{"id":1883,"date":"2003-11-15T13:21:06","date_gmt":"2003-11-15T12:21:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1883"},"modified":"2016-02-09T13:28:35","modified_gmt":"2016-02-09T12:28:35","slug":"mein-nachlass-im-pc","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/11\/15\/mein-nachlass-im-pc\/","title":{"rendered":"Mein Nachlass im PC"},"content":{"rendered":"<p><em>Dieser Text entstand im Rahmen eines von mir im November 2003 veranstalteten Online-Schreibkurses &#8211; da er sehr pers\u00f6nlich ist, \u00fcbernehme ich ihn hier ins Digital Diary. Er basiert auf dem Gedankenspiel, dass ich pl\u00f6tzlich verstorben bin und nun jemand meinen PC sichtet. Weit in der Zukunft nat\u00fcrlich, was man beim Lesen bemerken wird.<\/em> <\/p>\n<p>\u201eDer Tunnelblick verengt sich\u201c \u2013 der Dateiname im Ordner \u201eVerschiedenes_sortieren\u201c springt mir ins Auge. Oh, wie w\u00e4re ich dankbar f\u00fcr eine gewisse Verengung, f\u00fcr mehr Konzentration, f\u00fcr irgend einen roten Faden, der mich durch dieses Chaos leitet. Claudia, was hast du uns da angetan! Ich fange beim Lesen immer mit dem \u201eVermischten\u201c an, deshalb jetzt auch der Blick ins \u201eVerschiedene\u201c \u2013 aber verdammt noch mal, so wie der riesige Rest aussieht, ist das alles VERSCHIEDENES. Liebe Verschiedene, erscheine mir bitte im Traum und sag mir, was ich machen soll! <!--more--><\/p>\n<p>AnTKwegenVerlust.doc \u2013 hm, wer ist TK? Ah ja, die \u201etechnische Krankenkasse\u201c \u2013 das muss noch aus Zeiten stammen, als es noch das alte soziale Netz gab \u2013 kann man l\u00f6schen, bin ja kein Historiker. Und was ist das alles? Das_Einfache_ist_nicht_einfach.doc, aus_bequemlichekeit_ins_nichts, die_sehnsucht_nach_dem_affenfelsen, die_b\u00fcroklammer_aus_winword_kratzt_sich_am_kopf \u2013 was f\u00fcr Titel! Mir scheint, dass sind die Urschriften zu ihren Tagebuchartikeln, so ca. 2001\/2002. Damals hab ich sie entdeckt: zuf\u00e4llig auf ihrer verzweigten Webwelt gelandet, mich festgelesen und dran geblieben. Nach zwei Jahren hab\u2019 ich ihr dann einfach mal eine Mail geschickt, dass ich nach Berlin komme und ob wir uns nicht treffen k\u00f6nnten. Sie war am\u00fcsiert, sagte zu, hat mich aber vorgewarnt: in \u201ereal\u201c sei sie weit weniger geist- und druckreif als in ihren Texten. Es war der Beginn einer langen Freundschaft \u2013 und jetzt w\u00fchl ich in ihrem Nachlass, ich glaub es noch immer nicht recht!<\/p>\n<p>Wie sie abgetreten ist, passte irgendwie zu ihr. Ihre letzten Texte handelten vom Immer-Gleichen, davon, dass es unter der Sonne letztlich nie etwas Neues g\u00e4be, das sie ein viertes Mal Schlaghosen+Plateau-Sohlen-Mode nicht mehr sehen wolle, und dass sie manchmal Lust versp\u00fcre, ganz aus der Gattung Mensch auszutreten, angesichts dessen, was auf dem Planeten so los ist. Und dann \u2013 ich nehme mal an, es war aus einer Laune heraus, November-Stimmung oder so \u2013 hat sie das Angebot der BAFSA (Berliner Agentur f\u00fcrs sozialvertr\u00e4gliche Ableben) angenommen! Ein sch\u00f6ner Zug, dass sie an mich gedacht und mir die 5000 World-Dollar Pr\u00e4mie hinterlassen hat \u2013 ist ja auch ganz sch\u00f6n Arbeit, die mir hier bl\u00fcht. Und ich sehe noch lange keine Land!<\/p>\n<p>\u201eDas interaktive Altenheim\u201c \u2013 was ist denn das? Ach: sieben Seiten Projektskizze, wie ein Altenheim ans Netz anzuschlie\u00dfen w\u00e4re und die Bewohner so wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen k\u00f6nnten. Gut gemeint, nie verwirklicht, vielleicht hat sie keine Finanzierung gefunden. Schade eigentlich. Aber so ging es mit den meisten ihrer Ideen: eingefallen, ein bisschen ausgesponnen, mit zwei drei Leuten dar\u00fcber geredet \u2013 dann h\u00f6rte man nichts mehr davon. Und einen Monat sp\u00e4ter kam sie mit der n\u00e4chsten Idee, wieder genauso fasziniert wie von der letzten.<\/p>\n<p>Das_Web_und_das_ich, die_Niedermacher, das_Netzlexikon \u2013 ach ja, das war ihr erstes Buch \u2013 und f\u00fcr lange Zeit ihr einziges. \u00dcber die Printmedien hat sie bestimmt zehn Jahre nur gel\u00e4stert, wollte keine Schubladen mehr bedienen, schon gar nicht f\u00fcr so eine miese Bezahlung. Und dann erschien auf einmal \u201eWas nicht im Diary stand \u2013 Geschichten und Mailgespr\u00e4che aus den Schattenwelten\u201c. Damit hat sie richtig Schotter gemacht, geschickt, geschickt! Und gleich noch den angesehenen Erotic-Story-Award der Orion-Stiftung abgesahnt, dotiert mit 15.000 Euro. Vorher fast nie ein Wort zum Thema Sex, allenfalls v\u00f6llig jugendfreie Reden zur \u201eRehabilitation des M\u00e4nnlichen\u201c und \u00e4hnlicher Hirnstoff. Wie waren wir alle neugierig&#8230; und haben das Buch gekauft!<\/p>\n<p>Hmmmm, irgendwo m\u00fcssen eigentlich auch DIESE Originaltexte sein, f\u00e4llt mir da ein! Vielleicht find ich ja was noch nicht Ver\u00f6ffentlichtes&#8230;. \u201eLiterat\u201c \u2013 ein Uralt-Ordner von 1993, blaublum.doc \u2013 hey, sie hat sogar gedichtet! Und was f\u00fcr ein Zeug \u2013 man h\u00f6re sich das an:<\/p>\n<p>Die blaue Blume<\/p>\n<p>Die blaue Blume hol&#8216; ich dir gern,<br \/>\nden Drachen besieg&#8216; ich mit links.<br \/>\nSterne vom Himmel so viele du magst,<br \/>\nich l\u00f6s&#8216; auch das R\u00e4tsel der Sphinx<\/p>\n<p>Berge versetz&#8216; ich Dir jeden Tag drei,<br \/>\nauch Wunder sind kein Problem.<br \/>\nMedusa servier ich Dir auf dem Tablett<br \/>\nund Luftschl\u00f6sser bau&#8216; ich aus Lehm.<\/p>\n<p>Den heiligen Gral, den schaff ich dir her:<br \/>\nda kannst du dann Whisky draus trinken &#8211;<br \/>\nf\u00fcr mich will ich nichts als ab und zu<br \/>\nin Deinen Armen versinken.<\/p>\n<p>Hm \u2013 irgendwie kommt mir dieses Gedicht nicht besonders weiblich vor! Wie ICH es wohl gefunden h\u00e4tte, wenn mir eine Freundin sowas schickt? Na, Claudia war eben eine Macherin, konnte sich immer mal wieder dar\u00fcber erregen, dass die Leute dazu neigen, im Jammern und Klagen stecken zu bleiben, anstatt die \u00c4rmel aufzukrempeln. Von daher passt es zu ihr. Und was haben wir hier? 2malDEPRI.DOC:<\/p>\n<p>2 mal depressiv<\/p>\n<p>1.<br \/>\nAlleinstehend<br \/>\nhing sie total durch<br \/>\nsetzte sich von allen ab<br \/>\nvoller Angst, reingelegt zu werden.<\/p>\n<p>2.<br \/>\nVon hier nach dort bewegt<br \/>\naufgerafft und wieder hingelegt<br \/>\nNoch einmal gestanden<br \/>\nvoller Elan &#8211; alles getan.<br \/>\nSchon bald nach der letzten Ermattung<br \/>\nkam die Feuerbestattung.<\/p>\n<p>Naja, als Dichterin wird sie auch posthum nicht zu Ruhm gelangen! Ich glaub, diese Schublade mach ich besser wieder zu. Wie w\u00e4r es denn mit \u201eSchriftverkehr\u201c \u2013 h\u00f6rt sich irgendwie zweideutig an! Schau\u2019n wir mal: KundenBriefeAngebote, org_docks, Steuer, Rechnungen \u2013 nein, wie langweilig. Damit sollen sich ihre Schwestern herum schlagen, ich hasse Beh\u00f6rdenkram. Was gibt es denn sonst noch so? Schreibimpulse \u2013 KursA, KursC, Kurs D \u2013 ja, ich erinnere mich! 2003 hat sie angefangen, Schreibkurse zu geben. Erst ganz harmlos und allgemein angelegt: Pers\u00f6nliches Schreiben, Beruf und Berufung, der Kurs f\u00fcr Jahresendzeitmuffel, usw.. Aber bald hat sie sich mehr getraut: \u201eAltern, Krankheit, Tod \u2013 wir schreiben es auf\u201c, \u201eLass dich kaufen \u2013 Wege aus der Kultur des Kostenlosen, ein Workshop um Liebe, Arbeit und Geld\u201c. Und dann ihr legend\u00e4rer Kurs \u201eAbgr\u00fcnde, von innen betrachtet &#8211; ein Schreib-Event f\u00fcr S\u00fcchtige und Sehns\u00fcchtige\u201c.- da war ich dabei, es war toll. Den Kurs hat sie dann jedes Jahr abgehalten, und jedes Mal war es anders, je nachdem, was f\u00fcr Leute kamen. Sie hatte halt so ein Faible f\u00fcr \u201eCommunities\u201c und hat die seltsamsten Typen miteinander \u201evernetzt\u201c. Als Kind hatte sie dagegen Angst vor Gruppen, hat sie mir mal in einer stillen Stunde erz\u00e4hlt. Sich lieber mit 40 Fieber ins Bett gelegt, anstatt vor der versammelten Elternschaft im Weihnachtsm\u00e4rchen aufzutreten. Und noch aufs m\u00fcndliche Abi dankend verzichtet, obwohl sie sich da nur h\u00e4tte verbessern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eDaten \u2013 Bilder\u201c \u2013 da schau ich doch gleich mal rein. Ihre Computergrafiken, Stimmungsfotos und Bild-Collagen hat sie so ab 2010 in einem Webshop auf ihrem Diary verkauft \u2013 lief gar nicht mal schlecht! Ah ja, das ist die \u201eSerie Mecklenburg\u201c und hier die unz\u00e4hligen Berlin-Bilder: Sonycenter, Friedrichshain, Mitte, Charlottenburg, Prenzlauer Berg &#8211; und \u201eDiverse\u201c \u2013 was mag DA wohl drin sein? Wow! Ich glaub, die hat sie NICHT ver\u00f6ffentlicht. Waren wohl eher f\u00fcr private Zwecke \u2013 aber gut sah sie aus, auch noch um die 50. Bisschen gefotoshopt, na ja, wer macht das nicht&#8230; schade eigentlich, dass wir immer nur platonische Freunde waren!<\/p>\n<p>\u201eDas_schaerfste\u201c \u2013 Himmel, was f\u00fcr ein Ordnername. Und was ist DAS??? Nur EINE DATEI: An_den_Nachlassbereiniger.doc \u2013 ich glaub, ich spinne!<\/p>\n<p>\u201eLieber Freund,<\/p>\n<p>ich wusste, du w\u00fcrdest diesen Brief finden. Erstmal danke ich dir, dass du dir ernsthaft die M\u00fche machen willst, dieses Chaos zu ordnen. Selbst bin ich immer wieder an diesem Vorhaben gescheitert, vielleicht gelingt es dir ja besser. Falls du aber genauso ratlos bist wie ich, l\u00f6sch doch einfach alles weg, was blo\u00df organisatorisch-b\u00fcrokratischer Krempel ist. Dann ordne den Rest in \u201eTexte\u201c und \u201eBilder\u201c und stell es ins Netz. Alles! Schreib dazu, dass ich alle Rechte daran aufgebe und jeder sich nehmen kann, was er mag. Jeder darf kopieren, weiter geben, vermarkten, ver\u00e4ndern, als eigenes Werk ausgeben \u2013 ich erkl\u00e4re meine Werke zu \u201eFreeware\u201c. Schlie\u00dflich hat mich das Netz seit 1996 ern\u00e4hrt, nun schenke ich alles zur\u00fcck.<br \/>\nBegrenze den Zeitraum dieses Angebots, drei Monate sollten reichen. Was binnen dieser Zeit nicht \u201eabgeholt\u201c wurde, ist es nicht wert, erhalten zu werden. Und dann l\u00f6sche alles wieder \u2013 auch meine Domain claudia-klinger.de.<\/p>\n<p>Machs gut! Sag allen einen sch\u00f6nen Gru\u00df: Das Leben ist sch\u00f6n. Ich hatte alles, was ich je wollte &#8211; und deshalb hat es dann auch gereicht.<\/p>\n<p>So far \u2013 Claudia Klinger\u201d<\/p>\n<p>Mein Gott, jetzt brauch ich aber doch ein Taschentuch\u2026.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Text entstand im Rahmen eines von mir im November 2003 veranstalteten Online-Schreibkurses &#8211; da er sehr pers\u00f6nlich ist, \u00fcbernehme ich ihn hier ins Digital Diary. Er basiert auf dem Gedankenspiel, dass ich pl\u00f6tzlich verstorben bin und nun jemand meinen PC sichtet. 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