{"id":1880,"date":"2015-12-29T13:47:09","date_gmt":"2015-12-29T12:47:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1880"},"modified":"2015-12-29T17:33:54","modified_gmt":"2015-12-29T16:33:54","slug":"freie-rede-oder-warum-mich-audiobloggen-reizt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2015\/12\/29\/freie-rede-oder-warum-mich-audiobloggen-reizt\/","title":{"rendered":"Freie Rede oder: warum mich Audiobloggen reizt"},"content":{"rendered":"<p>Dass ich mich zur Zeit f\u00fcrs &#8222;Audiobloggen&#8220; interessiere, obwohl ich lieber &#8222;Texte scanne&#8220; als ein St\u00fcck Lebenszeit der Ungewissheit zu opfern, ob das Anzuh\u00f6rende auch den Einsatz lohnt, ist schon ein bisschen seltsam. 17 Jahre bloggen ist aber ebenfalls seltsam und nur m\u00f6glich, indem ich mir immer mal wieder neue Herausforderungen suche. <!--more--><\/p>\n<p>Im Medium Text finde ich da nichts mehr, denn eine &#8222;Herausforderung&#8220; ist ja nur etwas, vor dem man auch ein wenig Bammel hat. Also geht es &#8222;zur\u00fcck zu den Wurzeln&#8220;, auf den Spuren einer uralten Angst. <\/p>\n<h2>Lesen, schreiben, verstummen<\/h2>\n<p>Als Kind war ich sch\u00fcchtern, bzw. eher eingesch\u00fcchtert durch den autorit\u00e4ren Erziehungsstil meines Vaters, der es gut drauf hatte, mich in Angst und Schrecken zu versetzen. Auch in der Kinderbande hatte ich nichts zu lachen, denn ich war die Kleinste, J\u00fcngste, die Zugezogene mit dem fremden Dialekt und den falschen Klamotten. Das Wort Mobbing gab es noch nicht, das Ph\u00e4nomen schon. Meinen Frieden fand ich in der Schule, wo mir alles leicht fiel (au\u00dfer  Sport!), und in der Bibliothek, von wo ich regelm\u00e4\u00dfig zwei gro\u00dfe Taschen B\u00fccher nachhause schleppte, nicht immer nur Kinderb\u00fccher. <\/p>\n<p>Lesend erschloss ich mir die Welt, schreibend konnte ich mich ausdr\u00fccken und bekam immer gute Noten. Meinem Vater reichte das jedoch nicht, er sah es als seine Aufgabe an, mein schulisches Wissen zu testen &#8211; auch dann, wenn er nicht ganz n\u00fcchtern war. Wie das Kaninchen vor der Schlange verga\u00df ich in seinen &#8222;Abfrage-Stunden&#8220; schon mal alles, was ich wusste, zitternd vor Angst, was ihn nur noch mehr provozierte. <\/p>\n<p>\u00dcber Jahre ging das so und meine Angst \u00fcbertrug sich auf jegliches &#8222;Reden auf Kommando&#8220;, auf alle Pr\u00fcfungssituationen und das Reden vor Gruppen insgesamt.  Wenn ich eine Rolle im Schultheaterst\u00fcck spielen musste, bin ich vor Angst schier gestorben. Punktgenau zur Auff\u00fchrung des Weihnachtsm\u00e4rchens bekam ich dann schon mal 41 Fieber, so sehr f\u00fcrchtete ich &#8222;Auftritte&#8220; aller Art. Noch im Abitur vermied ich m\u00fcndliche Pr\u00fcfungen, obwohl ich mich da nur h\u00e4tte verbessern k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Du sollst reden! Auch mitten in der Nacht&#8230;.<\/h2>\n<p>Meinem Vater blieb meine &#8222;Vortragshemmung&#8220; nicht verborgen und er versuchte, mittels &#8222;mehr vom selben&#8220; gegenzusteuern. Er veranstaltete &#8222;Spiele&#8220;, in denen es darum gehen sollte, \u00fcber ein spontan vom Gegenspieler gefundenes Thema ein paar Minuten frei zu reden. Er machte es mir vor, indem er 10 Minuten \u00fcber &#8222;die T\u00fcrklinke&#8220; redete &#8211; die Details dieses denkw\u00fcrdigen Vortrags erinnere ich nicht. :-)<br \/>\nZu der Zeit war ich so zehn\/elf und zitterte immer noch vor Angst, denn jederzeit war ein cholerischer Wutausbruch zu erwarten. Entnervt von meinem j\u00e4mmerlichen Versagen herrschte er mich an:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Wenn man dich mitten in der Nacht weckt und ein Thema ansagt, musst du sofort dar\u00fcber reden k\u00f6nnen!&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Zum Gl\u00fcck hat er es irgendwann aufgegeben. Vermutlich wollte er sich den Frust nicht mehr antun, den ein Versagen seiner Kinder bei ihm stets ausl\u00f6ste (&#8222;Siegen&#8220; war ihm aber auch nicht recht, denn Schach wollte er nicht mehr spielen, sobald ich immer \u00f6fter gewann). <\/p>\n<p>Heute k\u00f6nnte man mich immerhin mitten in der Nacht wecken und ein beliebiges Thema vorgeben: ein ver\u00f6ffentlichungsf\u00e4higer TEXT w\u00e4re absolut kein Problem &#8211;  sofern die Kaffee-Zufuhr stimmt!<\/p>\n<h2>Der Moment der Erl\u00f6sung<\/h2>\n<p>Zum Gl\u00fcck ist es bei der totalen &#8222;Auftrittshemmung&#8220; nicht geblieben. W\u00e4hrend der Pubert\u00e4t verlor ich meine Angst, in Peergroups zu sprechen, als h\u00fcbsche Teeny war ich ja nun kein Underdog mehr. Ab 1968 bem\u00fchten sich auch in der Schule die meisten Lehrer um angstfreie Diskussionen, an denen ich mich gerne beteiligte. Dies alles waren aber noch keine richtigen &#8222;Auftritte&#8220; vor Fremden, die ich nach wie vor vermied. Im Studium war dann h\u00f6chstens mal Vorlesen vom Blatt angesagt, selten und halbwegs machbar.<\/p>\n<p>Mit 26 zog ich nach Berlin und landete zuf\u00e4llig in Kreuzberg, wo seit den sp\u00e4ten 70gern eine katastrophale Sanierungspolitik f\u00fcr massenhaften Haus- und Wohnungsleerstand sorgte. Es herrschte gro\u00dfe Wohnungsnot, riesige Warteschlangen bei Besichtigungen  waren \u00fcblich, genau wie die Unsummen, die man als &#8222;Abstand&#8220; f\u00fcr eine Wohnung zahlen sollte. Von neuen Freunden und den &#8222;bewegten&#8220; Flugbl\u00e4ttern inspiriert, die t\u00e4glich auf dem Kneipentisch landeten,  besetzte ich zusammen mit anderen ein Haus. <\/p>\n<p>Wir waren das 35. besetzte Haus im Berliner Winter 80\/81 und somit j\u00fcngster Teil einer Bewegung, die es in kurzer Zeit zu 165 besetzten H\u00e4usern, ca. 3000 Bewohnern und 10.000 Unterst\u00fctzern brachte. Die <a href=\"http:\/\/www.luise-berlin.de\/bms\/bmstxt01\/0106gesc.htm\">Geschichte des H\u00e4userkampfs in Kreuzberg<\/a> bzw. <a href=\"http:\/\/www.berliner-zeitung.de\/archiv\/die-hausbesetzungen-der-80er-jahre,10810590,9260624.html\">Berlin (=Kurzfassung)<\/a> will ich allerdings hier nicht erz\u00e4hlen, nur den einen, f\u00fcr mich pr\u00e4genden Moment:<\/p>\n<p>Wir waren zu zehnt in die leeren Wohnungen des teil-entmieteten Hauses Willibald-Alexis-Stra\u00dfe 42 eingebrochen, hatten die \u00fcblichen Transparente auf dem Balkon entrollt (&#8222;dieses Haus ist instandbesetzt&#8220;), hatten viele Stunden ausgeharrt, die Polizei mit Mannschaftswagen an- und abfahren gesehen, hatten Freude, Angst und Stress ohne Ende empfunden und uns gegenseitig Mut gemacht. Als dann halbwegs Ruhe eingekehrt war und wir raus konnten, ohne noch die sofortige R\u00e4umung bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen, ging es zum &#8222;Besetzerrat&#8220;, um unseren Erfolg zu melden. <\/p>\n<p>Den genauen Ort erinnere ich nicht, nur dass es eine gro\u00dfe Halle mit ca. 200 bis 300 Leuten war, die da auf dem Boden sa\u00dfen und herum standen.  Als wir herein kamen, richteten sich alle Blicke auf uns &#8211; und weil meine Mitstreiter schwiegen, ergriff ich das Wort und verk\u00fcndete laut die frohe Botschaft: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;WIR HABEN EIN HAUS BESETZT!&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Applaus! Alle freuten sich mit uns und ich hatte absolut kein Problem damit, unsere &#8222;ganze Story&#8220; zu erz\u00e4hlen &#8211; vor all diesen fremden Leuten, die auch noch Fragen stellten und mehr wissen wollten. <\/p>\n<p>Damit war der Bann gebrochen. Ich lernte: Wenn ich etwas EIGENES vortrage, wenn ich selbst etwas zu sagen habe, gibt es das &#8222;Vortragsproblem&#8220; nicht. Mit viel Freude und Engagement wurde ich aktiver Teil dieser Bewegung, sprach mit Presse und Politikern, besuchte und leitete &#8222;wichtige Treffen&#8220;, wurde letztendlich Kiez-Funktion\u00e4rin, die auf zig Hochzeiten tanzte. Die Zeiten der Redehemmung waren vorbei.<\/p>\n<p>Das ist nun alles sehr sehr lange her. Ich lebe schreibend, nicht redend &#8211; und sp\u00fcre bloggend die Grenzen des Text-Formats.<br \/>\nMehr dazu demn\u00e4chst.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Da mich das Thema l\u00e4nger bewegen wird, gibts nun eine <strong>Kategorie &#8222;Audiobloggen&#8220;<\/strong>:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/category\/audiobloggen\/\">https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/category\/audiobloggen\/<\/a><\/p>\n<p>die (wie alle Kategorien in WordPress) auch als Newsfeed abonnierbar ist:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/category\/audiobloggen\/feed\/\">https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/category\/audiobloggen\/feed\/<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass ich mich zur Zeit f\u00fcrs &#8222;Audiobloggen&#8220; interessiere, obwohl ich lieber &#8222;Texte scanne&#8220; als ein St\u00fcck Lebenszeit der Ungewissheit zu opfern, ob das Anzuh\u00f6rende auch den Einsatz lohnt, ist schon ein bisschen seltsam. 17 Jahre bloggen ist aber ebenfalls seltsam und nur m\u00f6glich, indem ich mir immer mal wieder neue Herausforderungen suche.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[414],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1880"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1880"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1880\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1880"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1880"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1880"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}