{"id":1811,"date":"2015-10-12T02:16:16","date_gmt":"2015-10-12T00:16:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1811"},"modified":"2015-12-12T15:17:51","modified_gmt":"2015-12-12T14:17:51","slug":"brief-an-hp-warum-noch-worte-aneinander-reihen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2015\/10\/12\/brief-an-hp-warum-noch-worte-aneinander-reihen\/","title":{"rendered":"Brief an HP: Warum noch Worte aneinander reihen?"},"content":{"rendered":"<p><em>Dass ich seit 17 Jahren blogge, bzw. seit 19 Jahren ins Netz schreibe, verdanke ich den &#8222;Briefen an meinen Yogalehrer&#8220;, die ich zwischen 1993 und 1997 schrieb. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans-Peter_Hempel\">Er<\/a> hat in den samst\u00e4glichen Yoga-Stunden (mit nur 4, max 5 Sch\u00fclern!) nicht nur \u00dcbungen vermittelt, sondern immer auch Reden gehalten, w\u00e4hrend wir auf den Matten lagen und erstmal entspannten, den Alltag gehen lie\u00dfen. Es waren wunderbare, spontane Reden \u00fcber verschiedene Aspekte des Yoga und seine Sicht auf alles &#8211; auf Mensch und Welt und das Woher\/Wohin\/Wozu. Meine Briefe waren die Resonanz auf diese Reden, aber auch Berichte \u00fcber mein Leben, mein aktuelles Befinden und Denken in den angesprochenen Kontexten.<br \/>\nIrgendwann merkte ich: Es braucht IHN nicht mehr als Adressaten \u2013 meine Briefe sind lange schon Texte, die gut f\u00fcr sich stehen k\u00f6nnen.  Warum also nicht &#8222;f\u00fcr alle&#8220; schreiben? Bzw. f\u00fcr alle und niemanden, f\u00fcr mich und Mitmensch. Die Texte liegen nun immer noch auf meiner Festplatte herum, als Beispiel ver\u00f6ffentliche ich mal einen, der bereits stark von meinem Internet-Erleben beeinflusst ist.<\/em> <!--more--><\/p>\n<p>8\/1997<\/p>\n<p>Lieber Hans Peter,<\/p>\n<p>warum noch Worte aneinander reihen?  Es hat ja niemand ein Erkenntnisproblem! Und zur Poesie fehlt mir der Hang zur Kontemplation. Dieses Universum der Zeichen, das seit langem das Leben verzehrt und gleichzeitig das \u201eMenschliche\u201c ausmacht, l\u00e4\u00dft keine Hoffnung auf irgend etwas. Es ist das Nichts aus der Unendlichen Geschichte und wir &#8211; auch Du und ich &#8211; arbeiten an seiner Ausbreitung mit &#8211; ohne das wissen wir nicht, was anfangen.<\/p>\n<p>Wie w\u00e4re es doch  sch\u00f6n, ein Gelehrter zu sein, der sich f\u00fcr das linke Hinterbein eines seltenen tropischen K\u00e4fers interessiert und dessen Erforschung sein Lebenswerk widmet. Aber leider geh\u00f6rt ein rettender Spleen zu den Geschenken der G\u00f6tter, die nicht zu unserer Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>Seit ca. zwei Jahren bin ich ein Mensch mit Herz &#8211; fr\u00fcher wu\u00dfte ich nicht, da\u00df es noch etwas gibt neben dem Intellekt. Heute stelle ich fest, da\u00df das Herz ebenso endlich ist wie der Verstand.<br \/>\nIn den Zeiten des Verstandes kam die Motivation aus dem Ehrgeiz, wichtig und brilliant sein zu wollen. In den Zeiten des Herzens kam das Engagement aus dem Gef\u00fchl, aus dem Mitgef\u00fchl. Immer wieder veranstalte ich etwas, um die Menschen einmal ihre Feindseligkeiten vergessen oder zumindest gemeinsam betrauern zu lassen. Arrangiere Technik und Spielregeln so, da\u00df die Freude an der Kommunikation kurzzeitig dominiert.  Aber ebenso, wie der Ehrgeiz immer nur kurze Momente befriedigt ist, und dann die Jagd erneut beginnt, genauso verschaffen meine liebevollen Aktivit\u00e4ten nur kurze angenehme Momente &#8211; mir und anderen, immerhin. Sehr bald aber zeigt sich der Mensch regelm\u00e4\u00dfig wieder \u201ein seiner Ganzheit\u201c &#8211; in seiner ganzen Schauderhaftigkeit.<\/p>\n<p>Nein, ich bin nicht pers\u00f6nlich betroffen, niemand hat mir ein Leid getan &#8211; seit langem beherrsche ich die Kunst, mich nicht in Auseinandersetzungen zu verstricken oder verstricken zu lassen. Sobald die Schl\u00e4ge beginnen &#8211; egal ob gegen mich oder andere &#8211; ziehe ich mich zur\u00fcck, nichts leichter als das. Weder schmollend noch innerlich w\u00fctend, auch nicht aus Feigheit vor irgendwelchen Feinden &#8211; einfach aus Einsicht in die Nutzlosigkeit. Wenn die Stimmung ins Feindselige kippt und die Leute beginnen, irgendwelche Klingen zu kreuzen, ist alles zu sp\u00e4t &#8211; in Bosnien genauso wie im Internet. Ich glaube nicht mehr an Siege und auch nicht an Kompromisse, nicht einmal an \u201edas Richtige\u201c &#8211; und das ist besonders schlimm. <\/p>\n<p>Nimm das angesprochene Beispiel: die Zeichenwelt. Offenbar haben Menschen mit der Entwicklung einer kritischen Masse an Gro\u00dfhirn, mit dem Blick in Vergangenheit und damit auch Zukunft, eine Innenwelt herangezogen, die zum Ausdruck dr\u00e4ngt. Ein von der Innenwelt geborenes Symbol hat den Appeal des Numinosen &#8211; dabei ist es doch nur ein verwandelter Ausdruck eines Eindrucks eben derselben \u201eAu\u00dfen\u201c-Welt. Hinzu kommt der kritische Blick: was einmal besser war, soll so bleiben oder noch besser werden. Also wird die Symbolwelt ausgebaut zur Gegenwelt, zum Jenseits, zu allerlei Paradies und Utopia. <\/p>\n<p>Wer wollte das kritisieren? Ein Mensch kann das mit Recht nicht &#8211; denn das w\u00fcrde bedeuten, zu akzeptieren, was ist, was Tag f\u00fcr Tag an Schrecken geschieht &#8211; es nicht mehr zu kritisieren. Ohne den Entwurf eines Besseren in der Innenwelt kann es jedoch keine Ver\u00e4nderung der Au\u00dfenwelt geben &#8211; woher sollte die Energie kommen? Sagte man nicht ganz richtig: wer keinen Mut zum Tr\u00e4umen hat, hat keine Kraft zum k\u00e4mpfen? Allerdings ist das eine Weisheit junger Menschen, die dann nicht mehr weiterhilft, wenn Mut nicht mehr das Problem ist &#8211; eher der Glaube.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zur Zeichenwelt &#8211; immer wieder schweife ich ab (Du siehst, da\u00df es kaum mehr zum Festhalten eines roten Fadens reicht!). Die Symbolwelt, das zweite Universum ist dabei, das erste zu verschlingen, zu ersetzen.  Und ich halte Widerstand f\u00fcr zwecklos. Es scheint ein Fatum zu sein, etwas, das uns das Sein schickt. Mit der Entwicklung des Internet setzt man dazu an, das vollst\u00e4ndige Holo-Deck zu errichten. <\/p>\n<p>Du erinnerst Dich vielleicht: das Holo-Deck stammt aus StarTreck, einer beliebten Science-Fiction-Serie und ist eine perfekte Simulation einer Welt, generiert vom Computer. Man kann die jeweils gew\u00e4hlte Welt bzw. Geschichte betreten , mitleben und mithandeln &#8211; allerdings auch  jederzeit verlassen bzw. sie nach Belieben ver\u00e4ndern. Die Defizite der Gutenberg-Galaxis sind behoben: der Mensch steht mit allen Sinnen und Erlebnispotentialen in der von Menschen und Maschinen generierten Neu-Welt, die selbstverst\u00e4ndlich als bessere Welt gedacht wird. (Wie Vil\u00e9m Flusser gesagt hat, sind die Zeichen dann ohne Bedeutung, bedeuten nichts mehr als sich selbst.).<\/p>\n<p>Wenn man es genau betrachtet, wird die Neu-Welt sich nicht grunds\u00e4tzlich unterscheiden, au\u00dfer in einem, dem allerwichtigsten Punkt: sie ist abschaltbar. Genau wie wir uns durch Ablenkung von einer unangenehmen Erscheinung unserer Psyche absetzen k\u00f6nnen, genauso wird diese \u201eWelt\u201c abschaltbar sein &#8211; ist es heute schon in ihren rudiment\u00e4ren Anf\u00e4ngen, wie sie im vernetzten PC oder altmodischer per Buch, per Film, per Video zu erleben ist.<\/p>\n<p>Zwar sagte der Buddha und alle Weisen, die Krux der Menschen l\u00e4ge darin, da\u00df sie nicht davon lassen, das Leiden zu meiden und nach Freude zu  streben. Aber setze nur einmal einen Menschen der Freude aus, lange macht das niemand mit! Es sind ja auch nicht etwa die Filme besonders erfolgreich, die friedliches Miteinander und liebevollen Umgang zeigen&#8230;.<\/p>\n<p>Niemand hat also was gegen Leiden, Schmerz, Elend, Verzweiflung &#8211; es mu\u00df nur abschaltbar sein. Wir wollen die Macht dar\u00fcber haben, die wir in dieser Welt, der alten Welt, der Au\u00dfenwelt, offenbar nicht haben. Das Absurde daran: h\u00e4tten wir die Macht, w\u00fcrden wir uns darin \u00fcben, sie immer weniger zu nutzen, um zu erfahren, wie weit wir gehen k\u00f6nnen. Genau, wie bestimmte Leute sich immer st\u00e4rkere Horrorfilme ansehen und nicht etwa abschalten, wenn es grauenhaft wird. <\/p>\n<p>Nun w\u00e4re ja so ein Holodeck an sich nichts Schlimmes, warum sollen wir Menschen nicht unsere komischen Vorlieben pflegen. Aber durch die Errichtung der perfekten Besserwelt wird zeitgleich diese Welt verbraucht. Auf vielerlei Weise, nicht nur \u00f6kologisch &#8211; sie ist einfach immer weniger belebbar, immer weniger befriedigend. Ich merke es heute schon: weder im sogenannten \u201eReal Life\u201c finde ich das \u201eeigentliche Leben\u201c, was immer das sein mag, und im Neuland hinter dem Monitor leide ich an den Beschr\u00e4nkungen, der Satellitisierung der K\u00f6rper, der Distanz zum Anderen, die ich doch gleichzeitig als n\u00f6tigen Schutz und erw\u00fcnschte Bequemlichkeit sch\u00e4tze &#8211; absurdes Theater! Und die Hoffnung, durch die vollst\u00e4ndige Macht in einer Simulation werde irgend etwas erreicht, hege ich auch nicht &#8211; endlose Langeweile und Barbarei wird dabei herauskommen. <\/p>\n<p>Denn was wir suchen, ist ja genau das Unverf\u00fcgbare, das Dritte, das Nicht-Ich, die h\u00f6here Macht oder wie immer man es nennt. Und doch tun wir alles daf\u00fcr, um ihm zu entkommen.<br \/>\nIch sehe das und kann doch nicht anders. Und frage mich immer wieder, woher Du die Kraft nimmst, immer weiter zu reden und zu schreiben?<\/p>\n<p>Beste Gr\u00fc\u00dfe<br \/>\nClaudia<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass ich seit 17 Jahren blogge, bzw. seit 19 Jahren ins Netz schreibe, verdanke ich den &#8222;Briefen an meinen Yogalehrer&#8220;, die ich zwischen 1993 und 1997 schrieb. 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