{"id":1901,"date":"2002-07-05T18:37:58","date_gmt":"2002-07-05T16:37:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1901"},"modified":"2016-01-26T18:40:44","modified_gmt":"2016-01-26T17:40:44","slug":"naehe-und-verbindlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/07\/05\/naehe-und-verbindlichkeit\/","title":{"rendered":"N\u00e4he und Verbindlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Mal frische Luft schnappen. Ich stehe auf und will die Balkont\u00fcr \u00f6ffnen, da sehe ich den Spatz. Am Rande des Betonbodens, auf dem noch die gro\u00dfe Pf\u00fctze vom letzten Regen steht, h\u00fcpft er z\u00f6gernd vorw\u00e4rts, schaut suchend um sich, guckt nach rechts, nach links &#8211; jetzt hat er mich bemerkt! Ein kurzes Erschrecken und weg ist er.<\/p>\n<p>Mich packt prompt das schlechtes Gewissen, denn ich wei\u00df, was der Spatz gesucht und nicht gefunden hat. Gestern noch, vorgestern und auch schon vor einer Woche hatte ich n\u00e4mlich auf Fenstersims und  Balkonbr\u00fcstung Brotreste ausgelegt. Der Wind hatte die Brosamen verweht und \u00fcber den Boden verteilt, wo sie fein s\u00e4uberlich von den Spatzen aufgepickt worden waren. Ja ja, ich wei\u00df, weder ist es Winter, noch sind Spatzen &#8222;sch\u00fctzenswert&#8220;, im Gegenteil, sie gelten als die Allergew\u00f6hnlichsten unter den V\u00f6geln. Aber egal, lieber seh&#8216; ich Spatzen auf dem Balkon als gar keine V\u00f6gel &#8211; so dachte ich zumindest gestern, vorgestern und vor einer Woche.<\/p>\n<p>Heute aber hab&#8216; ich es vergessen. Ach was, das w\u00e4re schon zuviel gesagt, ich war einfach auf einem anderen Stern, besch\u00e4ftigt in einer der vielen Welten, die mein Leben ausmachen und doch nicht allzu viel miteinander zu tun haben. Und nur ganz ganz wenig mit V\u00f6geln.<\/p>\n<p>Zum Beispiel gibt es keine Spatzen dort, wo ich gerade versuche, per E-Mail die Verwendung eines FTP-Programms Schritt f\u00fcr Schritt verst\u00e4ndlich zu erkl\u00e4ren. Auch nicht in den virtuellen Gemeinschaften und Informationsquellen, wo ich gerade f\u00fcr einen Interessenten erforsche, wann eine private Homepage ein Impressum braucht. Himmel, jene Welt ist daf\u00fcr voll von lauernden Monstern, sogenannten &#8222;abmahnanw\u00e4lten&#8220; die einen Unwissenden hinterr\u00fccks \u00fcberfallen und f\u00fcnfzigtausend Euro fordern k\u00f6nnen, wenn man etwas falsch macht. Weit f\u00fcrchterlicher also als ein realer Dschungel mit echten W\u00fcrgeschlangen. Ich schaudere und mach&#8216; mich davon, sende die gesammelten Erkenntnisse noch als Warnung an liebe Freunde und rufe schlie\u00dflich &#8211; Erholung suchend &#8211; meine Privatmail ab.<\/p>\n<p>&#8222;Ich will dich&#8220;, &#8222;Get White Teeth Fast&#8220;,  &#8222;Nachrichten von deinem Single-Finder-Team&#8220; &#8211; ich schlage mich durch das \u00fcbliche Gestr\u00fcpp aus unverlangter Werbemail und finde tats\u00e4chlich eine RICHTIGE Botschaft. Ein Bekannter spinnt einen Gespr\u00e4chsfaden weiter, der schon vor Wochen abgerissen war, einfach unterbrochen, obwohl wir uns sogar offline getroffen und von angesicht zu angesicht geplaudert hatten. Verbindlichkeit ist eines seiner Themen &#8211; Himmel noch mal, ich geh&#8216; jetzt SOFORT  in die K\u00fcche, schneide das alte Sesam-Vollkornbrot auf und f\u00fcttere erst mal die Spatzen!<\/p>\n<p>Verbindlichkeit? Was ist das eigentlich und existiert es noch in den Zeiten der Netze? Wenn ich &#8222;potenziell&#8220; immer sofort alles haben, abrufen, ordern, ausw\u00e4hlen, in mich hineinfressen, kaufen, genie\u00dfen und verbrauchen kann, ja sogar soll &#8211; was bedeutet dann noch &#8222;Verbindlichkeit&#8220;?<\/p>\n<p>Das Wort scheint ein \u00dcberbleibsel aus Zeiten des Mangels zu sein, wo man sich darauf verlassen k\u00f6nnen musste, dass unter ganz bestimmten, aber immerhin bekannten Bedingungen jemand da sein wird, f\u00fcr MICH da sein.  Ich werde verl\u00e4sslich bekommen, was ich brauche, seien es materielle Dinge, sei es Schutz, Zuwendung, F\u00fcrsorge, Zuspruch &#8211; oder einfach eine Gelegenheit, mich fallen zu lassen.<\/p>\n<p>Achtung, hier gerate ich gef\u00e4hrlich nah&#8216; ans Therapie-Idiom: komm, lass dich gaaaaanz fallen, lass einfach los&#8230; W\u00fcnschen wir uns etwa Verbindlichkeit, um wenigstens zu bestimmten Terminen wieder Kind sein zu k\u00f6nnen? Will ich berechenbare Verh\u00e4ltnisse, damit ich psychisch und geistig einschlafen kann? Zumindest ist es bemerkenswert, dass der Hang zur Verbindlichkeit erst mit zunehmendem alter so  richtig ins Bewusstsein tritt. In jungen Jahren dominiert die Sehnsucht nach Freiheit, nach Ver\u00e4nderung, nach dem Bruch mit dem allzu Bekannten und Verl\u00e4sslichen. Spontaneit\u00e4t und Echtheit sind hohe Werte. Keinesfalls will man sich anpassen, wom\u00f6glich verbiegen, nur um sich in vermeintlich sicheren Bahnen bewegen zu d\u00fcrfen. Schlimmer noch: Dem Onkel Willy nach dem Munde reden, weil der zu Weihnachten immer das Scheckbuch z\u00fcckt? Niemals! Zwar ist so eine Liebedienerei nicht dasselbe wie Verbindlichkeit, aber f\u00e4ngt es mit dem fraglosen Einhalten all dieser unausgesprochenen Verabredungen und Erwartungen nicht schon an?<\/p>\n<p>Haben nicht alle Beziehungen etwas Korrumpierendes? Keine Frage, ich brauche Verbindlichkeit, ich sehne mich nach &#8222;N\u00e4he&#8220; und m\u00f6chte gerne MEHR Menschen kennen, denen ich vertrauen, auf die ich mich verlassen kann. Dass ich dieses Bed\u00fcrfnis sp\u00fcre, das Gef\u00fchl gut kenne, hei\u00dft allerdings nicht, dass es damit schon &#8222;gut so&#8220; ist.  Die R\u00fcckseite der Medaille steht mir ebenso im Bewusstsein, die Unfreiheit, die Gebundenheit, ein Gef\u00fchl des Ausgeliefertseins und der Machtlosigkeit, das bis zum Ekel gehen kann. Als Kind wurde mir gelegentlich flau im Magen, wenn ich an der Hand meiner Mutter treppauf zur Wohnung unseres Drei-Generationen-Haushalts steigen musste. Ich war erst vier Jahre alt und f\u00fchlte mich zum kotzen, wusste aber nicht warum. Es h\u00e4tte auch keinen erkennbaren Grund gegeben, den ein Beobachter h\u00e4tte nennen k\u00f6nnen. Meine Kotzgef\u00fchle waren einfach eine Reaktion auf die vielf\u00e4ltigen, meist unter der Decke gehaltenen Konflikte und Spannungen zwischen Vater und Mutter, Eltern und Gro\u00dfeltern &#8211; aber es war immerhin &#8222;die Gro\u00dffamilie&#8220;, der heut&#8216; von vielen nachtr\u00e4glich so gern ger\u00fchmte Hort der Sicherheit und W\u00e4rme.<\/p>\n<p><\/p>\n<h2>Befreit vom Druck der Verh\u00e4ltnisse:  zu kalt?<\/h2>\n<p>In den wunderbaren Atbauwohnungen mit den hohen Decken wohnen wir gerne, aber die Verh\u00e4ltnisse der Menschen, die fr\u00fcher darin lebten, haben wir mit Freude abgeschafft, haben uns weitgehend befreit, zu tun und zu lassen, was wir m\u00f6gen. Jeder darf seinen eigenen Entwurf leben und diesen so oft wechseln, wie er es vermag; darf denken, sagen, schreiben, was immer ihm beliebt (im Rahmen der Gesetze, versteht sich, die aber vergleichsweise gro\u00dfe Freir\u00e4ume zulassen).  Die Welt wird immer komplexer, es gelingt kaum mehr, f\u00fcr oder gegen etwas zu sein, wenn man nicht bei den Banalit\u00e4ten der Oberfl\u00e4che stehen bleiben will. Meinungen taugen also immer weniger dazu, Verbindlichkeit zu transportieren, sie wechseln einfach zu schnell oder existieren gar nebeneinander in einem allumfassenden Sowohl-als-auch.  Was aber dann? Woher sollen die &#8222;Konstanten in menschlichen Beziehungen&#8220;, die man so gerne h\u00e4tte, eigentlich kommen?<\/p>\n<p>Der Partner, die Familie, der Clan, das Dorf oder die Nachbarschaft &#8211; all diese Beziehungen und Bez\u00fcge, die fr\u00fcher das ganze Leben bestimmten, haben ihre einstige Macht, ihre Bindungskraft aufgrund konkreter \u00f6konomischer Bedingungen verloren. Diese art Verbindlichkeit haben wir gek\u00fcndigt, uns von konkreten Mitmenschen emanzipiert und statt dessen abstrakte Systeme geschaffen. Das soziale Netz gibt Sicherheit, das Rechtssystem erzwingt Berechenbarkeit  &#8211; war das nicht eine super Idee? Frei von Zw\u00e4ngen und Notwendigkeiten m\u00fcsste sich so das Zwischenmenschliche doch eigentlich optimal entfalten k\u00f6nnen &#8211; warum nur stimmt sie auf einmal nicht mehr, diese sozialdemokratische Utopie? Hat es \u00e4u\u00dfere Gr\u00fcnde, weil unser Export-abh\u00e4ngiger Wohlstand durch weltweite Konkurrenz angegriffen wird? Oder ist es einfach die K\u00e4lte des &#8222;Lebens mit den Systemen&#8220;, die immer unertr\u00e4glicher erscheint?<\/p>\n<p>Der Rollback ist jedenfalls im Gange, nicht erst seit gestern. Das Unbehagen an den erk\u00e4mpften Freiheiten, das Leiden an der Unverbindlichkeit und &#8222;Beliebigkeit&#8220; wird immer st\u00e4rker. Die Errungenschaften der 68er und Post-68er verschr\u00e4nken sich lange schon mit den Bed\u00fcrfnissen des alles durchdringenden Marktgeschehens und der damit einher gehenden Rationalisierung. Flexibilit\u00e4t, Mobilit\u00e4t, alles ver\u00e4ndert und beschleunigt sich &#8211; wir kennen den Sound der Zeit und halten uns immer \u00f6fter die Ohren zu. Wo meine Gro\u00dfmutter noch darauf z\u00e4hlen konnte, dass zumindest die Farbe und Form ihrer acht verschiedenen Tabletten von Tag zu Tag gleich blieb, schwindet momentan selbst diese kleine Konstante des alltags im Zuge der Sparma\u00dfnahmen im Gesundheitswesen dahin. Nurmehr &#8222;Wirkstoffe&#8220; darf der arzt verschreiben, und der Apotheker sucht dazu die preisg\u00fcnstigsten Tabletten heraus. V\u00f6llig vern\u00fcnftig, ja sicher  &#8211; aber wohin mit dem Unbehagen, das mit all diesen  Vern\u00fcnftigkeiten \u00fcber uns kommt? Vor manchen psychiatrischen Einrichtungen stehen die Menschen schon Schlange (wollen &#8222;sich fallen lassen&#8220;..), wie mir dort arbeitende glaubw\u00fcrdig versichern. Und wie viele Individuen mag es geben, die sich in die Haltung eines amok-L\u00e4ufers so richtig gut einf\u00fchlen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p><\/p>\n<h2>Hallo, hier bin ich! Und du?<\/h2>\n<p>Die Spatzen da drau\u00dfen lassen es sich gerade richtig gut gehen. Wenn ich ans Fenster trete, bemerken sie mich zwar, fl\u00fcchten aber nicht mehr gleich. Blo\u00df jetzt nicht hektisch bewegen! Ha, sie sehen mich, behalten mich im augenwinkel, fressen aber trotzdem weiter. So schnell entsteht N\u00e4he aus Zuwendung und Verl\u00e4sslichkeit, zumindest bei Spatzen. Ist es bei uns denn wesentlich anders?<\/p>\n<p>Und was hei\u00dft \u00fcberhaupt noch &#8222;N\u00e4he&#8220;? Wir sind  doch \u00fcberall-zu-jeder-Zeit erreichbar &#8211; per Handy, per E-Mail, per SMS rufen wir uns gegenseitig zu: &#8222;Hallo, hier bin ich, bist du auch da?&#8220; Dieses Hereinbrechen der Stimmf\u00fchlungslaute, mit denen wir uns st\u00e4ndig neu aneinander ausrichten wie es G\u00e4nseschwarme tun, ist die grundst\u00fcrzendste Ver\u00e4nderung in Sachen N\u00e4he seit Erfindung der Sprache. Die Tugend, Verabredungen richtig ernst zu nehmen und p\u00fcnktlich zu erscheinen, verliert so einfach den Boden, auf dem sie entstand. Es ist ja jederzeit m\u00f6glich, Termine den ge\u00e4nderten Bedingungen entsprechend zu verlegen &#8211; und das wird auch zunehmend gemacht. Nat\u00fcrlich m\u00fcssen dann alle von einer Verlegung Betroffenen in der Folge auch IHRE Termine verlegen   &#8211; und so weiter und so fort, bis der ganze G\u00e4nseschwarm einen Schwenk nach links gemacht hat.<\/p>\n<p>Der Vogelflug am Himmel hat etwas wunderbar Elegantes. Im Herbst schaue ich den G\u00e4nsen nach, bewundere die Pfeilformationen und bin tief ber\u00fchrt. Warum nur empfinde ich die technisch implementierte &#8222;Stimmf\u00fchlungs-\u00c4ra&#8220; nicht als ebenso angenehm? Im Gegenteil, es kommen gelegentlich Gef\u00fchle auf, wie ich sie als Vierj\u00e4hrige empfand, als ich an der elterlichen Hand das Treppenhaus hochsteigen musste. Ohne zu wissen, was dagegen einzuwenden gewesen w\u00e4re, <em>wollte ich einfach nicht!<\/em><\/p>\n<p>Es sieht so aus, als bek\u00e4me ich auf meine alten Tage noch mal Lust, Sand im Getriebe zu sein. Einfach so, ganz unideologisch, aus rein \u00e4sthetischen Gr\u00fcnden. Da ich immer weniger im Au\u00dfen  nach dem suche, was mir gerade fehlt, bin ich auch kaum mehr korrumpierbar und kann es mir besser leisten als in meinen &#8222;wilden Jahren&#8220;.<\/p>\n<p>N\u00e4he? Je n\u00e4her ich mir selber komme, desto n\u00e4her bin ich dem anderen. Und sobald ich mich verbindlich verhalte, bekomme ich Verl\u00e4sslichkeit zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Es gibt kein Problem. Nur die Freude am aufschreiben.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mal frische Luft schnappen. Ich stehe auf und will die Balkont\u00fcr \u00f6ffnen, da sehe ich den Spatz. Am Rande des Betonbodens, auf dem noch die gro\u00dfe Pf\u00fctze vom letzten Regen steht, h\u00fcpft er z\u00f6gernd vorw\u00e4rts, schaut suchend um sich, guckt nach rechts, nach links &#8211; jetzt hat er mich bemerkt! 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