meisten Yoga \u00dcbenden ziemliche M\u00fche macht, die Beine derart zu verschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Anders als ich gedacht hatte, spielt das taubblinde M\u00e4dchen ganz f\u00fcr sich. Lange Zeit vergeht, ohne dass sie etwas oder jemanden braucht. Wir unterhalten uns und sie spielt und schaukelt dahinten, es ist kein Problem.  Als wir sp\u00e4ter um den Kaffeetisch sitzen, verdr\u00fcckt sie in Windeseile kleine, f\u00fcr sie zurecht geschnittene K\u00e4sebrote &#8211; dann sitzt sie rittlings auf Vaters Scho\u00df, schaukelt wieder weiter, schl\u00e4gt ihm mit beiden H\u00e4nden auf den R\u00fccken, kuschelt sich in seine Arme, st\u00f6\u00dft ihn mal eben heftig mit dem Kopf, weint sie jetzt etwa? Ich begegne ihr heute zum ersten Mal und kann nicht gleich alle Regungen und Bewegungen deuten. Immer seltsamer erscheint mir auch die Tatsache, dass sie nicht wei\u00df, dass ich da bin. Andrerseits: Sie einfach so ber\u00fchren geht nicht, das w\u00e4re vermutlich \u00e4u\u00dferst erschreckend. Also sehe ich den beiden nur zu, diesem st\u00e4ndigen Fluss der Bewegungen: schlagen, t\u00e4tscheln, streicheln, massieren, schaukeln, umarmen, drehen, wiegen, klopfen &#8211; Kommunikation durch Ber\u00fchrung. Erst wirkt es ein wenig wunderlich, doch je l\u00e4nger man zusieht, desto selbstverst\u00e4ndlicher wird es. Unser Gespr\u00e4ch \u00fcber eine Datenbank f\u00fcr verschl\u00fcsselte Mailadressen wird dadurch jedenfalls nicht gest\u00f6rt.<\/p>\n<p>Es ist schon Nachmittag, bald werde ich die Heimreise nach Friedrichshain antreten. Seit einiger Zeit schon bin ich aufgestanden, gehe plaudernd und gestikulierend vor dem Tisch auf und ab, Himmel, es ist wirklich \u00f6de, so lange reglos auf einem Stuhl zu sitzen! Ich verlagere das Gewicht vom rechten auf den linken Fu\u00df, massiere ein bisschen den Oberarm, trete vor und zur\u00fcck, stelle mich auf die Zehen und wippe auf und ab. Ich genie\u00dfe den Kontakt der Fu\u00dfsohlen mit dem Parkettboden &#8211; Zehen, Ballen, Ferse, und dann wieder umgekehrt.  Mit den Fingern m\u00f6chte ich eigentlich gern mal auf diesen sch\u00f6nen Holztisch trommeln &#8211; was ist nur los, hab&#8216; ich zuviel Kaffee getrunken?<\/p>\n<p>Nein, ich merke erstaunt: es ist nicht der Kaffe, es ist Vera. Das M\u00e4dchen ist hochgradig ansteckend! Ihr Sich-Bewegen-wie-es-gerade-kommt  macht Lust, es ihr nach zu tun. F\u00fcr den Verstand wirkt dieses &#8222;Herumwuseln&#8220; erst einmal v\u00f6llig verr\u00fcckt, der K\u00f6rper aber wei\u00df Bescheid und wird neidisch, m\u00f6chte auch in diese Freiheit eintreten, sehnt sich geradezu danach, das ihm eigentlich zugeh\u00f6rige Universum des Sp\u00fcrens ebenso  lebendig zu erforschen und zu beleben.  Da ist nicht Verr\u00fccktheit, nicht St\u00f6rung, nicht einmal Behinderung. Sondern einfach Bewegung, unbehinderte Bewegung, das, was da ist, wenn man mal vom H\u00f6ren &amp; Sehen absieht. Nicht nur bei Vera, sondern bei jedem, bei allen, auch bei mir: es ist der Rhythmus, wo ich mit muss!<\/p>\n<p>&#8222;Stell mich doch mal vor!&#8220;, sag&#8216; ich zum Vater und strecke meine Hand aus, Handfl\u00e4che nach oben. Ganz spontan kommt mir diese Bewegung richtig vor, eine Einladung zur Ber\u00fchrung. Aber leider &#8211; ich dachte es mir schon &#8211; ist es f\u00fcr heute zu sp\u00e4t f\u00fcr eine Kontaktaufnahme. Es w\u00e4re ja nicht nur ein kurzes Handsch\u00fctteln, wie es uns Sehenden und H\u00f6renden gen\u00fcgt, ja, wie wir es &#8211; zumindest im Westen &#8211; auch schon weitgehend abgeschafft haben.<\/p>\n<p>Schade. Es h\u00e4tte mir jetzt bestimmt gro\u00dfen Spa\u00df gemacht, mich einfach in diese Spontaneit\u00e4t fallen zu lassen. Einfach tun, was der K\u00f6rper tun will, nicht mehr ruhig und still und aufrecht und &#8222;konzentriert&#8220; auf dem Stuhl sitzen, sondern &#8222;im Fluss sein&#8220;, das Gegen\u00fcber und die ganze Welt ber\u00fchrend erkunden &#8211; es ist wie Lust auf Tanzen.<\/p>\n<p>Bestimmt werde ich einmal wiederkommen. Ich verabschiede mich, setze mich ins Auto, finde diesmal dank genauen Anleitungen unproblematisch den Weg in die City. W\u00e4hrend ich durch Kreuzberg fahre, gehen mir vielerlei Gedanken durch den Kopf. \u00dcber &#8222;Behinderung&#8220;, bzw. das, was wir so nennen. Wie wir aus all diesen Abweichungen von der Norm so ein Riesenproblem machen: nicht nur ein organisatorisches, pflegerisches Problem, sondern vor allem ein Problem im Kopf und im Herzen. Wir sehen immer nur das Defizit, das, was den &#8222;Behinderten&#8220; (im Moment find&#8216; ich das Wort irgendwie komisch)  fehlt, aber niemals das, was sie uns &#8211; deshalb! &#8211; voraus haben. Und schon gar nicht das Potenzial, das sich aus diesen Andersartigkeiten, die auch F\u00e4higkeiten sind, ergeben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>In einer anderen, weniger verr\u00fcckten Welt w\u00e4re Vera nicht Problemfall, sondern Therapeutin. Zu f\u00fcr K\u00f6rperarbeit oder Massagen \u00fcblichen Stundens\u00e4tzen von 30 bis 80 Euro w\u00fcrde sie Menschen empfangen und behandeln, indem sie einfach auf IHRE Weise mit ihnen kommuniziert.  Ich denke an verspannte, neurotische Menschen, an alle, die steif wie ein Stock nur aus dem Kopf leben, an die auf vielf\u00e4ltige Weise von \u00c4ngsten geplagten,  an alle, die man einfach mal heftig sch\u00fctteln m\u00fcsste, damit sie von ihrer pers\u00f6nlichen Macke herunter kommen. Aber eben auf eine Art, die nicht noch mehr angst macht.<\/p>\n<p>Nicht zu vergessen die vielen, die &#8211; gesund aber unheilbar unzufrieden &#8211; gern allerlei Workshops, \u00dcbungssysteme und &#8222;Behandlungen&#8220; ausprobieren und gut bezahlen. Vieles davon, wie etwa Yoga, Feldenkreis, Alexandertechnik, Shiatsu, etc., bedeutet das Ein- oder aus\u00fcben sehr kontrollierter Bewegungen. Es gibt aber auch Methoden, die das Gegenteil lehren bzw. erm\u00f6glichen sollen: Tanzen, intuitiv massieren,  &#8222;dynamische&#8220; Meditation, K\u00f6rperbemalungen, vielerlei \u00dcbungsweisen, die das &#8222;Ki&#8220; in spontanen Bewegungen erlebbar machen sollen &#8211; oh, man kann da jede Menge Geld los werden!<\/p>\n<p>Andrerseits gibt es Taubblinde, die nichts anderes KENNEN, als die Welt der Bewegung und Ber\u00fchrung, sie sind immer SO, immer Da, immer im Hier &amp; Jetzt! Spontaneit\u00e4t in psychophysischer Hinsicht m\u00fcssen sie sich nicht erst m\u00fchevoll erarbeiten. Diese Menschen sehen wir aber als Sozialf\u00e4lle an, als von vornherein f\u00fcr die Gesellschaft nutzlosen Ballast, den man aus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden und christlicher N\u00e4chstenliebe (falls noch Restbest\u00e4nde vorhanden)  bestm\u00f6glich versorgt. Nun ja,  was hei\u00dft schon bestm\u00f6glich: Wer selber Menschen mit behinderten Kindern kennt, wei\u00df, dass es jede Menge Schwierigkeiten bedeutet und einen st\u00e4ndigen Kampf um Unterst\u00fctzung, um Geld, um Anerkennung, um vieles, was man sich als unbetroffener Ignorant einfach nicht tr\u00e4umen lassen w\u00fcrde. (Weil wir ja auch eher selten hingucken&#8230;).<\/p>\n<p>So, es ist jetzt fast geschafft, die Oberbaumbr\u00fccke, einzige Verbindung zwischen Kreuzberg und Friedrichshain,  liegt schon hinter mir. Kein Stau hat mich aufgehalten, jetzt noch ein bisschen Parkplatzsuche und die Heimat hat mich wieder. Es war ein guter Tag &#8211; einerseits wegen den Freunden und den interessanten Gespr\u00e4chen. Aber auch wegen Vera, der Bewegungsmeisterin: Sie hat mir gezeigt, dass ich noch ein lebendiger Mensch bin und nicht nur eine vern\u00fcnftige Stuhlbesitzerin.  Im Moment f\u00fchl&#8216; ich mich so richtig nach tanzen &amp; springen! Der Platz vor dem Monitor kann mich heut&#8216; abend jedenfalls nicht mehr locken!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich ein ganz normales Treffen. Gem\u00fctlich sitze ich mit zwei lieben, langj\u00e4hrig bekannten Kollegen auf der Veranda einer frisch angemieteten Idylle am Rande Berlins. Ich bestaune den freundlichen Garten, die waldreiche Umgebung: mitten im Gr\u00fcn zu wohnen ist doch wirklich wunderbar! 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