{"id":1900,"date":"2002-07-11T18:33:44","date_gmt":"2002-07-11T16:33:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1900"},"modified":"2016-02-09T14:24:05","modified_gmt":"2016-02-09T13:24:05","slug":"donner-blitz-und-wahrer-wille-von-der-hoeheren-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/07\/11\/donner-blitz-und-wahrer-wille-von-der-hoeheren-macht\/","title":{"rendered":"Donner, Blitz und wahrer Wille &#8211; von der h\u00f6heren Macht"},"content":{"rendered":"<p>Heute morgen, w\u00e4hrend der letzten zehn Minuten im Bett, hatte das Schreiben schon angefangen: Satz um Satz floss durch mich hindurch und wollte hinaus. &#8222;Merk dir das f\u00fcr nachher&#8220; redete der innere Lektor auf mich ein, obwohl es wahrlich nichts Besonderes war, was da nach Ver\u00f6ffentlichung dr\u00e4ngte. Ich sehnte mich einfach nach dem wei\u00dfen Raum, nach der Tastatur, nach der Stille, die eintritt, wenn der Strom der Gedanken endlich im Fokus der Aufmerksamkeit steht wie ein geladener und freudig erwarteter Gast. An Schlaf war nicht mehr zu denken. <\/p>\n<p>&#8222;Sieben Tote in Brandenburg&#8220;, sagte mein Lebensgef\u00e4hrte, als ich mir den ersten Kaffee aus der K\u00fcche holte. 1000 B\u00e4ume sind heute Nacht umgest\u00fcrzt, einige davon auf Autos, Zelte und Menschen! Es scheint, als verst\u00e4rkten sich in letzter Zeit die Unwetter, die Sch\u00e4den werden gr\u00f6\u00dfer, die Verletzten und Toten immer zahlreicher. Ist das die Klimaver\u00e4nderung? Ich glaube, dass es sich hier zumindest auch um Kollateralsch\u00e4den des Info-Zeitalters handelt: von klein auf gewohnt, Medien weit wichtiger zu nehmen als das meiste &#8222;Realgeschehen&#8220;, ist jeglicher Respekt vor den Naturgewalten abhanden gekommen. Wer hat denn noch Angst vor Blitz und Donner? Wer fragt sich, ob er &#8222;Schutz bei Buchen suchen&#8220; oder lieber &#8222;unter Eichen weichen&#8220; soll? Vielleicht fallen mir gleich noch ein paar Sinnspr\u00fcche meiner Kindheit ein, deren Richtigkeit zwar angezweifelt wurde, nicht aber deren Berechtigung! <\/p>\n<p>Die Freaks und Trinker auf dem Boxhagener Platz bleiben einfach sitzen, wenn der Himmel sich verdunkelt und der Sturm die Bl\u00e4tter treibt als sei es schon Herbst,  wenn die \u00c4ste der Kastanienb\u00e4ume hin und her peitschen, wie man es ihnen gar nicht zutrauen w\u00fcrde und die Abst\u00e4nde zwischen Blitz und Donner immer k\u00fcrzer werden. &#8222;Du musst die Sekunden z\u00e4hlen&#8220;, sagte mein Vater mit gesenkter Stimme, wenn ein starker Blitz das Zimmer erhellte und die ganze Welt in einer Schrecksekunde gefangen war: &#8222;Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, weiterz\u00e4hlen bis es donnert! Dann wei\u00dft du, wie viele Kilometer das Gewitter noch weg ist.&#8220; Und ich z\u00e4hlte, ja, ich z\u00e4hle heute noch und \u00fcberlege mir viel zu lange, ob es jetzt Zeit ist, den PC herunter zu fahren und den Stecker zu ziehen.  Oder ob das nicht doch ein bisschen \u00fcbertrieben ist? Wer denkt denn ernsthaft daran, der Blitz k\u00f6nnte &#8222;ins Ger\u00e4t fahren&#8220;???<\/p>\n<p>Bisher hatte ich Gl\u00fcck in meinem Leichtsinn. Nicht so ein guter Freund, der bei einem Gewitter den f\u00fcr computergest\u00fctzte Menschen gr\u00f6\u00dften anzunehmenden Unfall erleben musste: es hat ihm beide Festplatten gleichzeitig zerschossen. Ich muss ihn doch mal anrufen und fragen, ob er mittlerweile immer den Stecker zieht.<\/p>\n<h2>Endlich Nichtraucherin?<\/h2>\n<p>Gut sechs Wochen sind es nun schon, die ich rauchfrei zubringe und zum ersten Mal seit 32 Jahren f\u00fchle ich mich als Nichtraucherin. W\u00e4hrend der vorhergehenden Aufh\u00f6rversuche &#8211; drei Wochen im letzten Jahr oder damals 1998, als ich monatelang ein Nichtraucher-Tagebuch schrieb &#8211; war es anders. Ich blieb geistig im Raum des Rauchens, wenn auch in einer negativen, ablehnenden Weise. Man ist kein Nichtraucher, solange man ans Nicht-Rauchen denkt, solange man sich innerlich st\u00e4ndig best\u00e4rken und mit Rauchern vergleichen muss, um weiterhin der Meinung zu bleiben, &#8222;ohne&#8220; sei das Leben besser als mit der Kippe.<\/p>\n<p>Heute komme ich tagelang ohne Gedanken ans Rauchen oder Nichtrauchen aus &#8211; gl\u00fccklicherweise hat auch mein liebster Freund die Kippen aus der Wohnung und unserem gemeinsamen Leben verbannt, so dass der \u00dcbergang in ein rauchloses Dasein vergleichsweise leicht gegl\u00fcckt ist. In den ersten zwei Wochen erlebte ich noch h\u00e4ufige &#8222;Verlangensattacken&#8220;, doch dann sind sie fast ganz aus meinem Leben verschwunden und melden sich nur noch sehr selten. Ein guter Gedanke in einer solchen Situation ist: &#8222;Ob ich jetzt rauche oder nicht rauche: das Verlangen wird in k\u00fcrzester Zeit vorbei sein&#8220;.  aber wie gesagt, es kommt kaum noch vor, ich kann das alles f\u00fcr lange Phasen vergessen, wie wunderbar!<\/p>\n<p>Neben allen Ver\u00e4nderungen auf der k\u00f6rperlichen und psychischen Ebene nehme ich dieses Mal deutlicher denn je  wahr, dass eine geistige Vernebelung von mir gewichen ist, die mein ganzes Leben umfasste. Mit den Giften aus der Zigarette konnte ich bestimmte aspekte meines Daseins verst\u00e4rken und andere unterdr\u00fccken, ganz ohne dass mir das im Einzelnen bewusst gewesen w\u00e4re, bzw. dass ich da etwas GEW\u00c4HLT h\u00e4tte. Meine Bereitschaft, Dinge hinzunehmen oder mich ihnen zu wiedersetzen, mein Verm\u00f6gen, aktiv das Leben zu gestalten oder es nur passiv zu beobachten, mein Vertrauen in das eigene Empfinden und ins Selber-Denken (!) &#8211; all dies war durch das Rauchen zumindest schwer verzerrt, teils sehr stark beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n<p>Weil viele immer nur die psychophysischen aspekte des Rauchens erw\u00e4hnen, will ich das an einem Beispiel erl\u00e4utern: Wir sind es ja alle gewohnt, immerzu die Welt zu kritisieren, Missst\u00e4nde zu benennen, uns \u00fcber alles und jedes aufzuregen und Verbesserungen zu fordern: ob es die Politik, das Wirtschaftsleben, die ganz pers\u00f6nliche arbeitswelt oder unsere Beziehungen betrifft: so vieles ist nicht so, wie wir es gerne h\u00e4tten! aber was soll eigentlich das ganze Kritisieren und Herumm\u00e4keln, wenn wir uns &#8211; unger\u00fchrt vom eigenen Verbesserungs-Geplapper &#8211; Tag f\u00fcr Tag das Leben wissentlich selbst verk\u00fcrzen, die eigene Gesundheit sehenden auges zerst\u00f6ren, Woche f\u00fcr Woche, Jahr f\u00fcr Jahr? Und daf\u00fcr, als Gipfel des Irrsinns, auch noch ein kleines Verm\u00f6gen ausgeben? <\/p>\n<p>Warum denn die Natur sch\u00fctzen, wenn ich meine Lungen zur braun verklebten M\u00fcllhalde umfunktioniere? Warum die H\u00fchner aus den K\u00e4figen befreien, wenn ich doch jeder Zelle des eigenen K\u00f6rpers ein &#8222;inneres Ger\u00fcst&#8220; aus Nikotin verpasse, damit ich weniger sp\u00fcre?<\/p>\n<p>Es geht hier nicht um Fragen der Glaubw\u00fcrdigkeit in Bezug auf eine &#8222;au\u00dfenwelt&#8220;, nicht um andere Menschen, die so denken und mich nicht ernst nehmen k\u00f6nnten. Diese Gefahr ist tats\u00e4chlich gering, denn das Rauchen gilt als derart normal, dass eher diejenigen unter Verdacht geraten, die diese Gedanken offen aussprechen. Mir geht es jetzt einzig und alleine um mich: was ich selber von mir halte, wie ernst ich mich selbst nehmen kann, inwiefern ich meiner eigenen Wahrnehmung (von mir selbst UND der Welt da drau\u00dfen) vertrauen und mein Denken und Handeln daran ausrichten kann. <\/p>\n<p>Wow, und das hat jetzt eine ganz andere Qualit\u00e4t! Seit es gelungen ist, das, was nervt und stinkt und schmerzt und kostet, endlich los zu lassen, hat alles andere in meinem Leben auf neue Weise Hand und Fu\u00df. Das ist KEINE Sache des Denkens, des oberfl\u00e4chlichen Sich-selbst-bewertens: Ich habe mich ja wegen des Rauchens nicht etwa verurteilt oder auch nur ernsthaft kritisiert, sondern im Gegenteil stets getr\u00f6stet, gerechtfertigt und verteidigt: auch Nichtraucher m\u00fcssen sterben! Wer macht schon alles richtig im Leben? Bin ich denn eine Heilige?<\/p>\n<p>aber unterhalb dieses Mich-Beschwichtigens, weit unterhalb des &#8222;vern\u00fcnftigen Denkens&#8220; und all der Unvern\u00fcnftigkeit, zu der es f\u00e4hig ist, lebt etwas, das sich nicht bestechen und bel\u00fcgen l\u00e4sst. Dort ist der Ursprung der angst, das Leben selbst, das nun mal \u00dcberleben will und alles Todbringende ablehnt und f\u00fcrchtet.  Man kann nicht mit ihm diskutieren, man kann nur seine Wahrnehmung ablehnen, die eigenen Kan\u00e4le verstopfen, sich bet\u00e4uben und benebeln. <\/p>\n<p>Das klappt. Sogar sehr gut. Allerdings verliert man dabei nicht &#8222;nur&#8220; die Wahrnehmung der angst und des eigenen Leidens, sondern gleich alle &#8222;Tiefenwahrnehmung&#8220;, die uns Menschen eigentlich nat\u00fcrlich ist. Das Gesp\u00fcr f\u00fcr den anderen, f\u00fcr die Situation, f\u00fcr den richtigen Zeitpunkt: die 360-Grad-Wahrnehmung des augenblicks im Hier &amp; Jetzt, quer durch alle Ebenen des Daseins. Im Yoga spricht man von den Siddhis, den &#8222;F\u00e4higkeiten&#8220;, auch diese sind hier mit gemeint. Sie werden idiotischerweise auf dem Eso-Buchmarkt als &#8222;&#8218;was ganz Besonderes&#8220; vermarktet und sind doch nur verfeinerte Wahrnehmungsweisen, die allen Menschen zug\u00e4nglich sind, mal mehr, mal weniger, je nach Offenheit, Veranlagung und Temperament.  Jeder sieht ein bisschen hell, solange er nicht mutwillig den eigenen Blick (besser: das Gesp\u00fcr) verdunkelt, zum Beispiel mit stofflichen Giften und Suchtmitteln.<\/p>\n<h2>Die Chancen wachsen!<\/h2>\n<p>Ich wei\u00df, dass solche Texte den Noch-Rauchenden nicht gerade angenehm sind. Weil es nun mal nicht in der je eigenen Macht liegt, das Rauchen von jetzt auf gleich zu lassen, f\u00fchlt man sich ziemlich beschissen. Man ist adressat von Vorw\u00fcrfen, ausgesprochen oder nicht, und dabei kann doch kein Nichtraucher nachvollziehen, wie man sich tats\u00e4chlich befindet. Es SCHEINT ja so, als k\u00f6nne man  das Elend jederzeit beenden: die Kippen wegwerfen und mit einer der \u00fcblichen Methoden  &#8211; von der Gehirnw\u00e4sche mit alan Carr \u00fcbers Nikotinpflaster bis hin zum gef\u00e4hrlichen Zyban &#8211;  in ein hoffentlich langes Nichtraucherleben starten. Aber der Wille ist eine begrenzte Ressource, alleine reicht er nicht aus, um &#8222;mal eben so&#8220;  zum Nichtraucher zu werden. Kaum einer schafft es beim ersten Mal, egal, ob das Loslassen nun als schwierige langwierige Unternehmung oder mit a. Carr als &#8222;ganz leicht&#8220; betrachtet wird. Immerhin: bei jedem aufh\u00f6ren wird es wahrscheinlicher, dass der Raucher frei wird, das ist mittlerweile statistisch bewiesen. <\/p>\n<p>Was ist Wille? Wenn ich sage, der Wille allein reicht nicht, meine ich damit nicht nur die heftige Willensanstrengung, die zusammen mit der &#8222;Punkt-Schlu\u00df-Methode&#8220;  in Verruf geraten ist, weil sie die meisten R\u00fcckf\u00e4lle produziert. Auch jede geschickte art und Weise, die Dinge anders zu betrachten, sie mal genau zu beobachten, um dabei festzustellen, dass all die vermuteten Leiden, die mit dem Entzug herein brechen sollen, in Wirklichkeit halb so wild sind &#8211; all diese geistigen Methoden z\u00e4hle ich zum &#8222;inneren Ikebana&#8220;, das ich erst einmal anwenden WOLLEN muss, bevor es funktionieren kann.<\/p>\n<p>Und: Ich kann zwar lernen, zu w\u00e4hlen, was ich denken will, aber mir eben NICHT aussuchen, was ich wollen soll. Dazu reiche ich nicht aus, bzw. das, wozu ich (aus guten Gr\u00fcnden!) gewohnt bin,  &#8222;ich&#8220; zu sagen, reicht nicht bis in die Tiefendimension des Ganzen hinein, aus der der <em>wahre Wille<\/em> sich t\u00e4glich neu gebiert. Was immer dieser Wille sein mag: es handelt sich in jedem Fall um ein ganz anderes Kaliber als dieses blasse &#8222;ich denke, ich sollte&#8230;&#8220;, das wir manchmal Wille nennen. <\/p>\n<p>Kann man also etwas tun? Sicher! Ich habe immer wieder versucht, das Rauchen aufzugeben. Daf\u00fcr muss ich mich immer wieder freiwillig in den &#8222;Entw\u00f6hnungsraum&#8220; begeben: diese h\u00e4sslichen Informationen \u00fcber die Sch\u00e4den des Rauchens lesen, mit anderen kommunizieren, neue Versuche starten, das Beste hoffen, den Willen anstrengen, den Willen ignorieren, alles genau beobachten, nicht dran denken, das Thema vergessen, die Geister beschw\u00f6ren, oder auch bitten, betteln, beten und befehlen &#8211; alles, alles, alles, was irgendwie n\u00fctzt!<\/p>\n<p>Was aber letztlich geschieht, habe ich NICHT im Griff. Einzig dieser Gedanke &#8211; ihn zu REALISIEREN, nicht nur zu denken &#8211; erl\u00f6st von aller Sucht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute morgen, w\u00e4hrend der letzten zehn Minuten im Bett, hatte das Schreiben schon angefangen: Satz um Satz floss durch mich hindurch und wollte hinaus. &#8222;Merk dir das f\u00fcr nachher&#8220; redete der innere Lektor auf mich ein, obwohl es wahrlich nichts Besonderes war, was da nach Ver\u00f6ffentlichung dr\u00e4ngte. 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