{"id":1898,"date":"2002-07-30T18:22:42","date_gmt":"2002-07-30T16:22:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1898"},"modified":"2016-01-26T18:26:02","modified_gmt":"2016-01-26T17:26:02","slug":"das-einfache-ist-nicht-einfach-das-schwierige-nicht-schwer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/07\/30\/das-einfache-ist-nicht-einfach-das-schwierige-nicht-schwer\/","title":{"rendered":"Das Einfache ist nicht einfach, das Schwierige nicht schwer"},"content":{"rendered":"<p>Eine Website zu gestalten ist eigentlich kein Problem, wenn man die daf\u00fcr notwendigen Kenntnisse und F\u00e4higkeiten (und ein paar Jahre Erfahrung) voraus setzt. Kurze Ladezeiten, eine ansprechende Optik, der schnelle \u00dcberblick \u00fcber die Inhalte &#8211; mehr will der Surfer erst mal nicht. Ist das irgendwie schwierig?<\/p>\n<p>Webdesign hat mir von anfang an Spa\u00df gemacht, um so mehr, da ich zu einem Zeitpunkt eingestiegen bin, als bei weitem noch nicht ausgemacht war, was aus dem Web einmal werden w\u00fcrde. Ich z\u00f6gerte nicht, es zum Erwerbsberuf werden zu lassen, als mich auf einmal Leute fragten, ob ich  auch &#8222;im auftrag&#8220; arbeiten w\u00fcrde: aber sicher doch! Besser kann das Leben ja eigentlich nicht laufen, als wenn man f\u00fcr das bezahlt wird, was man sowieso gerne tut, dachte ich mir so. Einfach nur immer Ja sagen, kein Dr\u00fccken, kein Sich-m\u00fchsam-anpreisen, kein direktes Konkurrieren (wer ein Klinger-Design will, will nicht irgend etwas anderes) &#8211; nur immer den eigenen Impulsen folgen, schreibend, gestaltend, kommunizierend. Dadurch teilt sich der Welt ganz automatisch mit, was ich kann und was nicht und wie ich die Dinge sehe. Wenn dann jemand kommt, der etwas Spezielles haben m\u00f6chte, brauch&#8216; ich nur einen Kostenvoranschlag machen und loslegen. Wunderbar!<\/p>\n<p>Es gibt allerdings einen Moment der Unsicherheit im Herstellungsprozess einer Site, den ich niemals &#8222;in den Griff&#8220; bekomme: der erste Entwurf. Vorher sammle ich Material, schau mir Seiten aus dem Umfeld an, versuche heraus zu bekommen, was f\u00fcr Farben, Formen und Stile dem auftraggeber gefallen k\u00f6nnten (was gar nicht leicht ist, weil er das selber nicht wei\u00df). Aber irgendwann sitze ich dann doch da, schaue auf die leere Fl\u00e4che in der Gr\u00f6\u00dfe einer Webseite und schiebe ein Logo hin und her oder sonst etwas, was gerade als minimaler ausgangspunkt dienen mag. Jetzt &#8222;denke&#8220; ich nicht mehr, sondern schalte auf &#8222;f\u00fchlen&#8220; bzw. sp\u00fcren um. Auf der leeren Seite tu ich das, was alle Lebewesen \u00fcberall tun: Leiden meiden und Freude suchen. Genau wie sich ein Satz holprig anh\u00f6ren, eine Formulierung ungl\u00fccklich wirken, ein absatz sich schmerzlich in die L\u00e4nge ziehen und unendlich langweilen  kann, so enthalten auch die einzelnen Elemente einer Seite &#8211; Farben, Formen, Bilder, Textbl\u00f6cke  &#8211; ihre gef\u00fchligen aspekte, die es &#8222;sprechend&#8220; einzusetzen und auszugleichen gilt.<\/p>\n<p>Wer das diskursive Denken nicht abschalten kann, kann nichts gestalten, allenfalls vorhandene Werke mehr schlecht als recht nachahmen. Als letztes Mittel schwebt genau das als M\u00f6glichkeit vor dem Gestalter, dem (noch) nichts eingefallen ist &#8211; diese angst geht dem ersten Entwurf jedes Mal voraus, selbst wenn sie einem kaum mehr auff\u00e4llt, weil man an sie gew\u00f6hnt ist wie an Nachbars stinkenden alten Hund.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nlich erlebe ich diese Angst nicht direkt als Angst, etwas in mir verweigert sich diesem Gef\u00fchl. Statt dessen erscheint es als ein Hinausz\u00f6gern, als schier endloses Vor-mir-her-Schieben dieser Gestaltungsaufgabe. Das wirkt durchaus so verr\u00fcckt, dass ich nicht dar\u00fcber hinwegsehen kann. Immerhin verz\u00f6gere ich etwas, das ich &#8222;eigentlich&#8220; gerne tue! Irgendwann findet diese Phase ihr nat\u00fcrliches oder von meinem Zeitplan verordnetes Ende und es wird Ernst: Ich sitze vor der leeren Seite, schiebe ein Logo hin und her oder sonst etwas, versuche es mit dieser oder jener Form, teste eine Farbe an, probiere eine bestimmte Raumaufteilung, dann eine andere&#8230;<\/p>\n<p>&#8230;und wenn das so eine halbe Stunde gegangen ist, kommen auf einmal &#8222;Ideen&#8220; (bzw. fallen ein) &#8211; ich schreibe sie in anf\u00fchrungszeichen, weil sie sich keinesfalls rein mental ins Spiel bringen. Eher sind es hei\u00dfe W\u00fcnsche, Empfindungen heftigen Verlangens: hier MUSS einfach noch ein Rot hin, damit das andere nicht so alleine klotzen kann! Und da oben ist ein Loch im Raum, das auf keinen Fall so bleiben darf &#8211; jetzt aber sieht alles schrecklich bieder aus, um Himmels Willen, da muss ein Bruch rein, eine Irritation, ein bisschen Schmerz f\u00fcr den Betrachter, der sich dann umso besser auf dem warmen runden Orange da dr\u00fcben wieder erholen kann&#8230;.<\/p>\n<p>Es spricht f\u00fcr die Verr\u00fccktheit der Gesellschaft, diese Form von Kreativit\u00e4t als sch\u00f6pferische LEISTUNG bestimmter Individuen in den Himmel zu heben. Und richtig peinlich wird es, wenn Einzelne mit diesem gewissen Ich-der-Kreative, ICH-die-K\u00fcnstlerin-Gestus auftrumpfen. Ich vermute mal, das sind meistens Leute, die entweder zu den geschickten Nachahmern geh\u00f6ren, oder solche, die gar nicht wissen, was sie (nicht) tun, dumm genug, um sich das Geschehen und die Ergebnisse als &#8222;Leistung&#8220; anzurechnen, nicht bemerkend, dass alles &#8222;von selber&#8220; geschieht.<\/p>\n<p>Im kreativen Prozess muss man n\u00e4mlich nichts leisten: keine Kraft einsetzen, keine gro\u00dfen anstrengungen, nicht k\u00e4mpfen, nicht dominieren und sich durchsetzen, auch nicht intellektuell brillieren, im Gegenteil: man muss sich los lassen, alles ausprobieren, was so &#8222;ein f\u00e4llt&#8220;, nicht urteilen, einfach nur spielen und f\u00fchlen,  f\u00fchlen, f\u00fchlen &#8211; zur Saite werden, zum Resonanzboden, der auf verschiedene ausl\u00f6ser unterschiedlich reagiert. Und dann eben einfach reagieren, das Ergebnis als neuen Impuls erleben, wieder sp\u00fcren, wie es sich JETZT anf\u00fchlt &#8211; die einzige &#8222;Leistung&#8220;, wenn man es unbedingt so nennen will, ist die Konzentration, das Fokussieren der aufmerksamkeit auf diese Resonanz und sonst gar nichts. <\/p>\n<p>OB da etwas geschieht, WaS da geschieht,  ob etwas dabei heraus kommt (?) oder doch nicht &#8211; letztlich k\u00f6nnen wir das nicht vorher wissen, es ist immer eine art Zitterpartie. Gott lob nur f\u00fcr den Teil des Geistes, der noch dar\u00fcber gr\u00fcbelt, ob der auftraggeber das m\u00f6gen wird, ob der Termin einzuhalten ist, ob nicht all dieses ausprobieren und Herumspielen lange schon den  veranschlagten Zeitrahmen sprengt &#8211; aber genau dieser Teil ist ja vor\u00fcbergehend von der Bildfl\u00e4che verschwunden, wenn der kreative Part aktiv ist!<\/p>\n<h2>Um 90 Grad gedreht<\/h2>\n<p>So, es ist jetzt halb drei, die Hitze drau\u00dfen ist gewaltig und von Minute zu Minute wird es schw\u00fcler. Mir geht&#8217;s dennoch ausgesprochen gut, denn heut&#8216; hab ich mich spontan aufgerafft, meinen Schreibtisch umzustellen &#8211; einschlie\u00dflich des ganzen Computer-Equipments, das da dran h\u00e4ngt. Alles um 90 Grad nach links gedreht, so dass ich jetzt mit dem R\u00fccken zur Wand sitze &#8211; und nicht mehr zur T\u00fcr! Schr\u00e4g rechts ist jetzt das Fenster, gerade aus ein kleiner Tisch mit drei Buddhas und Blumenstrau\u00df, links die immer offen stehende T\u00fcr, ich kann ein St\u00fcck weit  in den Flut sehen. <\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein gutes Gef\u00fchl, nicht mehr dieses energetische &#8222;Loch&#8220; im R\u00fccken zu sp\u00fcren, das ich mir seit Jahren freiwillig zumute. Und nicht etwa aus Unwissenheit &#8211; jeder wei\u00df schlie\u00dflich Bescheid, was das &#8222;Mit-dem-R\u00fccken-zur-T\u00fcr-Sitzen&#8220; angeht &#8211; sondern aus Hybris: allen Ernstes hab&#8216; ich angenommen, ich k\u00f6nne mich gewaltsam umgew\u00f6hnen, das Ph\u00e4nomen ignorieren, das Unwohlsein &#8222;aussitzen&#8220;  und so im Lauf der Zeit zwingen, mangels Beachtung einfach zu verschwinden. Weit gefehlt, es hat sich keinen Deut ver\u00e4ndert, das bemerke ich jetzt, wo es verschwunden ist. Wie sch\u00f6n, wenn der Schmerz nachl\u00e4sst!<\/p>\n<p>Das Einfache ist nicht einfach und das Schwierige nicht schwer. Je \u00e4lter ich werde, desto klarer wird das. Eine Kampagne planen und zwanzig Mitarbeiter leiten ist einfacher, als im eigenen Zimmer eine  transparente Ordnung zu erhalten, die nicht nur aus dem Kopf kommt, sondern sich rundum gut anf\u00fchlt. Keine \u00fcberfl\u00fcssigen Dinge horten und alles belastende Zuviel vermeiden ist weit anspruchsvoller als das schlichte Powerplay, mit dem man in der Gesellschaft &#8222;etwas wird&#8220;. Zust\u00e4nde analysieren, Einf\u00e4lle auswerten, Vorgehensweisen planen, umsetzen und kontrollieren, berechenbare Ziele anstreben und erreichen  &#8211; man glaubt viel zu lange, das sei es, was das Leben f\u00fcr uns bereit h\u00e4lt, was die Welt von uns will. Dabei ist es nichts anderes als die Ideologie des Funktionierens: alles muss flutschen. Bau mit am gro\u00dfen Programm, sei innovativ, schaff dein ureigenes &#8222;Feature&#8220;, setze es am Markt durch und du wirst unsterblich sein &#8211; ein Lacher!  Morgen wirst du durch das Feature deines Konkurrenten ersetzt, das alles, was du kannst, weit besser und schneller zustande bringt &#8211; und warum auch nicht? alles, was berechenbar ist, ist letztlich langweilig und menschlicher Befassung nicht wert &#8211; wir wissen schon, warum wir das Funktionieren ganz gern den Programmen und automaten \u00fcberlassen!<\/p>\n<p>Richtig spannend, wirklich abenteuerlich wird das Leben erst, wenn keine Ziele mehr locken und der Blick endlich frei wird. Frei f\u00fcr das, was immer schon da ist, \u00fcbersehen, unbemerkt: die unendliche Weite des Augenblicks. Ziele, W\u00fcnsche, Vorhaben k\u00f6nnen sich ja nur auf bereits Bekanntes richten; meist sind es die \u00f6den Ziele der Gier, das immer gleiche Haben- und Absichern-wollen.<\/p>\n<p>Das Unbekannte zeigt sich erst, wenn wir &#8222;genug davon&#8220; haben, wenn wir uns selbst nicht mehr in den Mittelpunkt der aufmerksamkeit dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>So einfach. So schwer.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Website zu gestalten ist eigentlich kein Problem, wenn man die daf\u00fcr notwendigen Kenntnisse und F\u00e4higkeiten (und ein paar Jahre Erfahrung) voraus setzt. Kurze Ladezeiten, eine ansprechende Optik, der schnelle \u00dcberblick \u00fcber die Inhalte &#8211; mehr will der Surfer erst mal nicht. Ist das irgendwie schwierig? 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